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Editorial   Magazin Magazin, Ausgabe 669, erschienen am 22.01.2012

Magazin  Ausgabe 669
Werner Popken
Editorials  Editorial

Kultur



Der kanadische Anthropologe Wikipedia-Link» Wade Davis beschäftigt sich unter anderem sehr stark mit gefährdeten Kulturen. Er beginnt seinen Wikipedia-Link» TED-Vortrag » The worldwide web of belief and ritual mit der Feststellung, dass Kultur aus der Vorstellung geboren wurde, und berichtet vom Besuch südfranzösischer Höhlen mit dem Dichter Wikipedia-Link» Clayton Eshleman, der eine völlig neue Interpretation der fantastischen vorzeitlichen Höhlenmalereien vorschlug:

"You know, clearly at some point, we were all of an animal nature, and at some point, we weren't."

Weißt du, bis zu einem bestimmten Punkt waren wir alle Tiere, und irgendwann waren wir es nicht mehr.
a.a.O.

Für Davis bekommen die Höhlengemälde damit den Charakter nostalgischer Erinnerungen, schamanistische Übungen stellen sich dar als Versuche, die ursprüngliche Einheit mit dem Tierreich, die unwiederbringlich verloren ist, durch Ritual wiederherzustellen.

Heute wissen wir, dass alle Menschen auf der Erde von höchstens 1000 Individuen abstammen, die vor 70.000 Jahren aus Afrika ausgezogen sind. Wir sind alle aus demselben Holz geschnitzt. Unsere unterschiedlichen Kulturen sind allesamt Antworten auf die fundamentalen Fragen des Daseins: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?


Der Westen

Davis führte in einem Vortrag » Why Ancient Wisdom Matters für das australische Fernsehen aus, dass die Engländer die Australier nicht verstehen konnten und sie einfach abgeschlachtet haben. 1902 wurde im australischen Parlament diskutiert, ob die Ureinwohner überhaupt menschliche Wesen sind, und noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in einem australischen Kinderbuch ernsthaft vorgetragen, dass die Ureinwohner die interessantesten Beispiele der wilden Tierwelt Australiens darstellen.

Aus seiner reichen Erfahrung der unterschiedlichsten Kulturen dieser Erde kontrastiert er solche Ansichten mit kulturellen Antworten auf die Grundfragen der menschlichen Existenz, wobei er etwa den Buddhismus anführt. Er zitiert Wikipedia-Link» Mao Tsetung, der – was mir gar nicht klar war – mehr Menschen auf dem Gewissen hat als Hitler und Stalin zusammen, und dem Dalai Lama ins Ohr geflüstert haben soll, Religion sei Gift. Davis stellt eine Frau vor, die 55 Jahre lang zurückgezogen meditiert hat und deren Augen vor Glück strahlten. Der Buddhismus hat Antworten auf die Grundfragen des Lebens, von denen wir westlichen Menschen keine Ahnung haben.

Der französische buddhistische Mönch Wikipedia-Link» Matthieu Ricard, seit 1989 offizieller Französisch-Übersetzer für den Wikipedia-Link» Dalai Lama, hat ihm gegenüber geäußert:

Western science is a major response to minor needs.

Westliche Wissenschaft ist eine größere Antwort auf nebensächliche Bedürfnisse.
a.a.O.

Ist das nicht ein Hammer? Wird uns mit diesem Satz nicht ein höchst unvorteilhafter Spiegel vorgehalten?


Prioritäten

Die Tibeter, so zeigt Davis, haben Tafeln, die unseren Werbetafeln sehr ähneln. Unsere zeigen nackte Kinder in Unterwäsche, wie er sagt, die der Tibeter sind Handbücher, Gebete für das Wohlbefinden aller lebenden Wesen. Die Tibeter sagten ihm, sie könnten kaum glauben, dass wir den Menschen auf den Mond gebracht haben, aber es ist so. Und wir könnten kaum glauben, dass ein Mensch Erleuchtung erlangen können, aber sie wüssten, wie es geht, und würden es tun.

Er bringt noch viele Beispiele von exotischen Kulturen, die völlig andere Prioritäten setzen und auf ihren Gebieten ebenso unglaubliche Errungenschaften vorweisen können wie wir auf unseren. So verweist er zum Beispiel auf Polynesier, die 250 Sterne am Himmel mit Namen benennen könnten, bis zu 32 verschiedene Gerüche in ihrem Boot unterscheiden würden und Inselgruppen, die Tausende von Kilometern entfernt wären, jenseits der Sichtbarkeit, anhand der unterschiedlichen Wellenrhythmen erkennen könnten, weil jede Inselgruppe ihren eigenen Rhythmus hat, genauso wie Wissenschaftler bei uns anhand der Fingerabdrücke die Menschen auseinanderhalten könnten. So muss man sich das also vorstellen, dass die Polynesier den ganzen Pazifik bevölkern konnten – dass sie es getan haben, wissen wir, wie sie es getan haben, konnten wir uns nicht vorstellen.

Alle Kulturen auf dieser Welt sind vollgültige Antworten auf das Problem des Lebens, und es wäre ein Fehler, sie als misslungen zu betrachten. Er spricht von 6000 Kulturen, die Tausende von Jahren alt sind, während unsere Industriekultur lediglich 300 Jahre währt. Die anderen Kulturen sind keine fehlgeschlagenen Versuche, so zu sein wie wir sind. Von den 6000 Sprachen, die lebendig waren, als wir geboren wurden, so sagt er, wird die Hälfte nicht mehr an Kinder weitergegeben. Und mit der Sprache geht die ganze Kultur unter.

Aber dies ist seiner Ansicht nach kein Anlass zur Sorge, denn wir wissen darum und wir können das Ruder herumreißen, wenn wir es wollen. Wir wissen nämlich, welche Kräfte diese Kulturen zum Untergang drängen, und damit können wir etwas unternehmen. Wir können die Zerstörer menschlicher Kulturen sein, wir können aber auch dafür sorgen, dass sie überleben können. Es kommt ganz auf unsere Prioritäten an.


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