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Anghiari
Rubens
Kampf um die Standarte Zeichnung nach Leonardos Karton der Schlacht von Anghiari Schwarze Kreide, Feder, graue und weiße Deckfarbe und Tusche auf Papier, 45 x 63 cm Grafikkabinett, Louvre, Paris 1603 Dies ist die berühmteste Kopie nach Leonardos Entwurf für ein großes Wandgemälde, die Schlacht von Anghiari. Leonardos Arbeit ist verloren. Peter Paul Rubens 1577-1640 Hauptmeister des flämischen Barock, beeinflußt in Italien (1600-08) besonders von Caravaggio und Tizian. Rubens gründete in Antwerpen eine große Werkstatt, reiste in diplomatischen Missionen nach Spanien, Frankreich und England. Kommentar Von Mit diesem Werk beschäftigen wir uns noch einmal mit Leonardo, weniger mit Rubens. Etwa 100 Jahre zuvor war Leonardo beauftragt worden, eine Seite eines großen Saales auszumalen. Wie beim Abendmahl wollte er auch hier eine neue Technik ausprobieren. Sehr schnell stellte sich heraus, daß unvorhergesehene technische Schwierigkeiten die Ausführung unmöglich machten. Der Entwurf aber hat schon so viel Aufsehen erregt, daß wir eine Reihe von Kopien vorliegen haben. Die berühmteste ist von Rubens. Dieser war offenbar von Leonardos Ansatz sehr beeindruckt. Eines der bekanntesten Gemälde von Rubens, der Raub der Töchter des Leukippos, ist deutlich von Leonardo beeinflußt. |
Florenz wollte seine eigene Größe feiern. Dazu sollten 2 große Wände in einem Saal des Rathauses ausgemalt werden, und zwar jeweils zur Erinnerung an eine siegreiche Schlacht mit Nachbarstädten. Leonardo bekam den Auftrag, die Schlacht von Anghiari zu verewigen. Es wurde ein Vertrag geschlossen, der den Anfang, die Mitte und das Ende der Schlacht als Gegenstand festhielt.
Davon ist in Rubens' Zeichnung nichts überliefert. Vermutlich kann man auf die Art überhaupt kein Gemälde machen. Es ist nicht bekannt, daß an Leonardos Entwurf und dessen Abweichung vom vertraglich festgelegten Plan Kritik geübt wurde. Offenbar waren schon die Zeitgenossen von seinem Karton sehr beeindruckt. Es wurde allerdings bemängelt, daß er erhebliche Geldsummen entgegengenommen hat, ohne das Werk fertigzustellen. Der Vertrag von 1503 sah außerdem vor, daß Leonardo zwei Jahre später fertig sein sollte, andernfalls müßte er das Honorar zurückzahlen. Stattdessen zog er es vor, die Stadt zu verlassen. Leonardo war damals schon 50 Jahre alt und wurde durch Michelangelo herausgefordert. Dieser nämlich sollte die andere Wand bemalen. Michelangelo war 27 und stand am Beginn seiner Karriere. Er verhöhnte Leonardo als "Lautenspieler von Mailand", ist aber auch nicht fertig geworden, da er vom Papst nach Rom gerufen wurde und dort wichtigere Dinge zu erledigen hatte. Interessanterweise tauchte der Dritte im Bunde der Giganten ab und zu auf und machte sich sachkundig: Raffael, 21 Jahre alt. Leonardo berichtet in seinen Aufzeichnungen, daß schon der Beginn der Arbeiten unter einem schlechten Stern stand. Er fing morgens um 9 an, seine Vorzeichnung auf die Wand (ca. 18 x 7 m) zu übertragen, als sich ein Wolkenbruch ereignete, der den ganzen Tag und Abend dauerte und immer stärker wurde. Das Wasser drang durch die Decke ein, weichte den Kleber auf, der den Karton an der Decke festhielt, der Karton fiel durchweicht auf den Boden und zerriß. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Katastrophe auf einen Schöngeist wie Leonardo wirken mußte. Das Schlimmste war aber sein Ehrgeiz, vielleicht auch seine Not, statt der Freskentechnik mit Ölfarben malen zu wollen. Fresko bedeutet, eine kleine Fläche der Wand frisch mit Putz zu bewerfen, zu glätten und auf diese Fläche zu malen. Man muß also abschinttweise arbeiten, in Tagewerken. Wie bei Wasserfarben hat man das Problem, daß die Farben nach dem Trocknen völlig anders aussehen als während des Malvorgangs. Michelangelo war ein Meister dieser Technik (er hat Sixtinische Kapelle in Rom ausgemalt, jeder kennt Figuren daus, z.B. Gottvater reicht seine Hand Adam, der Funke Leben springt über). Natürlich ist das Ganze auch eine schmutzige Angelegenheit, was Leonardo ebenfalls nicht gefallen hat, der sich gerne elegant anzog. Hinzukommt, daß man natürlich unter Zeitdruck arbeitet, wieder nicht sein Ding. Schließlich ist es nicht möglich, die Techniken anzuwenden, die ihn in der Ölmalerei so berühmt gemacht haben, nämlich die fließenden, weichen, unscharfen Übergänge. Er versuchte, auf die getrocknete Wand eine Wachsschicht aufzubringen, auf die er mit Ölfarben malte. Zuvor hatte er in kleinem Rahmen einen Versuch gemacht und festgestellt, daß er bei hinreichender Trocknung Erfolg haben könnte. Bei den großen Dimensionen jedoch war die Trocknung nicht einfach. Zur Trocknung mußte er ein großes Feuer entfachen. Unten verliefen die Farben und oben trockneten sie zu schnell. Es dauerte nicht lange, bis Leonardo die Lust verloren hatte. Später hat ein anderer Maler ein Gemälde auf diese Wand gebracht (Vasari, der mehr als Kunsthistoriker bekannt wurde). In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat man schon untersucht, ob sich dahinter das Gemälde von Leonardo befinden könnte und kam zu einem negativen Schluß. Neuerdings gibt es Wissenschaftler, die der Meinung sind, daß sich dahinter sehr wohl Leonardos Ruine befinden könnte. |
Auch von Michelangelos Arbeit gibt es nur Entwürfe. Er stellt eine Gruppe von nackten Männern beim Bade dar, die überrascht werden - nicht besonders kriegerisch. Da ist Leonardos Gemälde schon von anderem Kaliber. Es wird wild gekämpft, es wird gemordet, es geht hoch her.
Die Zeichnung von Rubens zeigt den Kampf um die Fahne, der sehr erbittert geführt wird. Sie ist angefertigt worden nach einem Stich von 1558. Es gibt auch Kopien nach dem Original, die die Stellen, die noch nicht fertig waren, ebenso auslassen. Rubens hat sich von dem Stich inspirieren lassen und seine eigene Variante realisiert, die dermaßen glaubhaft ist, daß diese Zeichnung vielfach Leonardo selbst zugeschrieben wird. Aus den zeitgenössischen Arbeiten kann man diese Brillanz nicht herauslesen. Im Gegenteil wirken diese so stumpf, daß offensichtlich die Kräfte der Kopisten überfordert waren. Es liegen einige Detailstudien von Leonardo vor, die der Rubensschen Ausführung recht geben. Tatsächlich hat Leonardo sich auch sonst für extreme Gesichter interessiert und interessante Zeichnungen angefertigt. Abgesehen von der Fulminanz, mit der hier gekämpft wird, macht das Ganze doch weniger den Eindruck der Wiedergabe eines echten Kampfes als vielmehr den einer Choreographie, einer Darstellung. Hier tun einige so, als würden sie kämpfen, und machen mächtig was her, damit man es ihnen auch glaubt. Um diesen Effekt zu verstärken, läßt Leonardo auch die Pferde mittanzen. Sie schneiden genau solche Grimassen wie die Krieger und scheinen ganz menschlich ebenso verbissen um das blöde Stück Tuch zu streiten. Nüchtern betrachtet, ist das Ganze einfach absurd. Mit nackten Beinen, ohne Steigbügel, brettern die Pferde gegeneinander, der Fahnenträger dreht sich auf seinem Pferd nach hinten (der Kopf des Pferdes ist völlig verdeckt) und hält die Fahnenstange so hinter seinem Rücken, daß man sich fragt, wie er es wohl fertiggebracht hat, sie dahin zu kriegen. Die phantastische Rüstung ist viel wichtiger als die Plausibilität der Handlung. Der Krieger in der Mitte haut mächtig drauflos, wobei unklar ist, was oder wen er treffen wird. Die räumlichen Verhältnisse der Pferde und Krieger sind ebenfalls ziemlich unklar. Das Schwert wird symmetrisch gespiegelt, wobei der dazugehörige Kämpfer und sein Pferd synchron das Maul aufreißen, ohne daß man das Gefühl hat, der Kämpfer würde auf seinem Pferd auch sitzen können. Mit anderen Worten: das Gemälde ist eine schöne Lüge, die mächtig Emotionen wecken soll und gerade durch die Unwahrscheinlichkeit und Übertreibung einen Eindruck vom Schlachtgetümmel erzeugt, die durch eine wie auch immer geartete realistische Darstellung vielleicht gar nicht erreicht werden könnte. Die Leistung Leonardos wird deutlicher, wenn man sie mit anderen Schlachtendarstellungen vergleicht. Bei Altdorfers Alexanderschlacht, die etwa zur selben Zeit gemalt worden ist, handelt es sich um fein aufgereihte Zinnsoldaten, beim römischen Mosaik 1400 Jahre früher um die Darstellung einer Anekdote: wie Alexander im Begriff ist, dem Darius eins aufs Haupt zu geben. |
Wie drückt sich extreme Emotion aus? Vornehmlich im Gesicht, und Gesichter hat Leonardo gern studiert, vor allem extreme Gesichter. Die sind nicht so bekannt wie die lieblichen Engelsgesichter, und können vielleicht auch leicht als Karikaturen angesehen werden.
Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, daß Leonardo sich keineswegs lustig macht, sondern einfach nur genau hinschaut und fasziniert ist von der Vielfalt der menschlichen Formen. In ähnlicher Weise war der Regisseur Federico Fellini von extremen Gesichtern fasziniert und hat immer wieder die unwahrscheinlichsten Figuren in seine Filme eingebaut. Man mag es vielleicht nicht glauben, aber alle diese extremen Gestalten gibt es wirklich, und noch viel mehr. Leonardo war einfach neugierig, und so wie er Leichen seziert hat, um die Dinge von innen kennenzulernen, so hat er auch die Oberfläche studiert. Je älter ein Mensch wird, desto ausgeprägtere Züge bekommt er, und das hat sich Leonardo zunutze gemacht. Das ist es aber nicht allein. Wir können uns das heute kaum noch vorstellen, aber es ist noch nicht so lange her, daß die Menschen im Laufe ihres Lebens die Zähne verloren haben. Zahnlose Menschen sehen vollkommen anders aus, sehr fremd, sehr merkwürdig, und weil Gesichter durch fehlende Zähne so entstellt wirken, empfinden wir es als sehr angenehm, uns durch künstliche Gebisse täuschen zu lassen. Wenn man einmal darauf gekommen ist, wundert man sich nicht mehr, warum alte Leute häufig so wahnsinnig schöne Zähne haben und infolgedessen einen sehr gewinnenden Ausdruck. Das ist der Vorteil der dritten Zähne - alles perfekt. Bei Pferden treibt man diesen Aufwand nicht. Trotzdem sind Zähne auch für Pferde mehr als von nur kosmetischem Interesse. Ohne Zähne wird die Nahrungsaufnahme sehr schwierig, für Pferde fast unmöglich. Ein amerikanischer Professor hat jetzt die These aufgestellt, daß die Pferde in Amerika ausgestorben sind, weil die Grassorten sich dahingehend verändert haben, daß die Zähne sich schneller abgenutzt haben.
Die Pferde konnten sich über eine gewisse Zeit lang noch halten, weil es Arten gab, die längere Zähne hatten und deshalb lang genug lebten, um sich ausreichend fortpflanzen zu können. Als das Gras noch härter wurde, war es mit ihnen vorbei. Leonardos Altersporträt zeigt einen alten Menschen, wie wir ihn heute gewohnt sind. Er macht nicht den Eindruck, als würde ihm auch nur ein einziger Zahn fehlen. Das berühmteste Gemälde Picassos ist Guerníca. Es ist ebenfalls ein Bild über den Krieg, das den Krieg nicht zeigt, wie er ist. Auf diesem Gemälde kommt auch ein Pferd vor, und dieses Pferd ist tödlich getroffen und stirbt. Im Zusammenhang mit diesem Bild hat Picasso eine ganze Reihe von Studien gemacht, und dabei auch extreme Ausdrücke von Pferdegesichtern gemacht, die eigentümlich an Leonardo erinnern. So entsteht Kultur: jeder steht auf den Schultern seiner Vorgänger, und je mehr der Betrachter kennt und weiß, desto größer sein Genuß und seine Befriedigung. Man hört und sieht sozusagen den gesamten kulturellen Kontext mit. Wenn man aus dieser Perspektive einen Blick auf den Koloß der letzten Woche wirft, wird noch einmal deutlich, daß es vermutlich doch keine so gute Idee war. Der Koloß hat mehr mit amerikanischer Zivilisation zu tun als mit Kultur und Kunst. |
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