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![]() Warten vor dem großen Auftritt |
Aber was die Pferde angehe, so habe er einfach nur gestaunt. Er habe den Fohlen die Abstammung einfach angesehen und sofort das Pedigree heruntergebetet. Und das habe sich in allen Fällen bewahrheitet! Dieser Mann habe ihn einfach überzeugt. Ob ich denn schon wisse, dass dieses Gestüt das größte Araber-Privatgestüt in Europa sei? Ich hatte es in der Chronik gelesen. Das sei ein Familienbetrieb, alle würden anpacken. Und dann stellte er mir die Familienmitglieder vor. Rolf Ismer, der Autor der Chronik, hatte die Erbin des Hofes Wege geheiratet – ich hatte es gerade in der Chronik gelesen. Aufgrund des niedersächsischen Hofrechts wurde der Besitz bei deren Tod ungeteilt vererbt an Holger, der jetzt 54 sei und seit mindestens 30 Jahren dessen Geschicke lenke. Er habe übrigens auch das Gestüt von Prof. Grzimek seinerzeit aufgebaut. Dessen Söhne Mark und Nils seien ebenfalls engagiert. Mark sei Agrarwirtschaftler und Nils Tierarzt. Der arbeite allerdings in einer großen Klinik in der Nähe, aber zu weit weg, um sich um tägliche Kleinigkeiten zu kümmern. Das würden die Tierärzte am Ort erledigen. Nils habe übriges als Paten den berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz, deswegen sein Name. Ich stutzte für einen Moment. Ach so, Nils Holgersson, der mit den Wildgänsen! Genau. Und dann sei da noch die Tochter Ann, die Pferdewirtschaftsmeisterin sei und als Bereiterin wirke. Als er anfing, mir die Einzelheiten der Pedigrees und der polnischen Araberzucht zu erklären, winkte ich ab. Das sei mir zu hoch, davon würde ich nichts verstehen. Daraufhin schwärmte er mir weiter von den Arabern vor, jetzt aber etwas allgemeiner, von den Erfolgen bei den Eroberungen der Araber vor tausend Jahren zum Beispiel. Mittlerweile hatte die Vorführung begonnen. Zunächst wurden die Hengste vorgestellt. |
Man merkte, dass die Söhne des Hauses damit am meisten Erfahrung hatten, aber nicht nur das, sie sind routinierte Profis. Kein Wunder. Ich hatte schon von Britta Grimberg erfahren, dass das Gestüt sehr viele Schauen absolviert. Sie erinnern sich: ich wollte wissen, wie dieses Unternehmen nicht nur wirtschaftlich überlebt, sondern erfolgreich ist. Dazu gehört neben vielversprechendem Zuchtmaterial auch viel Marketing. Die Leute müssen wissen, dass und was man Gutes hat, aber nicht nur das, sie müssen davon überzeugt werden. Das ist nicht einfach, denn die Konkurrenz ist überall groß. Die Erfolge eines Gestüts spiegeln sich in den Bewertungen auf den bedeutsamen Zuchtschauen und Rennveranstaltungen im In- und Ausland. Das bedeutet einen erheblichen Aufwand, Training, Vorbereitungen, Reisen. Und nicht jeder Aufwand lohnt sich. Zehn Jahre lang hat man auf dem Gestüt für die Rennbahn trainiert, dies aber inzwischen wieder aufgegeben. Nach wie vor züchtet man auch für die Rennbahn, aber das Training findet woanders statt, z. B. in Polen. Das Geschäft mit den Araber-Pferderennen ging in Deutschland nach vielversprechenden Anfängen nämlich nicht so gut. In Polen zum Beispiel läuft das besser. Der Aufwand des Gestüts konzentriert sich also auf die Präsentation, und genau das hatte ich jetzt vor Augen. Mit einigem Glück konnte ich auch einige spektakuläre Fotos machen, die ich bisher nur in Büchern, Zeitschriften oder im Internet gesehen hatte, obwohl die Bedingungen ungünstig waren: ständig laufen Leute durchs Bild, im Hintergrund sieht man immer die Zuschauer, das Wetter und damit die Lichtbedingungen ändern sich dauernd, mal sind die Pferde zu nah, mal zu weit weg. Ich möchte nicht stören und selber anderen Leuten durchs Bild oder Blickfeld laufen, obwohl man mir das mit meinem Equipment sicher nachgesehen hätte – damit sehe ich halbwegs professionell aus, bin es aber gar nicht, denn meine Kamera hat keine Entfernungsautomatik, wie sich das heute gehört und bei sich schnell bewegenden Objekten sehr hilfreich ist (siehe Buchbesprechung Handbuch Pferdefotografie), und einen Motor für die Kamera habe ich auch nicht. |
Ich konnte mich aber nicht der Wucht der inhaltlichen Aussagen verschließen. Holger wiederholte immer wieder die Botschaften:
Das war natürlich exzellentes Marketing, familiär verpackt, ganz unprätentiös vorgetragen, aber es klang da draußen auf dem platten Land in Ströhen schon merkwürdig, fand ich. Ich war nicht nur in einem Gestüt und Tierpark zu Gast, dem es offensichtlich gut ging, der verantwortlich und erfolgreich geführt wurde, hier hatte es jemand geschafft, sich in die Weltspitze vorzuarbeiten. Das will doch was heißen! Die Weltspitze ist heute in jeder Branche und in jeder Hinsicht heiß umkämpft. So etwas erreicht man nicht ohne erhebliche Anstrengungen. Mir ist dabei nicht klar geworden, ob die gewaltigen Summen, von denen immer wieder die Rede war, sich auf Geschäfte bezogen, die das Gestüt selbst gemacht hat. Ein Araberhengst, der für mehr als eine halbe Million Dollar verkauft wird, ist vielleicht auch für dieses Gestüts jenseits der Vorstellung. Oder sollte ich mich da täuschen? Wo viel Geld im Spiel ist, wird es leicht schwierig, egal worum es sich handelt, so auch bei Pferden. Schließlich hat jedes Pferd nur vier Beine. Wie kann man solche Summen rechtfertigen? Vermutlich werde ich das nie verstehen, denn dazu muss man wahrscheinlich wesentlich mehr von der und über die Sache wissen, als ich jemals lernen werde. Und im übrigen wird es sich bei den Pferden genauso verhalten wie bei allen anderen Märkten: je höher die Qualität, desto dünner die Auswahl und desto höher die Preise. Schließlich ist ein von Gogh für 50 Millionen im Prinzip mit derselben Ölfarbe gemalt wie das Bild von Hänschen Müller auf dem Flohmarkt. |
Er freut sich einfach nur an den Arabern und am Gestüt. Nein, es sind auch nicht die Kinder, derentwegen er hierher kommt, denn die sind inzwischen erwachsen. Ich fühlte mich an den Freundeskreis des Schleswiger Kaltbluts erinnert: da gibt es auch Leute, die sich einfach nur an diesen Pferden erfreuen. Herr Drosos erzählte mir dann vom Vater des Gestütsbesitzers, der nach dem Krieg mit einer Zucht von Sittichen begonnen und darüber sogar ein Buch veröffentlicht habe. Für seine Verdienste um die Entwicklung des Deutschen Reitponys habe er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Er wolle mich jetzt einmal mit dem alten Herrn bekannt machen. Der saß auf einem Klappstuhl vor der Tribüne und war gespannt auf meine Fragen. Er habe doch alles in seiner Chronik niedergelegt. Nun hatte ich glücklicherweise schon einen Blick hineinwerfen können. Die Sache mit den Hannoveranern hatte ich nicht verstanden und bekam Aufklärung (siehe Buchbesprechung Chronik). Die wurden eben abgeschafft und durch osteuropäische Kleinpferde ersetzt, die er über den normalen Pferdehandel erworben hat. Diese Stuten hat er dann mit einem arabischen Hengst gekreuzt. Da er Mitglied im Hannoverschen Kleinpferdeverband war, hat er das Ergebnis auf Zuchtschauen vorgestellt. Zunächst wurde er belächelt, aber dann hatte er Erfolg. Ach ja, genau, das hatte ich doch gerade eben gehört: sein Sohn und seine Enkel machen das heute noch genauso, nur in größerem Stil: Pferde vorstellen. |
Ganz einfach: als die englischen Ponys auf den deutschen Markt drängten, die Welsh und Dartmoor usw., wurde für ihn die Sache finanziell uninteressant. Da haben wir es wieder. Es reicht nicht, begabt zu sein, sich leidenschaftlich für eine Sache zu engagieren und Erfolg zu haben, man muss auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Auge haben. Heute ist der Senior über 90 Jahre alt und betrachtet die Sache aus gehörigem Abstand. Zu den vorgeführten Paradepferden hat er seine eigene Meinung. Er sagt deutlich, was ihm gefällt und was ihm weniger zusagt. Und lebt gut damit, dass er schon lange keine Verantwortung mehr tragen muss, sondern sich seines Lebensabends erfreuen kann auf dem schönen Altenteil, das ebenfalls in der Chronik abgebildet ist, mit den Gänsevögeln im Vordergrund. Währenddessen werden die Elitestuten vorgeführt, von denen das Gestüt mehr als zehn besitzt. Diesen Begriff gibt es bei den Arabern erst seit 2001. Das ist bestimmt auch eine Marketingmaßnahme – wir erinnern uns, der Verband hatte die Marktlage beklagt und verstärkte Marketinganstrengungen eingefordert und angekündigt. Immer wieder erwähnt der Gestütschef arabische Länder, Dubai, Jordanien erinnere ich, in die Schwestern oder Kinder oder Mütter der vorgeführten Pferde verkauft worden sind. |
Mit diesem Stoff ernährt man Träume. Königliche Hoheiten fragen an und man kann ihre königlichen Wünsche erfüllen. In meinen Notizen finden sich mehrfach Stichworte wie Passat > 1 Mio, Fuhre nach Arabien > 1 Mio, und mir schwirrte der Kopf. Nebenbei machte ich insgesamt ungefähr 150 Fotos, von denen viele so gut waren, dass ich sie für die Bildschirmschoner verarbeiten konnte. Herr Drosos erläuterte mir, dass sich die Qualität auf der Schau beweisen müsse, die Leistungsfähigkeit auf der Rennbahn, die Gesundheit der Pferde werde getestet, und durch geschickte Anpaarung könne man unterschiedliche Resultate erzielen, deren Beurteilung durch internationalen Vergleich objektiviert werde. Aber auch die Aufzucht sei ganz wesentlich. Die Araber seien die Pferde der Sandböden und des kargen Landes. Sie seien nicht fett und bedürften der besonderen Bedingungen, die hier in Ströhen in hohem Maße gegeben seien. Diese Pferde seien anders als andere Pferde, ganz objektiv gesehen. Sie hätten z. B. mehr Hämoglobin im Blut als andere Pferde und könnten dadurch 18% mehr Sauerstoff transportieren. Damit erkläre es sich, dass diese Pferde bei Distanzen so außerordentlich erfolgreich seien. Sie hätten im übrigen auch eine kürzere Luftröhre. Ich hörte wieder Namen von arabischen Staaten, Oman, Saudi Arabien, aber auch Amerika, Belgien, Holland, Länder, in die diese Pferde verkauft werden. Und dann die Polen! Namen von verschiedenen wichtigen Männern, die sich um die Zucht der arabischen Pferde in Polen außerordentlich verdient gemacht haben, prasselten auf mich ein, aber ich war mir gar nicht sicher, wie ich diese Namen schreiben sollte. Die polnische Araberzucht sei so stark, weil sich der polnische Adel Ende des neunzehnten Jahrhunderts sehr für die Araberzucht interessiert hat. |
Die Araberzucht in Ströhen habe mit 5 Mutterstuten begonnen, und nun habe man mehr als 150 Mütter. So etwas müsse einfach wachsen, und hier habe man mehr als dreißig Jahre Zeit gehabt. Aus ehemaligen Pächtern seien Mitarbeiter geworden, von der Rinderzucht habe sich das Gewicht immer mehr auf die Pferdezucht verlagert, aber noch heute halte man Rinder, um die Weiden gesund zu erhalten. Man habe gebaut, um dem Gestüt ein Ansehen zu geben, wie es sonst nur Staatsgestüte haben. Wichtig sei der Kaufhauseffekt, man müsse eine Auswahl bieten können, z. B. 10 Dreijährige, dann könne sich der Kunde auch entscheiden. Und dann brachte auch er die Zirkusse ins Gespräch, Barum, Knie, Roncalli, Pferdepalast. Die könnten unter 40 bis 50 Junghengsten wählen, die sich kennen, die ihre Führungsperson akzeptieren. Das war nun das Stichwort für mich, nach dem Tierlehrer zu fragen. Tim Delbosq ist Engländer und hat bei Fredy Knie gearbeitet. Gerade erst hat er für den dänischen Zirkus Arena 12 Hengste ausgebildet, die letzte Woche nach Dänemark gegangen sind. Für den österreichischen Nationalzirkus Louis Knie hat er einen Achterzug ausgebildet und geliefert, während Simoneit die Pferde lieber roh hat, und auch Jasmin Smart, deren Name mir noch kein Begriff ist, hat zwei Hengste gekauft. Langsam bekam ich einen Begriff davon, was es mit dem Gestüt auf sich hatte. Aber wie war das mit dem Tierpark? Wer kümmerte sich darum? Wessen Herzensangelegenheit war das? Auch der Tierpark war vom Vater gegründet worden und wurde offensichtlich erfolgreich und in seinem Sinne weitergeführt. Von wem? |
Und das hat sich so entwickelt: am Tag besuchen etwa 500 Schulkinder den Tierpark, und dieser sollte nie ein Zoo oder Tierpark im herkömmlichen Sinne sein, sondern den Kindern und den Besuchern allgemein den Kontakt zu den Tieren ermöglichen. Und wie sollte das gehen? Es fing ganz harmlos an. Immer wieder gibt es Tierkinder, die von der Mutter nicht angenommen werden und mit der Flasche gefüttert werden müssen. Und da setzte Holger Ismer an: warum sollten das nicht Kinder machen können, die gerade zu Besuch waren? Aus diesen bescheidenen Anfängen hat sich etwas ganz anderes entwickelt, die Tierschule nämlich, die ich am Vormittag verpasst hatte. Es ist Holger Ismer ganz wichtig, dass die Kinder auch auf die Weide dürfen, dass sie durch die Pferdeställe laufen dürfen, dass sie über die niedrigen Boxen mit den Pferden Kontakt aufnehmen können. Das wirkt sich positiv auch auf die Pferde aus, sie werden angeregt, sind ausgeglichen und zufrieden. Und dann betont Holger Ismer, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass er soeben zum Ende der Vorführung die Kinder eingeladen hat, mit auf den Platz zu kommen, wo die Elitestuten mit ihren Fohlen herumtoben. Gut, dass er das nochmal erwähnt hat, denn mir ist das bei der Fülle an Eindrücken gar nicht zu Bewusstsein gekommen. Nur die Kegelvereine findet er schrecklich, denn die sind meistens angetrunken. Aber erfreulicherweise werden sie von denen selten heimgesucht, es sind die jungen Familien (meine Familie war damals auch jung), die neben den Schulklassen den Großteil der Besucher stellen. Und dann erwähnt er die Geparden, die gestreichelt werden können (aus der Chronik weiß ich, dass seine Frau Almuth die Geparden mit der Flasche aufgezogen hat) und das Elefantenreiten, das ich zu Beginn meines Besuches miterlebt habe. Seine persönliche Vorliebe sind die Kraniche – also auch Vögel, nur etwas größer. In der Chronik wird erwähnt, dass sein Bruder Erpo und dessen Frau Antje sich für das afrikanische Spitzmaulnashorn engagieren, das extrem gefährdet ist, und zu diesem Zweck eine Organisation gegründet haben, deren Sitz Ströhen ist. |
Selbstverständlich muss sich der Tierpark selbst tragen und kann das auch. Es müssen keine Gewinne gemacht werden, aber ein Jahr wie das letzte mit der Maul- und Klauenseuche ist natürlich schwierig. Wenn dann auch noch das Wetter schlecht ist – das ist die Kehrseite der Medaille. Im Gegensatz zu normalen Zoos gibt es kaum geschlossene Tierhäuser, in die die Besucher sich bei Regen zurückziehen können. Die Pferdezucht trägt sich auch. Und ich erfahre auch gleich, was dafür getan werden muss. Wenn z. B. ein Pferd nach Saudi-Arabien verkauft wird, ist das nicht einfach nur eine Vertragssache. Der Kunde und das Pferd wollen betreut werden. Aus dem Internet weiß ich, dass das Gestüt umfangreiche Dienstleistungen anbietet, die in einem solchen Falle gebraucht werden: Papierangelegenheiten, tierärztliche Versorgung, Transport usw. Aber nicht nur das wird erledigt, ein Familienmitglied fliegt mit und bleibt so lange da, bis Pferd und neuer Besitzer glücklich sind, und das kann schon ein paar Tage dauern. Zwischendurch wechseln wir in das Festzelt, um ein kleines Bier zu uns zu nehmen, uns zu setzen und ein wenig Windstille zu genießen. Bei der Gelegenheit frage ich nach, was es mit der sehr auffälligen Steifheit des linken Beines auf sich hat, das Holger Ismer so deutlich behindert. Ich tu das nicht gerne, es geht mich eigentlich nicht an, aber für den Chef eines Gestüts ist es doch wichtig, auch körperlich fit zu sein. Aus der Chronik kannte ich das Bild des Jünglings Holger zu Pferd – damals war das Bein mit Sicherheit noch nicht steif. Aber nein, das war eine ganz frische Verletzung. Am Vortage hatte ein Kamel ihm einen Schlag versetzt. Und zwar hatte er dieses Kamel persönlich ausgeliehen zu einer Aida-Aufführung. Was es nicht alles gibt! Und am nächsten Tage hat er das Kamel schon wieder ausgeliehen, diesmal für ein Freilichttheater. Natürlich, wo will man denn sonst ein Kamel herkriegen? |
Eine wichtige Bedingung hatte schon Britta Grimberg genannt: Holger Ismer ist internationaler Richter auf höchster Ebene, und auch Mark Ismer ist bereits Richter. Und Holger betonte ebenfalls sofort die Rolle dieser Richtertätigkeit für seine Reputation. Aber auch das kam ja nicht von heute auf morgen. Wie fing es denn an? Hatte er eine Vision, eine Vorstellung von dem, wo er hin wollte? Genau. Und um dahin zu gelangen, hat er sich umgeschaut, und zwar auf der ganzen Welt, und hat versucht zu lernen. Es war ihm von Anfang an klar, dass es nur etwas werden konnte, wenn er die Früchte anpeilte, die am höchsten hängen. Und so ist es auch heute noch, wobei inzwischen die Kinder wichtige Rolle spielen. Der Sohn Nils hat promoviert über künstliche Besamung, und die Tochter Ann hat das Geschäft mit dem Samen übernommen. Übrigens hat sie eine wichtige Rolle beim Aufbau der Araberzucht von Charlie Watts gespielt, der an die hundert Millionen dafür investiert haben soll – als Schlagzeuger der Rolling Stones kann er sich das wohl leisten. Aufgrund der Erkenntnisse und Erfahrungen, die Holger Ismer bei seinen Erkundungstouren machen konnte, hat er dann gezielt und bewusst Stuten und Hengste gekauft und seine Zucht aufgebaut. Mit Erfolg. Und jetzt, wo ich mich konzentrieren kann, höre ich definitiv eine solche gewaltige Zahl, ganz unprätentiös ausgesprochen von einem Mann, der gestern gerade von seinem Kamel getreten worden ist: vor ein paar Tagen erst seien ihm 1, 5 Millionen für einen Hengst geboten worden (selbst wenn es DM sind, wird mir schon schwindelig), und er habe den Handel abgelehnt. Das müsse man sich natürlich schon genau überlegen, weil das entsprechende Konsequenzen für das Gestüt habe. Dann bringt er die Sache auf den Punkt. Es gehe um das Vertrauen. Er sei jetzt 55 Jahre alt und mache dieses Geschäft seit seinem 19. Lebensjahr. Der Kunde müsse ihm vertrauen können, und dieses Vertrauen müsse stets neu erworben werden. |
Übrigens spielt das Internet inzwischen auch eine ganz erhebliche Rolle: 60% des Verkaufs hängt mit dem Internet zusammen. Holger Ismer erwartet, dass die Bedeutung des Internet sogar noch größer werden wird. Auktionen im Internet hält er für sinnvoll und möglich. Für den Absatz ist aber auch die Koppelung mit dem Tierpark nicht zu verachten, denn die Leute besuchen den Tierpark, besichtigen dann auch das Gestüt und werden eventuell zu Käufern. Immerhin wird die Masse der Pferde vermutlich zu mehr oder weniger zivilen Preisen verkauft werden müssen, und das wird das eigentliche Kunststück sein, hinreichend viele Kunden zu finden. Zum Abschluss interessiert mich noch, ob Holger Ismer denn noch unerfüllte Wünsche hat, Ziele, die er in Zukunft verwirklichen will. O ja, da fällt ihm zum Beispiel ein Rapphengst aus Mallorca ein, den er gern hätte, er kennt auch die Besitzerin und weiß deshalb, dass der Hengst nicht verkäuflich ist. Nun möchte er wohl Samen dieses Hengstes kaufen und damit züchten. Und was ist mit den Tarpanen, die im Tierpark gehalten werden? Die sollten doch schon ausgestorben sein? Nun, das sei keine Nachzucht der Rückzüchtungsbemühungen der Brüder Heck aus dem Münchener Zoo der dreißiger Jahre, wie sie mittlerweile verbreitet sind. Diese Tiere stammen aus Polen und sind Rückzüchtungen aus Kreuzungen zwischen Tarpanen und polnischen Landrassen, Wirtschaftspferden eben. Er hatte wieder einmal auf einem Gestüt in Polen zu tun und machte einen Abstecher zu einem Wildpark in der Nähe, um sich Wisente anzusehen. Dabei hat er die Tarpane entdeckt, die dort auch gehalten werden, und spontan ein Pärchen gekauft. Der Tierpark hält, wie ich aus der Chronik weiß, die Tiere immer paarweise bzw. in Gruppen, um damit zu züchten, und eine Tarpanfamilie, Hengst, trächtige Stute und Jährling sind dort abgebildet. So kamen wir auf die Takhis zu sprechen, die Przewalski -Pferde, über die ich gerade berichtet hatte. Holger Ismer wusste immerhin, dass das Stutbuch irgendwo im Osten geführt wurde, und klärte mich darüber auf, wie es in der Welt der gefährdeten Tiere zugeht. Das Zuchtbuch der sibirischen Tiger, die der Familie Ismer besonders am Herzen liegen, wird zum Beispiel in Leipzig geführt, das der persischen Leoparden in Münster, das der Kulane in Ost-Berlin. Mittlerweile ist man der Ansicht, das die Kulane mit den Onagern weitgehend identisch sind, das einfach als eine Nebenbemerkung im Gespräch. In diesen Kreisen geht es nicht um Geld. Hier geht es um die Wissenschaft und den Tierschutz. Demnächst wird der Tierpark Ströhen einen jungen Leoparden aus Sidney bekommen, ganz umsonst, nur die Transportkosten fallen an. Und umgekehrt gibt der Tierpark Ströhen seinen Nachwuchs kostenlos in die ganze Welt ab. |
Sie wird etwa 45 bis 60 Minuten dauern und Tim ist unglaublich gespannt, wie sie ankommen wird. Eine Gruppe von 4 Kosaken wird als Araber verkleidet wilde Reiterspiele vorführen. Dabei nutzte er die Gelegenheit zu einer kleinen Rückschau. Schon zehn Jahre lang arbeitet er in Ströhen. In dieser langen Zeit hat sich das Zirkusprogramm ganz langsam und organisch entwickelt. Es ist überhaupt keine Werbung betrieben worden, die Sache hat sich herumgesprochen. Angefangen hat es mit dem Weihnachtszirkus im Winter, es kamen gerade mal 250 Leute, inzwischen ist die Halle mit 500 Leuten fast voll besetzt. Maximal können 800 Leute untergebracht werden. Im letzten Jahr sind für das Weihnachtsprogramm erstmals Profis eingesetzt worden. Man muss natürlich auch die Kostensituation im Auge behalten, denn für den Zirkus wird kein zusätzlicher Obulus erhoben. Mit der Eintrittskarte ist alles abgegolten. Wer weiß, wohin sich die ganze Sache noch entwickeln wird. Tim Delbosq hat einen langen Atem. Genau wie seinem Chef liegen ihm die Familien am Herzen und die Kinder. Es müssen einfach immer viele Tiere dabeisein, und natürlich Clowns. "Vielleicht dauert es ein paar Jahre mehr, bis wir da sind, wo wir hin wollen, aber das macht nichts." Meine letzte Notiz lautet: "Hengste im Winter draußen." Ich habe nicht notiert, wer diese Bemerkung gemacht und Wert auf die Feststellung gelegt hat, aber das tut nichts zur Sache. Diese vier Worte kann ich gut an den Schluss dieses Artikels stellen, denn sie beweisen, dass die eleganten und hochgezüchteten Araber in Ströhen wie Pferde behandelt werden. Das gefällt mir gut. Erster Teil: Vollblutaraber in Niedersachsen Quellen
Fotos © Werner Stürenburg |
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