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Kunstgalerie   Magazin Magazin, Ausgabe 164, erschienen am 18.05.2002

Magazin  Ausgabe 164
Werner Popken


Abschnitte:
  1. Abschnitt  Postkarten
  2. Abschnitt  Prinzen
  3. Abschnitt  Prost Neujahr
  4. Abschnitt  Quellen
Kunstgalerie  Kunstbetrachtung

Postkarten


Franz Marc, Deutschland
Botschaften an den Prinzen Jussuff
Piper-Bücherei: München, 1954

In der letzten Ausgabe hatte ich aus einer meiner Quellen den Ausdruck "berühmte Postkarten" übernommen – dabei hatte ich keine Ahnung, wovon die Rede war.

So konnte ich auch nicht erkennen, dass die letzte Abbildung des  Turms der blauen Pferde eine dieser Postkarten war. Franz Marc hatte sie an Else Lasker-Schüler geschickt.

Durch einen glücklichen Zufall erhielt ich leihweise aus einer Privatbibliothek ein Exemplar des Büchleins mit nebenstehendem Titel, das sämtliche Postkarten Franz Marcs an Else Lasker-Schüler ganzseitig wiedergibt. Auf dem Titel eine Komposition mit Rind, Pferd und Gnu.

Das Buch enthält ein Geleitwort von Maria Marc, der Witwe des Künstlers, und einen Essay "Über das Poetische in der Kunst Franz Marcs" von Georg Schmidt.


Franz Marc, 1880-1916
Nachdem er zuerst Pfarrer werden wollte, verspürte er im Alter von 20 Jahren eine Berufung zum Maler und begann, an der Münchener Akademie zu studieren. Auf zwei Reisen nach Paris (1904 und 1907) lernte er die Bilder Manets, der Impressionisten und von Vincent van Gogh kennen. Im Jahre 1910 freundete er sich mit August Macke an. Das Jahr 1911 war für ihn ein entscheidendes Jahr: Er lernte die Maler Jawlensky, Kandinsky, Münter und Werefkin kennen, mit denen er die Künstlergemeinschaft des "Blauen Reiters" gründete. Franz Marc starb am 4.3.1916 im Ersten Weltkrieg in der Nähe von Verdun als Soldat.


Kommentar
Von  Werner Stürenburg

Marc: Zeichnung für Else Lasker-Schüler
Dieses Buch hat die Größe eines Taschenbuches, aber einen festen Einwand und Fadenheftung – die Blätter sind also nicht geklebt, sondern gefaltet und genäht. Die Farben der Abbildungen sind frisch und zart. Das ganze Buch ist sorgfältig gemacht und eine Kostbarkeit.

Bücher sind zwar Verbrauchsartikel, sie werden in Massen auf den Markt geworfen und für billiges Geld verkauft, irgendwann aber sind sie vergriffen, das heißt ausverkauft. Sie sind dann nur noch gebraucht zu haben, und für diesen Gebrauchtmarkt von Büchern gibt es einen eigenen Begriff: das Antiquariat.

Es gibt schon viele Jahrhunderte lang Bücher, und viele sind derart kostbar, dass es sich lohnt, damit zu handeln. Dieses Buch gehört dazu. Eine kurze Suche im Internet ergab, dass es zu Preisen zwischen 4 und 20 EUR zu haben ist.

Wer einmal ein Buch besessen hat, das ihm verlorengegangen ist, oder von einem Buch gehört hat, das vergriffen ist, wird sich über die Leistungen des Antiquariats gefreut haben. Die Antiquare sorgen dafür, dass die großen Leistungen der Buchkultur nicht untergehen.

Prinzen  oben 



Text: Das ist das Spielpferd des Königs Abigail aus seiner Kindheit
Im Vorwort beschreibt Maria Marc, wie Franz die Bekanntschaft von Else Lasker-Schüler gemacht hat. Das Ehepaar besuchte im Winter offenbar regelmäßig die Hauptstadt Berlin.

Ich erinnere mich an die Autobiographie Emil Noldes, der dies auch zu tun pflegte, in der Hoffnung, dort auf Interesse für seine Kunst zu stoßen. Das wird auch die Absicht der Marcs gewesen sein.

Franz Marc war auf die Dichterin aufmerksam geworden, weil die Zeitschrift "Sturm" regelmäßig Gedichte von ihr veröffentlichte. Diese Zeitschrift wurde von Herwarth Walden herausgegeben.

Den Namen hatte ich schon oft gehört. Im Zusammenhang mit dem Hofstaat des Prinzen Jussuff kommt dieser Name auch vor.

Im Internet habe ich nämlich eine Liste gefunden, und da ist dieser Name einer diejenigen, die Else Lasker-Schüler sich für Leute aus ihrer Bekanntschaft ausgedacht hat.

Franz Marc ist natürlich auch dabei. Er heißt dort "Ruben oder der blaue Reiter". Herwarth Walden ist der Deckname für Georg Levin, den dieser später als Künstlernamen angenommen hat. Die Dichterin selbst stellt den Prinzen Jussuff vor, der im Königreiche Theben regiert.

Else Lasker-Schüler hat gern die Traumwelt mit der Realität vermischt. In Berlin fiel sie auf durch weite orientalische Hosen, einen männlichen Haarschnitt, üppigen, klimpernden Schmuck, nicht zu vergessen die Fußglocken, die dafür Sorge trugen, dass die Passanten nicht umhin konnten, sie zu bemerken.

Mit Herwarth Walden war Else Lasker-Schüler in zweiter Ehe verheiratet, zu dem Zeitpunkt aber schon geschieden. Maria Marc beschreibt, wie unglücklich die Dichterin war. Die Marcs wollten ihr gerne helfen, und Maria beschreibt auch einige Anstrengungen. Ziemlich schnell muss sich aber herausgestellt haben, dass der guten Else nicht zu helfen war: "Es war mitunter nicht leicht, ihr Liebe entgegenzubringen, die sie erwartete und oftmals verkannte."

Die Else war also der Jussuff. Ob dem Franz nicht klar war, dass Abigail ein Frauenname ist (hebräisch, die Vaterfreude), muss ich dahingestellt sein lassen, die Else aber hat bewusst mit dem Geschlechtertausch gespielt.

Das Spielpferd des Abigail hat einen merkwürdigen Schweif, der eher wie ein Schal aussieht. Und auch sonst wirkt die Zeichnung recht kindlich. Die obligate Sonne verfinstert sich, ein Tannenbaum mag andeuten, dass das liebe Christkind das Spielpferd gebracht hat (ein schiefes Bild: Jussuff dürfte Muslim sein, Else war Jüdin), aber die sorgfältige Verteilung der blauen Farbe bleibt für mich undurchschaubar und unlesbar.

Er hat sich wirklich Mühe gegeben, hier Struktur und Zeichnung zu verdeutlichen – nur was damit verdeutlicht werden soll, bleibt offen. Das gleiche gilt für den roten Streifen. Die Anatomie des guten Pferdes ist gummiartig, was für ein Spielpferd mit Schalschweif in Ordnung sein mag.

Prost Neujahr  oben 



Text: Lieber Jussuff, wie schön sind deine Briefe!! Wunderschön!! Prost-Neujahr!
Ausschnitt
Noch'n Pferd. Der schon erwähnte Aufsatz "Über das Poetische in der Kunst Franz Marcs" behauptet, das Poetische der Arbeiten Marcs sei offensichtlich:

Ich glaube, es bedarf heute keines ausdrücklichen Beweises mehr für die Behauptung, Franz Marcs Postkarten an Else Lasker-Schüler seien etwas vom Poetischsten, das es in der Malerei nicht nur unseres Jahrhunderts gibt: wer diese Postkarten anschaut, weiß es einfach.


Selbstredend wird vorausgesetzt, man wisse oder sei sich einig, was das Poetische überhaupt sei. Davon kann natürlich keine Rede sein.

Eine Diskussion wird für überflüssig erklärt, die Arbeiten werden durch einen Superlativ beweihräuchert, und schließlich wird indirekt gezeigt, dass ein jeder vernagelt oder dumm sein muss, wenn er nicht durch bloßes Anschauen zustimmt.

Dieses Blatt erinnert mich an den Spruch von Pablo Picasso, er habe nie wie ein Kind gezeichnet und erst im Alter mühsam lernen müssen, so zu arbeiten. Ob dieser Spruch zutrifft, möchte ich bezweifeln. Er dient der Selbst-Mystifizierung.

Picasso hat als Kind durchaus kindlich gezeichnet, und seine Arbeiten als reifer Künstler mögen zwar einen kindlichen Stil intendiert haben, waren aber niemals kindlich.

Franz Marc soll drei Jahre lang Tieranatomie studiert haben. In diesem Blatt hat er jedenfalls versucht, seine diesbezüglichen Kenntnisse zu vergessen. Es ging ja darum, modern zu sein.

Was aber ist an der Bildung, die ich eingekreist habe, interessant? Ich hätte auch auf andere Stellen hinweisen können, die genauso willkürlich, unbeholfen, verwaschen sind. Oder soll das das beschworene Poetische sein?

Mein Vater pflegte zu sagen: "Schief ist englisch, und englisch ist modern." Damit meinte er: wenn etwas schiefgegangen ist, erklärt man es einfach für schick, und schon ist man aus dem Schneider – so einfach geht das.

Ich gebe es zu: es ist ungeheuer schwer, etwas Neues zu erfinden, eingetretene Pfade zu verlassen, in Neuland vorzustoßen. Wie soll das gehen? Der Kleine Prinz redet über Poesie, für den ist das eine furchtbar ernste Sache. Es geht keinesfalls darum, sich gegenseitig zu versichern, wie toll man denn doch sei. Es geht um Wahrhaftigkeit.

Else Lasker-Schüler geht es nicht um Wahrhaftigkeit, im Gegenteil: sie hat sich offensichtlich selbst mystifiziert. Sie tut das auch mit ihrem Hofstaat. Über "Ruben, den blauen Reiter" schreibt sie:

Nie sah ich irgendeinen Maler gotternster und sanfter malen wie ihn. 'Zitronenochsen' und 'Feuerbüffel' nannte er seine Tiere, und auf seiner Schläfe ging ein Stern auf. Aber auch die Tiere der Wildnis begannen pflanzlich zu werden in seiner tropischen Hand. Tigerinnen verzauberte er zu Anemonen, Leoparden legte er das Geschmeide von Levkoje um; er sprach vom reinen Todschlag, wenn auf seinem Bild der Panther die Gazell vom Fels holte. [...]

aus: Die gesammelten Gedichte, Leipzig, Verlag der weißen Bücher, 1917


Vielleicht tue ich dem guten Franz unrecht, wenn ich schnell dahingekritzelte Postkarten auf die Goldwaage lege. Darauf würde ich von allein gar nicht kommen. Georg Schmidt hat das getan, und mit ihm Generationen von Kunsthistorikern, Experten und sonstigen Begeisterten. Das ist vollkommen in Ordnung so und ich habe auch nichts dagegen. Nur wenn man mich fragt – aber mich fragt ja keiner.

Quellen  oben 




Fotos
Wie angegeben unter Berufung auf das Zitatrecht (Fair Use).

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