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Presseinfos News: Susanne Hennig

Kunstgalerie   Magazin Magazin, Ausgabe 165, erschienen am 25.05.2002

Magazin  Ausgabe 165
Werner Popken


Abschnitte:
  1. Abschnitt  Zitronenpferd
  2. Abschnitt  Formalien
  3. Abschnitt  Krise und Suche
  4. Abschnitt  Seelensprache
  5. Abschnitt  Blaue Sehnsucht
  6. Abschnitt  Pferdeturm
  7. Abschnitt  Quellen
Kunstgalerie  Kunstbetrachtung

Zitronenpferd


Franz Marc, Deutschland
Zitronenpferd und Feuerochse des Prinzen Jussuff
Postkarte, Piper-Bücherei: München,1954

Eine weitere Postkarte von Franz Marc an Else Lasker-Schüler mit der Inschrift "Zitronenpferd und Feuerochse des Prinzen Jussuff".

Der Ochse schleicht sich an wie ein Fuchs - es sieht aus, als seien Marc die Tierarten durcheinandergeraten. Oder sehe ich da etwas falsch?

Das Pferd reagiert durchaus pferdemäßig, es könnte sich um den Ansatz einer Fluchtreaktion oder aber auch um eine Aufforderung zum Spiel handeln.

Ich gestehe, eine Aufforderung zum Spiel zwischen Ochse und Pferd noch nicht gesehen zu haben. Wenn diese beiden Tierarten zusammen auf der Weide waren, hat jede für sich friedlich gegrast.

Zwischen Pferd und Hund jedoch kenne ich diese Art Spiel, die für den Hund nicht unbedingt besonders spaßig sein muss.

Vielleicht also sollen wir diese Postkarte als Aufforderung zum Spiel lesen.


Franz Marc, 1880-1916
Nachdem er zuerst Pfarrer werden wollte, verspürte er im Alter von 20 Jahren eine Berufung zum Maler und begann, an der Münchener Akademie zu studieren. Auf zwei Reisen nach Paris (1904 und 1907) lernte er die Bilder Manets, der Impressionisten und von Vincent van Gogh kennen. Im Jahre 1910 freundete er sich mit August Macke an. Das Jahr 1911 war für ihn ein entscheidendes Jahr: Er lernte die Maler Jawlensky, Kandinsky, Münter und Werefkin kennen, mit denen er die Künstlergemeinschaft des "Blauen Reiters" gründete. Franz Marc starb am 4.3.1916 im Ersten Weltkrieg in der Nähe von Verdun als Soldat.


Kommentar
Von  Werner Stürenburg

In der letzten Woche hatten wir uns mit der angeblichen Poesie in den Arbeiten von Franz Marc beschäftigt, speziell bei den Postkarten, die er Else Lasker-Schüler vor dem Ersten Weltkrieg geschickt hatte. Als Pferdeliebhaber interessieren uns natürlich vor allem diejenigen Karten, die Pferde darstellen.

Wir haben auch verstanden, dass sich die Kunstwelt zu dieser Zeit in einem Umbruch befand (das tut sie eigentlich immer) und dass Marc ein Teil dieses Umbruchs war, sich von Zeitgenossen und Mitstreitern hat beeinflussen lassen. Soweit nichts Besonderes. Verwunderlich ist, dass die Arbeiten von Franz Marc immer noch stark wirken, während das Werk von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Zeitgenossen längst untergegangen ist.

Das kann man unter anderem an den Angeboten von Reproduktionen und deren Umsätzen ablesen. Die Pferde von Franz Marc sind als Poster und Postkarten sehr beliebt und weit verbreitet. Sie müssen also auch den heutigen Menschen etwas geben, was diese brauchen. Was ist das?

Die These in dem Büchlein aus dem Piper Verlag von 1954, erschienen 40 Jahre nach der Entstehung der Postkarten, die der Intention nach rein privat waren, lautet: die Arbeiten von Marc sind der Inbegriff des Poetischen.

Die Poesie nun, so wird implizit weiter unterstellt, entspreche einem Bedürfnis des Menschen. Da die Postkarten dieses Bedürfnis befriedigen, werden sie gebraucht, produziert und gekauft.

Was hat es mit diesem Bedürfnis und dem Poetischen auf sich?

Formalien  oben 



Ausschnitte mit Konstruktionslinien
Im Kunstunterricht würde man sich vielleicht mit den Formalien aufhalten: kann man grobe Formen und Linien erkennen? Man kann.

Im Bereich des Pferdes fallen zunächst einmal die ovalen Konstruktionselemente auf, wobei der grüne Kreis, der ebenso wie die Form im Vordergrund keinerlei erkennbare gegenständliche Bedeutung hat, mit dem Kreis korrespondiert, der oberhalb der Kruppe des Ochsen erkennbar ist.

Nun darf man nicht denken, der Künstler hätte zunächst die Linien konstruiert und dann sein Bild darüber entworfen. Das glaube ich nicht.

Marc wird wohl eine Bleistiftvorzeichnung gemacht haben, wie man das bei einigen anderen Karten deutlich erkennen kann, und dann frisch mit dem Pinsel darüber gegangen sein. Auch die Bleistiftskizze, wenn es sie gegeben hat, ist mit Sicherheit ohne Konstruktion entstanden.

Das liegt daran, dass unser Gehirn zwei Hälften hat, die völlig unterschiedlich arbeiten. Normalerweise ist die linke Hälfte analytisch orientiert, die rechte ganzheitlich (bei Linkshändern umgekehrt).

Ein Kunstwerk entsteht (wiederum normalerweise) durch Arbeit der rechten Hälfte, die intuitiv ein architektonisches Gerüst schafft, was die linke Hälfte später erkennen kann.

Die Konstruktionslinien verdeutlichen nun, warum eine formale Geschlossenheit entsteht. Die vielen Ellipsen und halbwegs parallelen Linien klingen zusammen und suggerieren eine Notwendigkeit, die eigentlich gar nicht besteht.

Ich vermute zum Beispiel, dass die unförmige Gestalt im Vordergrund ursprünglich ein weiteres Pferd hätte werden sollen, aber irgendwie hat es nicht geklappt und die Sache ist versumpft. Das ist in Ordnung so.

Dieses Blatt zeigt nämlich ganz deutlich, was eigentlich neu war an der Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es geht nicht um Formalien, es geht um etwas ganz anderes. Die Formalien sind nur Mittel. Eine Analyse hilft also nicht viel und führt höchstens in die Irre, nämlich dann, wenn man meint, man hätte nun etwas begriffen und wüsste, was ein Kunstwerk ist und wie man ein Kunstwerk macht.

Krise und Suche  oben 



Marc: Die Tränke am Rubinberge
Postkarte an Else Lasker-Schüler
Im 19. Jahrhundert hatte sich die Kunst ziemlich tot gelaufen. Techniken kann man lernen, aber sie produzieren keine Kunst.

Die Frage, was Kunst eigentlich ist, wurde immer weniger gestellt, so dass die ganze Sache mehr oder weniger auf Kunstfertigkeit, also auf Technik hinauslief, was wiederum keine Kunst ist.

Die Künstler haben das natürlich sehr deutlich gespürt, konnten aber das Dilemma nicht lösen. Wie immer in solchen Fällen wurden verschiedene Ansätze probiert.

Der Impressionismus z. B. war ein solcher, der aber nicht weit führte, weil er inhaltlich ebenso leer war wie die akademische Kunst.

Der Expressionismus, wie er z. B. von Vincent van Gogh entwickelt wurde, schreit sehr deutlich die Not seiner Seele heraus. Van Gogh war bekanntlich Prediger, bevor er sich der Kunst zuwandte. Es geht also, zumindest bei einigen Künstlern, um die Seele.

Cezanne versuchte dem Impressionismus wieder eine architektonische Grundlage zu verschaffen, und Picasso und Braque hatten gemeint, im Kubismus eine Lösung gefunden zu haben, indem die Architektur zu einer eigenen Sprache entwickelt wurde, die mit der Realität nur noch wenig gemein hatte.

In Deutschland sprach sich die Seele stärker aus, z. B. bei den Malern der Brücke und eben auch beim Blauen Reiter. Bei Picasso hat sich die Seele später wieder sehr stark durchgesetzt und von den formalen Erfahrungen des Kubismus profitiert (siehe Galeriebeitrag  Guerníca).

Marc versucht, sich von der Realität zu lösen und eine Traumwelt zu schaffen, wobei er eben auch ein architektonisches Gerüst braucht, das seinem Bild Tragfähigkeit verleiht. Oder besser gesagt: seine Seele sucht nach Bildern, die seiner Sehnsucht entsprechen und dieser Ausdruck geben.

Das Gerüst ist also Hilfsmittel, mehr nicht, und da er dieses Gerüst in der Natur nicht finden kann, weil sich seine Bilder gar nicht auf die Natur beziehen, verwundert es nicht, dass formale Prinzipien sich einschleichen. Das haben sie schon immer getan, das war eines der Geheimnisse der Künstler, die sie intuitiv entdeckt hatten: geometrische Konstruktionen sprechen zur Seele des Betrachters. Man findet das auch bei Leonardo oder Dürer.

Seelensprache  oben 



Marc: Postkarte an Else Lasker-Schüler
Das Neue sind die Inhalte, ist die Tatsache, dass die Seele aus sich heraus Gegenstände "erfindet", die sie so nicht in der Realität vorfindet. Im Prinzip ist dieser Vorgang nicht neu, sondern ganz ganz banal und jedem Menschen bekannt.

Ein Traum ist nämlich ebenfalls Ausdruck der Seele, und bekanntlich träumt jeder Mensch und schafft spielend die wunderlichsten Welten.

Bei Marc wird also diese schöpferische Tätigkeit der Seele ernstgenommen und in die Welt gestellt. Das hatten sich die Künstler bis zum Impressionismus nicht getraut. Das ist neu in der Kunst seiner Zeit.

Selbst van Gogh hatte nicht begriffen, was er bzw. seine Seele eigentlich suchte. Er hatte die allergrößten Schwierigkeiten, die Gegenstände für seine Bilder zu finden, und suchte sie stets im Äußeren.

Teilweise benutzte er Gemälde von Kollegen, die er um ihre Fähigkeit beneidete, Themen zu finden, aber es lief auf dasselbe hinaus: er bezog sich auf etwas, was er außerhalb seiner selbst vorfand.

Marc tut das nicht. Er studiert zwar die Pferde, aber die Pferde, die er malt, laufen so nicht auf der Wiese herum. Völlig klar, aber man muss es einmal aussprechen.

Was aber ist die Sehnsucht des Franz Marc, die im Bilde zum Ausdruck kommt und die die Menschen seit fast 100 Jahren anspricht?

Ein Hinweis ist die blaue Farbe, die er bevorzugt verwendet. 100 Jahre früher hatten die Dichter der Romantik nach der "Blauen Blume" gesucht, welche das Symbol für ihre unerfüllbare Sehnsucht war. Welche Sehnsucht war das?

Die Sehnsucht des Menschen nach etwas Wesentlichem, das er nicht benennen kann, die ihn verzehrt, ist sehr alt. Sie hat offensichtlich Bezüge zu etwas Absolutem.

Im letzten Jahrhundert, noch zu meinen Lebzeiten, hat sich diese Sehnsucht in einem französischen Künstler in extremer Weise ausgesprochen. Yves Klein ist bekanntgeworden als "Yves le Monochrome", weil er große Gemälde mit nur einer einzigen Farbe gemacht hat. Diese Farbe war ein tiefes Blau, das er sich sogar schützen ließ.

Blaue Sehnsucht  oben 



 Klein: Das blaue Schwammrelief
 Klein: Monogold
 Gauguin: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?
Später genügte ihm das Blau nicht mehr und er nahm dann Gold. Gold ist nun ein äußerstes Symbol für das Absolute, für das Ultimative, für das Allergrößte, und die Antwort auf die Frage, was das denn nun ist, fällt nicht mehr schwer.

Die Maler des Mittelalters haben bekanntlich ebenfalls reichlich Gebrauch vom Gold gemacht, und jedermann hat damals verstanden, was damit gemeint ist: der Urgrund der Existenz, oder mit einem Wort: Gott.

Womit sich der Kreis schließt. Van Gogh war ein Gottsucher, Franz Marc und Yves Klein ebenfalls. (Ob sie selber das wussten, ist eine andere Frage.)

Soeben entdecke ich bei meiner ersten Recherche nach Yves Klein "The Chelsea Hotel Manifesto" von 1961. Darin bekennt er, auf der Suche nach dem verlorenen Paradies zu sein.

Sehr gut! Das ist schon ziemlich warm. Der Rest ist leider reichlich konfus. Weiter ist er offenkundig nicht gekommen. Er tappte im Dunkeln.

Der Kommentator, der dieses Manifest ins Internet gestellt hat, blickt schon besser durch. Er stellt es in Zusammenhang mit Beethovens  Heiligenstädter Testament und dem großen Gemälde von Paul Gauguin mit dem Titel: "Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?"

Dies ist die sogenannte religiöse Frage. Der Schweizer Psychologe C.G. Jung war der Meinung, dass sich diese Frage für jeden Menschen in der Lebensmitte stellt, wenn er feststellt, dass er nun den Gipfel seiner Laufbahn erreicht hat und es fortan abwärts geht (Midlife Crisis).

Das Ziel des Lebens ist klar, obwohl es vor allem für junge Menschen schwer ist, dies zu erkennen und vor allen Dingen im Bewusstsein präsent zu halten.

Es ist nämlich: der Tod. Wir sind geboren, und wir müssen sterben, eines guten Tages. Das ist banal, aber immer wieder überraschend. Wie heißt es im Gebet? "Herr, lehre uns, dass wir sterben müssen."

Anders als vermutlich Tiere und Pflanzen stellen wir uns jedoch irgendwann die Frage, welchen Sinn unser Leben gehabt hat; manche Menschen tun das früher, manche später. Soweit wir die Geschichte der Menschheit überblicken können, ist diese Frage gestellt worden.

Darauf sind unterschiedliche Antworten gegeben worden, aber es lassen sich doch klare Gemeinsamkeiten erkennen. Die Unterschiede betreffen nämlich bei genauer Betrachtung nur das Dogma, also Regeln. Es geht um Seelenfrieden und Gotteserkenntnis.

Pferdeturm  oben 



Marc: Der Turm der blauen Pferde
Postkarte an Else Lasker-Schüler
Die Frage ist aber, ob und wie Gott sich erkennen lässt. Erkenntnis ist individuell und nur bedingt vermittelbar.

Das betrifft selbst die einfachsten Dinge. Ich kann niemandem vermitteln, wie Erdbeeren schmecken. Das muss jeder selber herausfinden, indem er eine isst.

Wenn ich verstanden habe, warum der Satz des Pythagoras sein religiöses Dogma "Alles ist Zahl" widerlegt, bedeutet das nichts für meinen Schüler, der davon zum erstenmal hört. Seine Einsicht kann und sollte von mir als Lehrer zwar erleichtert werden, haben aber muss er sie selbst.

Das betrifft nun auch das religiöse Erleben. Und damit ist es bei uns im Westen nicht weit her. Wer kann dem armen Franz Marc oder Yves Klein oder meinem Nachbarn sagen, was er tun muss, um Gott zu erkennen?

Unsere etablierten Kirchen reden darüber nur ungern. Man muss den Eindruck gewinnen, sie wüssten es selbst nicht.

Aber auch sonst ist es eher selten, dass jemand von sich behauptet, er habe Kontakt zu Gott. Trotzdem ist das Bedürfnis danach durchaus vorhanden. Neben den etablierten Großreligionen gibt es eine unübersehbare Schar von Organisationen, die sich anerbieten, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Viele Menschen sind unterwegs, um Erfahrungen zu machen. Sogar der Spiegel schreibt darüber (Jenseits des Wissens, 22.12.2000:  Die Zukunft der Weltreligionen).

Über die Zeiten hinweg hat es immer wieder einzelne Menschen gegeben, die nicht nur behaupteten, Kontakt zu Gott zu haben, sondern auch darüber redeten, wie sie es bewerkstelligt haben. Eines der bekanntesten Beispiele ist Jesus Christus im Neuen Testament. Er gibt eine Menge Ratschläge an seine Jünger und sonstigen Zuhörer. Die kann man jederzeit nachlesen.

Ob das etwas nützt, ist eine andere Frage. Lao Tse z. B. formulierte: "Ein Wissender redet nicht; ein Redender weiß nicht." (Übersetzung Günther Debon) Es kommt also auf das Handeln an und die Erfahrung, die man dadurch macht, nicht auf das abstrakte Wissen.

Bis dahin wird die Sehnsucht anders gestillt, z. B. durch Poesie oder Franz Marc. Der Turm der Pferde wächst gegen den Himmel, die Sterne und der Mond strahlen in den Körpern der blauen Pferde, über allem wölbt sich der Regenbogen. Alle Köpfe schauen nach links und warten auf das Heil. Möge es kommen.

Quellen  oben 



Franz Marc, Botschaften an den Prinzen Jussuff, Piper-Bücherei: München, 1954

Fotos
Wie angegeben unter Berufung auf das Zitatrecht (Fair Use).

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Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

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