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![]() Irish Tinker Eddy, der Herdenchef |
Und als ein Postulat bei der Pferdeausbildung sehe ich die Aussage: Wenn die Dominanz geklärt ist, kann ein Nicht-Wollen aufgrund von Widersetzlichkeit in der Regel nicht vorkommen, sondern nur aufgrund von Nicht-Verstehen. Wird dies beherzigt, ist die Wahrscheinlichkeit, das Pferd unbewußt ungerecht zu behandeln, schon erheblich geringer. Als weiteres Postulat mag gelten: Dominanz klärt man vom Boden aus – oder gar nicht! Wahre Dominanz erhält ein Mensch aber nicht durch Anwendung von Gewalt! Unter Dominanz verstehe ich hier nicht die Herrschaft über das Pferd und damit seine Beherrschung, sondern jene Art von Autorität, die man sich nur im harmonischen Umgang mit dem Pferd erwerben kann. Es geht um den Respekt, der naturgemäß jedem Alpha-Tier entgegen gebracht wird. Nicht Funktionieren aus Angst vor Strafe, sondern Gehorsam aufgrund von Anerkennung und Ehrerbietung ist das Ziel. Als letzte Weisheit sei die Erfahrung gelistet, daß das Beutetier Pferd dem Menschen gegenüber nicht die augenscheinliche Zuneigung zeigt wie beispielsweise das Raubtier Hund. Zuneigung drückt sich vielmehr in Form von Vertrauen aus, das der Bezugsperson entgegengebracht wird. Ja, eingedenk dieser Axiome und in der Hoffnung, daß Eddy tatsächlich den "Verstand" eines Kindes besitzt, habe ich angefangen, mit Eddy wie mit einem Kind zu reden und zu arbeiten. |
Kommunikation mit Pferden ist mehr als ein Bild, das sich einfach so darstellen läßt, Kommunikation es ist etwas Lebendiges. Deshalb kann ich hier quasi nur die Form und Farbe einzelner Mosaiksteinchen beschreiben – mehr nicht. Wie sich aus den Steinchen ein Motiv zusammensetzen läßt, hieße bereits eine Doktorarbeit verfassen – und wie die verschiedenen Motive je nach Beleuchtung und Stimmungslage auf den Betrachter als Gesamtbild wirken, das muß und kann nur jeder selbst für sich erleben. Die Unterschiede in der Literatur z. B. über die Lautgebung der Equiden ergeben sich meiner Meinung nach weitgehend aus dem unterschiedlichen Beobachtungszeitpunkt und noch stärker aus der Rasse und der Haltungsform der Tiere. So verständigen sich Wildpferde nach Aussage vieler Autoren kaum akustisch miteinander, während domestizierte Pferde eine sehr breite Ausdrucksskala beherrschen. Die nachfolgenden Erfahrungen können und wollen keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit erheben. Sie sind die Dokumentation einer Partnerschaft mit dem Pferd Eddy – es sind einzelne, individuelle Mosaiksteinchen! Nach Pat Parelli ist ein Kennzeichen von Natural Horsemanship, daß letztendlich im Handeln und Fühlen das Pferd halb Mensch und der Mensch halb Pferd geworden ist. Aus diesem Grunde ist durchaus denkbar, daß Eddy inzwischen Möglichkeiten gefunden hat, sich mir mitzuteilen, die nur bedingt übertragbar sind. Als Ergänzung werde ich deshalb auch aus der Fachliteratur zitieren und meine Erfahrungen an den Meinungen anderer spiegeln. So weiß ich aus dem Umgang mit anderen Tinkern und aus Gesprächen mit Tinker-Besitzern, daß diese eigentlich "ruhigen" Pferde alles andere als "stille" Tiere sind – sogar im Schlaf wird gegrunzt, geschnaubt und gestöhnt, obgleich keine krankheitsbedingten Ursachen vorhanden sind. Es wäre schön, wenn mir der eine oder andere Leser berichten würde, ob er gleiche oder zumindest ähnliche Ausdrucksformen wie die hier dokumentierten bei Tinkern beobachtet hat. |
In der Literatur finden sich kaum Hinweise auf jene Art der Ausdrucksbewegungen, die ich hier als Verrichten der Notdurft zusammenfassen möchte. Lediglich von jenen Geräuschen aus den Eingeweiden eines Pferdes wird berichtet, die an das Glucksen eines verstopften Ausflusses erinnern. Wenn Eddy stets seinem Bedürfnis nachkäme, wo er gerade ginge oder stünde, würde ich diesen Vorgängen kaum Beachtung geschenkt haben. Da Eddys Verhalten sich jedoch wiederholt und deshalb teilweise vorhersehbar ist, scheint es mir einer Beschreibung wert zu sein. Darmentleerung Vorausschicken sollte ich vielleicht die Tatsache, daß Eddy offenbar ein sehr reinliches Tier ist. So verläßt Eddy zum Äpfeln stets seine Box und geht bei Wind und Wetter auf den kleinen Auslauf vor dem Stall – soweit die Möglichkeit dazu gegeben ist. Bei abgeschlossener Box setzt Eddy seine Haufen immer in einem begrenzten Bereich an der Wand in einer bestimmen Ecke auf der Einstreu aus Sägespänen ab. Es ist offenbar eine Art Gewohnheit bei Eddy, seine Losung an einem ganz bestimmten Ort abzulagern, an einem Ort, den er grundsätzlich nicht zur Nahrungsaufnahme oder zum Ausruhen und Schlafen benutzen will. Dieses Verhalten änderte sich drastisch, als ihm ein Tierarzt wegen Durchfallneigung Stroh statt Heu verordnet hatte: Eddy funktionierte die Fütterungsstelle als Klo um – alle Haufen mitten ins Stroh. Da die gewünschte Heilwirkung des Strohs ausblieb, stellte ich die Fütterung wieder auf Heu um – und Eddy stellte sein Verhalten auch sofort um – alle Haufen wieder in am gewohnten Platz. Einmal wollte ich Eddy etwas Gutes tun und kaufte ihm einen speziellen Ball mit integriertem Griff zum Spielen. Wohin ich diesen Ball auch gelegt hatte, stets setzte Eddy eine volle Ladung offenbar gezielt auf diesen "schönen" Ball – ganz so, als wollte er zum Ausdruck bringen, daß er dieses Ding einfach nicht mag. Ich war versucht, an die Floskel "da scheiß ich drauf" zu denken. |
Mißfallen oder Antipathie auf diese Art zum Ausdruck zu bringen, kenne ich eigentlich nur von unserer stubenreinen Katze. In unserer Wohnung zeigte sie einem Besucher durch das gezielte Fallenlassen einiger Kotbällchen vor seinen Füßen, daß sie ihn nicht mag. Irgendwie kommen mir da Redewendungen wie "ich scheiß dir was" in den Sinn, die aber aufgrund von Erziehung und Anstand nicht (mehr) explizit ausgeführt werden. Sollten diese "unanständigen" Aussagen über ein Gefühl letztlich gar einen natürlich Ursprung haben? Ich würde an einen Zufall glauben, es für ein ganz natürliches Bedürfnis halten, wenn es nicht diese "besonders" kleinen Häufchen wären, die Eddy so gezielt fallen läßt. Normalerweise überfordert seine Darmausscheidung nämlich hinsichtlich Kompaktheit und wie auch Größe sowohl Tragkraft als auch Fassungsvermögen einer Plastikgabel – bereits drei Stück sind beim Abmisten zerbrochen, haben der Belastung nicht Stand gehalten Einzelne Äpfel sind es auch, mit denen Eddy – ähnlich wie Hänsl und Gretl im Märchen – einen für ihn unbekannten Weg markiert. Innerhalb der ersten Hundert Meter auf einem fremden Weg setzt Eddy sein Zeichen. Der Markierungsrekord liegt bei sieben Darmentleerungen bei einem einstündigen Ausritt. Dabei tut sich Eddy zunehmend schwerer, "sein" Revier zu kennzeichnen, am Schluß sind es nur noch ein paar Pferdeäpfel, die nach etlicher Anstrengung auf den Weg fallen. In dem eben geschilderten Fall ist die Notdurft also eine Ausdrucksform von Eddy, die sich am treffendsten wohl als Hengstverhalten bezeichnen läßt – eine Art Revierdenken. |
Bei Eddy scheint der Darm ein Organ mit hochgradiger Empfindlichkeit zu sein. Es muß nicht Angst im eigentlichen Sinne sein, bereits Aufregung führt dazu, den Darm augenblicklich zu entleeren. Der Grad der Aufregung läßt sich auch aus der Konsistenz seiner Ausscheidung ablesen – je dünner, desto aufgeregter. So hat Eddy meine Unsicherheit, ob er denn problemlos in den Hänger gehen würde, sofort mit einem sprichwörtlichen Kuhfladen dokumentiert. Da sich Eddy normalerweise frei in den Hänger schicken läßt, ist es keine Angst seitens des Pferdes vor einer dunklen Höhle gewesen, sondern offenbar nur die von mir übertragene Besorgnis vor dem Verladen und dem Transport: Eddys Darm reagiert auf meinen Gemütszustand. Wenn es die Freizeit erlaubt, reiten wir mitunter beim Rückweg auch am Stall vorbei – für eine kurze Runde im gegenüberliegenden Wald. Einmal hatte ich Eddy auf dem Weg zum Stall durch den Begriff HEIM meine ursprüngliche Absicht signalisiert, wurde jedoch von unserem Begleiter dazu animiert, noch einen kleinen Umweg zu reiten. An der nächsten Weggabelung versuchte Eddy mich durch Kopfbewegungen darauf aufmerksam zu machen, daß es rechts HEIM geht. Nach gut 100 Metern setzte Eddy auf dem ihm bekannten Umweg das erste Häufchen in teigiger Konsistenz. Einige 100 Meter weiter war es bereits ein wässriger Brei, mit dem Eddy seine Aufregung zum Ausdruck brachte. Eddy hat das Signal HEIM absolut sicher verstanden, aber dann zweifelsfrei erkannt, daß ein Weg gewählt worden ist, der wieder vom Stall weg führt. Die Widersprüchlichkeit der Aussagen – die Stimmhilfe hatte Richtung Stall "befohlen", die reiterlichen Hilfen aber signalisierten in diesem Fall etwas anderes – versetzten Eddy deutlich in Aufregung. Obgleich Eddy willig und gehorsam an den reiterlichen Hilfen stand, nutzten wir die nächste Möglichkeit, den Stall nun direkt anzusteuern. Dort angekommen, konnte ich außerdem das sehr feuchte Haarkleid am Hals und im Brustbereich feststellen. Meine Inkonsequenz hat offenbar Streß bei Eddy ausgelöst – ein großes, schweres und scheinbar ruhiges Pferd, und doch so sensibel. Unlustvolle Erregungen, also nicht nur Angst, stimulieren demnach die Darmtätigkeit bei Eddy. Daß lustvolle Gefühle die gleichen physiologischen Erscheinungen auslösen, habe ich bei Eddy noch nicht beobachten können. Aufgefallen ist mir nur, daß etliche andere Pferde offenbar regelmäßig auf dem Putzplatz äpfeln – Genuß der Körperpflege oder Freude an der Abwechslung zum Alltagstrott? Oder doch nur Ausdruck von Antipathie dem Menschen gegenüber? Eddy jedenfalls hat den Putzplatz in all den Jahren noch nie verunreinigt. |
Wenn ich Eddy jedoch in seine frisch eingestreute Box bringe, ist es ihm – neben dem Fressen – ein dringendes Bedürfnis, an einer festgelegten Stelle zu harnen. Nach Meinung eines Tierarztes soll es sich dabei um eine Art Reflex des Harn- und Geschlechtsapparates handeln, wenn Pferde den Geruch von frischem Stroh verspüren. Eddy hat seine frisch gemachte Box aber auch entsprechend gekennzeichnet, als noch Sägespäne als Einstreu verwendet worden sind. Es kann also nicht nur am Geruch von Stroh speziell liegen, sondern im wesentlichen am "frischen Duft", den es zu "modifizieren" gilt. Falls sich Eddy früh morgens noch oder spät abends bereits in seiner Box befindet, wenn ich zum Stall komme, zeigt er ein bemerkenswertes Verhalten: Sobald Eddy nur meinen Schritt erkennt oder meine Stimme hört, ruft er verhältnismäßig laut, haben wir bereits Sichtkontakt, heißt er mich mit einem deutlich leiseren Grummeln willkommen. Nach intensivem Körperkontakt – Streicheleinheiten und Kraulen gehören zur Begrüßung – gehe ich Richtung Sattelkammer, um den Führstrick zu holen – und Eddy nutzt diese Pause, seine Blase zu entleeren. Wenn ich vorzeitig umkehre und in seine Box schaue, sehe ich ihn breitbeinig auf dem dazu auserkorenen Stammplatz mit Blick Richtung Fenster stehen und harnen. Eddy sieht mich natürlich auch – und gibt mir durch einen typischen doppelten Kollerlaut zu verstehen, daß er gleich soweit ist. |
Und genau bei dieser Gelegenheit dreht sich Eddy demonstrativ vor mir um, harnt über seinem Stammplatz und unterstreicht mit dem Kollerlaut "ICH BIN SOFORT SOWEIT", seine Erwartung, daß gleich etwas gemeinsam unternommen wird – es scheint ihm Wichtigeres als Fressen zu geben. Derart motiviert – ich möchte bewußt den Ausdruck erpreßt vermeiden – kommt es dann zu Situationen, die böse (!) Zungen zu bezeichnen wissen als "Dressman geht wieder Gassi mit seinem Zotti". Interessant ist in diesem Zusammenhang das "bewußte Aufsuchen der Toilette" ähnlich dem menschlichen Verhalten. Eine andere Gelegenheit, Harn abzusetzen, ordne ich dem Hengstverhalten zu. Mit erstaunlicher Zielsicherheit spürt Eddy die Plätze auf, wo rossige Stuten ihre Spuren hinterlassen haben: Intensiv wird gerochen, mehrmals geflehmt und dann der Geruch durch den eigenen Harn modifiziert. Zusammen mit einer rossigen Stute wird eine Art Ritual vollzogen. Die Stute tanzt mit gehobenem Schweif um Eddy herum, spritzt etwas Flüssigkeit ab und tritt daraufhin einige Meter zurück. Eddy beobachtet dieses Verhalten zunächst mit voll ausgeschachtetem Schlauch, sucht dann schnüffelnd und flehmend die betreffende Stelle auf, um letztendlich eine geringe Menge Harn abzusetzen. Kaum hat Eddy die Stelle verlassen, nähert sich die Stute prüfend der betreffenden Stelle – und das Spiel beginnt von vorne. |
Meiner Meinung nach ist das geräuschvolle Ablassen von Darmgasen ausschließlich eine Ausdrucksform des Erschreckens ähnlich einer Darmentleerung. Bei Fluchttieren öffnet sich der Schließmuskel im Angstzustand, während sich Jagdtiere genau gegensätzlich verhalten, nämlich den Darmausgang zu- und den Schwanz einkneifen. Wenn Eddy ein Wildpferd mimt, donnern seine Darmwinde unüberhörbar – verursacht lediglich durch lösende Bewegungen wie Buckeln. Nächste Woche: Sprich mit deinem Pferd! Abbildungen © Norbert Kaiser |
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zu Ausgabe Tinker Hallo, ich fand diesen Artikel sehr lesenswert und amüsant. Zumal er sehr gut die Sichtweise eines Anfängers zeigt und den Versuch, dem Pferd eine ehrliche Ausbildung zukommen zu lassen. Gewünscht hätte ich Ihnen mehr Unterstützung von den "Fachleuten" um Sie herum. Z.B. Doppellongenausbildung statt 3 Leute an der Longe hängen zu haben usw. Kotabsetzen ist "Pferdepost". Meine Pferde setzen auch im Gelände an den immer gleichen Stellen Äppel ab – und wir haben ein sehr weitläufiges Gelände! Das ist die Pferdepost. Meine Leitstute äppelt öfter als die Wallache. Unsere Pferde werden weitestgehend artgerecht gehalten. Wir haben die Weiden als Abenteuerspielplätze gestaltet. Bälle fänden sie genauso lächerlich wie Ihr Tinker. Gut finden sie kleine Wäldchen, Bachläufe, Verstecke, hügeliges Gelände und die Baumkreise, die wir auf den Weiden angepflanzt haben. Da werden sie im Herbst zugefüttert und im Sommer haben sie herrliche Laubdächer die Schatten spenden. Wir geben den Pferden die größtmögliche Freiheit was mit viel Arbeit verbunden ist.... Dennoch sehe ich immer wieder, wie selbstbewußt und "hart" unsere Pferde sind. Ich setze 3 meiner Pferde im Distanzsport ein und ich muß sagen, ihre Bänder und Sehnen sind durch die große Auslaufmöglichkeit hart wie "Stahl". Sie werden im Laufe der Jahre noch ganz viele Dinge an ihrem Pferd entdecken, die die "Gurus" Ihnen nicht vermitteln können. Bleiben Sie dabei Ihr Pferd aus Ihrer Sichtweise kennen zu lernen. Und nehmen Sie sich sooft Sie können die Zeit, Ihr Pferd in "Freiheit" zu beobachten. Dann werden Sie seine Vorlieben und seine Schwächen genau kennenlernen. Zum Schluß finde ich es toll, dass "sogar" ein Physiker soviel Begeisterung für das Lebewesen Pferd entwickeln kann! Danke für den tollen Beitrag! Gruß Ulrike Lotte U.Lotte |
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