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Presseinfos News: Susanne Hennig

Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 179, erschienen am 31.08.2002

Magazin  Ausgabe 179

Tinker Eddy: 100 Worte
Foto: Autorenhinweise m_red  » Norbert Kaiser
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Sprich mit deinem Pferd!
  2. Abschnitt  Instinkt und Intelligenz
  3. Abschnitt  Handeln aufgrund eigenständigen Denkens
  4. Abschnitt  Erkennung am Klang
  5. Abschnitt  Erlernen der menschlichen Ausdrucksweise
  6. Abschnitt  Kommunikation
  7. Abschnitt  Bezugssystem
  8. Abschnitt  Mimosenhafte Wesen
  9. Abschnitt  Körperbewußtsein
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 178:
Hauptartikel  Liebesverhältnis der besonderen Art

Teil Teil 2
Sprich mit deinem Pferd!

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 182:
Hauptartikel  Huch, Mietzekatze im Futter!

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 184:
Hauptartikel  Wie das Quieken von Schweinen

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 185:
Hauptartikel  Wir gehen zur Spielwiese

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 258:
Hauptartikel  Riechen und Schmecken

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 259:
Hauptartikel  Denke nicht wie ein Mensch

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 265:
Hauptartikel  Schlauch als Fühlometer

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 346:
Hauptartikel  Kommunikation ohne Worte
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Norbert Kaiser mit Tinkerfohlen May
Sprich mit deinem Pferd!

Verstand eines Kindes

Zum Thema
Thema  Irish Cob (Tinker)



von Autorenhinweise m_red  » Norbert Kaiser


Vorbemerkung

Eingangs habe ich schon einmal geschrieben, daß ich Eddy den Verstand eines Kindes zubillige.

Verstand ist an dieser Stelle bitte nur im übertragenen Sinne als Summe von Verhaltensmustern wie Auffassungsgabe und Lernwille zu verstehen. Ein Pferd wird nie wie ein Mensch denken und handeln, selbst wenn der subjektive Eindruck uns dies Glauben machen will! Ein Pferd ist und bleibt ein Pferd.

Eddys Verstand darf nicht mit Intelligenz im herkömmlichen Sinne gleichgesetzt werden, da tierische Intelligenz objektiv mit menschlichen Maßstäben eigentlich gar nicht erfaßt werden kann.

Handeln nach Erfahrung und Instinkt

Intelligenz ist unter anderem die Fähigkeit des Begreifens und Beurteilens, ein Vermögen, aus Erfahrung zu lernen und zu verstehen, Wissen zu erwerben und geeignet abzuspeichern und letztendlich die Gabe, Gelerntes zur Lösung neuer Aufgaben zu verwenden.

Die erste notwendige Voraussetzung für Intelligenz ist bei den Equiden zweifelsfrei erfüllt: Pferde besitzen geeigneten Sinnesorgane wie z. B. Augen und Ohren, um detaillierte Informationen aus der Umwelt zu erhalten.

Beutetiere können sich in freier Wildbahn für ein gesichertes Überleben keine Fehler erlauben. Deshalb wurden auch Pferde von Natur aus mit einem besonders guten Erinnerungsvermögen für leidvolle oder gefährliche Erlebnisse ausgestattet.

Schlechte Erfahrungen in Verbindung mit bestimmten Sachen oder Orten brennen sich bei Pferden förmlich ins Hirn. Deshalb werden auch ansonsten umgängliche Tiere plötzlich hysterisch, wenn eine aktuelle Situation häßliche Erinnerungen wachruft.

Ein Mensch, der nicht um die schlechten Erfahrungen eines Pferdes weiß, wird diese wichtige Vorsichtsmaßnahme eines Fluchttieres als unverständliches Benehmen wahrnehmen und deshalb fälschlicherweise als dumm bezeichnen.

Auch Eddy ist immer wieder entsetzt, wenn ein fremder Mann in seiner unmittelbaren Umgebung mit einem weißen Gegenstand wie etwa mit einem Handtuch hantiert – bei einem bekanntem Mann oder bei einer Frau reagiert er nicht.

Mit dem phantastischen photographischen Gedächtnis der Pferde werden wir immer dann konfrontiert, wenn sich in der gewohnten Umgebung mitunter nur Kleinigkeiten verändern. Bereits eine neue Uhr in der Reithalle, ein anderes Verkehrsschild am Straßenrand, der fehlende Baumstamm an der Weggabelung o. ä. können bei Pferden ungeahnte Irritationen hervorrufen.

Instinkt und Intelligenz  oben 



Tinker lieben Geschecktes
Die quasi angeborene Furcht und Vorsichtigkeit ist keineswegs ein Mangel an Intelligenz, sondern für mich eher ein Beweis dafür, daß Equiden über ein relativ hoch entwickeltes Gehirn verfügen, das aktuelle Eindrücke mit problemrelevanten Informationen aus dem Gedächtnis vergleichen und zur Bewältigung der Situation heranziehen kann.

Bei Eddy beobachte ich immer wieder, daß "positive" Erfahrungen und das Verhalten des "Alpha-Tieres" höher bewertet werden als das instinktive Verhalten eines Fluchttieres gegenüber einem Raubtier.

Instinkt sehe ich hier als niedere geistige Fähigkeit, die ein Tier zwingt, einen bestimmten Reiz, den es wahrnimmt, mit einer durch diesen Reiz ausgelösten Bewegung unbewußt und quasi willenlos zu beantworten.

Ein Bernhardinermischling in Größe eines Kalbes "besuchte" Eddy und mich bei der Bodenarbeit auf dem Reitplatz. Just in dem Moment, als dieser Hund nach dem herunterhängenden Ende der Longe geschnappt hatte, schien sich Eddy in eine Furie zu verwandeln: mit gefletschten Zähnen und steil nach unten gestrecktem Hals jagte er den Hund vom Platz.

Einem Spaziergänger mußte ich anraten, seinen kläffenden Hundemischling an die Leine zu nehmen, da Eddy nach offenbar unverstandenen Drohgebärden bereits seine Hinterhand in Position gebracht hatte.

Ich möchte hier nicht diskutieren, ob es ein Anzeichen von Intelligenz ist, wenn ein Beutetier ein Raubtier angreift – sei es nun aufgrund von Eifersucht oder aufgrund der Meinung, ein Herdenmitglied schützen und verteidigen zu müssen.

Interessant ist für mich in diesem Zusammenhang nur, daß Eddy offenbar seinen Verstand einsetzt, um die Situation zu beurteilen und entsprechend zu reagieren: Eddy scheint sich seiner Stärke (und seines Sieges) stets sicher zu sein, wenn er sich mit "unfreundlichen" Hunden anlegt – nicht einfach wegrennen wie ein Fluchttier, sondern denken und handeln wie ein Leittier.

Eddy ist demnach in der Lage, Ergebnisse ursprünglicher instinktiver Handlungen mit einem gewissen Verständnis wahrzunehmen und zu beurteilen, um sie künftig willentlich und bewußt zu beeinflussen.

Mag sein, daß im vorliegenden Fall nur Fluchtinstinkt durch Beschützerinstinkt ersetzt worden ist. Bemerkenswert ist mir aber die Tatsache, daß Eddys Instinkt abänderungsfähig ist, eine Eigenschaft, die laut Lehrbüchern nur bei Tieren höherer Ordnung anzutreffen ist.

Instinkt verstehe ich als langfristig angelegte Intelligenz. Schließlich sind Instinkte nichts anderes als das erlernte Wissen aus Erfahrung, die eine Spezies über sehr lange Zeit angesammelt hat. Instinkte sind alle Verhaltensmuster, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und so das Überleben der Art sichern.

Auch ein Mensch besitzt Instinkte. Doch wird bei ihm diese langfristige Intelligenz bereits frühzeitig durch erlerntes Verhalten mehr und mehr überlagert. Hieraus mag resultieren, daß viele Tierarten viel schneller und effektiver als der Mensch lernen, selbständig zu überleben.

Handeln aufgrund eigenständigen Denkens  oben 



Reitbetrieb Heike Lauger
Damals hatte ich schlichtweg nicht verstanden, was Eddy durch seine Ausbrüche aus der Graskoppel mitteilen wollte: Eine Graskoppel, etliche tausend Quadratmeter groß, mit ausreichend Trinkwasser ausgestattet, von weniger als zehn Pferden bevölkert – scheinbar ein Pferdeparadies.

Anfangs begnügte sich Eddy damit, darauf zu warten, bis der Strom mal aus Versehen nicht eingeschaltet war, um seine Masse durch die Weidezaunbänder zu quetschen und "unseren" SPIELPLATZ aufzusuchen, eine Wiese mit allerlei Unrat, optimal geeignet zum Spielen (Klettern, über Plastikplanen gehen, etc.) und natürlich auch ideal zum Fressen.

Dann wurde Eddy zunehmend erfinderischer: Schnell hatte er gelernt, daß der elektrisch nicht gesicherte Holzzaun am Waldrand seinen Kräften nicht gewachsen war.

Kaum war dieser Fluchtweg durch Elektroband gesichert, konnte ich auch ohne tiefere Pfadfinder-Kenntnisse seine Spur durch das dichte Gebüsch den steilen Abhang hinab verfolgen – als hätte ein Elefant einen Trampelpfad angelegt.

Als auch das Dickicht entsprechend abgesichert war, fällte Eddy einen morschen Baum derart, daß dessen Gewicht den Elektrozaun auf eine Höhe von ca. 30 Zentimeter niederdrückte. Die Rutschspuren am Hang und die Hufabdrücke waren eindeutiges Indiz – kein anderes Pferd aus der Herde hat Schuhgröße (Hufdurchmesser) von fast 18 Zentimeter.

Und was hat Eddy durch seine Freigänge zum Ausdruck bringen wollen? Wahrscheinlich nur, daß er sich bei Artgenossen im fortgeschrittenen Alter (über 20 Jahre) als Dreijähriger nicht wohl fühlt.

Mag sein, daß Eddy eher durch Zufall als durch Absicht "Werkzeuge" zum Erreichen seines Zieles eingesetzt hat. Unbestreitbar ist aber die Tatsache, daß seinem Handeln stets ein Denkprozeß (Vorstellungstrieb) vorangegangen sein muß, da weder Futter- noch Wassermangel ihn veranlaßt haben können, den sicheren Schutz der Herde zu verlassen, um allein den als SPIELPLATZ bezeichneten Ort aufzusuchen.

Eine andere Begebenheit ist in diesem Zusammenhang ebenfalls interessant:

Als ich mich nämlich auf die Lauer gelegt hatte, um Eddys Ausbruchsversuche beobachten zu können, stand er stets brav grasend auf der Wiese. Als mich aber jemand aus dem Stall mit der Frage angesprochen hatte, was ich denn da treiben würde und ich deshalb meine Aufmerksamkeit dieser Person widmete, um zu erklären, daß ich endlich einmal sehen wolle, wo und wie Eddy abhaut – war Eddy plötzlich verschwunden. Eine Minute später sahen wir beide Eddy aus dem Wald kommen und Richtung SPIELPLATZ marschieren.

Dieses Ausnutzen von Gelegenheiten werte ich als ein gewisses Maß an Schlauheit oder als zweckbewußte Willenshandlung (Gedankentrieb), da Eddy die Befriedigung seines Wunsches solange aufgeschoben hat, bis er absolut sicher war, nicht beobachtet zu werden.

Erkennung am Klang  oben 



Tinker mit Kleinkind
Im neuen Stall, zusammen mit etlichen gleichaltrigen Artgenossen, ist Eddy nicht mehr von der Koppel abgehauen, obgleich die Umzäunung keinerlei Hindernis für ihn dargestellt hat.

Ausgebüchst ist Eddy aber dafür bei anderen Gelegenheiten:

Um Westernreiten zu lernen, waren Reiter und Pferd für die Ausbildungszeit in einem anderen Stall untergebracht. Auf meinen Hinweis, daß Eddy, wenn er abhauen würde, zu unserem "neuen" SPIELPLATZ am Weiher gehen würde, hatte mir Judith – unsere Ausbilderin – nur erwidert, daß bei ihr in den letzten 10 Jahren nie ein Pferd ausgebrochen wäre.

Und bald kam der Tag, wo ein Spaziergänger bei Judith nachfragte, ob das schwarze Pferd mit den weißen Pelzstiefelchen beim Weiher zu ihrem Stall gehören würde.

Judith hatte nur kurz, um den vollen Schubkarren zum Mist zu fahren, den Strom abgestellt. Es war ihr ein Rätsel, warum sie das Klappern seiner Hufe auf dem asphaltierten Hof nicht gehört hat. Es schien, als hätte sich Eddy förmlich weggeschlichen.

Tatsache jedenfalls ist, daß Eddy sich offenbar nicht nur mit FRESSEN begnügen wollte, denn auf der kleinen Wiese auf dem Stallgelände hätte er auch seinen Hunger stillen können; er schlich zu jener Wiese, auf der er immer wieder mal einen kleinen Imbiß haben durfte. Eddy muß gewußt haben, daß er auf dem Stallgelände sofort entdeckt worden wäre.

Judith wollte mir auch nicht glauben, daß Eddy auf das Fahrzeug seines Besitzers reagiert, zumal sich nach ihrer Erfahrung und Meinung ein Pferd insbesondere in der Ausbildung nur auf seinen Reiter (bzw. seine Reiterin) konzentriert.

Eddy sah und hörte mein Motorrad, als ich am Reitplatz vorbeifuhr, um eine Reitstunde mit einem ausgebildeten Pferd zu absolvieren – und aus war es mit seiner Konzentration. Nach Eddys Logik gehören Fahrzeug, mein Erscheinen und letztendlich die Kontaktaufnahme zusammen. Und so konnte Judith erst nach unserer traditionellen Begrüßung ihre Ausbildung mit Eddy fortsetzen.

Fazit: Für Eddy war offenbar klar: wenn jetzt dieses MOTORRAD vorbeifährt, dann kommt kurze Zeit später Besuch. Auf mein AUTO reagiert Eddy ebenso.

Ergänzend sollte ich in diesem Zusammenhang vielleicht noch ein anderes kleines Erlebnis niederschreiben:

Ausbildungsstunden absolvierte ich anfangs ausschließlich auf Judith's Leitstute – teils unter den kritischen Blicken von Eddy, der auf der oberen Graskoppel stand. Als ich Eddy nach der Reitstunde auf jener Leitstute von seiner Koppel geholt hatte, um ihn in seine Box zu bringen, griff er die friedlich und auch relativ weit abseits unseres Weges stehende Leitstute scheinbar ohne Grund an.

Sollte es Eifersucht gewesen sein? Das wiederum würde bedeuten, daß Eddy mir gegenüber so etwas wie Zuneigung empfindet – offenbar haben Pferde auch Gefühle, Neid mit Rachsucht.

Erlernen der menschlichen Ausdrucksweise  oben 



Tinker mit Kleinkind
Viele Pferde lernen und befolgen menschliche Stimm-Kommandos wie Schee-Ritt, Tee-Rapp, um nur zwei bekannte Beispiele zu nennen. Wenn ein Pferd jedoch lediglich die Stimm-Kommandos befolgt, sei es nun aus Furcht vor Konsequenzen oder sei es aufgrund liebevoller Dressur, so läßt sich aus dieser Art der Verständigung noch nicht unbedingt auf hohe Intelligenz schließen.

Für mich ist auch die Tatsache, daß Eddy inzwischen mehr als 100 meiner akustischen Begriffe eindeutig unterscheiden kann, nicht unbedingt ein Zeichen überragender Intelligenz, schließlich gibt es andere Pferde wie etwa ZIVILIST, die mehr als die dreifache Menge verstehen.

Ist es aber nicht ein Zeichen von Intelligenz, wenn sich ein Lebewesen bemüht, die Sprache einer anderen Spezies zu lernen, um aktiv kommunizieren zu können?

Aufgrund der Anatomie kann sich Eddy natürlich nur sehr bedingt akustisch mit mir unterhalten, aber er kann sehr gut zuhören. Sein Verhalten zeigt mir mehr als deutlich, daß er jeweils den Sinn meiner Worte verstanden hat – und sei es, weil er zusätzlich geringste Körperbewegungen meinerseits analysiert.

Ich denke da an die vielen "Diskussionen", wenn ich nicht den Begriff für genau das Bewegungsmuster sage, das er momentan sieht. Wenn sich in der Ferne etwas bewegt, geht der Kopf beim Fressen nur etwa einen Meter hoch und verschwindet sofort wieder auf Grashöhe, wenn ich z. B. mit FAHRRAD einen Treffer lande.

Ist da noch etwas anderes, nimmt Eddy seinen Kopf ganz hoch und blickt genau in die betreffende Richtung. Erzielen wir immer noch keine Einigung, nimmt Eddy Hab-Acht-Stellung ein – und die letzte Stufe ist, daß Eddy hingehen will, um mir zu zeigen, was da ist:

Eddy läßt MANN nicht gelten, wenn es FRAU ist, alter MANN muß OPA heißen – jedes Bewegungsmuster hat einen anderen eindeutigen Namen (und für Eddy eine unterschiedliche Klangfarbe).

Einmal waren wir auf dem Wiesenweg spazieren und fressen, als PFERD BELLI auf der Straße vorbei kam – Einigung! Dann tauchte links am Horizont ein Schimmel auf – PFERD GALAN – und wieder waren wir gleicher Meinung.

Kurze Zeit später schnellte Eddys Kopf wieder hoch und blickte in Richtung Kanal. Ja, sagte ich, links ist PFERD GALAN, ganz rechts hinten PFERD BELLI. Plötzlich fing Eddy an zu wiehern und wollte unverzüglich in Richtung Kanal gehen. Ich bestand darauf, daß er bei mir blieb und er schrie mir dafür noch einige Zeit die Ohren voll – ein dummes (!) Tier.

Später, als ich gerade den Stall verlassen wollte, kam Thomas mit seiner Lisa zurück – und fragte, ob ich das auf dem Wiesenweg mit Eddy gewesen wäre. Vom Waldrand am Kanal aus hatte er einen Mann mit Pferd in der Nähe des Stalles spazieren gehen sehen. Galan und Belli hatte er erkennen können, da sie relativ nahe bei ihm vorbeigekommen waren.

Nun ist dies kein Beweis, daß Eddy bis 3 zählen kann. Aber für Eddy war ganz klar, daß ich das PFERD LISA nicht gesehen hatte – dies und nichts anderes wollte er mir lautstark mitteilen.

Kommunikation  oben 



Tinker mit Araberkopf
Generell nimmt es Eddy sehr genau, was und wie viel zu sehen ist. Eddy zählt dabei nicht, er registriert nur unterschiedliche Bewegungsmuster!

So waren wir beide beispielsweise nach einem 2-stündigen Ausritt bereits auf dem Wiesenweg der ACKERWIESE spazieren und fressen, als Thomas mit seiner Lisa nachkam.

Auf meine Aussage "Da kommt PFERD LISA" signalisierte mir Eddy durch seine Hab-Acht-Stellung sofort "stimmt nicht". Meine verbesserte Version "Da kommt PFERD LISA und EIN MANN" hat er unverzüglich akzeptiert und den Kopf wieder herunter genommen.

Eddy nimmt offenbar die Kommunikation mit mir sehr ernst. Deshalb versucht er stets, mir mit aller Deutlichkeit mitzuteilen, daß er die Bedeutung meiner Worte verstanden hat. Außerdem ist Eddy redlich bemüht, mir seine Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen:

  • Warum gräbt ein Pferd in Beisein seines Besitzers auf saftiger Wiese nach Wurzeln und schleckt dann den weichen Erdboden auf wie ein kleines Kind ein Eis?
    Und warum putzt dieses Pferd auf die dumme (!) Frage "Was machst Du da eigentlich" sein "Schokoladenmaul" demonstrativ an meinem Hemd ab, als wollte es sagen "Sieht man(n) das nicht"?

Die Blutanalyse ergab Selen- und Mineralstoffmangel. Und so teilt mir Eddy jetzt immer durch sein Erdboden-Schlecken mit, wenn der Behälter mit dem Zusatzfutter leer ist. Was mir die Stallbediensteten nicht sagen, verrät mir mein Pferd.

Als Maßstab im wahrsten Sinne des Wortes mag bei Eddy die Länge des ausgeschachteten Schlauches gelten. Gewiß, ein entspanntes Pferd läßt seinen Schlauch mitunter ein Stück heraus hängen. Bei Eddy ist dies aber differenzierter:

Wenn ich Eddy nur putze, um Dreck zu entfernen, bleiben Eddys Schlauch und Geschlechtsteil wo sie hingehören: im Beutel.

Wenn aber meine mentale Einstellung eher Freundschaftsdienst signalisiert und Geschwindigkeit der Bürstenbewegung und Anpreßdruck stimmen, wenn das Putzen eher als kameradschaftliche Körperpflege interpretiert wird, dann zeigt die Länge des ausgefahrenen Schlauches Eddys Wohlbefinden an – zusätzlich zu der rüsselartig vorgewölbten Oberlippe; je länger, desto höher der Genuß.

Auch beim Schmusen und sogar bei "Spielen" läßt sich förmlich mit dem Maßstab messen, wie sympathisch mich Eddy in diesem Augenblick findet. Die Art, wie ich sogenannte Zirkuslektionen abverlange, scheint Eddy demnach mehr als Spiel und weniger als Arbeit zu empfinden. Es ist meine körperliche und geistige Nähe, die Eddy mit sexueller Stimulanz beantwortet. Das ist erlebte und gelebte Kommunikation ohne Worte!

Diese Art von Eddy, mir Komplimente machen, ist sicherlich nicht unbedingt ein Zeichen von Intelligenz im eigentlichen Sinne, es zeigt nur sein eher ungehemmtes Verhältnis zur Sexualität, während wir Menschen aufgrund unserer Intelligenz entsprechend den gesellschaftlichen Verhaltensmustern eher verklemmt und beschämt sind.

Bezugssystem  oben 



Tinker mit Kaiser-Wilhelm-Bart
Um Kommunikation mit einem Tier betreiben zu können, ist eine der Voraussetzungen, dessen Bezugssystem zu verstehen und uneingeschränkt zu akzeptieren. Wenn ich eingangs schrieb, ich müsse pferdisch lernen, war damit also nicht gemeint, nun anfangen zu müssen, wie ein Equide zu wiehern.

Pferdisch heißt, die bewußten und unbewußten Gefühlsäußerungen dieses Lebewesens zu beobachten und zu interpretieren, um sich Art-übergreifend verständigen zu können.

So habe ich z. B. gelernt, Eddys Äußerungen zu verstehen, wenn er WASSER will. Wenn nun Eddys Durst gestillt ist, behält er den letzten Schluck im Maul, ohne ihn runter zu schlucken.

Ignoriere ich diese Gestik, so spielen Eddys Lippen ganz sanft an meiner Hand, die den Wassereimer hält – ganz so, als wolle er Danke sagen. Nehme ich dieses Gebaren bewußt nicht zur Kenntnis, stößt Eddy leicht mit dem Kopf an den Wassereimer. Mime ich immer noch den Begriffsstutzigen, so bin ich letztendlich naß – falls noch genügend Wasser im Eimer gewesen sein sollte.

Da ein Pferd dem anderen sicherlich nie einen Eimer mit Wasser reichen wird, ist diese Methode der Kommunikation alles andere als arttypisch, es ist bewußt und reproduzierbar ausgeführte Art-übergreifende Verständigung seitens eines Pferdes namens Eddy.

Letztendlich sind es offenbar relativ einfache und intuitive Wahrnehmungen, die eine Basis für die Kommunikation bilden. Also mit den Augen genau beobachten, mit den Ohren aufmerksam zuhören und unvoreingenommen die Wahrnehmungen der innere Stimme berücksichtigen.

Andererseits scheinen auch Pferde sehr sensibel und intensiv auf jene menschliche Ausdrucksweise zu reagieren, die ich als stumme Sprache des Herzens bezeichnen möchte. Mag sein, daß Pat Parelli genau dies meint, wenn er sagt, daß für harmonisches Horseman-Ship im Handeln und Fühlen das Pferd halb Mensch und der Mensch halb Pferd geworden ist.

Wenn ausschließlich primäre Instinkte und die Befriedigung derselben die Hauptaufgabe der Intelligenz bei Pferden ist, so wäre diese Form der Anpassung, diese Art Kommunikation zwischen Equiden und Menschen absolut unmöglich.

Mimosenhafte Wesen  oben 



Lebensfreude pur
Normalerweise weiß Eddy, daß er in meiner Person einen Menschen, ein mimosenhaftes Wesen vor sich hat, das wie ein rohes Ei behandelt werden will und muß. So benutzt er zu meiner "Fellpflege" weitgehend nur die Lippen und beim Einsatz seiner Zähne bleiben keine blauen Flecke zurück. Meine Haare sortiert er liebevoll mit seinem Atem oder vorsichtig mit den Lippen.

Beim Spielen scheint er aber ab und zu dieses Wissen zu verdrängen. So hat er eines Tages einmal derart nach mir geschnappt, daß ich die Zähne an meinen Fingern spüren konnte. Mehr reflexartig als bewußt habe ich reagiert und ihm sofort einen leichten Klaps auf die Wange gegeben.

Seine Reaktion hat mich dann doch etwas überrascht: Eddy ist etwa zwei Meter von mir weggehopst, hat den Kopf gesenkt und die Lippen fest zusammengepreßt wie ein kleines Kind, das nach einem körperlichen Verweis der Meinung ist, daß es doch eigentlich gar nichts Schlimmes angestellt habe.

Als ich mich Eddy genähert habe, hat sein Maul Bewegungen ausgeführt, die teilweise wie die Kaubewegungen von Fohlen (Unterwürfigkeitsgeste) und teilweise wie Gähnen ausgesehen haben – und: dicke Tränen liefen über Eddys Gesicht.

Da Eddy bei Müdigkeit in ganz anderer Form gähnt, konnten diese Maulbewegungen nur bedeuten, daß er mich als Ranghöheren anerkennt und er keine Konfrontation mit mir sucht. Diese Art zu Gähnen ist offenbar ein klares Signal, eine angespannte Situation zu entschärfen.

Daß Eddy bewußt Krokodilstränen weinen kann, glaube ich nicht. Wahrscheinlich sind durch die Berührung lediglich Reflexe ausgelöst worden, die zu einer vermehrten Flüssigkeitsansammlung im Auge sorgen. So hat Eddy auch etliche Tränen vergossen, nachdem ihm der Hufschmied einen Klaps verabreicht hatte.

Beim Hufausschneiden ist Eddy mehrfach ermahnt worden, ruhig zu stehen und seinen Kopf oben zu lassen – aber Eddy sah sich derart gelangweilt, daß er dem Schmied ein Messer aus der Tasche ziehen, den Gürtel der Schürze öffnen mußte, bis eben der Schmied unwirsch, aber nicht unbedingt grob, reagiert hat. Wie gesagt, auch hier hat Eddy jede Menge Tränen vergossen – aber dafür so ruhig dagestanden, als wäre er aus Stein.

Mag sein, daß es für Eddy mehr ein Spiel und weniger bewußtes Handeln ist, die zulässigen Grenzen immer wieder auszuloten.

Trotzdem: Was Eddy tut, tut er in voller Absicht. So hat er auf meine "Androhung", daß ich jetzt noch seine Mähne waschen will, einfach seinen Huf auf meinen Fuß gestellt, um mir seine ablehnende Haltung zu demonstrieren, da er das Waschen der Mähne absolut nicht mag.

Wenn ein 800-kg-Pferd bei festen Untergrund (Betonboden) auf einen menschlichen Fuß steigt, der nur durch einen dünnen Gummistiefel geschützt ist, wird dieser Fuß, zumindest die Zehen, in der Regel verletzt. Eddy stellt aber vorsichtig – und offenbar ganz absichtlich – seinen Huf so ab, daß ich meinen Fuß gerade nicht unter seinem Huf vorziehen kann und hebt ihn bei Ermahnung auch sofort wieder auf.

Da ich bei allen körperlichen Attacken durch Eddy bisher keinerlei Verletzungen wie blaue Flecke oder Bißwunden davon getragen habe, muß ich davon ausgehen, daß Eddy lediglich mit mehr Bestimmtheit seine Meinung kundtut, wenn seine sanften Signale von mir (noch) nicht verstanden werden.

Körperbewußtsein  oben 



Können Tinker auch!
Eddy ist sich auch seiner Größe, seiner Ausstrahlung und der Anmut seiner Bewegungen voll bewußt. Als ich mich einmal beim gemeinsamen Spiel auf der Koppel von den sehr bunt gekleideten Joggern ablenken ließ, zeigte Eddy das gesamte Repertoire eines Hengstes, drei Runden teilweise Galopp, bei teilweise perfekte Piaffen mit gehobenem Schweif, zeitweise lautes Röhren und Prusten.

Die Jogger hatten sich in bunte Standfiguren verwandelt, als Eddy letztendlich in gekonntem Stopp vor mir stand mit dem fragenden Blick, ob er auch wirklich gut gewesen sei. Eddy hat bewußt eine Show abgezogen, um meine Aufmerksamkeit (und die der anderen Menschen) auf sich zu lenken.

Eddy setzt auch gerne seine Körperfülle ein, um Menschen zu beeindrucken. Als wir frei in der Halle spielten, bat eine junge Frau, in die Halle kommen und die Hinterlassenschaften ihres Pferdes beseitigen zu dürfen.

Kaum hatte sie die Halle betreten, wurde sie von Eddy als "Opfer" auserkoren: In leichtfüßigem Trab tänzelte er auf die Frau zu, um sich dann demonstrativ vor ihr aufzubauen unter dem Motto: Kein Weiterkommen ohne Belohnung (Streicheleinheiten oder Lekkerli).

Meinen Wunsch, die Ärmste in Ruhe zu lassen und zu mir zu kommen, quittierte Eddy lediglich mit einem kurzen Blick in meine Richtung. Meine daraufhin in Befehlston vorgebrachte Äußerung, ihn quasi als Strafe zu reiten, veranlaßte Eddy, sofort von der Frau abzulassen – allerdings kommentiert mit einem lauten Quietschen.

Diese anfängliche Ablehnung ist als Zeichen von Selbstbestimmung zu werten. Eddy besitzt offenbar soviel Intelligenz und Einfühlungsvermögen, um zwischen Wunsch und Befehl des Alpha-Tieres unterscheiden zu können.

Letztendlich mag Eddy durch seine scheinbar grenzenlose Bereitschaft zur Zusammenarbeit und
Folgsamkeit einem Außenstehenden als dumm erscheinen. Aber gerade diese sichtbare Treue und Aufgeschlossenheit sowie sein schier blindes Vertrauen in einen Menschen darf nicht als Aspekt für fehlende Klugheit ausgelegt werden.

Nächste Woche: Die Augen des Pferdes

Abbildungen
Soweit nicht anders angegeben:
© Christiane Slawik, Tel + Fax: 0931/57577, aus dem Buch Tinker Ponies
mit freundlicher Genehmigung auch des Cadmos-Verlags

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Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

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