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Serreta Von Aus dem Buch Das Spanische Pferd habe ich einen Abschnitt über ein umstrittenes Instrument zitiert: die Serreta. Selbst die Autoren dieses Buches, die Spanien, den Spaniern und den spanischen Pferden gegenüber mit Sicherheit äußerst wohlwollend eingestellt sind, mußten zugeben, daß die Serreta bei unsachgemäßem Gebrauch zum "Hölleninstrument" werden kann. Nun sollte man sich nicht selbstzufrieden zurücklehnen, weil man so ein Instrument niemals einsetzen würde. Die Nicht-Spanier machen im Prinzip das Gleiche, nur anders. Im gleichen Zusammenhang haben die Autoren Hilfszügel genannt, die hierzulande gang und gäbe sind; diese sind ebenfalls sehr umstritten. Es geht immer um die Gewaltanwendung gegenüber dem Pferd. Ich will das Zitat als Anlaß nehmen, wieder einmal über Gebisse zu schreiben. Es ist jetzt sicher schon zwei Jahre her, da hat die Cavallo einen Artikel veröffentlicht, der die neuesten Forschungsergebnisse eines amerikanischen Professors erläuterte. Dieser hatte (meiner Erinnerung zufolge) nach seiner Emeritierung umfangreiche Untersuchungen angestellt und dabei herausgefunden, daß die Pferde durch ein Gebiß bei hoher Beanspruchung nicht genug Luft bekommen. Die deutsche Firma Sprenger, die unter anderem Gebisse fertigt, hatte bei der Tierärztlichen Hochschule in Hannover eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die die Verhältnisse im Pferdemaul untersuchen sollten. Das Ergebnis war ebenfalls eine große Überraschung: im Pferdemaul ist wesentlich weniger Platz, als man angenommen hatte. Bekanntlich verwenden die vornehmen Reiter sogar zwei Garnituren Eisen, wobei das eine sozusagen nur im Notfall zum Einsatz kommen soll, was in einer Prüfung natürlich nicht vorkommen darf, während das andere zur normalen Kommunikation verwendet wird. Genau das, so habe ich aus dem Buch erfahren, ist der Sinn der Serreta: Das Pferdemaul zu schonen und empfindlich zu halten. Mit anderen Worten: Der mehr oder weniger normale Gebrauch des Gebisses stumpft das Pferd ab. Ich habe mich immer wieder gefragt und frage mich bis heute, ob irgend jemand weiß, wie ein Pferd ein Gebiß empfindet. Pferde sind in gewisser Weise körperlich mit uns verwandt: Pferde und Menschen sind im wesentlichen gleich gebaut. Pferde haben von Natur aus eine Lücke zwischen den vorderen und hinteren Zähnen, die bei Menschen durch Zahnausfall ebenfalls entstehen kann – heutzutage wird so etwas durch eine Brücke kaschiert. Wenn ich mir vorstelle, daß ich entsprechende Zahnlücken hätte und darin ein Gebiß tragen würde (eine beliebte Vorstellung bei Kindern: ich bin ein Pferd), frage ich mich, wie dieses Gebiß auf die Laden drücken kann, ohne einen gehörigen Schmerz zu verursachen. Der Kiefer ist ein Knochen, und vermutlich sind alle Knochen mit einer Knochenhaut überzogen. Diese Knochenhaut kann entsetzlich schmerzen, wie ich durch meinen Sturz im letzten Herbst erfahren durfte. Ich spüre diesen Schmerz immer noch mehr oder weniger täglich. Sollten die Pferde an dieser Stelle keinen Schmerz empfinden? Auf jeden Fall können sie offenbar unempfindlich werden. Dann bleibt nur noch die mechanische Einwirkung, und das ist wohl zu wenig. Daher haben die Menschen allerhand Varianten erfunden, die eine Hebelwirkung ausnutzen und in vielen Fällen auf den Gaumen drücken. Eines der bekanntesten Gebisse mit Hebelmechanik und Gaumendruck ist heutzutage das Tellington-Gebiß, das frei an an jedermann verkauft wird. Für mich bürgte dieser Name für einen behutsamen, pferdefreundlichen Umgang. Es dauerte lange, bis ich erkannte, welches Gewaltinstrument dieses Gebiß darstellt. In der Literatur findet man selbstverständlich die Warnung, daß Kandaren, also Gebisse mit Hebelwirkung, nicht in die Hände von Anfängern gehören und nur dann benutzt werden dürfen, wenn man sie nicht mehr einsetzen muß (siehe z.B. Rezension Die richtige Zäumung). Das erscheint absurd. Warum sollte man sie dann einsetzen? Auf dem Westernturnier konnte ich erleben, daß die Teilnehmer nach der Prüfung das Gebiß aus dem Maul nehmen mußten, um es dem Prüfer zu zeigen (Turnier zu Pfingsten). Mit anderen Worten: Gebisse werden nach wie vor als Zwangsmittel eingesetzt, und manche davon sind offenbar so kriminell, daß die Prüfungsordnung entsprechend geändert worden ist und vorsieht, daß die Teilnehmer sich einer peinlichen Überprüfung unterziehen müssen. Machen wir uns nichts vor: Der Mensch macht sich das Pferd mit Gewalt untertan, in Spanien und auch überall sonst. Der erwähnte Professor hat nicht nur die Luftverhältnisse untersucht, sondern auch den Druck, der durch den Zügelzug auf dem Pferdekiefer lastet. Die Ergebnisse waren sensationell: Alle Reiter hatten subjektiv den Eindruck, wesentlich weniger Druck auszuüben, als tatsächlich gemessen wurde; dieser Druck aber war enorm hoch. Der Professor untersuchte daraufhin die Frage, ob Gebisse überhaupt notwendig sind, und fand heraus, daß sie ersatzlos gestrichen werden können. Er erfand ein neues Halfter, bei dem die Zügel zunächst nach vorne geführt und über der Nase des Pferdes gekreuzt werden. Selbstverständlich wird dieses Produkt auch nach Deutschland importiert. Ich wüßte aber nicht, daß danach eine Nachfrage besteht. Diese Erfindung wurde sozusagen vom Markt nicht angenommen. Die Erkenntnis ist nicht erwünscht. Meine Tochter Leevke hat unabhängig von diesen Untersuchungen eine ähnliche Zäumung entwickelt und damit sehr gute Erfahrungen gemacht: Ein normales Halfter oder etwas Ähnliches wird mit einem Zügel kombiniert, wobei der rechte Zügel über die Nase des Pferdes nach links läuft und umgekehrt. Man kann damit sowohl gleichmäßig als auch ungleichmäßig Druck auf die Nase ausüben und damit das Pferd lenken bzw. durchparieren. Merle ist inzwischen ebenfalls auf diese Zäumung umgestiegen. Wenn man sich vor Augen führt, daß ein Pferd die Bewegungen einer Fliege auf seinem Fell spürt, wird klar, daß es nur geringster Signale bedarf, um ein Pferd zu lenken. Dazu ist sozusagen jedes Mittel recht. Wenn das Pferd aber nicht will, nützt auch konsequente Aufrüstung nichts, es sei denn, das Pferd resigniert irgendwann. Wer meint, daß man ein durchgehendes Pferd mit Hilfe eines scharfen Gebisses halten kann, befindet sich in einem gefährlichen Irrtum. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe auf einer Kutsche gesessen, als das Pferd durchging. Ich mußte erkennen, daß ich besser mit meinem Leben abschließe. Glücklicherweise habe ich überlebt und nur ganz leichte Blessuren davongetragen. Die Kutscherin war kaltblütig genug, das Pferd gegen eine Wand zu lenken, was zeigt, daß eine Richtungsänderung noch möglich sein mag; ein Durchparieren war nicht möglich. Vermutlich ist aus der Erkenntnis, daß man ein Pferd im Notfall eben nicht halten kann, die Absicht erwachsen, mit immer schärferen Gebissen diesem Ziel dennoch näherzukommen. Die Geschichte hat gezeigt, daß die Menschen sich unglaubliche Folterinstrumente ausgedacht haben, aber keines ist sinnvoll, brauchbar oder zu rechtfertigen. Alle diese Überlegungen werden aber in der Praxis keinerlei Konsequenzen haben. Man hat schon immer Gebisse verwendet, man wird das auch weiterhin tun, eine ganze Industrie lebt gut davon, die Kunden kaufen gerne und reichlich, und die Pferde lassen es sich gefallen. Wo ist also das Problem? Man wird sich lediglich gegen Auswüchse wenden. Ein blutiges Pferdemaul macht sich ebenso schlecht wie eine blutige Pferdenase. Oder sollten die Menschen doch in einem Prozeß des Umdenkens sein? Davon kann ich noch nicht viel bemerken, aber das will nichts heißen. Die Anfänge sind immer unscheinbar. Vielleicht wandelt sich doch etwas in der jahrtausendealten Tradition. Die Rolle und der Einsatz des Pferdes haben sich definitiv und unwiderruflich gewandelt. Das mag andere Wandlungsprozesse nach sich ziehen. Der vorübergehende Mißerfolg des amerikanischen Professors darf deshalb nicht überbewertet werden. Einem Einwand möchte ich noch vorbeugen: Manche Leute meinen, daß sie ohne Gebiß nicht in der Öffentlichkeit erscheinen dürfen, da bei einem Unfall der Versicherungsschutz hinfällig sein könnte. Ob dem so ist, kann ich nicht beurteilen, auf jeden Fall wäre ich gespannt darauf, ob eine solche Klausel einer rechtlichen Überprüfung standhalten würde. Man kann in Verträge allerhand hineinschreiben, ob sie rechtlich relevant sind, ist eine ganz andere Frage. Diese Klausel müßte im Kausalzusammenhang gerechtfertigt werden, und da ein Gebiß eben keine Garantie in Bezug auf die Lenkbarkeit darstellt, genauer gesagt: noch nicht einmal eine Aussage in Bezug auf die Einwirkungsmöglichkeit zuläßt (das Pferd könnte "hart im Maul" sein), sehe ich die Chancen der Versicherung, sich aus der Verantwortung zu stehlen, als ziemlich gering an. |
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