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Das Gestüt Ostenfelde lag jenseits des Waldes. Heute gehört der Hof einem Arzt, der für seine Tochter einen Reitstall eingerichtet hat. Dieser Mann hatte kein Verständnis dafür, daß die hochberühmten und verdienten Spitzenvererber des Gestüts Ostenfelde in ihrem hohen Alter nicht mehr verpflanzt werden sollten. Die Thörners hatten zwar das Eigentum an Euben und Camerton auf die Sißmanns übertragen, diese wollten die alten Herrschaften jedoch ursprünglich nicht auf den Funkenhof holen, sondern sie in ihren angestammten Häusern belassen. "Das waren eigentlich Hütten, nicht besonders komfortabel, aber vollkommen ausreichend. Die beiden lebten dort Sommers wie Winters im Freien. Euben hatte in seiner Jugend einen Boxenbrand erlebt und war dadurch extrem eigen." Euben und Camerton. Das sind offenbar Persönlichkeiten, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Werner Sißmann spricht mit großem Respekt von diesen beiden Pferden. "Der neue Besitzer war ungeduldig. Die Pferde mußten weg. Wir haben überlegt, wie wir sie hierher kriegen. Sollten wir versuchen, sie zu verladen? Ohne Sedierung wäre das nicht gegangen. Und wie hätten sie darauf reagiert?" Beide Pferde waren polnisch gezogen, von Janow Podlaski, 1972 bzw. 1973 geboren, und seit 1977 bis zur Auflösung des Gestüts 1998 Hauptbeschäler auf Ostenfelde (› Ostenfelder Erbe). "Wir haben uns dann entschlossen, sie über die Felder hierher zu führen. Auch das war nicht einfach, sie waren ja nie getrennt. Erst haben wir Camerton geführt, dann Euben, und alles wurde fotografisch dokumentiert. Beide haben sich auf der großen Allee, die zu Ostenfelde führt, umgeschaut, als wollten sie sagen: 'Wir kehren nie zurück'. Euben ist in dem Moment fotografiert worden, als er Camerton auf dem Funkenhof entdeckte. Ein bewegendes Foto, das um die ganze Welt gegangen ist!" Man sieht ihm sein Alter an, er ist mit 26 Jahren abgemagert. Der Vergleich mit dem Starfoto spricht Bände. Es ging ihm aber bis zuletzt noch gut. Die beiden haben die Offenställe bezogen, die jetzt von den beiden Pensionspferden und einem Hengst bewohnt werden. So haben sie ihren Lebensabend in der gleichen Weise verbringen können, wie sie 20 Jahre zuvor gelebt hatten: Seite an Seite. "Aber irgendwann hat Euben das Alter eingeholt. Er ist 29 Jahre alt geworden. Und ein paar Monate später ist Camerton ihm gefolgt." Auch Camerton ist 29 Jahre alt geworden; nicht ganz, zwei Tage fehlten ihm. Euben hat ungefähr 600 Fohlen gezeugt; seine Nachkommen sind auf der ganzen Welt zu finden. Camerton und Euben sind nachträglich vom Verband der Züchter des Arabischen Pferdes (» VZAP) aufgrund ihrer Verdienste zu Elitehengsten ernannt worden. Werner Sißmann beeilte sich, hinzuzufügen: "Den Titel haben andere auch bekommen." Es wäre ja legitim und in Ordnung gewesen, lediglich auf den Titel des Elitehengstes hinzuweisen. Der Nachsatz war eigentlich überflüssig und relativierte die Auszeichnung. Aber er zeigte, daß die Sißmanns sich nicht überschätzen, sich nicht als den Nabel der Welt sehen, als diejenigen, die die Welt beglücken müssen, wie das so häufig der Fall ist. Sie wissen, was sie tun, sind auch gerne bereit, darüber zu reden, aber sie wissen auch, daß die Welt groß ist und sie selbst nur ein kleiner Teil. Wie sehen sich die Sißmanns im Vergleich mit den anderen Züchtern, wie gehen die Züchter miteinander um? Sie haben gemeinsame Interessen, sind aber auch Konkurrenten. Das ist eine schwierige Situation. In vielen Zuchtverbänden oder Interessengemeinschaften kommt es deshalb zu Streitereien und Spaltungen. "Wir haben ein gutes Verhältnis untereinander, aber es ist nicht besonders eng. Jeder bleibt überwiegend für sich. Wir nehmen gegenseitig Hengste in Anspruch." Damit sind wir beim nächsten Thema. Die Ismers, so hatte ich seinerzeit ausgeführt, züchten polnisch (› Vollblutaraber in Niedersachsen, › Die große Gestütsschau). Da gab es dann noch die "asilen"; eine Woche nach meinem Besuch in Marbach (› Araber) hatte es dort ein großes Fest unter diesem Zeichen gegeben (» Asil Cup International). "Asil heißt ja 'rein', das ist also die ägyptische Reinzucht. Dann gibt es die polnischen, die spanischen, die russischen Blutlinien, die Shagyas, die Angloaraber usw. Die sind alle in der » WAHO zusammengefaßt, der World Arabian Horse Organisation, 50 Zuchtverbände. Was bei der WAHO eingetragen ist, ist arabisch. Damit kann man züchten, der Rest ist dem Züchter überlassen." |
Es ist Vatertag, Radfahrer kommen des Wegs, und Mathreb reagiert sofort, stellt sich in Positur, und der Fotograf ergreift seine Chance. Leider ist der Standpunkt ungünstig, der Zaun ist dazwischen. Dem Retuscheur ist nichts zu schwer, schon gar nicht, wenn digital bearbeitet wird. Meine Frau lästert natürlich wieder, wie immer, wenn ich "schummele", und das ist für sie schon dann der Fall, wenn ich ein Teleobjektiv einsetze. Ich gebe ja zu, daß eine Brennweite von 420 Millimetern die Perspektive eines Fernglases verleiht und nicht so recht dem Augeneindruck entspricht, aber auch ein Weitwinkel zeigt etwas, das das Auge so nicht wahrnimmt. Wo fängt also die Lüge an? Das Auge ist in der Lage, zu abstrahieren. Wir nehmen die Schönheit des Pferdes insgesamt wahr und blenden die Existenz des Zaunes aus. Der Zaun verschwindet. Insofern fühle ich mich gerechtfertigt. Das fertige Foto klebt den Zaun wieder vor das Pferd, das Auge ist nicht mehr in der Lage, jedenfalls nicht mehr so leicht, den Zaun auszufiltern. Also nehme ich den elektronischen Pinsel zu Hilfe. Nun kommt das Pferd in seiner ganzen Schönheit auch im Foto zur Geltung! Ich hatte befürchtet, daß ich ein Problem bekommen würde, weil ja nun der Zaunpfosten hinter dem Pferd steht, wo er sich doch in Wirklichkeit vor dem Pferd befindet. Das Auge läßt sich aber täuschen, vermutlich durch den Löwenzahn. Beide Bilder sind gleichermaßen glaubhaft. Wer hätte das gedacht? Für diejenigen unter Ihnen, die solches ebenfalls versuchen wollen: Mein Bildbearbeitungsprogramm, Paint Shop Pro, hat einen sogenannten Clone Brush. Damit kann man die Textur einer bestimmten Stelle auf eine andere übertragen. Man nimmt zum Beispiel leicht unterhalb des Elektrobandes eine Probe und wischt nach oben. Damit wird das Elektroband durch die Textur unterhalb des Bandes ersetzt. Das Verfahren ist dort idiotensicher, wo die Textur sich kaum ändert oder so unregelmäßig und kleinteilig, daß der Ersatz nicht auffällt. Die Fellfärbung ändert sich natürlich ständig, weil dadurch der Körper und die Muskeln des Pferdes gezeichnet werden. Mit den Ersatz von anderer Stelle ist es also nicht getan. Man müßte das Fell unterhalb des Elektrobandes rekonstruieren, aber wie? Es hilft nichts: Man muß doch schummeln. Der unpassende Fellersatz wird durch Überwischen angeglichen, wobei in diesem Fall der Pinsel sehr groß und grob eingestellt ist, d. h. Dichte (Density) und Deckung (Opacity) so um 60, 70%. Man könnte nun vermuten, daß der Unterschied nur in der Verkleinerung nicht sichtbar wird, aber das ist nicht der Fall. Auch in der Originalgröße müßte man schon sehr scharfsinnig sein, wenn man die Täuschung entdecken wollte. Die ganze Operation hat etwa zehn Minuten gedauert. Das wichtigste war der Entschluß. Wenn ich jetzt konsequent wäre, würde ich den Pfosten auch noch entfernen und dann noch den Baum und sämtliche Elektrobänder. Dann hätten wir einen hochedlen Araber frei inmitten deutscher Kulturlandschaft – komplett gelogen, wer's glaubt, wird selig. |
Also muß sich er überlegen, wie er mit vernünftigem Aufwand seine Kunden zufriedenstellen kann. Ich hatte den Zufall ausgenutzt, aber dazu muß man Glück haben. Das ist für einen Profi zu unsicher. Deshalb muß er die Aufmerksamkeit der Modelle mit anderen Mitteln sicherstellen. Er braucht eine Trickkiste und viel Erfahrung. Hengste kann man relativ leicht zu ausdrucksvollen Haltungen bewegen. Man braucht lediglich eine Stute, mit der man ein wenig "herumwedelt". Entsprechende Lautäußerungen vom Tonband verfehlen ebenfalls nicht ihre Wirkung. Werner Sißmann lieh sich die Jacke seiner Frau aus. Mit dieser spielte er ein wenig Torero, und schon ging der Hengst ab. Nun war ich am Zuge und mußte versuchen, die richtigen Schnappschüsse einzufangen. Zwar bin ich von meiner Digitalkamera sehr angetan, aber einige Beschränkungen hat sie schon. Zum Beispiel ist alles automatisch, auch die Scharfeinstellung. Da nun so ein galoppierender Hengst sehr schnell näherkommt und sich wieder entfernt, hat die Kamera in dieser Hinsicht gewisse Probleme. Natürlich habe ich die Serienschaltung genutzt; aber auch die ist nicht unproblematisch, denn nach einigen Schüssen bin ich außer Gefecht gesetzt, weil die Kamera die Daten erst einmal speichern muß – und das dauert. Inzwischen ist der Hengst schon ganz woanders. Ich hatte außerdem versäumt, das Kontrollbild auszuschalten; infolgedessen war ich für die Dauer von einer Sekunde "blind". Ach ja, ich muß noch viel lernen. Zufällig habe ich vor einigen Wochen in einer Fachzeitschrift gelesen, daß es eine Kamera auf dem Markt gibt, die Serienbilder in Echtzeit speichern kann, so lange, bis das Speichermedium voll ist. Phantastisch! Vermutlich hat diese Kamera wiederum nicht die Optik, die ich brauche. Aber man sieht, wohin der Fortschritt geht. Das inzwischen vorgestellte Schwestermodell meiner Kamera hat die Möglichkeit der manuellen Scharfeinstellung. Na also! Trotzdem, ich bin ganz zufrieden mit meiner Ausbeute. Und weil es so schön war, haben wir die Sache mit einem anderen Hengst wiederholt. Auch dieser tat uns den Gefallen und brachte sich vorzüglich in Positur; leider auf einer wunderschönen Obstwiese – ich hatte also ständig irgendwelche Bäume und Äste im Bild. Werner Sißmann kannte die Probleme. "36 Bilder sind im Nu durch. Unter 100 Filmen ist einer gut." Wenn ich zufrieden bin, heißt das aber noch gar nichts für die Züchter. Da gelten ganz andere Maßstäbe. Wenn der professionelle Fotograf kommt, werden die Pferde gestriegelt und geputzt, in Positur gestellt, bei Laune gehalten – das ist höchst anstrengend. So ein paar Schnappschüsse, wie ich sie zustandebringe, kann jeder machen. Ob der Züchter solche Fotos veröffentlicht sehen will, ist eine ganz andere Frage. In der nächsten Woche werde ich ein paar Fragen untersuchen, die auf der Hand liegen. Die Sißmanns engagieren sich für das arabische Pferd, das ist klar, aber sie sind auch Architekten. Wie paßt das zusammen? Wie wurden aus Architekten Züchter? Oder war es genau andersherum? Welche Ziele verfolgen die Züchter? Wer soll die produzierten Pferde kaufen? Was ist Hobby, was ist Beruf? Beeinflußt der Architekt den Züchter und umgekehrt? Wie ist das Verhältnis des Gestüts Farisha Arabians zum Gestüt Ostenfelde? Antworten auf diese Fragen will ich in der nächsten Woche versuchen. |
Fotos » Farisha Arabians |
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