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MaharadschaMarwari Pferde in Aktion Beim 50.Geburtstag des Maharadscha Gaj Singh of Jodhpur von
Seit 1987 veranstaltet der Maharadscha Gaj Singh of Jodhpur deshalb jedes Jahr die Marwar Horse (and Cattle) Show. Im Januar 1998, anlässlich seines 50.Geburtstages sollte es eine ganz besondere Show werden! Am ersten Tag die Show selbst, mit Vorführungen der Zuchttiere, diversen Reiterspielen und ein Poloturnier. Am zweiten Tag sollte ein Distanzritt durch die Wüstenlandschaft in der Umgebung Jodhpurs stattfinden. Neben vielen indischen Gästen waren auch die deutsche und die englische Marwari-Gesellschaft eingeladen. Beide Gesellschaften wurden gegründet, um den Fortbestand des Kulturgutes Marwaripferd zu fördern. Die deutsche Marwarigesellschaft (DMG) war durch die Vorsitzenden Heidi Bernsdorff, Angelika Binz und mich, Birte Brodisch, als Tierärztin vertreten. Der Maharadscha von Jodhpur legt großen Wert auf die Darstellung der Vielseitigkeit der Marwaris und kombinierte die Zuchtschau mit diversen Reitwettbewerben und in diesem Jahr erstmals mit einem Distanzritt. Das Marwaripferd wurde ursprünglich, wie viele Pferderassen, zur Überwindung von großen Strecken und für den Kriegsdienst gezüchtet und ist sehr ausdauernd und wendig! Ironischerweise war es der Frieden, der die Rasse fast zum Aussterben brachte. In den Vorführungen auf der Show können die Marwaris so endlich mal wieder zeigen, was für Fähigkeiten in ihnen stecken. Die Show fand auf einem großen Polofeld statt. Tribünen waren aufgebaut und alle Einwohner und die Militärs waren zu dem Fest eingeladen. Die VIP's, also der Maharadscha, seine Familie, die Züchte und die Gäste aus dem Ausland hatten allerdings ihren eigenen Bereich. Die Vorführungen begannen mit einem traditionellen Reiterspiel, dem Tentpegging, einer Kriegslist, bei der im schnellen Galopp Zeltstangen aus dem Boden gezogen wurden und so die Gegner unter dem zusammenfallenden Zelt festsaßen. Ein rasantes Polospiel, das ja auch in Indien erfunden wurde, folgte. Dann wurde ein kleines Springturnier ausgerichtet. Als nächstes gab es verschiedene Rennen auf der Außenbahn um den Poloplatz herum. Zuerst ein Barrelrace, dann ein Galopp- und ein Passrennen. Dann folgten ein Kamelrennen und ein Wagenrennen. Alles lief spannend und sehr chaotisch ab. Beim Kamelrennen verließen die Hälfte der Tiere, unter großem Gelächter der Zuschauer, in der ersten Kurve den Platz geradeaus. Beim rasanten Wagenrennen werden als Zugtiere Tonga-Ponnies eingesetzt. Leider kippten einige Kutschen um und mehrere Räder krachten ab. Ein Mensch wurde dabei über den Bauch gefahren und erlitt schwere innere Verletzungen. Die Tongaponys, zierliche Pferdchen mit einem Stm. von 130 bis 140 cm, waren teilweise in erbärmlichen Zustand. Sie leisten normalerweise Schwerstarbeit auf Indiens Strassen und werden auch für Langstreckenrennen benutzt, die sie nicht immer überleben. Im Gegensatz dazu waren die Zuchtpferde in sehr gutem Zustand. Die Züchter kamen mit ihren bunt geschmückten Pferden aus allen Landesteilen Rajasthans. Es waren oft ältere Männer mit freundlichen wettergegerbten Gesichtern natürlich mit traditionellen Gewändern. Die Pferde wurden nach Altersklassen gerichtet, mit anschließendem Championat. Die beste Stute bekam einen Geldpreis und einen gravierter Silberteller von der Deutschen Marwari Gesellschaft gesponsert. Die heutigen Marwaris sind zwischen 150 und 160 cm Stm., mit einem kräftigen Fundament und harten Hufen ausgestattet. Es gibt alle Farben, aber Schecken und Rappen scheinen besonders beliebt zu sein. Ein Teil der Pferde bietet Pass oder töltähnliche Gänge an. Bei einigen Linien sind deutlich arabische Einflüsse zu erkennen, andere sehen aus wie mittelgroße Warmblüter. Die Pferde sind gelehrig und personenbezogen, manche verteidigen auch heute noch ihre Besitzer mit Bissen und Tritten, einer Eigenschaft, für die sie im Krieg gerühmt wurden und die in vielen Legenden auftaucht. Hauptmerkmal sind aber die sichelförmig nach innen gebogenen Ohren! Bei den Fohlen wird da oft mit etwas Klebeband nachgeholfen... Auch die Kathiawaris haben diese Ohren. Sie kommen aus Gujarat (Nachbarregion) und wurden in den vergangenen Zeiten zur Blutauffrischung eingesetzt. Viele Marwaris haben Kathiawariblutanteile, um zu starke Inzucht zu verhindern. Die Kathiawaris sind kleiner und sollen temperamentvoller sein. Als letzte Attraktion des Tages traten die Tanzpferde auf. Buntgeschmückt passagierten und piaffierten sie auf einem Holzsteg. Einem alten Brauch folgend werden tanzende Marwaripferde bei traditionellen Hochzeiten vorgeführt und Zuchtpferde als Geschenk vom Vater der Braut mit in die Ehe gebracht. Am folgenden Tag fand dann der Distanzritt statt. Das Distanzreiten als Sport ist eine neue Disziplin in Indien und soll die besonderen Qualitäten der Marwaripferde zeigen. Die Inder träumen davon, mit Ihren Pferden an der Weltmeisterschaft in Dubai teilzunehmen und so die Welt von den Qualitäten dieser außergewöhnlichen Rasse zu überzeugen. Ich hatte zur Vorbereitung des Rittes den Organisatoren die FEI-Distanzregeln in englischer Sprache zugesandt. Meine Aufgabe war es, die Organisatoren und Tierärzte zu beraten, um den korrekten Ablauf zu sichern und mehr Professionalität in die Sache zu bringen. Außerdem sollte ich auch den Reitern einen kleinen Vortrag halten und deren Fragen beantworten. Bei einem der letzten Distanzritte waren 8 Pferde in der darauf folgenden Nacht verendet. Auch davor waren schon oft mehrere Pferde beim oder nach dem Distanzritt zu Tode gekommen. Eine solche Katastrophe galt es, vor allem bei diesem "Geburtstags"-Anlaß, zu verhindern! Deswegen hatte man mich engagiert! Sir Dundlod, Vorsitzender vom Royal Equestrian Center und Organisator, hatte eine Zusammenfassung der wichtigsten Regeln in einfachem Englisch an die Teilnehmer ausgegeben. Die Teilnehmer waren sehr unterschiedlich. Militärreiter in grünen Jodhpurhosen mit unbewegter Miene, junge Polospieler aus vornehmen indischen Familien, Tourenpferde aus Touristenställen, einzelne Züchter und Sir Dundlod selbst. Außerdem ritten die Vorsitzende des engl. Marwariclubs Francesca Kelly und ihre Freundin Christine mit. Insgesamt gingen 24 Pferde auf den 40 km Rundkurs durch die halbwüstenartige Umgebung Jodhpurs. Die Feldwege waren steinig, unregelmäßig und teilweise sandig. Es waren etwa 2o Grad und Sonnenschein an diesem Tag. Auf halber Strecke gab es an einer skurillen Felsformation das Vet Gate (tierärztliche Kontrolle) und 30 Minuten Pause. Die meisten Pferde kamen in guter Verfassung durch die Kontrolle, bis auf einen Scheck-Wallach der taumelnd ins Vet Gate kam. Ich wollte das Tier sofort behandeln. Ein indischer Kollegen, Militärtierarzt und doppelt so alt wie ich, war dagegen! Das Tier sollte ja nicht aus der Wertung fallen! Das war eben die Mentalität der Menschen hier und sicher auch die Ursache der vielen toten Pferde auf den Langstrecken-Rennen. Während dieser kurzen, aber heftigen Diskussion kippte der Wallach um und ich "durfte" behandeln. Es gab keine Nadeln mit ausreichendem Durchmesser zum Infundieren in der Tierarztkiste. Ich hatte mir sicherheitshalber Braunülen (große Hohlnadeln zum Infundieren) aus Deutschland mitgebracht. So hockte ich mich also neben den auf dem Boden liegenden Wallach und begann mit der Infusion. Ein Kollege hielt die Infusionsflasche hoch. Ein großer Kreis von Frauen und Kindern in bunten Gewändern saß um das Pferd und beobachtete aufmerksam was dort passierte! Außerdem kam ein Schamane und streute dem Pferd kleine rote Linsen auf die trockene Zunge. Alle freuten sich als der Schecke nach 14 Flaschen Infusionslösung wieder aufstand .Diesmal gab es also keine toten Pferde! Und die indischen Tierärzte wussten jetzt auch, auf was sie achten mussten. Sonst gab es keine ernsteren Zwischenfälle. Der Gewinner ritt ein Pferd aus dem Dundlod Stall und schaffte die 40 Kilometer in l Stunde 55 Minuten. Er war ein Waisenkind und war unter Obhut des Maharadschas aufgewachsen. Und es war der Reiter, der mich bei der Ritt-Vorbesprechung mit den meisten Fragen gelöchert hatte! Der Maharadscha bedankte sich bei allen Helfern und Teilnehmern und übereichte dem Sieger persönlich den Preis. Am Abend gab es dann noch ein großes Fest im Palast!
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