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Rezension   Magazin Magazin, Ausgabe 331, erschienen am 31.07.2005

Magazin  Ausgabe 331
Reiter-Knigge
Gutes Benehmen für Ross und Reiter

von Lange, Christine

96 Seiten, 52 farbige Zeichnungen, 17, 1 x 22, 4 cm, fest gebunden

München, Juli 2005

BLV Verlag, München

ISBN 9783405167967

EUR (D) 14, 95

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Rezension Rezension von

1
Autorenhinweise m_red  » Werner Popken

erschienen im Magazin Magazin
Magazin » Ausgabe 331
vom 31.07.2005
Rezensionen  Rezension

Der Verlag sagt über das Buch:

Mit Fairness über jede Hürde – Benimmregeln für den Reiteralltag

Willkommen in der Welt der Reiter. Eine wundervolle Gemeinschaft mit einem wundervollen Mittelpunkt – dem Pferd. Doch hier seinen Platz zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach.

Damit sich das Zusammenleben leicht und heiter gestaltet hat Christine Lange den Reiter-Knigge geschrieben (BLV Buchverlag) mit Benimmregeln, die den Alltag erleichtern für die Einsteiger in die Pferdewelt, aber auch für Fortgeschrittene. Die wissen zwar schon, wer in der Reitbahn wem auszuweichen hat. Aber wie sich der dauernde Zwist mit der Familie – wegen des aufwändigen Hobbys – entschärfen lässt oder wie ein guter Einstieg in neuer Umgebung nach einem Umzug gelingt, ist auch für manchen Insider hilfreich zu wissen.

Mit viel Witz und reichlich Ironie unternimmt die Autorin ihren Streifzug von der Stallgasse zur Futterkammer, über die Reitbahn zum Springparcours bis hin zur Meldestelle bei einem Turnier. Dabei geht es nicht nur um die leidige Frage "Was ziehe ich an?", es geht vor allem um Aufmerksamkeit, Respekt und Höflichkeit – gegenüber Mensch und Tier gleichermaßen. Wie reagiere ich am besten auf anzügliche Bemerkungen des Reitlehrers? Wie werde ich meinen Ärger nach verpatztem Turnierauftritt los? Wie verhalte ich mich im Gelände, wenn ich anderen Reitern begegne? Das Wissen um Details macht die ganze Sache viel einfacher, und darum hat die Autorin jede Menge davon zusammengetragen. Das reicht von der Bedeutung des Zylinders über Lesehilfe für Zeitungsinserate und Fachbegriffe wie "Mistkaution" bis zu den Ursprüngen der "Reinen Lehre".

Der Reiter-Knigge von Christine Lange ist nicht nur wertvoll für den Alltag, sondern amüsant zu lesen und obendrein köstlich bebildert – mit Zeichnungen, die genau das zeigen, was eigentlich nicht passieren soll. Also: Herzlich willkommen!


Rückentext

Mit Fairness über jede Hürde: vom richtigen Benehmen im Reiteralltag

Das richtige Maß an Respekt und Feingefühl macht das Zusammenleben leichter und heiterer – auch in der Reiterwelt. Vom richtigen Umgang mit Reitern, Pferden und anderen Zeitgenossen berichtet dieses Buch mit amüsanten Texten und vielen Illustrationen.

  • Reiterliche Traditionen: Ursprung und Gültigkeit
  • Sitten und Unsitten im Umgang miteinander – im Reiteralltag und bei Veranstaltungen
  • Reiterfachsprache, Jargon und Tips zu deren "Entschlüsselung"
  • Verhaltensregeln für die Welt innerhalb und außerhalb der Reitanlagen
  • Vom verständnisvollen Umgang mit Menschen, die nicht vom "Pferdebazillus" befallen sind


» www.blv.de




Kolumnen Rezension

Christine Lange schreibt ein heiteres Buch? Ist das die Möglichkeit? Die launigen Zeichnung auf dem Umschlag möchte es glauben machen. Aber der Titel und der Untertitel sprechen eigentlich eine andere Sprache. Es geht um Regeln, und Regeln sind normalerweise nicht gerade lustig.

Wenn einer für Regeln prädestiniert ist, dann, so möchte ich meinen, ist es Christine Lange. Es hat mich immer fasziniert, wie leidenschaftlich diese Autorin alles plant, berücksichtigt, regelt. Da haben wir es ja schon – Regeln erleichtern das Zusammenleben, Regeln sind notwendig, gut geregelt ist halb gewonnen.

Regelwerke sind allerdings im allgemeinen nicht besonders unterhaltsam, und dieses Buch ist keine Ausnahme, wenn man von den zahlreichen launigen Zeichnungen absieht. Das Werk ist reichlich durch Zwischenüberschriften gegliedert, und die meisten sind Befehle. Ich greife einige wahllos heraus:

  • Sprechen Sie offen miteinander!
  • Halten Sie sich selbst im Zaum!
  • Bleiben Sie bescheiden!
  • Seien Sie kritisch, aber kritisieren Sie nicht!
  • Prüfen Sie Ihre Vereinseignung!
  • Wissen Sie um Vorteile und Tücken der Haltergemeinschaft!

Wer Christine Lange kennt, ist nicht überrascht. In diesem Ton schreibt sie generell ihre Bücher. Regeln, Anweisungen, Befehle! Man fragt sich, warum man sich das alles antun soll. Von Spaß ist keine Rede, vom Vergnügen ganz zu schweigen, und tiefere Empfindungen haben schon gar keinen Platz. Es bleibt alles an der Oberfläche, aber das entspricht ja auch dem Thema des Buches. Wer sich gut benehmen kann, wird nicht anstoßen, aber Anteil nehmen muß er auch nicht.

Wenn man das Buch als Insiderbericht liest, die Ratschläge der Autorin also als Hinweis auf die Realität der Pferdefreunde in diesem Lande nimmt, muß man sich wundern, daß so viele Menschen sich mit Pferden abgeben. Damit Sie das nachvollziehen können, zitiere ich einen Abschnitt aus dem Buch, beliebig herausgegriffen, hier aus dem zweiten Kapitel "Reiter mit Reitern", Abschnitt "Bleiben Sie 'am Boden' souverän".

Die Illustration zeigt ein kräftiges Warmblut, das seine Reiterin am Strick hinter sich herschleift. Die Zeichnung entspricht dem Text auf dieser Seite. Die Autorin entwirft das Bild einer begnadeten Reiterin, die am Boden ihrem Pferd hilflos ausgeliefert ist. Da das nach der Beobachtung der Autorin kein Einzelfall ist, wird ihrer Meinung nach die Bodenarbeit zur Bewältigung dieses fatalen Zustandes immer beliebter. Bezüglich der Einzelheiten verweist sie auf den Reitlehrer, von dem sie hofft, daß er auch in dieser Disziplin bewandert ist. Auf der nächsten Seite kommen die guten Ratschläge, wie im einzelnen hinsichtlich des Benehmens zu verfahren ist:

Entwickeln Sie Führungsqualität!

In einigen Reitbetriebe beschreiten Sie damit mental neue Wege. Begehen samt Pferd im Schlepptau damit aber praktisch alle vorhandenen Wege. Wenn Sie hier vorwärts, seitwärts, rückwärts marsch üben, lassen Sie bitte Rücksicht walten, damit Sie niemanden behindern oder Zusammenstöße (welcher Art auch immer) provozieren. Da auch Ihr Pferd sich seelisch auf die neue Aufgabe einstellen muß (und mit Ihnen möglicherweise die Frage "Wer ist nun der Boß?" ausdiskutieren möchte), nutzen Sie anfangs am besten eher einsame Pfade für Führ- und Stillstehübungen oder die eingefriedete – menschen- und reiterleere – Bahn.

Erst, wenn der Grundgehorsam sitzt und Sie nicht damit rechnen müssen, am Führstrick hängend (und auf dem Boden rutschend) durch die Anlage gezerrt zu werden, verlegen Sie das Training in belebtere Bereiche wie Stallgasse, Putz- und Sattelplatz. Aber auch dann fragen Sie bitte vorher höflich an, ob Sie stören. Vor allem achten Sie immer und überall auf einen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen und Pferden. Denn nur, wenn Sie sich in dieser Disziplin als Vorbild betätigen, können Sie mit ernsthaften Nachahmern rechnen!
Seite 37

Können Sie sich vorstellen, daß dieser Text hilfreich ist? Fanden Sie ihn komisch? Heiterer wird es nicht in diesem Buch. Aber das muß ja auch nicht sein, schließlich handelt es sich um einen Knigge. Ein Knigge ist nötig für Leute, die sich nicht auskennen. Wenn sie sich nicht auskennen, weil sie Neulinge sind, könnte es sein, daß Sie nach der Lektüre dieses Buches Neulinge bleiben – mich würde es von der ersten bis zur letzten Seite nur abschrecken. Nicht nur Pferde, auch Pferdeleute müssen ganz schrecklich sein. Da würde ich doch lieber Golf spielen wollen.

Dann aber gibt es auch noch die Leute, die schon mitten drin sind, die man gar nicht abschrecken kann, weil sie so begeistert sind, und die in ihrer Begeisterung allen anderen auf die Nerven gehen, weil sie kein Benehmen haben. Ist das Buch für diese Leute gedacht? Schwer zu sagen. Viele Passagen sind nur für Anfänger und Neulinge sinnvoll, und für die müssen diese Ausführungen quälend sein. Die anderen werden das Buch gar nicht lesen wollen. Und wenn, dann werden sie sich vermutlich nichts davon annehmen.

Denn die schulmeisterliche Art der Autorin ruft unweigerlich Widerstand hervor. Die Karikaturen, die sie zeichnet, kann niemand auf sich beziehen. Wer andere belehren und erziehen möchte, muß sie mögen, muß sich in sie einfühlen können, muß sie verstehen. Ich kann nicht den Eindruck gewinnen, das Christine Lange die Menschen oder auch die Pferde wirklich mag. Dafür ist ihre Kritik zu beständig, zu gallig und zu beißend.

Einer der berühmtesten Autoren, die sich an dieser Aufgabe versucht haben, ist Dale Carnegie, dessen Bücher seit Jahrzehnten Bestseller sind. Diese lesen sich angenehm, weil sie mit einer liebenden Einstellung und viel Humor geschrieben sind. Carnegie beschreibt immer wieder sehr eingehend, wie man Menschen beeinflußt und wie man sie auf gar keinen Fall beeinflussen kann: "Ein Tropfen Honig fängt mehr Fliegen als fünf Liter Galle".

Christine Lange wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch noch einen Test mitliefern würde. Auf Seite 94 heißt es: "Testen Sie Ihre Reiterpersönlichkeit!" Am Ende der Seite folgt dann die Auswertung (deren Regel ich übrigens nicht verstanden habe). Bezeichnend fand ich, daß der Leser auf jeden Fall eins übergebraten bekommt:

  • Sie sind ein heiterer Mensch, der das Leben in allen Facetten unbeschwert genießt. Manchmal wäre ein wenig mehr Vorsicht und Rücksicht auf andere dennoch angebracht.
  • Glückwunsch! Ihnen wird sicher nichts Schlimmes passieren, wahrscheinlich werden Ihnen aber auch keine positiven Überraschungen begegnen. Etwas mehr Selbstvertrauen und Selbstbehauptung täten Ihnen gut.
  • Alles im Griff? Wie schön für Sie! Aber vergessen Sie nicht: Reiten macht Spaß!
  • Sie glauben an sich und das ist gut so! Manchmal haben aber auch andere Menschen gute Ideen...
Aber vermutlich bin ich furchtbar ungerecht und voreingenommen. Diese Art von Auswertung ist wahrscheinlich typisch für diese Art von Test. Also ist das gar nichts Besonderes! Mein Problem wird sein, daß ich einfach keinen Draht für den Humor von Christine Lange habe. Viele Leser werden dieses Buch mit Genuß verschlingen und meine sauertöpfische Einschätzung als solche entlarven! Wie gut, daß niemand sie liest...

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