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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 332, erschienen am 07.08.2005

Magazin  Ausgabe 332

Frau, Pferd und Auto
Baronin de Savornin-Lohmann

Foto: Autorenhinweise m_red  » FN, Privatarchiv H. Munzendorf
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Das Jahr 1924
  2. Abschnitt  Persönlichkeiten
  3. Abschnitt  Freiherr v. Langen
  4. Abschnitt  Reit- und Fahrvereine
  5. Abschnitt  Dressururteile
  6. Abschnitt  Emanzipation
  7. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 325:
Hauptartikel  Wer stoppt Hempfling?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 326:
Hauptartikel  Ihr wißt nicht, was Liebe ist

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 327:
Hauptartikel  Scharlatan oder Visionär?

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 328:
Hauptartikel  Gefährliche Sekte?

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 329:
Hauptartikel  Außergewöhnliche Verbindung
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Hauptartikel oben 

Vizepräsident und Geschäftsführer des Reichsverbandes: Lubbert Graf v. Westphalen, auf dem Foto mit seiner Fuchsstute Fantasie, mit der er die Materialprüfung für Reitpferde 1921 in Berlin gewann.
Das Jahr 1924

Auferstanden aus der Asche

Zum Thema
Thema  Jubiläum



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Vor vielen Wochen habe ich meine Serie über die hundertjährige Geschichte der FN unterbrochen. Nach der Gründung des "Verbandes der Halbblutzüchter", vorangetrieben und zunächst geführt von Oscar v. Funcke, haben sich die ersten 20 Jahre turbulent gestaltet, nicht nur wegen des Ersten Weltkrieges. Der letzte Satz meines letzten Artikels lautete:

Der verdiente Organisator und Initiator Oscar v. Funcke wird schließlich nach vielen Querelen 1932 sogar aus dem Verband ausgeschlossen.
EquiVoX-Link Sport und Zucht

Andere Männer traten auf den Plan und übernahmen die Macht, allen voran Gustav Rau, der vor dem Krieg vom Kronprinzen zum Leiter des "Komitee für die Kämpfe zu Pferde bei den olympischen Spielen 1916" ernannt worden war.

Nun war Deutschland infolge des verlorenen Kriegs erst einmal von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Die olympischen Spiele 1916 hatten wegen des Kriegs nicht stattgefunden. Das Komitee wurde nach dem Krieg umbenannt in "Komitee für die Kämpfe zu Pferde", die Spendenmittel für Prämienzahlungen verwendet, die einen finanziellen Anreiz zur Leistungssteigerung bieten sollten.

Noch mehr wurde umbenannt: Der Ausdruck "Halbblut" kam aus der Mode, die regionalen Zuchtverbände bevorzugten den Ausdruck "Warmblut", und so entstand am 19. Februar 1923 aus dem Zusammenschluß der Zuchtverbände mit dem Reichsverband der "Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts". Die Verbandsleitung war fest in der Hand des Adels, lediglich August Andreae (Abteilung Leistungsprüfung) und Gustav Rau (Abteilung Zucht) waren bürgerlich.

Der Verband wollte die planlose Anpaarung von Warmblutstuten mit Kaltbluthengsten unterbinden und alle Stuten im Stutbuch erfassen. Das war alleine schon eine anspruchsvolle Aufgabe, denn "selbst in der Zuchthochburg Ostpreußen sind nicht einmal 20 Prozent aller Warmblutstuten im Stutbuch eingetragen, in Hannover sind zwei Drittel aller Stuten nicht registriert." (Susanne Hennig: 100 Jahre FN, S. 56).

Der Kampf des Verbandes gegen die "wilden Hengste", die ohne Zuchtzulassung decken, zeigt schnell Erfolge. Hengsthalter, die gegen das Gesetz zur Regelung des Körwesens verstoßen, werden in Zeiten der immer schneller fortschreitenden Inflation zu 10 Millionen Mark Strafe verurteilt. 100 Millionen Mark werden fällig, wenn sie aus "Gewinnsucht" handeln. Von verschiedenen Seiten wird sogar vorgeschlagen, die "wilden Hengste" per Gesetz kastrieren zu lassen. Eine solch rigorose Maßnahme führt dann aber wohl doch zu weit und wird von den Züchtern abgelehnt.
a. a. O., S. 57

Der Reichsverband soll natürlich für verbesserten Absatz sorgen. Dazu muß die Nachfrage geweckt werden. Diese wiederum wird durch sportliche Erfolge angestachelt. Das ist das deutsche Erfolgsrezept, das bereits v. Funcke verfolgte und das sich über 100 Jahre bis heute bewährt hat. Ob sich die sportlichen Erfolge durch Verbandsarbeit und finanzielle Anreize fördern lassen, wird vermutlich nie zweifelsfrei geklärt werden können. Denn immerhin braucht man gute Pferde, gute Reiter und gute Teams. Ohne diese Voraussetzungen, die durch Geld und Verbandspolitik allein nicht geschaffen werden können, müssen Träume von sportlichen Erfolgen Träume bleiben.

Persönlichkeiten  oben 



Prinz Friedrich Sigismund auf Heiliger Speer, einer d. herausragenden Reiter d. 20er Jahre, verunglückt 1927 bei e. Trainingsritt tödlich.
Graf Görtz, hier beim Turnier in Bad Harzburg 1922 mit dem Vollblüter Lenz, gehörte zu den großen Befürwortern des von Federico Caprilli entwickelten modernen Springstils.
Aber andere Länder haben ebenfalls ehrgeizige Reiter und ambitionierte Züchter. Die Schweden und speziell die Italiener waren lange Zeit von deutschen Reitern kaum zu schlagen.

Der Grund dafür lag, zumindest beim Springen, auf der Hand: Die neue Methode des Springens, die der italienische Offizier Caprilli entwickelt hatte, wurde in Deutschland wegen der militärischen Reitvorschrift lange Zeit vehement abgelehnt, obwohl sie offensichtlich überlegen war.

Die enormen Erfolge der Italiener bieten zum wiederholten Mal Anlaß, den deutschen Springstil kritisch zu hinterfragen. Bereits vor dem Krieg hatten sich Gustav Rau als Gegner der italienische Methode und Oscar Caminneci, der als einer der ersten dem Stil Caprillis nacheiferte, heftig und über Monate in der Öffentlichkeit über Pro und Contra gestritten.

Bald sieht auch Rau ein, daß die militärischen Reitvorschrift überholt ist. Dennoch ist sie nach wie vor bindend für die Militärs. Die deutsche Reitvorschrift verlangt vom Offizier und Soldaten den Sitz im Sattel, da man der Meinung ist, daß der Reiter nur sitzend den militärischen Anforderungen entsprechend reiten und nur so von seinen Waffen Gebrauch machen könne.

Trotz der immer stärkeren Verbreitung des von Caprilli entwickelten "natürlichen" Stils wird es noch bis Ende der 20er Jahre dauern, ehe am Springstall der Kavallerieschule Hannover – übrigens auf Initiative Gustav Raus – die Ausbildung von Reitern und Pferden nach dem "sistema Caprilli" praktiziert wird.
a. a. O., Seite 58

Um so erstaunlicher ist es, daß es einzelnen Sportlern gelingt, in kürzester Zeit international aufzutrumpfen – ein Vergleich mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg liegt nahe, wo die ganze Nation mit Hans Günter Winkler und Halla Triumphe feierte, die bis heute unvergessen sind (» Der Tag von Stockholm).

Sport hat eben auch viel mit dem erweiterten Selbstbewußtsein zu tun, weil jeder Sportler zugleich seinen Verein, seine Provinz, sein Land vertritt. Freiherr v. Langen war anscheinend der Hans Günter Winkler der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Sein Andenken lebt aber wohl nicht mehr in dem Maße fort, wie es vielleicht angebracht wäre.

Als herausragende Reiter der beginnenden zwanziger Jahre erlangen Freiherr Carl Friedrich v. Langen und Prinz Friedrich Siegismund v. Preußen große Bekanntheit und hohen Medienpräsenz.

Der im Juli 1887 geborene pommersche Gutsbesitzer v. Langen aus Parow bei Stralsund gewinnt allein im Jahr 1921 26 Springprüfungen, wird 20 Mal Zweiter und reitet zu 44 Plazierungen, siegt zudem in etlichen Dressur- und Vielseitigkeitsprüfungen. Drei Jahre später führt er mit 27 Siegen in schweren Springprüfungen die Statistik an – unvorstellbar in einer Zeit, in der jeder Turnierort für Reiter und Pferd nur mit langen, manchmal schlecht organisierten Eisenbahnfahrten zu erreichen ist.

Überhaupt ist dieser vielseitige Reiter eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit. Im Krieg schwer verwundet, kurzzeitig aufgrund erheblicher Lähmungen sogar an den Rollstuhl gefesselt, bringt er seinem Körper mit mentaler Stärke und Selbstdisziplin aller Reserven ab. 1920 beginnt seine herausragende sportliche Karriere, die acht Jahre später mit zwei olympischen Goldmedaillen – die ersten für Deutschlands Reiter überhaupt – gekrönt wird.

Der 1891 geborene Friedrich Sigismund v. Preußen, ältester Sohn des Prinzen Leopold v. Preußen, leistet besonders im Spring- und Vielseitigkeitssport Außerordentliches. Zunächst in Deutschland, später auch auf internationalen Turnieren, siegt er in zahlreichen bedeutenden Prüfungen. Als unerschrockener Kämpfer geht sein erfolgreichstes Pferd Heiliger Speer in die Geschichte des Reitsports ein. Der Trakehner Heiliger Speer, zwischenzeitlich an Eduard Pulvermann veräußert und knapp zwei Jahre später zurückgekauft, wäre sicherlich im deutschen Aufgebot der olympischen Spiele von Amsterdam 1928 gewesen, hätte sein Reiter dieses Ereignis noch erlebt.
a. a. O., Seite 58


Freiherr v. Langen  oben 



Die deutsche Schulquadrille 1924: Prominente deutsche Reiter in den Kostümen der Kavallerieführer Friedrichs des Großen. Freiherr v. Langen als Generalleutnant v. Driesen
Oscar M. Stensbeck als General v. Ziethen
Freiherr v.Holzing-Berstedt als GenLt. v.Belling
Felix Bürkner als Generalleutnant v. Lossow
Freiherr v. Langen stellt sich nach dem Krieg als einer der ersten deutschen Reiter dem internationalen Vergleich. 1922 reist er mit einer Handvoll Gleichgesinnter zum großen Turnier nach Malmö in Schweden.

Die Expedition verläuft wenig erfolgreich. In fast allen Wettbewerben deklassieren die schwedischen Reiter die ausländische Konkurrenz. Allerdings gewinnt v. Langen wegen seiner vornehmen und freundlichen Art viele Sympathien in Malmö.

Ein Jahr später wendet sich das Blatt: Die deutschen Teilnehmer trumpften in Malmö mächtig auf und entscheiden zahlreiche Prüfungen für sich. Freiherr v. Langen steht in Dressur, Springen und Vielseitigkeit gleich fünfmal als Sieger an der Spitze, Prinz Friedrich Sigismund v. Preußen siegt in der Qualitätsprüfung, ein neuartiger kombinierter Wettbewerb aus Dressur und Springen.

Malmö ist der Auftakt einer rasanten Entwicklung, in der der deutsche Pferdesport internationales Renommee erlangt. 1924, im Jahr der olympischen Spiele von Paris, wagt sich v. Langen erstmals auf italienisches Turnierparkett. Zunächst in Neapel leidlich erfolgreich, gelingt ihm wenige Wochen später der große Durchbruch.

In der "Höhle des Löwen", beim großen Turnier in Rom, gewinnt er mit dem Hannoveraner Apoll ein schweres Springen und verweist seine 102 Mitstreiter in dieser Prüfung auf die Plätze. Mit seinem routinierten Hanko siegt der Deutsche zudem im Hochspringen. Freiherr v. Langens Erfolge sprechen sich in Windeseile herum; er avanciert zu einem der prominentesten Reiter Europas.
a. a. O., Seite 59

Große Triumphe also im Zeichen schwerer Niederlagen – 1923 waren französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschiert und hatten das Zentrum der deutsche Schwerindustrie besetzt; die Besetzung endete erst im August 1925 (Wikipedia-Link» Ruhrbesetzung).

Kann man sich in vergangene Zeiten hineinversetzen? Das alles ist 80 Jahre her – und erstaunlicherweise gar nicht so verschieden von unserer heutigen Zeit.

Der Pferdesport boomt Mitte der 20er Jahre wie nie zuvor und wird immer beliebter bei der Bevölkerung. Die Tattersalls erfreuen sich zahlreicher neuer Reitschüler.

Die Schulbetriebe bieten eine Fülle von Aktivitäten.Kleine stallinterne Wettbewerbe wechseln ab mit Kostüm- und Musikreiten oder völlig neuartigen Spielen zu Pferde, wie "Pushball". Dabei muß der Reiter einen großen, weichen Ball mit einem Durchmesser von 1, 60 Metern, der den Pferden bis zur Nase reicht, mit dem Pferdekörper ins gegnerische Tor bugsieren.

Wie die Pferde auf das Ungetüm reagieren, ist der Literatur nicht zu entnehmen, wohl aber, daß dieser Wettbewerb, wie es im St. Georg heißt, "mitunter zu belustigenden Momenten führen kann".

Zum Herbstturnier des Reichsverbandes für Zucht- und Prüfung deutschen Warmbluts im Berliner Sportpalast, das vom 8. bis 22. November 1924 dauert, gehen sage und schreibe über 5.500 Nennungen ein – bis heute absoluter Rekord in der deutschen Turniergeschichte. [...]

Einer der Höhepunkt des Turniers ist die große Schulquadrille, bei der sich bekannte Reiter in den Uniformen der Kavallerieführer Friedrichs des Großen auf dem Dressurviereck präsentieren. [...]

Die Kostüme hatte Gustav Rau bei einem bekannten Schneider in Auftrag gegeben. Rau erkennt schnell, wie sehr derartige Quadrillen die Zuschauer erfreuen. In den folgenden Jahren läßt er sich für die großen Turniere immer neue, zum Teil sehr aufwendige Schaubilder einfallen. Landgestüts-Quadrillen, Fahrsport-Schaubilder sowie Auftritte der Spanischen Hofreitschulen Wien bilden einige der Höhepunkt der kommenden Turniere.
a. a. O., Seite 64/65

Die großartigen Shows, die wir heutzutage genießen, sind also damals – von Gustav Rau – erfunden worden, in den goldenen zwanziger Jahren, als überhaupt alles kochte und fieberte – so jedenfalls die historische Überlieferung.

Es fieberte wohl vor allen Dingen in Berlin, aber auch sonst regte sich einiges im ganzen Lande, das sich bis heute erhalten hat und immer noch blüht und gedeiht.

In dieser Zeit beginnt nämlich die Geschichte der ländlichen Reit- und Fahrvereine. Die Reiterei und die Pferdezucht wären heute nicht denkbar ohne diese grundlegende Bewegung, die zwar 1905 schon angedacht war, aber erst in den 20er Jahren wirklich in die Breite und Tiefe ging. Und wer hat diese Entwicklung angestoßen? Natürlich ebenfalls Gustav Rau.

Reit- und Fahrvereine  oben 



Zweimal Sieger im Deutschen Spring-Derby: Hauptmann Martins und die Stute Döllnitz. Hier beim Springen in Elmshorn. Zwei Jahre später siegt sie mit dem Schweizer Eric Miville im Großen Preis beim Berliner Febr.-Turnier 1924
Schon zu Beginn der 20er Jahre regt er die Gründung von Reitervereinen auf dem Lande an, da seiner Ansicht nach nur ein ausgedehntes Netz von Vereinen das Verständnis für die Reiterei und das Pferd in den breiten Bevölkerungsschichten erhalten könne. Rau fordert, daß jeder Bauer, der Warmblutpferde züchtet, auch selber reiten und fahren soll. Die von Rau herausgegebene Parole kennzeichnet das Programm der folgenden Jahre: "Der deutsche Bauer auf selbstgezüchtetem Pferd muß der Sinn unseres Turniersports sein."
a. a. O., Seite 62

Diese Forderung scheint mir sehr weitsichtig und vorurteilsfrei zu sein, wenn man bedenkt, daß damals Reitsport im wesentlichen militärisch und damit adelig war. Noch auf der Pressekonferenz für die Equitana 2005 wurden die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts beschworen, als die Equitana gegründet wurde und die Reiterei immer noch als Herrenreiterei verschrien war.

Standen mit v. Langen und Prinz Friedrich Sigismund als prominentesten Teilnehmern in den zwanziger Jahren noch vorwiegend adelige Sportler im Rampenlicht, hat sich dies nach dem Zweiten Weltkrieg gründlich geändert. Es waren die Bauernsöhne, die auf dem Treppchen standen (z.B. » Alfons Lütke Westhues, » Dithmarschen und seine Reiter). Das ist eine unmittelbare Folge der weitsichtigen Politik Gustav Raus.

Selbstverständlich konnte Gustav Rau nur Impulse geben. Wenn diese nicht Widerhall gefunden hätten, wäre die Initiative verpufft. Aber in der damaligen Zeit begann nicht nur die Reiterei, sich neu zu organisieren, viele Sportvereine wurden in dieser Zeit gegründet und florieren ebenfalls bis heute – und führen ihr Gründungsdatum oft im Namen.

So wurde im Juni 1924 vom Reichsausschuß für Leibesübungen die große Berliner Turn- und Sportwoche durchgeführt, der sich die Reitervereine anschlossen. Sie veranstalteten ihr Turnier auf der Rennbahn Berlin-Grunewald.

Zum bis dahin größten Reitervereinswettbewerb trafen sich im Sommer 350 junge Leute aus über 20 Vereinen im westfälischen Hamm. Überlegener Sieger war die Mannschaft des Reitervereins Greven, der inzwischen als Reit- und Fahrverein firmiert und unter anderem im letzten Jahr den Donau-Alpen-Pokal ausgerichtet hat (EquiVoX-Link Fahren in Bockholter Szenarien, EquiVoX-Link Zugpferde einmal anders, EquiVoX-Link Vom Fahren auf S-Niveau).

Beim Turnier in Hamm werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Zwar sind bereits mehrere Vereine in Provinzialverbänden organisiert, doch wächst zugleich der Wunsch nach einer überregionalen Interessenvertretung.

Unter Leitung von Gustav Rau diskutiert in Hamm eine Gruppe von Sport- und Zuchtfunktionären die Gründung von eines neuen Verbandes. Ein paar Monate später sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Am 12. November 1924 heben 15 Herren in Berlin die "Vereinigung der ländlichen Reit- und Fahrvereine" offiziell aus der Taufe. Erwartungsgemäß wird der überall präsente Gustav Rau auch hier zum Vorsitzenden ernannt.
a. a. O., Seite 63

Dressururteile  oben 



Ein nicht selten veranstalteter Wettbewerb ist die Schönheits-Konkukurrenz Frau, Pferd und Auto. Baronin de Savornin-Lohmann präsentiert Mercedes und Pferd.
Die großen Damen des Reitsports: Irmgard v. Opel (links) und Käthe Franke; 1952 am Rande eines Turniers in Warendorf.
Käthe Franke
Natürlich ergeben sich sofort Schwierigkeiten im Detail. So streitet sich Gustav Rau mit Oberst a. D. Hans v. Heydebreck, der maßgeblich an der militärischen Reitvorschrift von 1912 mitgewirkt hatte. Dieser wird vom Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts beauftragt, ein neues Dressur-Reglement zu erarbeiten – eine Aufgabe, die sich bis heute immer wieder neu stellt.

Heydebrecks wesentliche Forderung: Dressururteile müssen nachvollziehbarer und gerechter sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dies sei nur zu erreichen, wenn der Richter seine Eindrücke während der Prüfung schriftlich festhält und so sein Urteil über jeden einzelnen Ritt protokolliert.

Heydebreck schreibt: "Ich halte es dabei für wesentlich, daß jeder Richter einzeln sein Urteil abgibt und nicht ein zusammengefaßter Richterspruch aller drei Richter aufgestellt wird. Alle Besprechungen der Richter über die Reihenfolge der Preisträger führen letzten Endes zu einem Kuhhandel, bei dem der energischere Richter seine Ansicht durchdrückt. Daher setze man die Richter so weit auseinander, daß sie gar nicht miteinander sprechen können. Diese Richtersprüche sind zur Einsichtnahme öffentlich auszulegen und gegebenenfalls auch der Presse bekanntzugeben. Wer als Richter häufig irrt, wird von selbst von der Richterliste verschwinden."

Heydebrecks Gedanken führen zur Einführung des getrennten Richtens in der Turnierordnung. Gustav Rau befürwortet Heydebrecks Vorschläge keineswegs. Im Gegenteil, er lehnt das getrennte Richten strikt ab, kann sich jedoch nicht gegen Heydebreck durchsetzen. Rau kritisiert:

"Der Vorschlag, daß die Richter ohne Verbindung miteinander ihr Urteil abgeben sollen, kann nicht energisch genug bekämpft werden. Jüngere Richter können nur herangebildet werden, wenn sie während des Richtens selbst Gelegenheit haben, sich mit älteren bzw. hervorragenden Richter zu unterhalten und von diesen in ihren Anschauungen und in ihrem Urteil gefördert werden können. (...) Eine Verbindung der Richter unmöglich zu machen, wäre grundfalsch. Die besten Urteile entstehen immer, wenn jedes einzelne Pferd von den drei Richtern gründlich durchgesprochen wird (...) Das neue Verlangen der Turnierordnung, den Bewerbern Wertzahlen zu geben, ist kein glückliches Beginnen, schon deshalb, weil zwischen denselben Pferden, wenn sie vor anderen Richtern erscheinen, verschiedene Wertzahlen herauskommen werden, was die Erteilung von Wertzahlen illusorisch macht."
a. a. O., Seite 63

Gustav Rau behält also nicht immer das letzte Wort. Wie die Auseinandersetzung um den Springstil zeigte, ist er aber auch in der Lage, sich überzeugen zu lassen und seine Meinung zu ändern.

Wie sich Gustav Rau zur Damenreiterei verhalten hat, ist mir nicht bekannt. Um die Jahrhundertwende war die Sache noch klar: Die Dame saß im Damensattel, und zwar nicht nur beim gemütlichen Ausritt mit ihrem Kavalier, sondern auch beim Turnier, selbst wenn es um die Disziplin Springen ging (siehe EquiVoX-Link Einfuhrland).

Der verlorenen Krieg und der damit verbundene Umbruch hatte aber auch in dieser Beziehung viel in Bewegung gebracht. Der Damensattel wird zunehmend gegen den "normalen" Sattel vertauscht, die Damen reiten mit gespreizten Beinen im "Herrensitz", Prüfungen werden für Damen und Herren ausgeschrieben, und sensationelle Erfolge werden gefeiert. Die Herren haben neue Konkurrenz bekommen. Das wird manch einem nicht gefallen haben.

Emanzipation  oben 



Irmgard v. Opel avancierte in der 2. Hälfte der 20er Jahre zur erfolgreichsten Amazone Deutschlands. Als erste Frau, hier auf Ahog, gewinnt sie 1934 das Deutsche Spring-Derby.
Käthe Franke, geb. 1897, blickt auf eine herausragende Turnierkarriere zurück.
Sie gewinnt über 800 Prüfungen in Dressur und Springen (mit Trakehner-Stute Pardubitz).
Im St. Georg wurde das Thema jedenfalls kontrovers diskutiert:

Es kann über Damen- und Herrensitz noch kein endgültiges Urteil gefällt werden, da wir in Deutschland nahezu keine Damen mit vollständig gleichmäßig ausgebildete Muskulatur haben.

Nur einseitig entwickelt sind selbst jene, die nach beendigter Schulzeit Sport betrieben und Turnstunden genommen haben. Kreuz-, Bauch und Innenseite der Ober- und Unterschenkelmuskulatur sind am wenigsten ausgebildet und sind doch beim Reiten die Hauptsache. Ohne sie ist an richtiges Reiten im Herrensattel nicht zu denken. (...)
a. a. O., Seite 60/61

Es geht nichts über gut gepflegte Vorurteile. Und die widerlegt man einfach durch Tatsachen. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß die Frauen überhaupt antreten dürfen. Das mußte freilich erkämpft werden. Aber dann! Nicht erst in jüngster Zeit zeigen die Damen den Herren, was eine Harke ist.

Käthe Franke hat sich seit 1919 gegen große männliche Konkurrenz in sämtlichen Disziplinen des Reit- und Fahrsports durchgesetzt. In allen Sätteln und Prüfungsarten sammelt sie über 800 goldene Schleifen. Kette Franke ist Schülerin des bekannten Berliner Dressurausbilders August Staeck, der zunächst als Stallmeister des Tattersall am Kurfürstendamm, dann im Tattersall des Westens zahlreiche Amazonen fördert.

Unter ihnen befindet sich auch Hertha Potthoff, die im Januar 1926 Ehefrau von Gustav Rau wird. Damit dürfte sich die Frage erübrigen, was Gustav Rau von der Damenreiterei hielt. Man darf annehmen, daß er begeistert war über die Leistungen der Damen, denn um die Leistungen ging es ihm ja immer, und wer Leistungen brachte, konnte seines Beifalls sicher sein, auch wenn er sich vorher noch so vehement dagegen ausgesprochen haben sollte.

Und Beifall spenden konnte er wahrlich großzügig und reichlich. Im Sommer 1924 richtete der Aachen-Laurensberger Rennverein, der seit 1898 Flach- und Hindernisrennen veranstaltete, zum erstenmal ein Reitturnier aus. Gustav Rau jubelte im St. Georg:

Laßt mich in begeisterten Worten ein Loblied singen! Es braucht hier keine künstliche Ekstase. Das ist ein Turnierplatz, wie man ihn überall haben sollte. Groß, weitläufig, übersichtlich, mit allen notwendigen Gebäuden und Nebenplätzen und hergerichtet wie die hängenden Gärten der Semiramis; sprudelten doch zwei Fontänen am Eingang, prangten doch Blumenbeete inmitten des Platzes, säumten diese grüne Girlanden, Hunderte von wehenden Fahnen und die Wappen aller rheinischen Städte ... Nirgends haben wir eine zweckdienlichere Anlage wie in Aachen gesehen. Wohltuend wirkte vor allem der geschmackvolle Schmuck der Bahn. Der Rheinländer ist hier ebenso Lebenskünstler wie in vielen anderen. Wenn wir an die trostlose Nüchternheit so vieler norddeutscher Turnierplätze denken, dann wird einem der prachtvolle Aachener Platz besonders lieb und wert.
a. a. O., Seite 65

Und nun wird Aachen im Jahre 2006 Schauplatz des "Weltfestes des Pferdesports"! Das alles fing im Jahre 1924 an. Ein bedeutsames Jahr! Für die ersten fünfzehn Jahre der FN habe ich vier Ausgaben gebraucht, für dieses eine Jahr eine ganze Ausgabe. Es bleiben 80 weitere Jahre – wenn ich so weitermache, brauche ich noch fünfzehn Ausgaben!

Trotzdem bereue ich es nicht, in dieser Woche so ausführlich geworden zu sein. Es ist wichtig, die eigenen Wurzeln zu kennen, zu wissen, wann alles begann, was noch heute unser Leben bestimmt. Mittelalterliche Turniere haben ihren Reiz, aber doch sehr wenig Einfluß auf das heutige Turniergeschehen. Demgegenüber sind die heutigen Bedingungen dem hochgradig verpflichtet, was kurz nach dem Ersten Weltkrieg Form annahm.

Das 19. Jahrhundert war endgültig vorüber, eine ganze Welt war zusammengebrochen, eine Welt, die in sich problematisch geworden war und nun in einer gewaltigen Katastrophe hinweggefegt wurde. Die moderne Welt, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich. Sportlich gesehen war das Jahr 1924 ein gewaltiger Aufbruch. Für die deutsche Pferdezucht sah die Situation nicht ganz so gut aus. Aber darüber mehr in der nächsten Woche.

Ausgehend vom Stichwort Wikipedia-Link» Ruhrbesetzung habe ich über die Arbeit an diesem Artikel hinaus vieles erfahren, was die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Zeit verständlicher werden läßt. Wenn Sie interessiert sind und die Zeit erübrigen können, empfehle ich, sich über die diversen Links der Wikipedia in dieses Thema einzuarbeiten. Für mich war die Lektüre hochinteressant, denn auch das gehört zu unserer Geschichte und zu unserem Erbe. Man kann die Gegenwart nicht verstehen, wenn man die Vergangenheit nicht kennt, und die Zukunft deshalb nicht gestalten.

Quellen / Verweise  oben 

  1. Magazin EquiVoX-Link Sport und Zucht, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 317
  2. Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005
  3. » Der Tag von Stockholm
  4. Wikipedia-Link» Ruhrbesetzung
  5. » Alfons Lütke Westhues
  6. » Dithmarschen und seine Reiter
  7. Magazin EquiVoX-Link Fahren in Bockholter Szenarien, Impressionen von zwei großen Turnieren im Münsterland, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 287
  8. Magazin EquiVoX-Link Zugpferde einmal anders, Zweispänner-Turnier der Spitzenklasse in Greven-Bockholt, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 288
  9. Magazin EquiVoX-Link Vom Fahren auf S-Niveau, Der Donau-Alpen-Pokal als Erfolgsgeschichte des Fahrsports, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 289
  10. Magazin EquiVoX-Link Einfuhrland, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 316
  11. Magazin  100 Jahre FN, Jubiläum der Deutschen Reiterlichen Vereinigung
    EquiVoX-Link Ausgabe 315 · Teil Teil 1
  12. Magazin  Verbandsgründung, erste Erfolge, Männer der ersten Stunde legen den Grundstein für die Gegenwart
    EquiVoX-Link Ausgabe 316 · Teil Teil 2
  13. Magazin  Krieg und Nachkriegszeit, Gewaltige Veränderungen in jeder Hinsicht
    EquiVoX-Link Ausgabe 317 · Teil Teil 3


Fotos

© Autorenhinweise m_red  » FN, Privatarchiv H. Munzendorf, Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005

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Notizen  Leserbrief  1494 vom 08.08.2005
zu Ausgabe Magazin  332
Rezension

[...]

Was das neue Buch anbelangt, so gebe ich dir Recht, allerdings möchte ich noch stärker hervorheben, wie schlimm ich diesen scheinbar poetischen Text bezüglich der Kruppe finde!

Wenn man wie ich erlebt hat, wie so perverse Schweine Stuten umbringen, indem sie sie mit irgendwelchen Gegenständen brutal vergewaltigen, dann kann ich an so einem Text nichts Poetisches und Schönes sondern nur etwas Abartiges erkennen. Ein, zwei diesbezügliche harmlose Sätze würde ich ja nicht tragisch nehmen, aber das ist ja schon ein richtiger Ansporn für perverse Pferdeschänder! Wie sich so manche Frau bei dem Vergleich fühlt, möchte ich ja gar nicht wissen, obwohl dies ein Punkt ist, der mich persönlich weniger stört, da man ja von den meisten Männern irgendwann mal als geile Stute bezeichnet wird und dies wohl als Kompliment werten sollte.

[...]

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 332 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Das Jahr 1924Leserresonanz  LeserresonanzPferdemesse  Messe: Hippoflex Gift: AlpenveilchenEditorial  Editorial: Hufbeschlag
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