Holstein
In den sechziger und siebziger Jahren wurde eine ganze Reihe von Hengsten eingesetzt, deren Ruf heute noch legendär ist. Allen voran der Anglo-Normanne Cor de la Bryère, vom Holsteiner Zuchtverband 1971 in der Normandie eher zufällig erworben. Denn die Delegation unter Leitung des damaligen Geschäftsführers Maas Johannes Hell wollte eigentlich einen Nachkommen aus der in Zucht und Sport sehr erfolgreichen Furioso xx-Linie ankaufen. Die Franzosen waren damals führend in der Sportpferdezucht.
Der erwünschte Urioso xx wurde zwar angepachtet, ergab aber nicht den erhofften Zuchtfortschritt. Cor de la Bryère konnte erworben werden, weil die Franzosen ihn gar nicht haben wollten. Sie mochten ihn noch nicht einmal kören; entsprechend günstig konnten die Holsteiner ihn einkaufen.
 Cor de la Bryère | Im selben Jahr absolviert er die verbandsinterne Hengstleistungsprüfung mit Höchstnoten. Wie der Hengst selbst zeichnen sich auch seinen Nachkommen durch überdurchschnittliches Springvermögen, hervorragende Beintechnik und das nötige Maß an Vorsicht aus. Daß er zugleich beste Bewegungsqualität vererben kann, beweist er Jahre später mit Corlandus, der unter Margit Otto-Crepin Dressur-Weltmeister wird.
Cor de la Bryère wird zum Stempelhengst. Von seinen zahlreichen Söhnen (rund 90) gelingen besonders Calypsp II, Contender und Caletto II durchschlagende Vererbungserfolge. Noch heute taucht der Anglonormanne, der vor sechs Jahren im Alter von 30 Jahren einging, in knapp 80 Prozent aller Holsteiner Pedigrees auf.
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Ein weiterer Vollblüter, diesmal aus England, wurde in Holstein eingesetzt: Ladykiller xx. Man setzte ja ausschließlich auf die Hengste; erst sehr viel später ist man sich der Bedeutung der Stuten bewußt geworden. So heißt es bei Hennig schlicht, die Legende Landgraf I sei aus einer Mutter des Anblick xx-Sohns Aldato geboren. Drei Hengste, keine namentliche Erwähnung der beteiligten Stuten.
Landgraf überzeugte zunächst nicht besonders. Zwölf Söhne des ersten Ladykiller xx-Jahrgangs wurden vorgestellt, neun davon gekört – Landgraf stand nur an fünfter Stelle, denn sein Hinterbein gefiel der Körkommission nicht besonders. Aber was will ein korrektes Gebäude für Leistungspferde heißen? Da er zusammen mit seinem Vater aufgestellt wurde, bekam er aber zunächst kaum Gelegenheit, seine Vererberqualitäten unter Beweis zu stellen.
Die Ergebnisse überzeugten ebenfalls nicht. Daraufhin wurde er vom Verband nach Baden-Württemberg abgegeben. Drei Jahre deckte er dort. So fand man heraus, daß die schweren Stuten, die er in Schleswig-Holstein decken durfte, nicht zu ihm passen. Maas Johannes Hell holte ihn wieder zurück nach Holstein.
Landgraf wird mit kaum zählbaren Nachkommen in Zucht und internationalem Sport der bedeutendste Springpferdevererber des 20. Jahrhunderts. Mit einer Gewinnsumme seiner Nachkommen im Turniersport von inzwischen knapp 4, 5 Millionen EUR führt er auch heute noch die deutsche Statistik an. 1994 errichtet ihm der Holsteiner Verband ein Denkmal vor der Zentrale in Elmshorn. Landgraf, inzwischen 28jährig, ist bei der feierlichen Enthüllung anwesend.
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4, 5 Millionen EUR klingt natürlich sehr gut – es fragt sich nur, auf wie viele Nachkommen sich diese Gesamtsumme verteilt. Insofern sagt eine solche Zahl allein recht wenig aus. Die Fixierung auf Hengste hat sich durch die moderne Besamungstechnik noch enorm verstärkt. Mußte man früher Hengst und Stute zusammenbringen, meist durch Transport der Stute, so kann heute ein Hengst fast beliebig viele Stuten
"decken". Infolgedessen werden die einzelnen Jahrgänge durch Modehengste dominiert, von deren Einsatz sich die Züchter maximalen Ruhm und Gewinn erhoffen.
Ob es geklappt hat, weiß man natürlich immer erst hinterher. Wer oft genug würfelt, bekommt mit ziemlicher Sicherheit eine sechs. Und manche bekommen halt mehr Sechsen als andere. Die Wissenschaft versucht durch Erfassung möglichst vieler Daten die Erfolgschancen zu verbessern. Ob das wirklich gelingt, ist freilich eine andere Frage. Das macht Zucht so spannend.