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Presseinfos News: Susanne Hennig

Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 342, erschienen am 17.10.2005

Magazin  Ausgabe 342

Holsteiner Jahrhundervererber Landgraf I
30 Jahre alt, Denkmal in Elmshorn

Foto: Autorenhinweise m_red  » FN, Privatarchiv H. Munzendorf
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Neue Wege in der Zucht
  2. Abschnitt  Holstein
  3. Abschnitt  Westfalen
  4. Abschnitt  Hannover
  5. Abschnitt  Das deutsche Reitpferd
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 325:
Hauptartikel  Wer stoppt Hempfling?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 326:
Hauptartikel  Ihr wißt nicht, was Liebe ist

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 327:
Hauptartikel  Scharlatan oder Visionär?

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 328:
Hauptartikel  Gefährliche Sekte?

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 329:
Hauptartikel  Außergewöhnliche Verbindung
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Zuchtplanung Deutsches Reitpferd
FN-Selektionsstufen 1-4  
Neue Wege in der Zucht

Die modernen Strukturen entwickeln sich

Zum Thema
Thema  Jubiläum



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Die Zuchtverbände hatten unter den veränderten Umständen am meisten zu leiden und betrieben deshalb den Zusammenschluß aller Kräfte, die sich dem Pferd verpflichtet fühlten, zur "Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN)". Zwar konnte dieses Ziel nicht in vollem Umfang verwirklicht werden – einzelne Vereinigungen und Persönlichkeiten ließen es sich nicht nehmen, ihre eigenen Ziele zu verfolgen – aber im wesentlichen konnte man alle Kräfte bündeln und gemeinsam die Aufgaben der Zeit bewältigen.

Zunächst ging es darum, die Zuchten neu auszurichten. Wenn die einzige Bedarfsgruppe im Pferdesport zu finden war, so galt es, das optimale Pferd für diesen Personenkreis zu züchten. Optimal konnte nur bedeuten, daß die sportlichen Fähigkeiten der einzige Maßstab bei der Beurteilung sein konnten. Deshalb ergab sich fast automatisch der Regelkreis, der auch heute noch gültig ist:

  • Selektionsstufe 1:
    In dieser Stufe erfolgt die Beurteilung des Fohlens bei Fuß der Mutter. Als Beurteilungskriterien werden die Abstammung, das Exterieur sowie die Grundgangarten herangezogen.
  • Selektionsstufe 2:
    Nach denselben Kriterien erfolgt die Bewertung der zur Körung vorgestellten Hengste im Alter von 2, 5 Jahren.
  • Selektionsstufe 3:
    Für die Beurteilung des Pferdes dient die Eigenleistungsprüfung (Hengst- und Stutenleistungsprüfung).
  • Selektionsstufe 4:
    Hier finden die turniersportlichen Erfolge der Nachkommen ihren Niederschlag.

Susanne Hennig: 100 Jahre FN, Seite 187

Um die sportlichen Eigenschaften der bis dahin vorwiegend für das Militär bzw. die Landwirtschaft gezüchteten Pferde zu verbessern, wurden überwiegend Vollblüter, Trakehner und Araber eingesetzt. Die Hannoveraner waren den anderen Zuchtverbänden dadurch etwas voraus, daß eine Reihe von Trakehner-Hengsten nach der Flucht im Landgestüt Celle untergekommen waren.

Die Vormachtstellung der Hannoveraner nahm dort ihren Anfang (siehe auch EquiVoX-Link Eliteauktionen, EquiVoX-Link Weltranglisten, EquiVoX-Link Züchterischer Fortschritt, EquiVoX-Link Zuchtzieldefinition, EquiVoX-Link BLUP und INTERSTALLION). Das Tierzuchtinstitut der Universität Göttingen entwickelte in Zusammenarbeit mit der FN-Abteilung Zucht unter Zuhilfenahme der Erkenntnisse der Populationsgenetik das erste Modell der Zuchtplanung. Daraus hat sich dann die weltweit erste Zuchtwertschätzung für Reitpferde entwickelt.

Holstein  oben 



In den sechziger und siebziger Jahren wurde eine ganze Reihe von Hengsten eingesetzt, deren Ruf heute noch legendär ist. Allen voran der Anglo-Normanne Cor de la Bryère, vom Holsteiner Zuchtverband 1971 in der Normandie eher zufällig erworben. Denn die Delegation unter Leitung des damaligen Geschäftsführers Maas Johannes Hell wollte eigentlich einen Nachkommen aus der in Zucht und Sport sehr erfolgreichen Furioso xx-Linie ankaufen. Die Franzosen waren damals führend in der Sportpferdezucht.

Der erwünschte Urioso xx wurde zwar angepachtet, ergab aber nicht den erhofften Zuchtfortschritt. Cor de la Bryère konnte erworben werden, weil die Franzosen ihn gar nicht haben wollten. Sie mochten ihn noch nicht einmal kören; entsprechend günstig konnten die Holsteiner ihn einkaufen.

Cor de la Bryère
Im selben Jahr absolviert er die verbandsinterne Hengstleistungsprüfung mit Höchstnoten. Wie der Hengst selbst zeichnen sich auch seinen Nachkommen durch überdurchschnittliches Springvermögen, hervorragende Beintechnik und das nötige Maß an Vorsicht aus. Daß er zugleich beste Bewegungsqualität vererben kann, beweist er Jahre später mit Corlandus, der unter Margit Otto-Crepin Dressur-Weltmeister wird.

Cor de la Bryère wird zum Stempelhengst. Von seinen zahlreichen Söhnen (rund 90) gelingen besonders Calypsp II, Contender und Caletto II durchschlagende Vererbungserfolge. Noch heute taucht der Anglonormanne, der vor sechs Jahren im Alter von 30 Jahren einging, in knapp 80 Prozent aller Holsteiner Pedigrees auf.
a.a.O., Seite 187

Ein weiterer Vollblüter, diesmal aus England, wurde in Holstein eingesetzt: Ladykiller xx. Man setzte ja ausschließlich auf die Hengste; erst sehr viel später ist man sich der Bedeutung der Stuten bewußt geworden. So heißt es bei Hennig schlicht, die Legende Landgraf I sei aus einer Mutter des Anblick xx-Sohns Aldato geboren. Drei Hengste, keine namentliche Erwähnung der beteiligten Stuten.

Landgraf überzeugte zunächst nicht besonders. Zwölf Söhne des ersten Ladykiller xx-Jahrgangs wurden vorgestellt, neun davon gekört – Landgraf stand nur an fünfter Stelle, denn sein Hinterbein gefiel der Körkommission nicht besonders. Aber was will ein korrektes Gebäude für Leistungspferde heißen? Da er zusammen mit seinem Vater aufgestellt wurde, bekam er aber zunächst kaum Gelegenheit, seine Vererberqualitäten unter Beweis zu stellen.

Die Ergebnisse überzeugten ebenfalls nicht. Daraufhin wurde er vom Verband nach Baden-Württemberg abgegeben. Drei Jahre deckte er dort. So fand man heraus, daß die schweren Stuten, die er in Schleswig-Holstein decken durfte, nicht zu ihm passen. Maas Johannes Hell holte ihn wieder zurück nach Holstein.

Landgraf wird mit kaum zählbaren Nachkommen in Zucht und internationalem Sport der bedeutendste Springpferdevererber des 20. Jahrhunderts. Mit einer Gewinnsumme seiner Nachkommen im Turniersport von inzwischen knapp 4, 5 Millionen EUR führt er auch heute noch die deutsche Statistik an. 1994 errichtet ihm der Holsteiner Verband ein Denkmal vor der Zentrale in Elmshorn. Landgraf, inzwischen 28jährig, ist bei der feierlichen Enthüllung anwesend.
a.a.O., Seite 188

4, 5 Millionen EUR klingt natürlich sehr gut – es fragt sich nur, auf wie viele Nachkommen sich diese Gesamtsumme verteilt. Insofern sagt eine solche Zahl allein recht wenig aus. Die Fixierung auf Hengste hat sich durch die moderne Besamungstechnik noch enorm verstärkt. Mußte man früher Hengst und Stute zusammenbringen, meist durch Transport der Stute, so kann heute ein Hengst fast beliebig viele Stuten "decken". Infolgedessen werden die einzelnen Jahrgänge durch Modehengste dominiert, von deren Einsatz sich die Züchter maximalen Ruhm und Gewinn erhoffen.

Ob es geklappt hat, weiß man natürlich immer erst hinterher. Wer oft genug würfelt, bekommt mit ziemlicher Sicherheit eine sechs. Und manche bekommen halt mehr Sechsen als andere. Die Wissenschaft versucht durch Erfassung möglichst vieler Daten die Erfolgschancen zu verbessern. Ob das wirklich gelingt, ist freilich eine andere Frage. Das macht Zucht so spannend.

Westfalen  oben 



Auch die Westfalen gönnten sich ein Denkmal, ein Jahr vor den Holsteinern, und der so geehrte Hengst Paradox I wurde im Alter von 30 Jahren ebenfalls Zeuge seiner Ehrung. Das Denkmal steht vor dem Landstallmeisterhaus in Warendorf. Wie Landgraf ist auch Paradox Sohn eines Vollblüters (Papayer xx). Der Landstallmeister Dr. Gerd Lehmann kaufte ihn 1966 auf dem Münsteraner Hengstmarkt.

26 gekörte Söhne wird Paradox im Laufe seiner Beschälerkarriere liefern, von diesen erweisen sich Parademarsch I und II, Pakt sowie Pacco I und II als die erfolgreichsten. Paradox I überzeugt jedoch nicht nur in der Zucht, sondern empfiehlt sich auch als ungemein leistungsstarker Vererber im Springsport.
a.a.O., Seite 189

So spricht man wohl in Züchterkreisen. Da ich zu diesen nicht gehöre, ist mir das alles relativ fremd. Nun habe ich selber einen Westfalen namens Pit gekauft, und dieser stammt von Piquet, welcher seinerseits ein Sohn von » Pilot ist. Pilot wiederum ist Sohn von Pilatus, Enkel von Perseus und Urenkel des irischen Vollblüters Plucchino xx, der schon 1958 vom Gestüt Werthmann in Soest angekauft wurde und dort bis 1975 wirkte. Da haben wir wieder das Vollblut. Pits Großvater mütterlicherseits ist » Angelo xx und damit "Neffe" von Ahlerich, Romadour II, Rosenkavalier (» Archiv der Champions).

Das hat mich alles wenig gekümmert, da ich ja weder Züchter war noch werden wollte. Heute weiß ich, daß eine ganze Reihe von Nachkommen dieser Hengste bedeutend im Sport waren, aber allesamt nicht einfach. Ob Pit Chancen im Sport gehabt hätte, sei dahingestellt – vermutlich eher nicht, denn unter den vielen Nachkommen schaffen es immer nur sehr wenige. Als Freizeitpferd wünscht man sich vielleicht einen etwas einfacheren Charakter.

Pilot
Ein Pilot, das war nicht unbedingt ein einfaches Pferd für jedermann, kein Allround-Partner für entspannte Sonntags-Ausritte. Ein Pilot forderte, stellte Ansprüche, besaß große Sensibilität in sich und erwartete sie auch von seinem Reiter. Dann war er zu Höchstleistungen fähig. Konnte Häuser springen und das geben, wonach die Sportpferdezucht im Maximum strebt: Leistungsbereitschaft.

Das verdeutlichen Pferde wie P.S. Priamos, dem das Kunststück gelang, unter zwei verschiedenen Reitern – Dirk Hafemeister und Ludger Beerbaum – zweimal in Folge zur goldgewinnenden Weltmeisterschafts- Mannschaft von Deutschland zu zählen. Oder Bugatti Pedro, der unter Wolfgang Brinkmann bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 mit dem Gewinn von Teamgold hohe Ehre für seinen damals gerade 14-jährigen Vater einlegte. Pilot war ein Spezialvererber – aber von allerhöchster Güteklasse. Wobei – sein Enkel Placido strafte alle Kritiker an Pilot's Dressurvererbung mit dem zweifachen Sieg im Bundeschampionat der fünf- und sechsjährigen Dressurpferde 2000 und 2001 Lügen. [...]

Züchterisch manifestieren konnte sich bisher keiner mit Nachdruck. Im Jahr 2000 wurde eine Statistik bekannt, nach der im Landgestüt sieben Pilot-Söhne zusammen ganze 29 Stuten gedeckt haben. Eine traurige Missachtung der Leistungsgene eines Hengstes, der seine Ausnahmestellung mehrfach bewiesen hat. [...]

Das wohl beeindruckendste Pferd, das Pilot geliefert hat, ist der Fuchswallach P.S. Priamos. Der 1982 geborene Westfale kann auf die fantastische Gewinnsumme von 847.235 Euro blicken. Nicht weniger eindrucksvoll liest sich seine Erfolgsbilanz: 42mal stand P.S. Priamos auf Siegerehrungen von S-Springen an erster Stelle, ebenfalls 42mal an zweiter, 29mal an dritter Stelle und 217mal war er platziert. Vier weitere Siege in ein, zwei und drei-Sterne-S stehen zu Buche. Mit Dirk Hafemeister gewann er 1993 den Großen Preis von Dortmund und Spangenberg und wurde 1994 mit der Deutschen Mannschaft Weltmeister in Den Haag. Nach Nationenpreis-Siegen im schwedischen Falsterbo und Rotterdam, wechselte Priamos 1996 zu Ludger Beerbaum. Der wurde mit ihm ein Jahr später Deutscher Meister, gewann den Großen Preis von Stuttgart und nahm, mal eben, noch einen Weltcup-Qualifikations-Sieg in London mit, ehe er 1998 wiederum zum Goldteam der Weltmeisterschaften zählte. Erst im Jahr 2001, nachdem Priamos mit Beerbaum's Bereiter Marco Kutscher noch einige Drei-Sterne S-Platzierungen sammelte, wurde der Fuchs mit 19 Jahren aus dem Sport verabschiedet. Heute läuft der Spitzencrack mit Beerbaum's Olympiastute Ratina Z auf den Weiden in Riesenbeck. [...]

Wie aktuell Pilot noch heute ist, zeigte die Oldenburger Elite-Auktion 2002 in Vechta: Unter dem Namen Primus F.J.E wurde ein via Tiefgefriersamen erzeugtes Pilot-Hengstfohlen für 30.000 Euro versteigert. Gezogen aus einer Argentinus-Direx-Mutter kommt über Direx die Vebindung zu P.S. Priamos.
» Pilot

Hannover  oben 



Auch von der mütterlichen Seite Pits wird viel vom Reiter verlangt:

Besonders erfolgreich hat Herbert de Baey (Lemgo) Angelo xx über Jahre eingesetzt. Mit der Stute Dodona brachte Angelo xx die Olympiapferde Ahlerich 2/Dr. Reiner Klimke und dessen Vollbruder Amon/Annemarie Sanders-Keyzer. Deren Vollschwestern Adone und Antine wurden wiederum züchterischer "Nährboden" für den Dressur-Multichampion Rembrandt und die Hengstdynastien Rubinstein I und II bzw. Royal Angelo I und II.

Die Angelo xx-Nachkommen galten oftmals als nicht sonderlich einfach. Bei entsprechendem reiterlichen Einfühlungsvermögen waren sie jedoch prädestiniert für höchste Ansprüche in allen Disziplinen. Auf den westfälischen Eliteauktionen in Münster-Handorf fanden sie reißenden Absatz.
» Angelo xx

Diese Zitate zeigen ganz deutlich, daß ausschließlich sportliche Interessen im Mittelpunkt der züchterischen Aktivität standen. Ausnahmepferde dürfen sicher auch Ausnahmereiter verlangen. Was aber fängt ein durchschnittlicher Reiter mit einem schwierigen Pferd an? Wenn wir für unsere Pferde keine Reiter mehr finden, sieht die Sache auch nicht mehr so rosig aus. Deshalb fand ich es besonders interessant, daß Baden-Württemberg und besonders Marbach verstärkt innere Werte in den Vordergrund gestellt haben: Umgänglichkeit, Menschenbezogenheit, Freundlichkeit, Gelassenheit (EquiVoX-Link Interieur).

Furioso II, Georg Vorwerk
Wie die Holsteiner in der Normandie für ihre Landespferdezucht den Anglo-Normannen Cor de la Bryère erwerben, haben auch die Oldenburger Züchter das große Glück, einen Anglo-Normannen von größtem Format aufzuspüren. Der renommierte Hengsthalter Georg » Vorwerk, der Furioso II 1967 in Frankreich entdeckt, schwärmt: "Solch ein Hengst wird nur alle hundert Jahre geboren."

Der temperamentvolle Dunkelfuchs mit Stockmaß 1, 67 rechtfertigt die hohen Erwartungen, die sein neuer Besitzer in ihn setzt. Furioso II avanciert zu einem der gefragtesten Hengste Oldenburgs. Über 60 gekörte Söhne wird er hinterlassen. [...] Von seinen turniersportlichen Nachkommen ragt bis heute der einst von Lars Nieberg und später von Marcus Ehning zu zahlreichen Championatsmedaillen geführte gekörte Hengst For Pleasure heraus.
a.a.O., Seite 190

Die überragende Sportpferdezucht wird durch den Hannoveraner Zuchtverband repräsentiert. Selbstverständlich haben die Hannoveraner Züchter ebenfalls einen Ausnahmevererber:

Weltmeyer, 100 gekörte Söhne, 1.150 Zuchstuten, 438 eingetragene Turnierpferde
Pik As xx aus dem Gestüt Mydlinghoven liefert zunächst für den Springsport geprägte Nachkommen. Die Linie des Pik As erhält Pik König, der bestes Springtalent und vereinzelt auch eine Begabung für das Dressurviereck vererbt. Starke Dressurpferdepoints vereinen dessen Söhne Pik Bube I und II. Besonders der älteren, unter Herbert Rehbein mehrfach siegreich in Klasse S, wird sich als herausragende Vererber behaupten können. In Anpaarung mit Donnerwetter und dessen Sohn Donnerhall bringen Pik Bube-Töchter eine Vielzahl guter Reitpferde hervor. In Hannover spricht man von einer "Passerpaarung".

Untrennbar ist heute die Dressurpferdezucht Hannovers mit dem Namen Weltmeyer verbunden. Sein Urahn Wöhler, der ebenso der alten "F-Linie" entstammt, galt lange Zeit als Inbegriff des modernen Dressurpferdes. Dessen prominentester 1971 geborener Sohn Woermann reift zu einem der besten Vererber heran. Der elegante Fuchs hinterläßt eine Vielzahl guter Hengste, von denen vor allem Wenzel und World Cup I herausragen. World Cup I setzt sich mit seinem Sohn Weltmeyer ein Denkmal. Rund 100 gekörte Söhne des bewegungsstarken, in der Zuchtstätte Meyer (Allwöhrden) zur Welt gekommenen Hengstes sprechen für sich. Von diesen ragen als aktuelle "Modehengste" vor allem Wolkenstein II und Wolkentanz I heraus. Seit Jahren prägen Weltmeyer und seine Nachfahren die Reit- und Dressurpferde-Bundeschampionate in Warendorf.
a.a.O., Seite 191

Mittlerweile ist es aber gar nicht mehr so einfach, die unterschiedlichen Zuchtgebiete gegeneinander abzugrenzen. Als Beispiel nenne ich hier wieder den Westfalen Pilot:

Hannovers Landgestüt Celle sicherte sich mit dem 1991 geborenen Perpigon einen Pilot-Sohn, der in schweren Springen Erfolge für seine berühmte Heimat sammelte. Perpignon stammt übrigens aus der Watzmmm-Tochter Whyoming, die mit dem in Oldenburg aufgestellten Pilot-Sohn Prestige Pilot das Ausnahmepferd Placido brachte. 1998 mit 360.000 Mark Spitzenpferd der Verdener Elite-Auktion, wurde Placido unter Dr. Ulf Möller 2000 und 2001 umjubelter Bundeschampion der fünf- und sechsjährigen Dressurpferde. Die Wertnoten sprechen Bände: 9.8. In einer Währung ausgedrückt, schlagen Placido's Erfolge siebenstellig zu Buche: Für damals 1.05 Millionen Mark wurde der Wallach im Millenniumsjahr über die P.S.I.-Auktion versteigert. Prestige Pilot selbst verdeutlicht seine Vielseitigkeit auch auf dem Turnier: Siege in Dressur- und Spingpferdeprüfungen bis zur Klasse M stehen im Scheckheft des bewegungsstarken Brauen.
» Pilot

Das deutsche Reitpferd  oben 



Ende der 60er Jahre wurde die FN in der heutigen Form gegründet. Die Zuchtverbände wollten die Zukunft gestalten. Zu diesem Zweck sollten alle Sonderinteressen, alle züchterischen Errungenschaften zugunsten eines einheitlichen modernen Sportpferdes aufgegeben werden. Aus dem ehemaligen Arbeits-, Reit- und Wagenpferd sollte ein vielseitig einsetzbares Sport- und Freizeitpferd entwickelt werden. Folglich glichen sich die Zuchtprodukte mehr und mehr an.

Dr. Haring, Gemälde im Hintergrund: Freiherr v. Langen (siehe Ausgabe  334.05)
Dr. Hanfried Haring, Geschäftsführer der FN-Abteilung Zucht, treibt energisch die "Proklamation" der Rasse "Deutsches Reitpferd" voran – nicht zuletzt auch aus dem Grund, den ausländischen Käufern deutscher Pferde ein Markenprodukt statt einer Vielzahl von Pferderassen anbieten zu können.

Nicht jeder Züchter, Zuchtverbands-Funktionär und -Mitarbeiter ist begeistert von Harings Plänen. Mit Überzeugungsarbeit gelingt es schließlich, die Bedenken gegen ein "Einheitspferd" und die Angst vor dem Verlust einer jahrhundertealten züchterischen Eigenständigkeit zu zerstreuen.

Derartige Sorgen wären ohnedies nicht berechtigt gewesen, denn das Deutsche Reitpferd lebt ja gerade von seiner Vielseitigkeit und seiner historischen Eigenständigkeit. Die neue "Rasse" erleichtert vielmehr die gemeinsame Nutzung von Hengstleistungsprüfungsanstalten und den Austausch von Vatertieren. Dem für die Zucht insgesamt sehr förderlichen Wettbewerb der Zuchtverbände untereinander beispielsweise auf den Bundeschampionaten steht das Deutsche Reitpferd gleich gar nicht im Weg.

Auf der Delegiertenversammlung der Abteilung Zucht am 22. April 1975 einigen sich die Zuchtverbände auf dem Namen "Deutsches Reitpferd" und auf ein gemeinsames Zuchtziel:

"Gezüchtet wird ein edles, großliniges und korrektes Reitpferd mit schwungvollen, raumgreifenden, elastischen Bewegungen, das aufgrund seines Temperaments, seines Charakters und seiner Rittigkeit für Reitzwecke jeder Art geeignet ist."
a.a.O., Seite 208

Die Aussichten schienen nicht schlecht zu sein, wenngleich es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Zuchtgebieten gab, wie folgende Aufstellung von Auktionsergebnissen des Frühjahrs 1971 zeigt:

OrtVerkaufte PferdeSpitzenpreisNiedrigster PreisDurchschnittspreis
Verden (Hannover)9365000500012800
Vechta (Oldenburg)402250054006900
Münster (Westfalen)55195002400 (Pony)11950
Darmstadt (Trakehner)4832000550011440
Landshut (Bayern)311500052008600
Wülfrath (Rheinland)382300050008050
Dillenburg (Hessen)271050047006450
Zweibrücken281100037006550

a.a.O., Seite 189

Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Die sportlichen Aktivitäten vervielfältigen sich in den folgenden Jahren, wie die folgende Tabelle zeigt:

JahrTurniere--4PrüfungenStarts
 GesamtKat. AKat. BKat. C
197086622963713686271761
197196125570614631300486
1972101425376115670331727
197310512817716054339539
1974129932197818799401622
19751430367106321994464410
19762119106121979423094563010
1977252277151093533429758654
19782457911194117236677831708
19792556841387108540922941292
198027179415421078446451103650
198534959121441260569471366753
198931291192503517620421375290

a.a.O., Seite 207

Die Weichen für den weiteren Erfolg deutscher Pferde und deutscher Reiter im großen Sport waren gestellt. Jetzt mußten die Absichten umgesetzt, die vorhandenen Möglichkeiten und Chancen in Wettbewerben und im Markt realisiert werden.

Quellen / Verweise  oben 

  1. Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005
  2. Magazin EquiVoX-Link Eliteauktionen, Hannoveraner als Beispiel moderner Zuchtpolitik, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 304
  3. Magazin EquiVoX-Link Weltranglisten, World Breeding Federation for Sport Horses, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 305
  4. Magazin EquiVoX-Link Züchterischer Fortschritt, Kann man die Zucht planmäßig verbessern?, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 306
  5. Magazin EquiVoX-Link Zuchtzieldefinition, Was ist ein Hannoveraner?, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 307
  6. Magazin EquiVoX-Link BLUP und INTERSTALLION, Zucht mit wissenschaftlichen Daten, Hauptartikel Ausgabe EquiVoX-Link 308
  7. » Pilot
  8. » Angelo xx
  9. » Archiv der Champions
  10. Magazin EquiVoX-Link Interieur
  11. » Gestüt Vorwerk
  12. Magazin  100 Jahre FN, Jubiläum der Deutschen Reiterlichen Vereinigung
    EquiVoX-Link Ausgabe 315 · Teil Teil 1
  13. Magazin  Verbandsgründung, erste Erfolge, Männer der ersten Stunde legen den Grundstein für die Gegenwart
    EquiVoX-Link Ausgabe 316 · Teil Teil 2
  14. Magazin  Krieg und Nachkriegszeit, Gewaltige Veränderungen in jeder Hinsicht
    EquiVoX-Link Ausgabe 317 · Teil Teil 3
  15. Magazin  Das Jahr 1924, Auferstanden aus der Asche
    EquiVoX-Link Ausgabe 332 · Teil Teil 4
  16. Magazin  Kauft nur deutsche Pferde!, Pferdezucht und Pferdesport – die Erfolgskombination
    EquiVoX-Link Ausgabe 334 · Teil Teil 5
  17. Magazin  Olympische Spiele Berlin 1936, Gleichschaltung von Sport und Zucht im Dritten Reich
    EquiVoX-Link Ausgabe 335 · Teil Teil 6
  18. Magazin  Auf in den Krieg!, Wo blieben die Reiter und Züchter?
    EquiVoX-Link Ausgabe 336 · Teil Teil 7
  19. Magazin  Ehrenrettung für Gustav Rau, Über üble Nachrede und fundamentale Verunsicherung
    EquiVoX-Link Ausgabe 337 · Teil Teil 8
  20. Magazin  Das Ende der Ära Rau, Mühsamer Neuanfang und erste Triumphe
    EquiVoX-Link Ausgabe 338 · Teil Teil 9
  21. Magazin  HGW und Linsenhoff, Die 50er Jahre: größte Triumphe gefolgt von der größten Krise
    EquiVoX-Link Ausgabe 339 · Teil Teil 10
  22. Magazin  Beschwörung: Das Pferd muß bleiben, Der Turniersport wächst im kalten Krieg
    EquiVoX-Link Ausgabe 340 · Teil Teil 11
  23. Magazin  Dressur ganz stark – WM-Triumph, Verbände im Umbruch: Die FN formiert sich
    EquiVoX-Link Ausgabe 341 · Teil Teil 12


Fotos

© Autorenhinweise m_red  » FN, Privatarchiv H. Munzendorf, Susanne Hennig: 100 Jahre FN , FN-Verlag 2005

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Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  1589 vom 17.10.2005
zu Ausgabe Magazin  342
Fehler

Sehr geehrter Herr Popken!

In dem Hauptartikel der aktuellen Ausgabe befindet sich wahrscheinlich ein Fehler, und zwar in den Satz: "In dieser Stufe erfolgt die Beurteilung des Fohlens bei Fuß der Mutter. Als Beurteilungskriterien werden die Abstammung, das Exterieur sowie die Grund kann Arten herangezogen". Statt "die Grund kann Arten" sollte dort vermutlich "Grundgangarten" stehen.

Viele Grüße aus Krakau
Weronika Kosieradzka

N.S. zu Fehler

Sehr geehrter Herr Popken!

Ich glaube, die folgenden Sätze haben sich auch kleine Fehler eingeschlichen:

Noch heute taucht der Anglonormanne, der vor sechs Jahren im Alter von 30 Jahren eingehen (vielleicht "einging"?), in knapp 80 Prozent aller Holsteiner Pedigrees auf.

Ein weiterer Vollblüter, diesmal aus England, wurde in Holsteiner ("Holsteiner Zucht"?) eingesetzt: Ladykiller xx.


Viele Grüße aus Krakau

Guten Tag Frau Kosieradzka,

herzlichen Dank für Ihre Hinweise! Sie haben vollkommen Recht! Wunderbar, jemand liest, was ich geschrieben habe!

Haben Sie sich gefragt, wie ein solcher Fehler zustande kommt? Wann immer es möglich ist, benutze ich ein Diktiersystem. Ich spreche also direkt in den Computer. Das funktioniert im allgemeinen sehr gut. Allerdings kann das System immer nur so gut arbeiten, wie ich spreche. Wenn ich also das Wort "Grundgangarten" schlampig ausspreche, muß ich mich nicht wundern.

In diesem Fall aber war es vermutlich ein systematischer Fehler, denn als ich soeben das Wort "Grundgangarten" ausgesprochen habe, hat er wieder "Grund kann Arten" geschrieben. Ich habe soeben diesen Fehler natürlich, im Gegensatz zu gestern, als ich den Artikel geschrieben habe, bemerkt, und das System korrigiert. Normalerweise reicht das.

Nun hat er aber beim zweiten Mal das Wort wieder falsch geschrieben, braucht also mehr Korrektur. Als nächstes habe ich die falsche Schreibweise diktiert, und zwar ganz deutlich, und siehe da: die Maschine schreibt "Grundgangarten" statt wie diktiert "Grund kann Arten". Nun habe ich also in umgekehrter Richtung korrigiert, und jetzt hat die Maschine es begriffen. Vermutlich wird sie das Wort "Grundgangarten" in Zukunft auf Anhieb richtig schreiben, selbst wenn ich etwas nuschele.

Trotz großer Konzentration übersehe ich immer wieder solche Fehler. Deshalb, und um den Faden wieder aufnehmen zu können, beginne ich die Arbeit gewöhnlich damit, daß ich den Artikel der Vorwoche noch einmal lese, und leider (oder glücklicherweise) fallen mir dann dabei einige Fehler auf, die ich dann stillschweigend korrigiere. Ich bin aber natürlich für jeden Hinweis dankbar!

Dieses Diktiersystem ist für mich ein wahrer Segen. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es wäre, wenn ich das alles tippen müßte. Vermutlich wäre ich dazu gar nicht in der Lage, weil meine Finger durch die ständigen Mikrobewegungen leicht anfangen zu schmerzen. Wie schön ist es doch, sich gemütlich zurücklegen zu können und einfach nur vor sich hin zu plaudern und dem Computer dabei zuzuschauen, wie er das alles in Buchstaben umsetzt.

Das Problem entsteht dadurch, daß gleichzeitig neue Gedanken gefaßt werden müssen und die Ausführung überwacht werden muß. Und da passiert es sehr leicht, daß letztere ins Hintertreffen gerät. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn ich einfach nur Zitate diktiere. Das war hier der Fall. Dann muß ich ja gar nicht selbst überlegen und bin schon beim nächsten Satz, wo der vorige doch erst überprüft werden müßte.

Mit freundlichen Grüßen

Werner Popken

PS: Heute habe ich endlich Zeit gefunden, den gesamten Beitrag noch einmal sorgfältig zu lesen. Dabei habe ich noch eine ganze Reihe von weiteren Fehlern gefunden. Meine Vorstellung wäre ja die, daß die Artikel in aller Ruhe rechtzeitig produziert werden könnten, damit eine solche Situation gar nicht erst auftritt. Leider habe ich das in all diesen Jahren bisher noch nicht erreicht. Aber vielleicht wird das ja noch einmal möglich sein.

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