Magazin | |
|
http://equivox.de/LeserresonanzLeserresonanz |
![]() Mustangs, ein von der Landschaft her noch harmloser Ausschnitt aus einem Video |
|
Pferde sind enorm anpassungsfähig, können sie doch in Gegenden wie in Island genauso überleben wie in der Camargue oder der trockenen und heißen Steppe. Nur im ewigen Eis oder in den Tropen klappt das nicht. Warum? Im ewigen Eis wächst kein Futter und das Wasser ist gefroren. Aber der Versuch, das Fehlen der Pferde in den Tropen auf fehlende, aber notwendige Temperaturschwankungen zurückzuführen, kam bei mir nicht so richtig an. Ich hatte von einer durch Insekten übertragenen Infektionskrankheit gehört, der normale Pferde in den Tropen nicht gewachsen waren. Der Sache wollte ich für uns alle auf den Grund gehen, und in einem Vorlesungstext der Uni Bern bin ich dann fündig geworden:
Sicher richtig ist aber, daß Pferde ein anderes Kälte- und Wärmeempfinden haben als wir Menschen. Wo wir uns wohl fühlen, ist es Pferden eher zu warm. Überhitzung ist für sie kritischer als Kälte, nach Aussage von Chris Gehrmann ist eine Abweichung mehr als 1/10°C vom individuellen Sollwert für ein Pferd unerträglich. Pferde haben ein wesentlich kleineres Verhältnis zwischen Hautoberfläche und Körpergewicht, was die Kühlung viel schwerer macht. In einer Folie wurde das so dargestellt:
Ein Quadrat der Schwierigkeiten ist für mich zwar mathematisch nicht faßbar, aber die Grundaussage ist logisch. Nicht näher definiert ob als Quelle oder Literaturvorschlag wurde auf der Folie das Buch "Psychologie und Verhaltensweisen des Pferdes" von Wilhelm Blendinger gezeigt. Im Amazon findet man für eine gebundene Ausgabe mit einer anderen ISBN-Nummer neben einer positiven Anmerkung nur noch Gebrauchtangebote ab EUR 75, 00 aufwärts. Beide Versionen haben laut Amazon 321 Seiten und wurden 1988 in der 5. Auflage bei Müller Rüschlikon, Cham, gedruckt (ISBN 3-275-0115-4). Daß die Steuerung des Fellwechsels auch mit der Temperatur zusammenhängt, erscheint naheliegend. Trotzdem waren wir uns alle ziemlich einig: Da muß noch was anderes sein. Wie erklärt sich sonst die Tatsache, daß man an Zeitpunkt und Heftigkeit des Fellwechsel recht gut abschätzen kann, wie lange der Winter oder der Sommer noch dauert bzw. wie schnell oder zögerlich der Wechsel der Jahreszeiten sein wird. Ich kann mich nur an ein Jahr erinnern, wo die Pferde richtig schief lagen: Da haben sie kurz nach Weihnachten gehaart und im Februar nochmal ein Winterfell nachgeschoben, was ihnen sichtbar Kraft gekostet hat. Ketzerischer Nachtrag: An eingedeckten Boxenpferden oder ihren geschorenen Kollegen kann man den Effekt nicht so schön beobachten. |
Pferde sind andererseits grundsätzlich darauf aus, Energie nicht zu verschwenden, sondern alle Reserven für eine eventuelle Flucht parat zu haben. Extra Bewegungspotenzial bieten noch Spieltrieb und Diskussionen über die Rangordnung. (Letztere entfallen aber schnell bei einem gemeinsamen Ziel, z.B. sich im Pulk gegenseitig die Fliegen zu verscheuchen.) Der Bewegungsaufwand unserer Pferde hält sich meist in Grenzen, sie haben ihr Futter auf einem Haufen in der Box, im Trog oder innerhalb einer abgezäunten Weide in einer Raufe, falls die Wiese schon abgefressen ist. Also oft zu viel und meist zu einseitig. Zu einseitig? Gehen wir einmal von einem in Menschenaugen glücklichen Pferd in einer netten Gemeinschaft auf einer schönen saftigen Wiese aus. Nehmen wir dabei an, von einem bestimmten Stoff oder Mineral ist im fetten Gras dieser Wiese zu wenig enthalten. Ein Grund für das Pferd, vom Energiegehalt her gesehen mehr zu fressen als notwendig, nur um an die ausreichende Menge des Minerals zu kommen. Es wird zu dick und der Organismus hat dadurch mehr zu tun. Zum Beispiel müssen überschüssige Stoffe, auch Eiweiß, ausgeschieden werden. Das könnte zwar zum Teil in Hufhorn umgebaut werden, auf dem weichen Boden gibt es aber wenig Hufmechanismus und damit wenig Anreiz für Hornbildung. Der Organismus kommt mit der Zeit an sein Limit, das Faß ist kurz vor dem Überlaufen. Oft sehen wir das an Ekzemen oder einem Speckhals, der als Giftdepot fungiert. Bei einer zusätzlichen Streßsituation oder einem Extraschub ungeeignetes Futter läuft das Faß auch über und das Pferd wird akut krank. Das geschieht meist an seiner schwächsten Stelle, z.B. in den Hufen in Form eines Reheschubs. |
Die Lehre von Frau Dr. Strasser packt das Problem andersrum an: Sie sieht hier, wie oben beschrieben, keine Über-, sondern eine Unterfütterung, zumindest an bestimmten notwendigen Stoffen und/oder eine Vergiftung durch eigene, nicht ausgeschiedene Abfallprodukte. Giftstoffe entstehen aber zum Beispiel auch, wenn die 16m Pferdedarm nicht so viel wie in der Natur vorgesehen mit Verdauen (mit Rauhfutter) beschäftigt sind: Die Mikroorganismen im Darm sterben ab, wodurch giftige Endotoxine frei werden, die zu Entzündungen führen können – z.B. die der Lederhaut bei der Hufrehe. Die für Pferde notwendigen Substanzen sind nach Straßer besonders im ungequetschten Hafer und dort in leicht aufnehmbarer Form vorhanden. Die Ausscheidung von "Abfallprodukten" aus dem Organismus über die Hufe wird durch den physiologischen – der Vernunft der Natur entsprechenden – Schnitt und daraufhin durch Hufmechanismus unterstützt. Die Rehepferde bekommen also die Eisen runter, richtiges Ausschneiden mit Herstellen der richtigen Winkel und Entlasten der Zehe, Hafer und so viel Spaziergang auf festem Boden wie möglich und für das Pferd erträglich. Wenn die Rehe nicht hoffnungslos chronisch und das Hufbein nicht schon zu stark abgebaut und deformiert ist, werden die Pferde regelmäßig wieder vollkommen gesund. Uns wurde von einem Fall aus der USA erzählt, wo ein Pferd alle 4 Hufe ausgeschuht hat und nach einem Jahr wieder fit war. Daß das vor allem in der ersten Zeit nur mit großen Schmerzen geht, ist klar, aber Pferde gehen ganz anders damit um wie wir Menschen. Wie sie es schaffen, trotz körperlicher Schmerzen Lebensfreude auszustrahlen, sieht man vielleicht am Foto der über 30 Jahre alten Araberstute Arnella vom Karolinenhof, das ich bei meiner Tour mit Sabine Eichele gemacht habe. Sie hatte chronische Rehe und einen großen Nierentumor, lebte neben ihrem ebenfalls 30-jährigen Hengst Tabal und war gut gelaunt, drinnen und draußen auf der Weide. Vor kurzem ist sie an einer schweren Kolik gestorben. Tabal ging es dann eine Woche sehr schlecht, er hat nichts mehr gefressen, sich aber mittlerweile gefangen und wieder den Spaß am Leben, den er letzten Sommer nach seiner Umstellung auf Barhuf neu gefunden hatte. Pferde können trauern. Generell, glaube ich, können sie seelische Schmerzen viel schwerer ertragen als körperliche. |
Sicherheit heißt, daß sie zum einen gern Übersicht haben, um Gefahren früh genug erkennen zu können, und zum anderen sich gerne jemanden anschließen, dem sie die Führung zutrauen und vertrauen. Daß letzteres stimmt, haben genug Pferdemenschen schon demonstriert: Ist ein Pferd davon überzeugt, daß du kein Raubtier bist und daß es sich zudem nicht mehr selbst um seine Sicherheit kümmern muß, läuft es dir hinterher. Diese Überzeugungsarbeit wird anspruchsvoller, wenn du mit einem in der Herde ranghohen Pferd zu tun hast. Aber dafür ist die Zusammenarbeit danach umso prickelnder. Nicht jeder Pferdebesitzer ist in Augen seines Pferds ein geeigneter Führer, im Gegenteil. Aber zum Trost, viele werden es wissen (ich auch): Es reicht oft schon, wenn das Pferd sich selbst zwar im Rang höher, aber dich als angenehme Gesellschaft empfindet, damit es aus Spaß an Abwechslung mitmacht. Aber es geht auch einfacher: Wovon der Mensch noch oft und gerne Gebrauch macht, was zusätzlich seinen urmenschlichen Vorstellungen von Sicherheit und Schutz in einer Höhle nahekommt, ist das Einsperren seiner Pferde in Käfige, pardon, Boxen. Das hat noch den praktischen Vorteil, daß das Pferd nicht eingefangen und zum Mitgehen überredet werden muß. Da gibt es die in Pferdehaltungsfragen anerkannte, Sterne verteilende und Plaketten verleihende LAG – Laufstall-Arbeits-Gemeinschaft e.V. Aus deren Vorgaben hat Chris Gehrmann eine seltsame Formel herausgepickt, hier im etwas weiteren Zusammenhang von der LAG zititiert:
Ähm, gibt´s bei Einhaltung dieser Maße schon Sterne auf Plaketten? Ich habe auf der LAG Webseite nachgesehen. Da stehen gleich unter Pferdehaltung...
Genau diese Punkte wurden uns im Hufkurs klar und plastisch rübergebracht. Wie passen dazu diese Rechenformeln eines Prof. Schnitzer, die 2 Klicks weiter auf der selben Seite präsentiert werden? In der dort genannten "Innenbox" läuft bzw. kreist ein Pferd statt den 30km pro Tag aus Punkt 1 gerade ein Zehntel der Strecke. Das paßt doch nicht zu den kreativen Vorschlägen zur Offenstallgestaltung, die von LAG auch veröffentlicht werden. |
|
Wir haben erfahren, warum Pferde nicht für Käfighaltung geeignet sind. Angefangen beim Bewegungsapparat, für den Stehen genauso Gift ist wie allein und ohne Körperkontakt zu sein für die Psyche. Letzteres durften wir dann auch spüren: Mit der Folie, auf der das Gedicht "Der Panther" von Rainer Maria Rilke vor den Hintergrund eines Boxentrakts gedruckt war, dazu in voller Länge der Gefangenenchor aus der Oper Nabucco von Guiseppe Verdi.
Ich bin sicher, daß einigen von uns Bilder von Pferden hochkamen, die wir schon selbst, mit dem Kopf in irgendeiner Ecke, teilnahmslos in einer Box stehen sahen. |
Fotos © |
http://equivox.de/LeserresonanzLeserresonanz |
| Verantwortlich i. Sinne d. Pressegesetzes: Dr.math. Werner Popken USt-Id DE270546213 · Steuernummer 331/5075/2068 |
Die Adresse dieser Seite: Diese Seite wurde generiert am 22.05.2012 03:25:15 |