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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 419, erschienen am 09.04.2007

Magazin  Ausgabe 419

Gekörter Vollblüter Beryllus xx, 8 Jahre
Spengemann-Mitarbeiterin Voss

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Ein Herz für Vollblüter und Menschen
  2. Abschnitt  Beruf und Berufung
  3. Abschnitt  Grundeinkommen
  4. Abschnitt  Orientierung
  5. Abschnitt  Ein Pferdemann
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 418:
Hauptartikel  Ein Partner – nicht nur für Vollblut

Teil Teil 2
Ein Herz für Vollblüter und Menschen

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 420:
Hauptartikel  Ein Mann kämpft sich voran
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Spengemann holt die Warmblut-Stute
Eisen abgenommen
Ein Herz für Vollblüter und Menschen

Überlegungen zur Selbstfindung am Beispiel Spengemann

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Beratung  Vermittlung  Vollblut



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


In der letzten Woche habe ich Kai Jasper Spengemann vorgestellt, der sich mit » Partner Vollblut als Ansprechpartner und Spezialist für Vollblüter empfiehlt. Seine Laufbahn als Pferdemann begann sehr vielversprechend. Der Vater war Trakehner-Züchter und als Starter fest in der Rennsportszene verwurzelt. Ein Engagement im Rennsport lag deshalb nahe, fand jedoch durch das jugendliche Wachstum ein schnelles Ende. Wer zu groß und zu schwer wird, ist für diesen Beruf nicht geeignet. Rennreiter – von mir in der letzten Ausgabe irrtümlich mit dem Begriff "Jockey" gleichgesetzt – war also nicht die Zukunft, die dem jungen Spengemann in die Wiege gelegt worden war. Was dann? Wie sollte sich seine berufliche Laufbahn gestalten? Sollte es unbedingt etwas mit Pferden sein oder etwas ganz anderes? Aber halt: Was interessiert Sie das?

Die Frage nach der beruflichen Ausrichtung stellt sich immerhin in jedem Leben neu und heutzutage sogar zunehmend mehrfach im Laufe eines Berufslebens – also vielleicht auch für Sie oder Ihre Kinder. Deshalb nehme ich mir die Freiheit, diesen Sachverhalt heute etwas genauer zu untersuchen. Da man einen Großteil des Lebens im Beruf verbringt, ist die Berufswahl von erheblicher Bedeutung und für einen jungen Menschen meistens gar nicht leicht zu beantworten. Außerdem ist das Problem der Berufsfindung auch noch vielschichtig. Man kann es ganz nüchtern und zweckmäßig betrachten: Jeder Mensch muß leben, also braucht er die entsprechenden Mittel dazu, namentlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, und alle diese Mittel werden mit Hilfe von Geld eingetauscht, das man wiederum im Beruf erwirbt.

Nur einige wenige Menschen besitzen durch Erbschaft genug und müssen sich mit der Erwerbsfrage nicht beschäftigen. Sie profitieren davon, daß ihre Vorfahren dieses Geld zusammengebracht haben, und beschäftigen sich vielleicht damit, ihr Vermögen zu vermehren. Alle anderen müssen eine Antwort darauf finden, wo das laufend benötigte Geld herkommen soll, und dann meistens Tag für Tag dafür sorgen, daß es auch wirklich in ausreichendem Maße fließt.

Klugerweise wird man einen Beruf wählen, der bei angemessenem Einsatz ausreichenden Ertrag abwirft. Damit der Einsatz erträglich bleibt, sollte man sich für den Beruf aber auch eignen. Deshalb geht die Berufsberatung im allgemeinen so vor, weil eine Eignung sowohl größeren Erfolg als auch größere Befriedigung verspricht. Damit kommt ein weiterer Aspekt ins Blickfeld: die berufliche Befriedigung. Man muß seinen Tag füllen. Würde man dieselbe Tätigkeit auch ausüben wollen, wenn man damit nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten müßte? Diese Frage wird oft nicht gestellt. Der konkrete Beruf spielt bei der Berufsberatung meistens keine größere Rolle als etwa ein Mantel. Ob man nun diesen Mantel oder jenen Mantel trägt, ist mehr oder weniger gleichgültig, wenn er nur seinen Zweck erfüllt. Ähnlich beliebig gestaltet sich häufig die Berufswahl. Der Beruf ist lediglich Mittel zum Zweck, mehr nicht.

Man kann diese Frage aber auch weniger profan formulieren, insbesondere ganz unabhängig von Geld: Was soll ich hier tun, wozu bin ich auf der Welt, was ist meine Aufgabe? Das klingt vielleicht etwas hochgestochen, entspricht aber der natürlichen Grundstimmung eines jeden Menschen. Wenn ein Kind heranwächst, entwickelt es sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Im Zuge dieser Entwicklung erkennt es eines Tages, daß es ein Individuum ist. Es kann "ich" sagen und begreift, daß es nicht nur selbst jemand ist, sondern daß es verschieden ist von allen anderen Menschen, die es kennt. Und eines Tages wird ihm sogar deutlich, daß jeder Mensch einzigartig ist, anders als alle anderen, und zwar in jeder Hinsicht.

Meist macht man sich das nicht sonderlich klar, aber es schadet nicht, diese ungeheuerliche Tatsache einmal mehr deutlich auszusprechen. Gern wird von der Masse geredet, vom Massenmenschen, von der Vermassung und was dergleichen Schlagworte noch sind, aber auch die Massen setzen sich aus Individuen zusammen, die jedes für sich absolut einzigartig sind. Milliarden Menschen haben bereits gelebt, Milliarden Menschen leben jetzt gleichzeitig, und Milliarden Menschen werden noch leben. Nicht einer von diesen war so wie Sie oder ich, und nicht einer wird jemals so sein. Jeder von uns hat eine besondere Art Nase, Lippen, Augen, Herz, Gehirn, Phantasie, Träume, Geschichte.

Und jeder von uns hat das Gefühl, daß wir ein gewisses Potential besitzen, das nur uns eigen ist und das wir entwickeln sollten. Dieses Gefühl liegt eigentlich der Frage nach dem Woher und Wohin zugrunde: Ich einzigartiger Mensch sollte diese Einzigartigkeit voll zum Ausdruck bringen. Erst dann bin ich ganz Mensch, erst dann fühle ich mich wirklich befriedigt, erst dann bin ich ganz angekommen, erst dann fühle ich mich als unentbehrliches Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Wenn ich damit nicht mein Geld verdienen müßte, würde ich mich trotzdem genauso intensiv dieser Aufgabe widmen.

Beruf und Berufung  oben 



Hufschmied bei der Arbeit
Wenn man diese Einzigartigkeit mit der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, verbinden kann, spricht man gern von "Berufung". Diese Berufung steckt sprachlich noch in dem Wort Beruf, wie man unschwer erkennt. Jemand, dessen Beruf nicht seine Berufung ist, spricht auch gerne von Job, womit einfach nur die Möglichkeit zum Geldverdienen gemeint ist, ohne den Aspekt der Berufung. Man nimmt an, daß Menschen, die Beruf und Berufung verbinden können, ein glücklicheres Leben führen. Außerdem geht man davon aus, daß diese Menschen ihren Beruf besser ausüben als andere, die sich nicht berufen fühlen. Man nimmt die Dienste dieser Menschen also lieber in Anspruch, weil man annimmt, daß man mit dem Ergebnis zufriedener sein wird. Es wäre demnach für uns alle am besten, wenn jeder seine Berufung finden würde und diese Berufung mit seinem Beruf verbinden könnte.

Das ist aber nicht so einfach, denn die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen ist zwar offensichtlich, die besondere Begabung und Berufung jedoch meistens nicht, und in vielen Fällen gelingt es selbst in einem langen Leben nicht, diese zum Vorschein zu bringen. Deshalb arbeiten viele Menschen zeitweise oder lebenslang in Berufen, zu denen sie sich nicht berufen fühlen. Sie sind entsprechend unzufrieden, verrichten ihre Arbeit zwar nach bestem Vermögen, erreichen jedoch trotzdem weder für sich noch für andere befriedigende Leistungen, weil sie eben zu dieser Arbeit zwar befähigt, jedoch nicht berufen sind. Schlimmer noch, sie werden es nie herausfinden, weil sie gar keine Chance haben, sich diese Frage zu stellen und ihre eigentliche Berufung zu suchen. Die Notwendigkeit der Existenzsicherung läßt sie zu Berufen greifen, die alles weitere verhindern, weil diese sie voll in Anspruch nehmen. So nimmt das Leben denn seinen Lauf.

Aber das Leben ändert sich ständig, alte Vorstellungen müssen neuen weichen, was gestern galt, ist heute vielleicht überholt. Neue Chancen tun sich auf, neue Risiken müssen bedacht werden. Der mittlerweile sehr bekannte Kämpfer für das bedingungslose Wikipedia-Link» Grundeinkommen, Wikipedia-Link» Götz Werner, ist der Meinung, daß die Freiheit, "nein" zu sagen, zu unseren Grundrechten gehört, und daß u. a. deshalb die bedingungslose Existenzsicherung eingeführt werden muß. Wer nicht mehr arbeiten muß, um leben zu können, kann sich den wesentlichen Fragen seines Lebens stellen. Insbesondere kann er eine Berufstätigkeit, die ihn nicht befriedigt, ablehnen. Eine der offensichtlichen Konsequenzen dürfte sein, daß Arbeitgeber gezwungen sein werden, Arbeit attraktiv zu machen. Wer nein sagen kann, ist in der Lage, sich wirklich und ernsthaft die Frage nach der eigenen Berufung stellen zu können.

In der Antike hatte Arbeit als solche keinen Wert, im Gegenteil: Der vornehme Mensch arbeitete nicht. Das änderte sich erst mit der Reformation. Nun entstand die Frage, wie sich der Mensch Gott gegenüber rechtfertigen könne – zum Beispiel durch Werke.

Die Kompatibilität ("Wahlverwandtschaften") der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und dem kapitalistischen Prinzip der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen waren ein idealer Hintergrund für die Industrialisierung. [...] Erfolg durch Arbeit zeugt von der Prädestination des Individuums, welcher somit zum strebenswerten Ideal wurde; wer nicht arbeitet, verschleudert eine Gnadengabe, wer einem Bettler etwas gibt, hält ihn davon ab – was passiv dem 'Geist' des Kapitalismus entsprach. Im Gegensatz zu anderen Religionen kann die Gnade Gottes nicht durch transzendente Handlungen (Beten, Beichte) erlangt werden, sondern ist vorbestimmt. Die Prädestination lässt sich zwar nicht positiv beeinflussen, drückt sich jedoch im Diesseits durch Erfolg aus. Misserfolg aber zeigt an, dass jemand nicht zu den Auserwählten, sondern zu den Verdammten gehört.
Wikipedia-Link» protestantische Ethik

Die Neuzeit hat den Wert der Arbeit als solche zementiert. Im Kommunismus ist der gesamte Privatbesitz aufgehoben, nur die Arbeit bleibt, und zwar für alle. Aus einem Recht auf Arbeit wurde eine Pflicht zur Arbeit. Arbeit wurde zum Selbstzweck. Nach unserem Verständnis müssen sogar diejenigen arbeiten, die es eigentlich nicht nötig hätten. Arbeit ist des Menschen Los. Vor diesem Hintergrund muß der Gedanke eines Grundeinkommens geradezu blasphemisch wirken.

Damit wird nämlich die gesamte Entwicklung der Neuzeit zerstört, die Pflicht zur Arbeit soll abgeschafft werden, jeder Mensch soll existieren können, ohne daß er dafür arbeiten muß, ohne daß er sich rechtfertigen muß, allein sein Dasein soll ein hinreichender Grund dafür sein, daß die Gemeinschaft für ihn aufkommen muß. Wir sind also dabei, eine völlig neue Werteskala aufzurichten. Und das nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern aus Notwendigkeit, denn der technische Fortschritt, die zunehmende Automatisierung vernichtet in höherem Maße Arbeitsplätze als neue geschaffen werden können, womit die Arbeitslosigkeit großer Bevölkerungsteile als neues Phänomen auftritt, während gleichzeitig die Arbeitslosen als Konsumenten der vollautomatisch hergestellten Produkte dringend benötigt werden. Eine Zwickmühle, die mit herkömmlichen Gedankengängen und Rezepten vermutlich nicht gelöst werden kann und völlig neue Konzepte erfordert.

Grundeinkommen  oben 



Spengemann spricht
Alle großen Parteien sollen laut Wikipedia ernsthaft über ein Grundeinkommen nachdenken. Die Idee ist nicht neu, mindestens schon 150 Jahre alt und wurde immer wieder in die Diskussion geworfen, bisher jedoch noch nie durchgesetzt. Der bekannte amerikanische Science-fiction-Autor Wikipedia-Link» Robert Anton Wilson zitiert den Philosophen Wikipedia-Link» Aristoteles, der schon vor mehr als 2000 Jahren als Voraussetzung für die Abschaffung der Sklaverei Maschinen gefordert hatte, die sich selbst bedienen, und den Mathematiker und Kybernetiker Wikipedia-Link» Norbert Wiener, der schon 1947 prophezeite, daß die Einführung von Computern zu Massenarbeitslosigkeit führen werde. Arbeit durch Lohn wird von Wilson als die moderne Form der Sklaverei angesehen.

Rationalisierung ("mehr leisten durch weniger Einsatz") sei der unvermeidliche Fortschritt; so habe die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg die Mönche arbeitslos gemacht, die bis dahin handschriftlich Kopien angefertigt hatten, und die Erfindung der Fließbandarbeit durch Henry Ford habe den Beruf des Hufschmieds die Grundlage entzogen. Entsprechend müsse man die Wirkung der modernen Rationalisierung durch Computer sehen. In diesem Sinne vernichtet der Fortschritt Arbeitsplätze. Das sei aber nicht negativ zu sehen, sondern im Gegenteil eine einmalige Chance. Man dürfe diese Entwicklung also nicht behindern, sondern müsse sie beschleunigen. Arbeitslosigkeit sei keine Krankheit, sondern beweise im Gegenteil das natürliche, gesunde Funktionieren einer fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft.

Deshalb schlägt er in seinem mit dem Architekten Wikipedia-Link» Buckminster Fuller entwickelten Vier-Stufen-Plan RICH in der ersten Stufe eine Prämie von 100.000 Dollar für jeden vor, der eine Maschine erfindet, die ihn (und alle anderen, die dieselbe Arbeit verrichten) überflüssig macht. In der zweiten Stufe sollte jeder ein garantiertes Mindesteinkommen erhalten, das in der dritten Stufe schrittweise angehoben wird, wobei die Bürger gewissermaßen als Aktionäre des Bruttosozialproduktes gelten, bis dieses schließlich dem Einkommen des gehobenen Mittelstands gleichkommt. Im vierten Stadium wird massiv in die Erwachsenenbildung investiert, weil "man nicht ununterbrochen ficken, kiffen und fernsehen kann" (» The RICH Economy). Bildung als Gegenmaßnahme zur Langeweile also. Wilson äußert sich hier mißverständlich; für gebildete und intelligente Menschen wie ihn und Buckminster Fuller ist das Programm vielleicht ein Selbstläufer, aber für die Unterschicht muß man für Bildung vermutlich viel tun: siehe Stern-Report » Das wahre Elend.

Wenn Arbeit nun nicht mehr Selbstzweck ist, wenn jeder Mensch – erstmals in der Geschichte der Menschheit – nicht mehr arbeiten muß, um leben zu können, wird jeder die Freiheit haben, sich zu fragen, was er wirklich will. Diese Freiheit hatten bis dahin nur die vermögenden Schichten, und auch die möglicherweise nicht uneingeschränkt, weil sie ihrerseits vielfältigen Zwängen unterlagen. Auch diese Situation wird völlig neu sein und den einen jubeln, den anderen aber verzweifeln lassen. Wie soll man es anstellen, die eigenen Stärken, das eigene Interesse herauszufinden und zu entwickeln? Wird es ausreichen, einfach nur Zeit zu haben und sich nicht mehr mit Dingen beschäftigen zu müssen, die einen ohnehin nicht interessieren?

Vermutlich nicht. Bildung gehört unbedingt dazu. Wenn man sich für etwas interessiert, wird man naturgemäß auch sachkundig werden, man wird sich informieren müssen, man beschäftigt sich damit und wird dadurch langsam zum Experten und Kenner. Und wenn das Interesse wieder abflaut, dann war diese Goldmine wohl doch nicht so ergiebig und man wird sich weiter auf die Suche begeben müssen. Schon jetzt kann man zu praktisch jedem Gebiet im Internet Experten finden, die sich dort auskennen und mit voller Leidenschaft engagieren. Insofern erinnert das private Engagement im Internet an die ungeheure Vielfalt wissenschaftlicher Forschungsfelder, die ebenfalls alle Gebiete abdecken, und seien sie noch so abwegig. Der Vergleich mit der Wissenschaft ist vielleicht nicht schlecht, weil man auch dort Interesse, Zielstrebigkeit und Leidenschaft einbringen muß, wenn man etwas leisten will.

Orientierung  oben 



Natürlich produziert Müßiggang nicht automatisch Kultur, aber umgekehrt dürfte der Müßiggang eine notwendige Voraussetzung für Kultur sein. Wenn die griechischen Philosophen hätten im Steinbruch oder auf dem Felde arbeiten müssen, wäre weder Zeit noch Energie für die Entwicklung der Philosophie übriggeblieben. Insofern dürfte es noch sehr spannend werden, wenn die Verhältnisse sich weiterhin zuspitzen. Wilson prophezeit, daß die Renaissance gegen diese Explosion von Kreativität sich wie die Ausstellung einer gymnasiale Oberstufe ausnehmen werde. Ähnlich sieht positiv sieht es der dm-Gründer Werner:

Die Menschen würden nicht mehr arbeiten, um das Einkommen zu sichern, sondern nur noch, weil die Menschen Freude an der Arbeit haben. Es wird effektiver und stressfreier gearbeitet. Die Angst der Menschen, Einkommen sichern zu müssen, entfällt. Statt einem Recht auf Arbeit, gibt es ein Recht auf Einkommen. Es würde einen großen Impuls für Kulturarbeit, Bildungs- und Pflegearbeit sowie für Wissenschaft und Forschung geben. Das Ehrenamt würde gestärkt werden.
Wikipedia-Link» Unternimm die Zukunft

Soweit die positive Vision. Negativ gesprochen dürften viele Menschen zunächst vollkommen überfordert sein, wenn sie mit der Frage nach ihrer Einzigartigkeit konfrontiert würden. Viele Arbeitslose, die heute möglicherweise nicht verhungern müssen, leiden unter ihrer "Nutzlosigkeit" und können mit der gewonnenen Freizeit wenig anfangen (siehe den angeführten Stern-Artikel). Dieses Phänomen kennt man schon von der Verrentung. Viele Rentner können die gewonnene Freizeit nicht produktiv nutzen und leiden unter der Vorstellung, nun zum alten Eisen zu gehören, werden krank und depressiv. Man darf die Anstrengung nicht unterschätzen, die der einzelnen leisten muß, wenn er zu sich selbst finden will.

Worin besteht diese Einzigartigkeit, die jedem Menschen eigen ist, für die er nichts tun muß, die allerdings in ihm verborgen liegt und die er freilegen oder schlummern lassen kann? Das ist schwer zu beantworten; vermutlich besteht ein Teil des Lebens darin, die verschiedenen Möglichkeiten, die jedem Menschen offenstehen, aufgrund der gegebenen Voraussetzungen, denen jeder immer ausgesetzt ist, auszutesten. So liegt es zum Beispiel für das Kind eines Rechtsanwalts nahe, sich selbst als Rechtsanwalt zu versuchen, genauso wie das Kind eines Pferdezüchters gewissermaßen für die Pferdelaufbahn prädestiniert erscheint. Der Lebensweg von Kai Jasper Spengemann erstaunt daher zunächst keineswegs, im Gegenteil: Alles andere wäre verwunderlich gewesen. Wenn er sich in der Jugend für Pferde und Pferdesport überhaupt nicht interessiert, statt dessen sich mit Musik oder Astronomie beschäftigt hätte, wäre diese Entwicklung vermutlich nur gegen die Erwartung und die Interessen der Eltern durchzusetzen gewesen und hätte deshalb eine besondere Anstrengung seinerseits erfordert, die zugleich Beweis seines besonderen Interesses gewesen wäre. So aber könnte man annehmen, daß er vielleicht den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist und sich lediglich den Erwartungen seiner Eltern angepaßt hat.

In diesem Sinne hat Kai Jasper Spengemann zunächst die Türen genutzt, die ihm offenstanden, und zwar mit einigem Nachdruck. Er hatte die besten Lehrer und wollte diese Chance so gut wie möglich nutzen. Er hat sich dabei so sehr ins Zeug gelegt, daß sein Körper gestreikt hat. Der Unfall in der Rennmaschine hat dann allen Träumen ein Ende gesetzt. "Für ein paar Jahre konnte ich keine Pferde mehr sehen".

In diesem Fall hat also das Leben selbst für einen abrupten Stopp gesorgt und eine neue Richtung erzwungen. Kai Jasper Spengemann erlernte den Beruf eines Kaufmanns, verkaufte Autos für VW, entwickelte sich zum Fachmann für Finanzierungen und Leasing, sattelte um und bereitete das Feld für die Mobilfunktechnologie. Aber das war es alles nicht. Oder besser gesagt: Durch diese Laufbahn machte er Erfahrungen, die ihm zeigten, daß er sein Heil dort nicht finden konnte. Sein Fazit: "Das muß ich alles nicht haben." Mit 16 habe er viel Wert auf Prestigeobjekte gelegt, aber jetzt sei es ihm egal, welches Auto er fahre.

Was ist es dann? "Lieben Sie Pferde?", frage ich ihn, und wie aus der Pistole geschossen kommt: "Natürlich, sonst würde ich das nicht machen." Spengemann lästert gerne über all den Unfug, den er überall sieht, bleibt aber nie eine Erklärung schuldig. "Wenn die dem Hengst zur Begrüßung ein paar auf die Fresse hauen, müssen die sich nicht wundern." So geht man also mit Hengsten um – deshalb hatte ich immer den Eindruck, als handele es sich um wilde Tiere, die ihre Obersattelmeister durch die Halle schleifen. Wenn Spengemann einen seiner Hengste krault, sind die anderen eifersüchtig und warten nur darauf, bis sie auch drankommen. Wenn man es richtig macht, ist alles ganz einfach. Deshalb wundert er sich über Stars wie Monty Roberts, die Pferde erst einmal gehörig scheuchen müssen, bis sie hinter ihm herlaufen. "Die brauche ich nicht zu scheuchen, die laufen so hinter mir her."

Ein Pferdemann  oben 



Das klingt überzeugend. Die Entscheidung, sich für die Anerkennung der Vollblüter einzusetzen, ist der bewußte Entschluß eines erwachsenen Menschen, der nach einigen Erfahrungen zu sich selbst gefunden hat. Spengemann will mit Pferden arbeiten, weil er die Pferde nicht nur liebt, sondern auch etwas von ihnen versteht, mit ihnen umgehen kann, von ihnen respektiert wird und sich mit ihnen wohlfühlt. Dann erst kommen die Menschen. Diese sind eigentlich der schwierige Teil, aber auch das bewältigt Spengemann nach meinem Eindruck souverän. In der nächsten Woche werde ich darüber berichten.

Nach Abschluß dieses Artikels bin ich zufällig auf ein Interview gestoßen, was dasselbe Thema anspricht. Der Interviewpartner ist » Dr. med. Eckart von Hirschhausen, der zunehmend als Kabarettist bekannt wird. Sein neuestes Soloprogramm beschäftigt sich mit der Frage des Glückes.

[...] Was können wir selber zu unserem ganz persönlichen Glück beitragen?

von Hirschhausen: [...] Dazu gehört aber, daß man eine Aufgabe in seinem Leben hat, an die man glaubt. Ein Job ist etwas anderes als eine "Berufung". Aber auch in scheinbar blöden Jobs entscheidet die mentale Haltung und nicht allein die Tätigkeit über die Stimmung dabei. Ich habe letzte Woche einen Straßenreiniger beobachtet, der Blätter, Pappbecher und Zigarettenstummel aufsammeln mußte. Er hatte dazu einen Stock mit einem kleinen Greifer, und er machte sich selber ein Spiel daraus, erst den Stock zu schwingen und dann – ZACK – zuzugreifen. Hatte etwas von einem Charlie Chaplin. Hätte lange zuschauen können. Sehr inspirierend. [...] es ist also das was und das wie, was uns glücklich macht. Gerade zum Jahreswechsel lohnt es sich, ein bißchen nachzudenken, womit ich viel Zeit und Energie verbringe. Was sind meine Werte, meine Ziele, was bleibt von mir und meiner Arbeit übrig? Würde ich das, was ich tue, sogar noch weiter tun, wenn ich kein Geld dafür bekäme?
Interview » Network-Karriere Februar 2007, Titelgeschichte, Seite 18, PDF-Datei» Der "Glücksbringer" für das Neue Jahr


Ach ja, fast hätte ich es vergessen:

Hallo !

für den nächsten Artikel über Rennreiter/-pferde: "Ein Rennreiter,
auch Jockey genannt"
: Jockeys sind zwar Rennreiter, aber nicht jeder
Rennreiter ist ein Jockey. Siehe
» de.wikipedia.org/wiki/Jockey.

Schönen Gruß: Michael

Ein Jockey ist ein Berufs-Pferderennreiter. Um sich als Jockey oder Jockette bezeichnen zu dürfen, muss die Person eine dreijährige Ausbildung bei einem Trainer absolviert sowie eine Abschlussprüfung bestanden haben und mindestens 50 Klasse-A-Rennen gewonnen haben.
Wikipedia-Link» Jockey

Ich habe jetzt doch den vorigen Artikel an der entsprechenden Stelle um diesen Hinweis ergänzt.

http://equivox.de/Leserresonanz

Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  1960 vom 12.04.2007
zu Ausgabe Magazin  419
Leserbrief

Hallo Redaktion!

Schoener Artikel ueber Vollblueter und Menschen - sehr gelungen! Beruf und Berufung, dieser Abschnitt sprach mir voll aus dem Herzen. Schade war nicht mehr Bildmaterial dabei aber das Lesen hat trotzdem Spass gemacht und der Artikel war sehr informativ.

Viele Gruesse;

Caroline Neuenschwander.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 419 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Ein Herz für Vollblüter und MenschenPferdemesse  Messe: OlewoEditorial  Editorial: Frohe Ostern!Tip  Tip: BerührungstippsPoster  Poster: Siegerehrung Kinder-Cup
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