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![]() Spengemann holt die Warmblut-Stute |
![]() Eisen abgenommen |
Das ist aber nicht so einfach, denn die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen ist zwar offensichtlich, die besondere Begabung und Berufung jedoch meistens nicht, und in vielen Fällen gelingt es selbst in einem langen Leben nicht, diese zum Vorschein zu bringen. Deshalb arbeiten viele Menschen zeitweise oder lebenslang in Berufen, zu denen sie sich nicht berufen fühlen. Sie sind entsprechend unzufrieden, verrichten ihre Arbeit zwar nach bestem Vermögen, erreichen jedoch trotzdem weder für sich noch für andere befriedigende Leistungen, weil sie eben zu dieser Arbeit zwar befähigt, jedoch nicht berufen sind. Schlimmer noch, sie werden es nie herausfinden, weil sie gar keine Chance haben, sich diese Frage zu stellen und ihre eigentliche Berufung zu suchen. Die Notwendigkeit der Existenzsicherung läßt sie zu Berufen greifen, die alles weitere verhindern, weil diese sie voll in Anspruch nehmen. So nimmt das Leben denn seinen Lauf. Aber das Leben ändert sich ständig, alte Vorstellungen müssen neuen weichen, was gestern galt, ist heute vielleicht überholt. Neue Chancen tun sich auf, neue Risiken müssen bedacht werden. Der mittlerweile sehr bekannte Kämpfer für das bedingungslose In der Antike hatte Arbeit als solche keinen Wert, im Gegenteil: Der vornehme Mensch arbeitete nicht. Das änderte sich erst mit der Reformation. Nun entstand die Frage, wie sich der Mensch Gott gegenüber rechtfertigen könne – zum Beispiel durch Werke.
Die Neuzeit hat den Wert der Arbeit als solche zementiert. Im Kommunismus ist der gesamte Privatbesitz aufgehoben, nur die Arbeit bleibt, und zwar für alle. Aus einem Recht auf Arbeit wurde eine Pflicht zur Arbeit. Arbeit wurde zum Selbstzweck. Nach unserem Verständnis müssen sogar diejenigen arbeiten, die es eigentlich nicht nötig hätten. Arbeit ist des Menschen Los. Vor diesem Hintergrund muß der Gedanke eines Grundeinkommens geradezu blasphemisch wirken. Damit wird nämlich die gesamte Entwicklung der Neuzeit zerstört, die Pflicht zur Arbeit soll abgeschafft werden, jeder Mensch soll existieren können, ohne daß er dafür arbeiten muß, ohne daß er sich rechtfertigen muß, allein sein Dasein soll ein hinreichender Grund dafür sein, daß die Gemeinschaft für ihn aufkommen muß. Wir sind also dabei, eine völlig neue Werteskala aufzurichten. Und das nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern aus Notwendigkeit, denn der technische Fortschritt, die zunehmende Automatisierung vernichtet in höherem Maße Arbeitsplätze als neue geschaffen werden können, womit die Arbeitslosigkeit großer Bevölkerungsteile als neues Phänomen auftritt, während gleichzeitig die Arbeitslosen als Konsumenten der vollautomatisch hergestellten Produkte dringend benötigt werden. Eine Zwickmühle, die mit herkömmlichen Gedankengängen und Rezepten vermutlich nicht gelöst werden kann und völlig neue Konzepte erfordert. |
Rationalisierung ("mehr leisten durch weniger Einsatz") sei der unvermeidliche Fortschritt; so habe die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg die Mönche arbeitslos gemacht, die bis dahin handschriftlich Kopien angefertigt hatten, und die Erfindung der Fließbandarbeit durch Henry Ford habe den Beruf des Hufschmieds die Grundlage entzogen. Entsprechend müsse man die Wirkung der modernen Rationalisierung durch Computer sehen. In diesem Sinne vernichtet der Fortschritt Arbeitsplätze. Das sei aber nicht negativ zu sehen, sondern im Gegenteil eine einmalige Chance. Man dürfe diese Entwicklung also nicht behindern, sondern müsse sie beschleunigen. Arbeitslosigkeit sei keine Krankheit, sondern beweise im Gegenteil das natürliche, gesunde Funktionieren einer fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft. Deshalb schlägt er in seinem mit dem Architekten Wenn Arbeit nun nicht mehr Selbstzweck ist, wenn jeder Mensch – erstmals in der Geschichte der Menschheit – nicht mehr arbeiten muß, um leben zu können, wird jeder die Freiheit haben, sich zu fragen, was er wirklich will. Diese Freiheit hatten bis dahin nur die vermögenden Schichten, und auch die möglicherweise nicht uneingeschränkt, weil sie ihrerseits vielfältigen Zwängen unterlagen. Auch diese Situation wird völlig neu sein und den einen jubeln, den anderen aber verzweifeln lassen. Wie soll man es anstellen, die eigenen Stärken, das eigene Interesse herauszufinden und zu entwickeln? Wird es ausreichen, einfach nur Zeit zu haben und sich nicht mehr mit Dingen beschäftigen zu müssen, die einen ohnehin nicht interessieren? Vermutlich nicht. Bildung gehört unbedingt dazu. Wenn man sich für etwas interessiert, wird man naturgemäß auch sachkundig werden, man wird sich informieren müssen, man beschäftigt sich damit und wird dadurch langsam zum Experten und Kenner. Und wenn das Interesse wieder abflaut, dann war diese Goldmine wohl doch nicht so ergiebig und man wird sich weiter auf die Suche begeben müssen. Schon jetzt kann man zu praktisch jedem Gebiet im Internet Experten finden, die sich dort auskennen und mit voller Leidenschaft engagieren. Insofern erinnert das private Engagement im Internet an die ungeheure Vielfalt wissenschaftlicher Forschungsfelder, die ebenfalls alle Gebiete abdecken, und seien sie noch so abwegig. Der Vergleich mit der Wissenschaft ist vielleicht nicht schlecht, weil man auch dort Interesse, Zielstrebigkeit und Leidenschaft einbringen muß, wenn man etwas leisten will. |
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Natürlich produziert Müßiggang nicht automatisch Kultur, aber umgekehrt dürfte der Müßiggang eine notwendige Voraussetzung für Kultur sein. Wenn die griechischen Philosophen hätten im Steinbruch oder auf dem Felde arbeiten müssen, wäre weder Zeit noch Energie für die Entwicklung der Philosophie übriggeblieben. Insofern dürfte es noch sehr spannend werden, wenn die Verhältnisse sich weiterhin zuspitzen. Wilson prophezeit, daß die Renaissance gegen diese Explosion von Kreativität sich wie die Ausstellung einer gymnasiale Oberstufe ausnehmen werde. Ähnlich sieht positiv sieht es der dm-Gründer Werner:
Soweit die positive Vision. Negativ gesprochen dürften viele Menschen zunächst vollkommen überfordert sein, wenn sie mit der Frage nach ihrer Einzigartigkeit konfrontiert würden. Viele Arbeitslose, die heute möglicherweise nicht verhungern müssen, leiden unter ihrer "Nutzlosigkeit" und können mit der gewonnenen Freizeit wenig anfangen (siehe den angeführten Stern-Artikel). Dieses Phänomen kennt man schon von der Verrentung. Viele Rentner können die gewonnene Freizeit nicht produktiv nutzen und leiden unter der Vorstellung, nun zum alten Eisen zu gehören, werden krank und depressiv. Man darf die Anstrengung nicht unterschätzen, die der einzelnen leisten muß, wenn er zu sich selbst finden will. Worin besteht diese Einzigartigkeit, die jedem Menschen eigen ist, für die er nichts tun muß, die allerdings in ihm verborgen liegt und die er freilegen oder schlummern lassen kann? Das ist schwer zu beantworten; vermutlich besteht ein Teil des Lebens darin, die verschiedenen Möglichkeiten, die jedem Menschen offenstehen, aufgrund der gegebenen Voraussetzungen, denen jeder immer ausgesetzt ist, auszutesten. So liegt es zum Beispiel für das Kind eines Rechtsanwalts nahe, sich selbst als Rechtsanwalt zu versuchen, genauso wie das Kind eines Pferdezüchters gewissermaßen für die Pferdelaufbahn prädestiniert erscheint. Der Lebensweg von Kai Jasper Spengemann erstaunt daher zunächst keineswegs, im Gegenteil: Alles andere wäre verwunderlich gewesen. Wenn er sich in der Jugend für Pferde und Pferdesport überhaupt nicht interessiert, statt dessen sich mit Musik oder Astronomie beschäftigt hätte, wäre diese Entwicklung vermutlich nur gegen die Erwartung und die Interessen der Eltern durchzusetzen gewesen und hätte deshalb eine besondere Anstrengung seinerseits erfordert, die zugleich Beweis seines besonderen Interesses gewesen wäre. So aber könnte man annehmen, daß er vielleicht den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist und sich lediglich den Erwartungen seiner Eltern angepaßt hat. In diesem Sinne hat Kai Jasper Spengemann zunächst die Türen genutzt, die ihm offenstanden, und zwar mit einigem Nachdruck. Er hatte die besten Lehrer und wollte diese Chance so gut wie möglich nutzen. Er hat sich dabei so sehr ins Zeug gelegt, daß sein Körper gestreikt hat. Der Unfall in der Rennmaschine hat dann allen Träumen ein Ende gesetzt. "Für ein paar Jahre konnte ich keine Pferde mehr sehen". In diesem Fall hat also das Leben selbst für einen abrupten Stopp gesorgt und eine neue Richtung erzwungen. Kai Jasper Spengemann erlernte den Beruf eines Kaufmanns, verkaufte Autos für VW, entwickelte sich zum Fachmann für Finanzierungen und Leasing, sattelte um und bereitete das Feld für die Mobilfunktechnologie. Aber das war es alles nicht. Oder besser gesagt: Durch diese Laufbahn machte er Erfahrungen, die ihm zeigten, daß er sein Heil dort nicht finden konnte. Sein Fazit: "Das muß ich alles nicht haben." Mit 16 habe er viel Wert auf Prestigeobjekte gelegt, aber jetzt sei es ihm egal, welches Auto er fahre. Was ist es dann? "Lieben Sie Pferde?", frage ich ihn, und wie aus der Pistole geschossen kommt: "Natürlich, sonst würde ich das nicht machen." Spengemann lästert gerne über all den Unfug, den er überall sieht, bleibt aber nie eine Erklärung schuldig. "Wenn die dem Hengst zur Begrüßung ein paar auf die Fresse hauen, müssen die sich nicht wundern." So geht man also mit Hengsten um – deshalb hatte ich immer den Eindruck, als handele es sich um wilde Tiere, die ihre Obersattelmeister durch die Halle schleifen. Wenn Spengemann einen seiner Hengste krault, sind die anderen eifersüchtig und warten nur darauf, bis sie auch drankommen. Wenn man es richtig macht, ist alles ganz einfach. Deshalb wundert er sich über Stars wie Monty Roberts, die Pferde erst einmal gehörig scheuchen müssen, bis sie hinter ihm herlaufen. "Die brauche ich nicht zu scheuchen, die laufen so hinter mir her." |
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Das klingt überzeugend. Die Entscheidung, sich für die Anerkennung der Vollblüter einzusetzen, ist der bewußte Entschluß eines erwachsenen Menschen, der nach einigen Erfahrungen zu sich selbst gefunden hat. Spengemann will mit Pferden arbeiten, weil er die Pferde nicht nur liebt, sondern auch etwas von ihnen versteht, mit ihnen umgehen kann, von ihnen respektiert wird und sich mit ihnen wohlfühlt. Dann erst kommen die Menschen. Diese sind eigentlich der schwierige Teil, aber auch das bewältigt Spengemann nach meinem Eindruck souverän. In der nächsten Woche werde ich darüber berichten. Nach Abschluß dieses Artikels bin ich zufällig auf ein Interview gestoßen, was dasselbe Thema anspricht. Der Interviewpartner ist » Dr. med. Eckart von Hirschhausen, der zunehmend als Kabarettist bekannt wird. Sein neuestes Soloprogramm beschäftigt sich mit der Frage des Glückes.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen:
Ich habe jetzt doch den vorigen Artikel an der entsprechenden Stelle um diesen Hinweis ergänzt. |
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