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Presseinfos News: Bundesvereinigung der Berufsreiter im Deutschen Reiter- und

Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 437, erschienen am 13.08.2007

Magazin  Ausgabe 437

Freiheit: Der Traum vom eigenen Pferd
Kein Meister ist vom Himmel gefallen

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Junger Reiter - junges Pferd
  2. Abschnitt  Klassische Ausbildung
  3. Abschnitt  Erste Schritte
  4. Abschnitt  Erfahrung
  5. Abschnitt  Führen und anbinden

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1
Junger Reiter - junges Pferd

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 438:
Hauptartikel  Arbeit an der Hand

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 442:
Hauptartikel  Panikattacke – Schiefe – Übertreten

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 443:
Hauptartikel  Auf- und Absitzen – Leckerle

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 447:
Hauptartikel  Galopp an der Longe – Rückwärtstreten

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 448:
Hauptartikel  Die gute Hand und Schenkellage

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 455:
Hauptartikel  Der Sitz

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 456:
Hauptartikel  Anlehnung und ruhige Hand

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 461:
Hauptartikel  Motor spritzig zünden, nicht leiernd

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 462:
Hauptartikel  Diagonale Hilfengebung

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 464:
Hauptartikel  Ausweichen auf dem Zirkel

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 465:
Hauptartikel  Klassische Ausbildung

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 470:
Hauptartikel  Sie will sich beschweren

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 471:
Hauptartikel  Leichttraben und Aussitzen

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 476:
Hauptartikel  Reiten in der Halle, Balance

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 477:
Hauptartikel  Verstand und Gefühl

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 482:
Hauptartikel  Galopp: Dickmachen und Hochschlagen

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 483:
Hauptartikel  Galoppiert wie ein Schaukelpferd

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 488:
Hauptartikel  Cavaletti sind immer gut

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 489:
Hauptartikel  Springen über Hindernisse

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 494:
Hauptartikel  Richtlinien für Reiten und Fahren

Teil Teil 22, Ausgabe Magazin 495:
Hauptartikel  Losgelassenheit und Takt

Teil Teil 23, Ausgabe Magazin 501:
Hauptartikel  Einwirken mit den Zügeln

Teil Teil 24, Ausgabe Magazin 502:
Hauptartikel  Natürliche (klassische) Ausbildung

Teil Teil 25, Ausgabe Magazin 508:
Hauptartikel  Durchs Genick treten, stellen, schieben

Teil Teil 26, Ausgabe Magazin 509:
Hauptartikel  Wert der Hufschlagfiguren

Teil Teil 27, Ausgabe Magazin 515:
Hauptartikel  Die Rolle des Lernens

Teil Teil 28, Ausgabe Magazin 516:
Hauptartikel  Lockerheit nicht verlieren

Teil Teil 29, Ausgabe Magazin 522:
Hauptartikel  Reiten auf blankem Pferderücken

Teil Teil 30, Ausgabe Magazin 523:
Hauptartikel  Einfache Galoppwechsel

Teil Teil 31, Ausgabe Magazin 530:
Hauptartikel  Voreilige Versuche im Außengalopp

Teil Teil 32, Ausgabe Magazin 531:
Hauptartikel  Halbe Paraden und Versammlung

Teil Teil 33, Ausgabe Magazin 535:
Hauptartikel  Hängender Kopf und Haltung

Hauptartikel oben 

Reiten im Gelände
Gegenverkehr
Ortsverkehr
Begegnung in der Dämmerung
Junger Reiter – junges Pferd

Eine klassische Reitlehre in Briefform

Zum Thema
Thema  Ausbildung



von Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl


Immer wieder begegne ich Reitern, die mir sagen, klassisches Reiten, klassische Dressur liege ganz außerhalb ihrer reiterlichen Bemühungen, da sie sich vor allem mit ihrem Pferd in der Natur erholen wollten, und wenn der sportliche Ehrgeiz sie packe, dann suchten sie ihn doch lieber bei Wettbewerben über Hindernisse zu befriedigen.

Diese Reiter haben nicht gelernt und verstanden, dass sie Sicherheit und Leistung mit dem Pferd auch im Gelände oder über Sprünge nur erreichen können, wenn sie mit ihrem Pferd von Stufe zu Stufe dem natürlichen, korrekten Weg der naturgemäßen, klassischen Grundausbildung folgen. Sie werden im Sattel ihres Pferdes mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, zu deren Überwindung ihnen keine Erfahrungen aus der klassischen Grundausbildung zur Verfügung stehen, sie werden ein Pferd reiten, das ihnen nie das Gefühl des ‚höchsten Glücks der Erde' vermitteln kann – mit anderen Worten: sie werden stets einen Lieferwagen fahren statt eines Mercedes.

Das wäre noch nicht so schlimm, schließlich darf jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber da ist ja noch der Partner Pferd! Muss der Reiter nicht alles tun, um seinem Freizeitkameraden gerecht zu werden und ihn vor körperlichen und psychischen Schäden bewahren? Doch, das muss er, nichts kann ihn freisprechen von der Verantwortung, die er seinem Pferd gegenüber hat. Und dazu gehört, dass er nach bestem Wissen und Vermögen sich selbst und ebenso seinem vierbeinigen Partner so weit es geht eine Ausbildung ermöglicht, die durch viele Jahrhunderte mit Erkenntnissen angereichert wurde, die zum heutigen Wissen rund ums Pferd und zum ‚klassischen Ausbildungsweg' des Pferdes führten. Allein dieser Weg gewährleistet eine naturgemäße, den physischen und den psychischen Möglichkeiten des Pferdes entsprechende Ausbildung.

Die ‚klassische Grundausbildung' ist keine für sich allein stehende Disziplin der Reiterei, sondern sie ist die Voraussetzung für alle Disziplinen der Reiterei, sei es Reiten im Gelände, über Sprünge, über Ausdauerdistanzen oder in der so genannten ‚Dressur'-Reiterei. Allem Einsatz in diesen Disziplinen muss eine entsprechende körperliche Förderung des Pferdes als Grundausbildung vorausgehen. Seine Muskeln, Sehnen und Bänder sollen gekräftigt werden und das Pferd soll konditionell allen körperlichen und nervlichen Anforderungen entsprechen können, ohne Schaden zu nehmen. Es sollte nicht vorkommen, dass sich Menschen ohne das nötige Wissen und Können auf ein ungeschultes Pferd setzen und meinen, es sei ja ein starkes Tier und man könne von ihm deshalb verlangen, dass es einen Menschen nach dessen Belieben trägt. Die Natur hat das Pferd nicht als Tragtier konstruiert, erst durch züchterische Selektion konnte es nach und nach den Ansprüchen des Menschen genügen. Es ist aber gegenüber unsachgemäßer Belastung durch den Reiter immer noch so sensibel, dass man es vor körperlichen und nervlichen Schäden nur durch eine sorgsame Ausbildung schützen kann.

Seit einigen Jahrzehnten wächst die Zahl der Reiter deutlich an und mit ihnen die Zahl derer, die sich nach einigen Jahren des Reitens auf Pferden von Vereinen oder anderen Reitbetrieben den Wunsch nach einem eigenen Pferd erfüllen. Häufig gerät dabei die pekuniäre Lage der Reiter an ihre Grenzen und der Geldbeutel erlaubt ihnen nur, ein junges, nicht ausgebildetes Pferd zu erwerben. Das Einstellen des Pferdes in einem Verein mit Reithalle und auch eine qualifizierte, kostenträchtige Ausbildung sind ebenfalls finanziell nicht möglich, so dass sich oft eine recht problematische Ausbildungssituation nicht nur für den Reiter mit seinen Wünschen und Hoffnungen, sondern vor allem auch für sein Pferd ergibt.

Für solche Reiter und ihre Pferde möchte ich versuchen, wenigstens durch theoretische Hilfe diese Problematik etwas zu entschärfen, indem ich ganz gezielt bei meiner schriftlichen Ausbildungshilfe auf die Situation solcher Reiter und Pferde eingehe. Ich bin mir darüber im Klaren, dass das ein schwieriges Unterfangen ist, bei dem ich zumindest auf das Vertrauen, die Bereitschaft, Zeit und Geduld und vor allem auf das Durchhaltevermögen der lernwilligen Reiterin oder des lernwilligen Reiters angewiesen bin. Ich hoffe, dass sie meine theoretische Hilfe auch konsequent und möglichst ohne Ausflüge in exotische Gefilde der Reiterei umsetzen, die ebenso ihre Berechtigung haben, jedoch in erster Linie bestimmten pragmatischen Zwecken dienen, weniger der klassischen Ausbildung.

Klassische Ausbildung  oben 



Die klassische Ausbildung erfordert viel Selbstdisziplin und Mitdenken. Um ein Pferd in üblicher Zeit bis zu einem gewissen Abschluss der Grundausbildung zu bringen, muss dieses dann in der Lage sein, sich ungezwungen in leichter Versammlung zu bewegen.

Bis zu diesem Ziel braucht es mindestens zwei Jahre der konsequenten, geduldigen Ausbildung, frühestens dann ist das Pferd soweit, dass es eine Dressurprüfung der Klasse L (leicht) auf Trense gezäumt absolvieren kann. Den Schwerpunkt für eine der Disziplinen für das weitere Reiten zu setzen, steht danach nichts mehr im Wege. Dafür wünsche ich den Reiterinnen und Reitern, die sich mit ihrem Pferd auf dem ‚klassischen' Ausbildungsweg befinden, viel Erfolg! Aber mir selbst wünsche ich, dass sie bei allem was sie dabei tun, zuerst an Ihr Pferd denken, und sollte es auch nur deshalb sein, weil von der Gesundheit ihres Pferdes ihr Erfolg und ihr Glück im Sattel abhängt.

Für die Form der schriftlichen Ausbildungshilfe habe ich eine junge Reiterin vor Augen, die sich genau in der Situation ‚junge Reiterin – junges Pferd' befindet, der kein Ausbilder und nur selten eine Reithalle zur Verfügung stehen, sondern nur ein Reitplatz mit der üblichen Größe von 20 x 40 Metern. Dieser Reiterin und ihrem Pferd versuche ich durch Briefe zu helfen, die in einer zeitlichen Folge geschrieben werden, die etwa den üblichen Zeiträumen bei der Grundausbildung entspricht. (Aber auch geübten Reitern jeglicher Reitweise ist es nicht verboten, mal in diese Internet-Seiten zu schauen, sei es, um ihr Wissen wieder aufzufrischen oder bestätigen zu lassen oder sich kritisch zu Wort zu melden.)

Die junge Reiterin hat die Möglichkeit, mir Fotos und/oder DVDs von sich zu schicken und schriftlich gezielte Fragen zu stellen, auf die ich gerne nach meinem bestem Wissen antworte. Auch den Lesern dieser Lehrbriefe biete ich an, sich über die Adresse m_red  » Gudrun Schultz-Mehl auf diese Weise speziellen Rat von mir zu holen, wenn sie mit ihrem Pferd mal in einer Sackgasse stecken.



15. Juli 2007

Liebe Nora,

heute möchte ich den Anfang zu meinem Versprechen wahr machen, Dir aus der Ferne bei der Ausbildung Deiner jungen Stute wenigstens theoretisch zu helfen – womit ich auch schon mitten im Thema bin:

DIE THEORIE
rund um die klassische Ausbildung. ‚VOR DEM KÖNNEN KOMMT DAS WISSEN' sagt ein Sprichwort. Das gilt immer und überall im Leben und ohne die nötigen theoretischen Kenntnisse wird man bei der klassischen Ausbildung eines Pferdes scheitern.

Du hast vor einem Jahr mit dem Reiten und mit Unterricht in Deinem Heimatverein begonnen. Nachdem Du einigermaßen sattelfest warst, hattest Du aber das Empfinden, dass Dich der Unterricht auf den Pferden Deines Vereins nicht mehr viel weiter bringt. Das Wesen der Pferde ganz allgemein ist Dir inzwischen aber vertraut und Du weißt schon recht viel, worauf man beim Reiten achten muss. Wie weit Du reiterlich inzwischen bist, weiß ich aus eigener Anschauung nicht; es hängt davon ab, wie häufig Du in dieser Zeit geritten bist, es hängt ab vom Ausbildungsstand des oder der Lehrpferde, ob sie Dir tatsächlich das erwünschte Reitgefühl vermitteln konnten; es hängt ab von dem oder den Ausbildern, ob diese tatsächlich auf dem erforderlichen Niveau richtiges Wissen weitergeben konnten, ob sie das nötige geschulte Auge hatten, Fehler bei Reiterin und Pferd zu erkennen und richtig zu korrigieren, ob sie sozusagen ‚von unten mit reiten' konnten und nicht nur Pseudowissen vermittelten.

Für eine Reiterin, die erst ansatzweise mit der klassischen Ausbildung konfrontiert wurde, ist es auch schwer zu erkennen, ob der Ausbilder diese erforderlichen Qualitäten überhaupt besitzt, zumal es, gemessen an der Masse der heutigen Reiter, zu wenig erfahrene Ausbilder gibt. Und wenn man einen wirklich guten Ausbilder findet, dann ist es meist ein professioneller Ausbilder, der durch seinen Unterricht sein Leben bestreiten muss, dessen regelmäßiger Unterricht also für viele unerschwinglich ist.

Und in dieser Situation bist Du nun. Du hast vor wenigen Wochen ein etwa dreieinhalbjähriges Pferd gekauft, das von der Koppel kommt, also ohne jede Ausbildung ist und nur das Führen am Halfter kennt. Du willst aber von Anfang an alles richtig machen und willst kein Pferd, um nur darauf spazieren zu reiten, sondern Du möchtest richtig und gut reiten, um auch, sei es sportlich auf Turnieren oder ganz allgemein, Anerkennung zu finden mit Deinem Pferd. Und Du möchtest ‚das Glück der Erde' genießen, das Du auf den Schulpferden nur unvollkommen erleben konntest.

Erste Schritte  oben 



Gustav Steinbrecht
(1808-1885)
Dass der Reiter theoretisches Wissen allein schon dem Pferd, dem er sich zumutet schuldig ist, das hört man da und dort nicht gern und belächelt es. Man hört dann zum Beispiel: "Reiten lernt man nur durch Reiten". Ich weiß einen besseren Rat, und zwar den Spruch eines Reitmeisters des vergangenen Jahrhunderts, der der Sache näher kommt: "Reiten lernt man durch ein Drittel Lesen, ein Drittel Zusehen und ein Drittel Reiten". Deine und Deines Pferdes Ausbildung ist also eine recht zeitraubende Sache, das muss Dir klar sein, wenn Du Deine Ziele erreichen willst. Dazu ein Beispiel:

Dr. Josef Neckermann, einer der eindrucksvollsten Dressurreiter des vergangenen Jahrhunderts, war, wie Du sicher weißt, auch ein bedeutender Unternehmer und außerdem ein unvergessener Förderer des Sports, er gründete die Deutsche Sporthilfe, die er weitgehend managte und die noch heute besteht. Er war also ein Mann, der sich kaum Ruhe gönnte. Um für seine geliebte Dressurreiterei, bei der er außerdem ehrgeizige Ziele hatte, überhaupt Zeit zu finden, saß er meist in aller Herrgottsfrühe um fünf Uhr auf einem seiner Pferde. Aber nicht etwa um Entspannung zu finden, sondern um sich und seine Pferde auf große Ziele, wie zum Beispiel Weltmeisterschaften oder Olympische Dressurwettbewerbe vorzubereiten. An ihn habe ich oft gedacht, wenn mir mal die nötige Energie fehlte, um vor meinem beruflichen Arbeitsbeginn mit dem Fahrrad zu Pferd und Ziegenbock zu fahren, zu füttern und den Stall zu misten, danach noch mal nach Hause zu fahren, um dann ohne Stallparfüm und mit sauberen Händen in der Firma zu erscheinen. Wer wenig Geld, aber dennoch ein Pferd hat, der muss halt oft ausscheren aus dem Trott der Masse Mensch.

KLASSISCHE AUSBILDUNG – was versteht man darunter?

Heute versteht man unter klassischer Ausbildung vor allem die Überlieferungen des französischen Reitmeisters Robichon de la Guèrnière (bis 1751) und anderen europäischen Reitmeistern vergangener Jahrhunderte, die die heutige Reitweise grundlegend prägten. Ihre Lehren galten seinerzeit neben der höfischen Reiterei vor allem der Ausbildung von Soldatenpferden. Die Pferde an Fürsten- und Königshöfen sollten beeindrucken durch tänzerische Eleganz, durch außergewöhnliche Bewegungsabläufe und durch ein prunkvolles Auftreten.

Pferde hingegen, die in kriegerischen Auseinandersetzungen geritten wurden, mussten in besonderem Maß belastbar sein. Ihre Kraft, Wendigkeit, Schnelligkeit und ihr Gehorsam konnten über Leben und Tod ihrer Reiter entscheiden. Es ist selbstverständlich, dass ihre Ausbildung vor allem darauf abzielte, sie leistungsfähig zu machen und dabei gesund zu erhalten. Durch natürliche Gymnastik wurden ihre Muskeln, Gelenke, Sehnen und Bänder und die Kondition von Herz und Lunge über einen genügend langen Zeitraum hinweg zur vollen Leistungsfähigkeit gebracht. Das Pferd war ein kostbares ‚Kriegsgerät', dessen Gesundheit und Belastbarkeit so lange wie möglich erhalten bleiben sollte, um die Strapazen eines Feldzuges körperlich auszuhalten.

Mein Vater war Kavallerieoffizier in dem Regiment der ‚Jäger zu Pferde 3'. Er ging im ersten Weltkrieg mit zwei eigenen Pferden an die Front, mit ONKEL FRITZ und mit NEGER. Dazu kamen 2 Chargenpferde, das eine war ILLER, eine 5jährige Stute, die sein Bursche ritt. Alle vier Pferde und ihre beiden Reiter kamen 1918 nach 4 Jahren hartem Kriegseinsatz gesund zurück in die Garnison. ONKEL FRITZ war da schon
18 Jahre alt, wurde aber noch bei Vergleichsprüfungen des Militärs mit Erfolg geritten. Der um einige Jahre jüngere NEGER hingegen trat seinen Dienst als Reitlehrer und Beschützer meiner Mutter an!

Meine Mutter ritt, wie das damals üblich war, im Damensattel (oder im ‚Seitsitz', wie man auch sagt). Wenn mein Vater sie nicht begleiten konnte, übernahm NEGER bei ihren gelegentlichen Ritten in die Gefilde vor dem Kasernentor die volle Verantwortung für solche Unternehmungen, verlangte dafür aber auch die absolute Zurückhaltung meiner Mutter gegenüber seinen Entschlüssen. Die Strecke, die er wählte war, abgesehen von einigen kleinen Variationen ins Abseits, immer die gleiche. Er steuerte dabei bestimmte Rastplätze an, die er für gut befand. Meist waren das schon bekannte Stellen im Wald, wo es junge Triebe von Nadelhölzern gab (gesunder Magenbitter) oder schmackhafte Triebe von anderen Waldgehölzen (Genussmittel). Im Übrigen hatte er eine Uhr im Bauch, denn mit Abweichungen von höchstens fünf bis zehn Minuten kehrte er auf ihm genehmen Wegen und in von ihm gewählter Gangart zum heimatlichen Stall zurück. Nie hat meine Mutter erlebt, dass er sie in die geringste Gefahr brachte. Man muss dabei natürlich bedenken, dass es damals, kurz nach dem ersten Weltkrieg, noch kaum motorisierten Verkehr gab. Heute wären solche Unternehmungen eines wenig geschulten Reiters kaum möglich. Und man muss auch bedenken, dass dem Reiter solche Pferde wie der lebenserfahrene NEGER nur spärlich zur Verfügung stehen. Zurück zum Thema:

Erfahrung  oben 



Die Leistung der vier Pferde durch vier Kriegsjahre hindurch war nur möglich durch eine Ausbildung, die auf jahrhunderte langer gesammelter Erfahrung bei der Ausbildung von Pferden beruhte. Die Pferde wurden durch schonende Ausbildung zur Leistung vorbereitet, so, wie es auch heute noch nach den Regeln der nationalen reiterlichen Vereinigung sein soll (FN Richtlinien, Band 1). Nichts anderes ist mit dem Begriff ‚Klassische Ausbildung' (oder ‚klassische Dressur') gemeint.

Aus dieser früheren Zeit stammt auch der Grundsatz, dass ein Pferd nicht vor seinem vierten Lebensjahr angeritten werden soll, da seine körperliche Entwicklung, vor allem die seiner Gelenke (die Gelenkspalten schließen sich erst mit etwa 5 Jahren), einer früheren Belastung noch entgegensteht. Da in den letzten Jahrzehnten vermehrt englisches Vollblut in unsere deutschen Warmblutrassen eingekreuzt wurde und Vollblüter frühreife Pferde sind (viele laufen Rennen schon als Zweijährige), sind heute auch unsere Warmblüter, die häufig englische Vollblüter in ihrem Pedigree (ihrer Ahnentafel) führen, etwas frühreifer. Ab einem Alter von drei Jahren sollte man mit der Erziehung für ihre spätere Verwendung unter dem Sattel beginnen, ihren Rücken sollte man aber frühestens mit 3 ½ bis 4 Jahren belasten, um Schäden, die sich oft erst Jahre später zeigen, zu vermeiden.

Dein Pferd ist sozusagen aus dem Kindergarten in Deine Obhut gekommen. Es kennt das Halfter und auch schon Trense und Sattel. Du hast einen ‚Vielseitigkeitssattel Richtung Dressur', der ist goldrichtig. Viele junge Reiter, die daran denken, nach der Grundausbildung vor allem Dressur zu reiten meinen, dazu wäre von Anfang an ein Dressursattel notwendig. Das ist aber ganz falsch. Ein moderner Dressursattel ist eigentlich wie eine Gipsschale für Rückengeschädigte! Er zwingt zu einem sehr gestreckten Bein und damit auch zu eingeschränkter Beweglichkeit der Hüften.

Bei einem perfekt ausgebildeten Pferd, dem man zu dessen Verstehen keine deutlichen Schenkelhilfen mehr geben muss, sondern es fast aus dem eignen Denken beeinflussen kann, das uns also instinktiv versteht, ist so ein Sattel sicher nicht falsch. Aber selbst bei Dressurprüfungen bis zur mittleren Klasse kannst Du ebenso gut Deinen Vielseitigkeitssattel verwenden. Er hat auch den Vorteil, dass Du ihn nicht nur beim Ausbilden auf dem Reitplatz, sondern ebenso auch im Gelände und über kleine Sprünge verwenden kannst, denn in einem Vielseitigkeitssattel ist das Leichttraben, das im Gelände ja vorherrscht, sehr viel angenehmer als wenn man fest gemauert in einem Dressursattel sitzt.

Dein Pferd muss jetzt noch in eine Vorschule gehen, ehe Du mit seiner Ausbildung unter dem Sattel beginnen kannst. In der Vorschulzeit kann man aber immerhin sein Pferd schon anlongieren, an das Auf- und Absitzen gewöhnen und jeweils ein paar Minuten unter dem Reitergewicht auf langen Linien (ganze Bahn oder Zirkel) vorwärts bewegen. Dabei kann man es mit leichten Schenkel- und Handhilfen bekannt machen.

Du wirst einwenden, dass Dein junges Pferd zu wenig Bewegung hat, wenn es nur ansatzweise geritten werden soll. Das ist richtig, deshalb will ich Dir jetzt einige Möglichkeiten erklären, die Deinem Pferd (und auch Dir!) genügend Bewegung verschaffen. Hol also Deine junge Stute aus der Box, vom Paddock oder von der Koppel, lege ihr ein Halfter um und führe sie zum Anbindeplatz. Dazu möchte ich erwähnen, dass man, wenn man das Pferd aufhalftert oder auftrenst, möglichst immer neben dem Pferd steht, also neben oder kurz hinter seinem Kopf. Pferde mögen es nicht gern und manche ängstigen sich sogar, wenn der Mensch frontal vor ihm steht und ihm in die Augen schaut. Abgesehen davon kann Dich Dein Pferd auch überrennen bei einem plötzlichen Schreck von hinten. Es wird reflexartig vorspringen und das könnte für Dich fatal ausgehen.

So, das Halfter ist geschlossen, den Strick hast Du in der Hand – jetzt binde Dein Pferd an. Wieder ein Rat: Achte darauf, dass die Anbindevorrichtung nicht zu tief sitzt, sondern etwa in Kopfhöhe des Pferdes. Bei tief angebrachten Vorrichtungen bekommt das Pferd, wenn es den Kopf rasch hebt, einen Ruck im Genick und gerät dadurch leicht in Panik. Man muss es erlebt haben, mit welch gewaltiger Kraft ein Pferd in Panik rückwärts am Strick hängt und nicht selten sich verletzt. Überhaupt soll man bei den ersten Anbindeversuchen das Pferd nicht gleich ganz fest binden, sondern den Strick zwar durch den Anbindering führen, aber noch in der Hand halten oder mit einer Schlaufe festmachen, die man mit einem raschen Handgriff lösen kann. (Wenn Du diese ‚Panikschlaufe' nicht schon kennst, lass sie Dir von einem älteren Reiter zeigen.) Vielleicht ist auch an dem Strick direkt unter dem Pferdekinn ein ‚Panikhaken', der sich bei einem starken Ruck von selbst öffnet und den man auch mit einem Handgriff lösen kann. Den Strick darf man nicht zu kurz oder zu lang binden, etwa 60 bis 80 Zentimeter Spielraum sollte das Pferd behalten. Am besten ist es, das Pferd über Tage hinweg langsam an das Anbinden zu gewöhnen.

Mit der Pflege des Fells, der Nüstern, der Hufe usw. will ich Dich nicht langweilen, das wirst Du vor Deinen Reitstunden im Verein reichlich gelernt haben. Ebenso das Aufsatteln. Ich setze mal voraus, dass der Sattel, den Du für Dein Pferd benutzt, passt.

Sicher hast Du erfahrene Reiterkameraden, die das beurteilen können. Oder Du leistest dir durch die Zertrümmerung Deines Sparschweins den Besuch eines Sattlers Eine Sattelunterlage, die verschwitzt ist, verwende möglichst nicht, zu schnell können sich Pferde dadurch Pilzinfektionen holen. Ich habe für meine Pferde immer alte Betttücher doppelt in Unterlagenmaß geschnitten, eingesäumt, durch Nähte kreuz und quer verfestigt und ein täglich frisches Tuch unter der eigentlichen Sattelunterlage verwendet. Man muss dieses Tuch aber mit der Sattelunterlage tief in die Kammer ziehen, damit es beim Reiten nicht auf den Widerrist drückt. Soweit die wichtigsten Vorbereitungen.

Führen und anbinden  oben 



Einhängen der Longe durch Ring und ...
... Trensenzaum mit einer Lederschnalle
Anbinden
Detail
Sichern der Steigbügel ...
... beim Longieren
Ehe Du Dein Pferd losbindest und abmarschierst, ziehe den Gurt vorsichtig noch mal etwas nach, hänge eine Longe, die mit einer starken, mindestens 20 cm langen Lederschnalle statt eines Karabinerhakens versehen sein sollte, (falls nicht schon in die Longe zusätzlich eingearbeitet, hilft der Schuster!) so ein, dass sie durch den Trensenring und um den gleichseitigen Halftersteg oberhalb des Trensengebisses führt. Bei einem Hannoverschen Halfter kannst Du die Lederschlaufe auch durch Trensenring und Kinnriemen führen. Diese Art, das junge Pferd zunächst an der Longe zu führen, ist bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz für einen Kappzaum, den Du wahrscheinlich nicht hast. Du vermeidest, dass das Pferd bei einem eventuellen Wegstürmen oder nach außen Drängen in der Maulspalte gerissen oder geklemmt wird oder gar das Trensenmundstück durch das Maul gezogen wird. Später, wenn das Pferd an der Longe schon ein ‚alter Hase' ist, genügt dann auch der ‚schnelle' Karabinerhaken.

Führe Dein Pferd außerhalb des Stallgeländes nicht mit dem Strick, schon gar nicht mit Panikhaken. Es ist mir einmal passiert, dass mein Pferd vor einer größeren Gruppe vonRadfahrern mit bunten Kappen scheute, mich rücklings in einen Graben warf, über mich weg sprang und mich, auf dem Rücken liegend, im Galopp etwa 100 Meter weit über ein Feld schleifte. Es kostete mich unglaubliche Kraft, die man nur in Extremsituation finden kann, das Pferd mit der Longe zu halten, aber ich wusste, dass es geradewegs auf eine Fernstraße zuraste. Resultat: Kopfverletzungen, zerrissene Jacke und Hose – es war eines meiner schlimmsten Erlebnisse mit einem Pferd.

Aber was wäre geschehen, wenn das Pferd an einem Strick mit Panikhaken gehangen hätte? Ich mag es mir nicht ausdenken.

Für den kurzen Weg vom Stall zum Reitplatz (und auch für alle Wege, auf denen Du Dein Pferd außerhalb des Stallgeländes führst) nimm zur Sicherheit statt eines kurzen Führstricks also eine Longe. Gehe in Schulterhöhe neben Deinem Pferd.

Wenn ihr beiden am Reitplatz heil angekommen seid, ist dann auch Deine Fitness gefragt, denn Du musst zunächst neben ihm hergehen oder -traben. Trainiere also nicht nur den Körper Deines Pferdes, sondern auch Deinen. Und für die spätere Arbeit im Sattel bleibe – vor allem in den Hüften – geschmeidig und beweglich in Knie- und Fußgelenk. Reiten besteht für Reiter und Pferd aus einer Folge von gemeinsamen Schwingungen, wenn Dein Körper nicht ebenso elastisch ist, wie Du Dir das vom Körper Deines Pferdes wünschst, dann nützt Dir die beste Theorie, das beste Wissen rund um die Reitkunst nichts.

Schau noch mal nach, ob der Sattel so fest sitzt, dass er Deiner Stute nicht bei eventuellen Eskapaden unter den Bauch rutscht. Und dann bringe ihr als erste Erziehungsmaßnahme das gehorsame Gehen, Halten und das ruhige Stehen bei, es ist eine Vorbereitung auf die gleichen Forderungen an sie, wenn Du später im Sattel sitzt.

Bei der nun beginnenden Ausbildung Deiner Stute bist Du weitgehend auf Dich allein gestellt. Du hast einen Reitplatz zur Verfügung, aber nur selten die Möglichkeit, Dein Pferd in einer Halle zu bewegen. Du wirst aber hin und wieder ‚Ratgeber' haben, die Dich zu allen möglichen Methoden, Hilfszügeln und Gebissen überreden wollen, mit denen Dir die Ausbildung sozusagen in den Schoß fallen soll. Mein dringlicher Rat:

Lass sie reden, aber folge ihren Ratschlägen nicht, bleibe bei der ehrlichen und fairen Ausbildung, die Du Deinem Pferd (und Deinem Gewissen) schuldig bist. Verlasse Dich nur auf e i n Hilfsmittel: auf Dein Wissen und Können.

Teil 2 nächste Woche

Fotos und Zeichnungen

Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl

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Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  1980 vom 07.01.2008
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Leserbrief

Hallo Redaktion!

Mit großem Interesse verfolge ich Ihre Berichte über Barhufe, sowie die "Reitlehre in Briefform". Vielen lieben Dank für Ihre interessante Berichterstattung. Ihre Zeitung trägt vielfach zum Wohl und Verständnis der Pferde bei :-).

Herzliche Grüße. Kelly ( www.meinPferdetraum.de)

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 437 vom 27.07.2014
Hauptartikel  Junger Reiter - junges PferdPferdemesse  Messe: Platz-MaxEditorial  Editorial: UnsichtbarTip  Tip: Fohlenkrankheiten XXXIVPoster  Poster: Wildpferde in Freiheit
Pferdemesse  Messe: OlewoLeserbriefe  LeserbriefeAngebot_der_Woche  Angebot der WochePferdemesse  Messe: LobbackGesuche  Gesuche
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