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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 485, erschienen am 14.07.2008

Magazin  Ausgabe 485

Das Pferd als therapeutisches Mittel
Exotisch oder geht es uns alle an?

Foto: Autorenhinweise m_red  » DKThR
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Heilung und Linderung
  2. Abschnitt  Hannelore Brenner
  3. Abschnitt  Therapie
  4. Abschnitt  DKThR
  5. Abschnitt  Mehraufwand
  6. Abschnitt  Rollinetzwerk
  7. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 479:
Hauptartikel  Tu Gutes und rede darüber

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 480:
Hauptartikel  Wo und wie kann ich Gutes tun?

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 484:
Hauptartikel  Spenden sind Glücksbringer

Teil Teil 4
Heilung und Linderung

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 486:
Hauptartikel  Zwang und Gewalt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 487:
Hauptartikel  Immer feste druff

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 490:
Hauptartikel  Schmerz und Lust

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 491:
Hauptartikel  Doping und Befriedigung

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 492:
Hauptartikel  Das Glück der Erde

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 493:
Hauptartikel  Ich bin der Größte

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 496:
Hauptartikel  Ein denkwürdiger Dialog

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 497:
Hauptartikel  Mir kommen die Tränen

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 498:
Hauptartikel  Rührung oder nicht

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 499:
Hauptartikel  Ritt des alten Cowboys

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 500:
Hauptartikel  Ritt für den Vater

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 503:
Hauptartikel  Von Autisten lernen

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 504:
Hauptartikel  Auf den Hund gekommen
http://equivox.de/Hauptartikel

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Heilung und Linderung

Fallgeschichten und Randbedingungen des Pferdeeinsatzes im Gesundheitswesen

Zu den Themen
Thema  DKThR  Therapeutisches Reiten



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Sind Sie behindert? Nein? Wie schön! Sie können sich frei bewegen, nach Herzenslust mit Ihrem Pferd kommunizieren, Umgang, Reiten, Springen, Voltigieren oder Fahren genießen und sind in Ihren Ambitionen höchstens durch die Möglichkeiten Ihres Pferdes und Ihre eigenen beschränkt.

Anders sieht es aus, wenn Sie aus irgendwelchen Gründen als behindert eingestuft werden. Dann kann das Pferd für Sie noch ganz andere Bedeutungen gewinnen, nämlich zusätzlich zur sportlichen eine medizinische, für die Rehabilitation, oder eine pädagogische, für die Erziehung. Was gesunden Menschen guttut, hat nämlich ebenso seine positiven Wirkungen für Menschen, die krank oder eingeschränkt sind (siehe auch Ausgabe 73: EquiVoX-Link Mittler zwischen Welten).

Oder es betrifft nicht Sie persönlich, aber Sie haben Kinder oder Partner, die aus irgendwelchen Gründen Probleme bereiten; dabei kann es sich um angeborene Fehler handeln, etwa Gendefekte oder sonstige Fehlbildungen, oder um erworbene Mängel, zum Beispiel durch Probleme bei der Geburt oder im Laufe der normalen Entwicklung. Und dann gibt es noch einen dritten Zugang zu diesem Problemkreis: den Unfall. Und einen vierten: die Erkrankung.

Landläufig will man sich als Nichtbehinderter mit solchen Perspektiven nicht auseinandersetzen. Behinderung – ich doch nicht! Habe ich nichts mit zu tun! Dabei lauert doch der Unfall an jeder Ecke! Man kann sich bekanntlich schon beim Sprung aus dem Bett das Genick brechen. Bis man hochbetagt und klapprig, aber zufrieden und lebenssatt das Zeitliche segnen kann, gibt es unzählige Gelegenheiten, durch einen Unfall von der einen Seite auf die andere zu gelangen.

Das betrifft insbesondere Sportler und unter diesen wieder in besonderem Maße Reitsportler, denn ein Sturz vom Pferd ist nicht zu verachten, aber gewissermaßen unvermeidlich – wie konnte ich beispielsweise im Alter von 50 Jahren einen Salto aus vollem Galopp in freiem Gelände unbeschadet überstehen? – und auch sonst haben Pferde allerhand Möglichkeiten, das körperliche Wohlbefinden des Reiters zu beeinträchtigen.

Nun darf man sich durch bloße Möglichkeiten nicht bange machen lassen, denn das Risiko gehört zum Leben; wer kein Risiko eingeht, kann sich gleich begraben lassen, wäre so gut wie tot. So riskieren wir also ständig alles mögliche und insbesondere beim Umgang mit unseren Pferden unsere Gesundheit – im Extremfall finden wir den Tod oder erleiden schwere Verletzungen, in deren Folge eine Behinderung zurückbleiben kann, und wenn wir Glück haben, bleibt es bei leichten Schrammen und Beulen, die bald vergessen sind.

Rein statistisch ist der Pferdesport anscheinend nicht die gefährlichste aller Sportarten – obwohl man eine solche Aussage eigentlich gar nicht treffen kann, denn dazu müßte man eine eindeutige Definition haben. Zählt man nun die Vorfälle oder die Schwere der Vorfälle oder die Anzahl der Vorfälle pro Übung? Zahlenmäßig überwiegen beispielsweise die Verletzungen beim Fußball und der Gymnastik, was aber einfach daran liegt, daß erstens wesentlich mehr Leute Fußball spielen und zweitens jeder Sport irgendeine Art von Gymnastik voraussetzt, und wenn es nur Lockerungsübungen sind, mithin also eine Verletzung der Gymnastik zugeschoben wird und nicht der Sportart, für die die Gymnastik vorbereitet.

Immerhin sind Verletzungen beim Reitsport unter weiblicher Personen mit Abstand die häufigsten, nämlich 17% vor 11% beim Fußball. Bei den Männern sieht es anders aus, die machen bekanntlich um Pferde üblicherweise einen größeren Bogen (PDF-Datei» Sportunfälle – Häufigkeit, Kosten, Prävention, » Sportunfälle in Deutschland). Über die Schwere der Verletzungen wird in beiden Untersuchungen nichts gesagt. Trotzdem: Kann man sich vorstellen, daß jemand als Folge einer Verletzung beim Fußball schwerbehindert ist? Kommt vielleicht auch vor, ist aber mit Sicherheit extrem selten und ganz untypisch. Beim Pferdesport ist das leider anders. Die Gefahren für Leib und Leben sind ganz real.

Hannelore Brenner  oben 



Beim Pferdesport ereignen sich immer wieder dramatische Todesfälle, und zwar sowohl beim vereinsmäßig betriebenen Sport als auch im privaten Bereich – auf aktuelle Beispiele will ich jetzt nicht hinweisen. Aber nicht nur Stürze können zu schwerwiegenden Verletzungen führen:

Rund 20 % aller Unfälle im Zusammenhang mit Pferden passieren allerdings nicht beim Reiten, sondern beim Hantieren mit Pferden oder in deren unmittelbarer Umgebung. Vor allem Kinder sind aufgrund ihrer Größe besonders gefährdet, Kopfverletzungen zu erleiden. Eine australische Studie (Horse Related Injuries, Juni 1995) hat ermittelt, daß Kindern unter 15 Jahren häufiger schwer am Kopf verletzt werden als Erwachsene (31 % vs. 22 %). Manche Experten finden es daher durchaus angebracht, Kindern, die mit Pferden hantieren, einen Helm zu verpassen – auch wenn sie gerade nicht reiten. 'Die Masse der Kopfverletzungen, auch der tödlichen Kopfverletzungen, passiert nicht beim Reiten, sondern Kindern in der Stallgasse. Der Reitanlagenbetreiber oder wer auch immer die Verantwortung trägt, müßte darauf hinweisen: Beim Putzen ist der Helm aufzusetzen. Da passieren Unfälle, die vermeidbar wären.' (Suitbert Dohmen, Helm-Experte, Repräsentanz der LAS-Helme in Deutschland)

» Lebensretter Reithelm

Auffällig ist auf jeden Fall, daß eine ganze Reihe von Menschen, die als Behinderte Pferdesport betreiben, zunächst gesund waren, als Sportler einen Unfall mit dem Pferd erlitten und seither behindert sind, wie etwa » Hannelore Brenner:

Ich bin 1963 geboren und nach einem Reitunfall im Jahre 1986 inkomplett querschnittgelähmt. Ich bin verheiratet und habe rundum das Gefühl, wirklich vollständig als Behinderte in unserer Gesellschaft integriert zu sein. Dafür spricht auch mein mir sehr wichtiger Freundeskreis, der sowohl aus Behinderten als auch aus Nichtbehinderten besteht. Ich bin der Überzeugung, dass Integration bei den Betroffenen selbst beginnt. Nur so können die Nichtbehinderten die Hemmschwelle verlieren.

» Wer bin ich

Hier spricht Hannelore Brenner also gleich das wichtige Thema Integration an. Das Wort "Reitunfall" klingt so unbestimmt; was für ein Reitunfall? Könnte das jedem passieren, der mit Pferden umgeht? Bei meinem Interview vor den Wikipedia-Link» Sommer-Paralympics 2000 in Sydney hat sie auf ihre damalige Homepage verwiesen (der Link ist inzwischen nicht mehr gültig, die Fachleute von der Telekom kriegen es offenbar nicht hin, auf die neue Syntax umzuleiten – ich kann mir den Seitenhieb auf die Kollegen nicht verkneifen); ich zitiere mich also selbst:

Sie berichtet sehr lebendig von ihrem Unfall 1986 während eines großen Vielseitigkeitsturniers in Luhmühlen, als nach einem flüssigen Ritt vor einem Tiefsprung ihr Pferd geblendet wurde, zögerte, sie trieb, das Pferd sprang, blieb mit den Vorderbeinen hängen und begrub sie unter sich. Da war sie 22.

Der letzte Lendenwirbel war zertrümmert, nach fünf Monaten im Krankenhaus hieß es: sie wird nie wieder gehen können. Aber schon dort lernte sie, daß das Leben weitergeht, und sie war fest entschlossen, etwas daraus zu machen. Sie trennte sich von ihrem Freund, gab ihren Beruf als Augenoptikerin auf, verließ ihre Heimat Lüneburger Heide und begann ein Studium in Heidelberg.

Dort lernte sie neue Freunde kennen, Behinderte und Nichtbehinderte, schließlich auch den Mann, den sie geheiratet hat und mit dem sie eine glückliche Ehe führt – das hört man nicht allzu häufig. [...]

Für mich ist das Reiten eine der wenigen Sportarten, wo "Nichtbehinderte" die Leistungen der "Behinderten" wirklich beurteilen können, weil das Reiten für alle ein sehr schwer zu erlernender Sport ist. Es ist egal, ob ein Schenkel treibt oder der Schenkel durch eine Gerte ersetzt werden muß. Es kommt nur darauf an, daß das Pferd das Kommando auch versteht und umsetzt. Man kann die Fähigkeiten des Reiters daran erkennen, wie das Pferd geht. Ob der Reiter Einschränkungen hat oder nicht. Ich glaube, daß durch diese Sportart die Integration zwischen Nichtbehinderten und Behinderten ein ganzes Stückchen voran kommen kann und möchte gern hierzu beitragen.

EquiVoX-Link Hannelore Brenner, EquiVoX-Link Die Regeln

Für sie als ehemalige Nichtbehinderte ist es natürlich besonders wichtig, sich wieder vollständig in das normale Leben integriert zu wissen. Wer selber Kontakt mit Behinderten hat, weiß, daß diese es gar nicht schätzen, wenn man sie als etwas Besonderes behandelt und um ihre Behinderung viel Aufhebens macht.

Vielleicht kann man einen Vergleich zur Situation kleiner Kinder ziehen. Diese brauchen in vielfältiger Hinsicht die Hilfe der Erwachsenen – trotzdem nehmen sie es übel, wenn man sie nicht ernstnimmt. Sie sind zwar klein und manchmal hilflos, fühlen sich aber dennoch als vollwertige Menschen.

Umso mehr muß dies für erwachsene Behinderte gelten. Ganz generell erleben wir Menschen uns ja als eine Person, die durchaus vom Körper unterschieden ist. Wenn unser Körper aus irgendwelchen Gründen nicht so will oder kann, wie wir das gerne möchten, können wir uns sogar über ihn ärgern – unsere Person ist vom Körper völlig unabhängig.

Wenn die Behinderung plötzlich eintritt, wie es typischerweise durch einen Unfall geschieht, liegt es vollends auf der Hand, daß die Person sich gar nicht geändert hat, nur der Körper. Hannelore Brenner signalisiert mit jedem ihrer Worte, daß sie sich durch den Unfall nicht verändert hat, höchstens zum Besseren, insofern nämlich, als ihr Leben dadurch eine Intensität und Qualität bekommen hat, die möglicherweise durch ein "normales" Leben für sie gar nicht zu erreichen gewesen wäre. "Meine Behinderung gebe ich nicht mehr her – ich möchte mein heutiges Leben nicht mit dem vor meinem Unfall tauschen." (» der reha treff Ausgabe 2 2007) Ein solches Bekenntnis dürfte Nichtbehinderte durchaus überraschen.

Therapie  oben 



Die Entwicklung einer Behinderung ist das anders kann entsetzlich tragisch, wenn der Körper nach und nach versagt, der Geist aber hellwach ist. Das berühmteste Beispiel für diesen Zustand ist der geniale Physiker Wikipedia-Link» Stephen Hawking, der vermutlich an Wikipedia-Link» amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet. Die Ursache dieser Krankheit ist unbekannt; allein in Deutschland sollen sage und schreibe 6000 Menschen daran erkrankt sein.

Der Maler Wikipedia-Link» Jörg Immendorff, am 28. Mai 2007 gestorben, war daran erkrankt, der "Große Vorsitzende" Wikipedia-Link» Mao Zedong soll daran erkrankt gewesen sein, und viele weitere mehr oder weniger Prominente. In den USA heißt diese Krankheit Lou Gehrig-Krankheit, weil der extrem erfolgreiche und entsprechend berühmte Wikipedia-Link» Baseball-Spieler Wikipedia-Link» Lou Gehrig auf dem Höhepunkt seiner Karriere daran erkrankte und kurze Zeit später auch daran starb.

ALS ist also ein weiterer Weg, sich mehr oder weniger schnell auf der anderen Seite wiederzufinden – und dies ist nur eine Krankheit von vielen, die einem gesunden Menschen in den Rollstuhl bringen können. Nichtbehinderte sollten sich also nicht allzu viel auf ihren Zustand einbilden – erstens kann dieser sich schnell ändern und zweitens wissen wir ohnehin nicht, wie sich unsere Mitmenschen, behindert oder nicht, fühlen. Zwar schließen wir gern von uns auf andere, aber das ist eigentlich unzulässig.

Man merkt das spätestens, wenn sich jemand umbringt, den man gut gekannt hat, aber nicht so gut, daß man so etwas für möglich gehalten hätte. Da geht einem auf, daß man ihn eigentlich überhaupt nicht kannte, daß man nicht wußte, wie er sich fühlte, insbesondere nicht, daß er so verzweifelt war und keinen anderen Ausweg wußte. Was weiß man schon über seinen Nächsten?

Das gilt auch für Kinder und geistig oder körperlich Behinderte. Wie fühlen die sich? Es gibt Menschen, die sich sehr weit in ihre Kindheit zurückerinnern können und berichten, daß sie ärgerlich darüber waren, sich nicht so gut ausdrücken zu können, wie sie es gerne getan hätten, und insbesondere wütend darüber, daß die Erwachsenen sie nicht ernstnahmen und nicht im Traum vermutet hätten, daß das Kind differenzierter hätte fühlen und denken können, als sie beobachten konnten.

Was wäre, wenn dieser Sachverhalt auch auf körperlich und geistig Behinderte zutrifft, die sich nicht gut ausdrücken können? Wenn auch in diesen Menschen eine Person wohnt, die uns ähnlich ist, ohne daß wir das erkennen können? Erleidet jemand zum Beispiel einen Schlaganfall und kann infolgedessen nicht mehr sprechen, achten wir diese Person trotzdem und werden uns hüten, in ihrer Gegenwart etwas zu sagen, das nicht für ihre Ohren bestimmt wäre. Es gibt Berichte darüber, daß Menschen in Narkose mit vollem Bewußtsein mitbekommen, was in ihrer Gegenwart besprochen wird. Es sind sogar angebliche Todesfälle bekannt, wo die betreffende Person doch wieder zum Leben erweckt wurde und genau wußte, was in der Zwischenzeit passiert ist und was gesprochen wurde.

Es besteht also gar kein Anlaß, jemanden weniger ernstzunehmen oder zu achten, nur weil er nicht im Vollbesitz seiner körperlichen oder geistigen Fähigkeiten ist und sich nicht äußern und mitteilen kann. Ein Grund mehr, alles zu unternehmen, um diesen Menschen das Schicksal auf jeder erdenklichen Art und Weise zu erleichtern. Wie würde man es finden, wenn all diesen Menschen, denen es aus diesen oder jenen Gründen schlecht geht, durch Pferdearbeit geholfen werden könnte? Müßte man diese Gelegenheit nicht sofort beim Schopf ergreifen?

Hannelore Brenner ist "nur" körperlich behindert, sie kann sich ausgezeichnet ausdrücken und hat ihr Leben voll im Griff. Ihr Motto lautet: "Behindert ist nur der, der sich selbst behindert." Obwohl ihre Behinderung dem Pferdesport zuzuschreiben ist, betreibt sie Pferdesport, sogar Leistungssport, speziell Behindertenreiten, also Dressur.

Daneben gibt es im Bereich des Leistungssports für Behinderte noch das Fahren, über das die Pferdezeitung mehrfach berichtet hat, und das Voltigieren. Für den Sport und Leistungssport für Behinderte ist das » Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) zuständig (» Sport und Freizeit für Menschen mit Behinderung mit dem Pferd).

Die anderen Bereiche dieses Vereins beschäftigen sich mit dem Einsatz des Pferdes in der Medizin (» Hippotherapie, » Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd) und in der Pädagogik (» Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd) sowie mit der Ausbildung von Experten für die entsprechenden Tätigkeiten (» Weiterbildung: » Physiotherapeuten, » Pädagogen & Psychologen, » Ausbilder im Reiten als Sport für Behinderte, » Ergotherapeuten – Lizenz in der Ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd).

In all diesen Bereichen ist in Deutschland, genauer gesagt: Westdeutschland Pionierarbeit geleistet worden. Natürlich ist auch schon in früheren Jahrhunderten aufgefallen, daß der Umgang mit dem Pferd angenehm ist und heilsam sein kann. Die eigentliche Geschichte der therapeutischen Arbeit mit dem Pferd beginnt aber erst vor etwas mehr als 50 Jahren:

Nach dem 2. Weltkrieg begann ein Chefarzt in Bad Malente-Gremsmühlen mit Rehabilitationsmaßnahmen bei einseitig beinamputierten Patienten, deren gestörtes Gleichgewicht mit Hilfe des Pferdes wieder aufgebaut wurde. 1953 prägte der Arzt Max Reichenbach im oberfränkischen Birkenreuth den Begriff „Reiten als Therapie“ . Das gleichnamige Buch, das er mit Prof. Dr. H. Bünte und Prof. Dr. H. Beck herausgab, erschien 1973.

» Historie

So lange hat es gedauert, bis die Sache in Gang kam. Drei Jahre vorher, 1970, wurde das DKThR als Verein unter dem Namen "Kuratorium für Therapeutisches Reiten" gegründet – die Umbenennung durch den Zusatz "Deutsches" wurde 1992 vorgenommen, nachdem diese Ideen im Ausland vielfältig aufgegriffen worden waren und diese Differenzierung angebracht schien.

DKThR  oben 



Bekanntlich braucht man für einen Verein mindestens sieben Gründungsmitglieder, die Sache mußte also schon auf mehreren Schultern ruhen. Im Jahr der Gründung gab es bereits 43 Einrichtungen, die therapeutisch mit dem Pferd arbeiteten; man konnte also schon von einer ziemlich breiten Basis ausgehen.

Gründungsvorsitzender war Wikipedia-Link» Gottfried von Dietze, selbst durch den Krieg verletzt und behindert. Sein Studium nahm er als Rollstuhlfahrer auf. Als ehemalige Kavallerist wollte er auch gegen ärztlichen Rat wieder aufs Pferd, lernte durch die Arbeit mit dem Pferd wieder gehen, wurde Pfarrer und war für neun Dörfer und vier Kirchen zuständig.

Jahrelang diente ihm hier das Pferd noch als Transportmittel im Alltag, später arbeitete er in seiner Freizeit weiter mit Pferden. Er trainierte zahlreiche Reitlehrer, Therapeuten und Pferde und entwickelte Sättel und Zäume für alle erdenklichen Fälle, zum Beispiel für Amputierte.

» Als Pfarrer mit dem Pferde unterwegs

Von ihm stammt der Satz: "Auf dem Pferd hat jeder Mensch vier gesunde Beine." Das gilt insbesondere für » Angelika Trabert, die aus unbekannter Ursache ohne Beine und mit einer verkümmerten rechten Hand geboren wurde; ihr Motto ist: "It's ability not disability that counts!", also etwa "Es ist die Fähigkeit, nicht die Behinderung, die zählt!"

Eine herausragende Rolle in ihrem Leben spielen natürlich die Pferde; an ihrer Geschichte läßt sich auch die Geschichte des DKThR und der besonderen Schwierigkeiten, denen sich alle Beteiligten ausgesetzt sahen, nachvollziehen:

Mit sechs Jahren saß ich zum 1. Mal auf einem Pferd (Pony). Da mein Interesse an Pferden weiterhin bestehen blieb bemühten sich meine Eltern um eine Möglichkeit das Reiten zu erlernen, was sich damals als sehr schwierig herausstellte. So begann ich mittels der Hippotherapie (Krankengymnastik auf dem Pferd), hatte dann erstmals Kontakt zum Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten (Dachverband für alle 3 Bereiche des therapeutischen Reitens: Hippotherapie, Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren und Reiten als Sport für Behinderte). Es folgte ein unregelmäßiges Reiten bei den unterschiedlichsten Reitlehrern und Reitlehrerinnen auf den verschiedensten Pferden.

1985 war ich erstmalig bei einer Familie (Price) in den USA für 5 Wochen, sie haben eine Tochter namens Michelle, die durch Knochenkrebs mit acht Jahren ihr rechtes Bein verloren hat. Sie bat mich auf ihrem sensiblen Pferd namens "Prince" ohne Prothesen zu reiten (wie sie es selbst auch tat). Dies war eine ganz neue Erfahrung, ohne größere Schmerzen war nun das korrekte Reiten möglich.

Zu Hause setzte ich das Reiten im Westernsattel fort der mir ohne Prothesen wesentlich mehr Halt gab, bis ich 1989 mit Hilfe von Pfr. von Dietze den ersten Spezialsattel bekam.Jetzt begann für mich das Dressurreiten, so erwarb ich 1990 das Reiterabzeichen der Klasse IV und der Klasse III, es folgte der Reitwart (Trainer C) und Ausbilder im Reiten als Sport für Behinderte; 1999 dann (auf dem eigenen Pferd) das Reiterabzeichen der Klasse II, 2001 legte ich die Prüfung zum Trainer A (Amateurreitlehrer) im Landgestüt in Dillenburg ab und machte die Prüfung zum Richteranwärter. Mein erstes eigenes Pferd ("Ghazim") kaufte ich 1992. Ghazim ist ein Trakehner Wallach mittlerweile 18 jährig haben wir viele Höhen und Tiefen gemeinsam durchgestanden.

» Biografie

Wenn man sich durch ihre Web-Seite liest, hat man das Gefühl, als sei ihr Leben gar nicht so sehr viel anders als das anderer Leute – nein, so ganz stimmt das nicht, es ist offensichtlich intensiver, positiver, tiefer. Wenn ich mir Jugendliche vor Augen führe, die große Schwierigkeiten haben, ihre Rolle im Leben zu finden und dabei ihr Leben leichtfertig aufs Spiel setzen, oder die üblichen mißgelaunten, überdrüssigen, ja angeekelten Gesichtsausdrücke beliebiger Kunden im Supermarkt, fällt mir dieser Unterschied besonders auf.

In der Selbstdarstellung von » Bianca Vogel ist etwas mehr von den Schwierigkeiten eines Lebens mit Behinderungen zu spüren.

Mehraufwand  oben 



Allerdings bringt auch Bianca Vogel eine eher optimistische Grundhaltung zum Ausdruck, ohne jedoch die alltäglichen Probleme herunterzuspielen:

Mein sportliches wie privates Leben ist bestimmt von einem gewissen Mehraufwand, den ich betreiben muss, um mithalten zu können. Das war immer schon so. Im Großen und Ganzen komme ich gut zurecht, aber erst auf dem Pferderücken fühle ich mich frei – frei von den Zwängen, die mir meine Behinderung auferlegt. Denn immer bin ich auf andere angewiesen – sei es, dass ich mir die Haare hochstecken oder auf mein Pferd steigen möchte. Immer muss mir jemand helfen. Doch sobald ich auf dem Pferd sitze, bin ich selbstständig. Das gibt mir ein gutes Gefühl, hier finde ich meine innere Zufriedenheit. Das Pferd bietet mir somit eine Möglichkeit zur Integration. Die Erfolge geben mir Kraft, für diese Integration zu kämpfen.

» Meine Philosophie

Und auch hier haben wir wieder die Sehnsucht nach Integration. Die ersten sportlichen Veranstaltungen für behinderte Reiter fanden Anfang der siebziger Jahre in Skandinavien und Großbritannien statt, die ersten Weltmeisterschaften 1987 in Schweden. 1996 nahmen die Reiter zum 1. Mal an den paralympischen Spielen teil. Im Jahre 2004 in den waren es schon über 70 Pferdesportler aus 29 Nationen.

Bianca Vogel war 1991 die erste Weltmeisterin im Dressursport für Behinderte, und zwar sowohl im Einzel als auch in der Mannschaft. Im letzten Jahr wurde ihr das Goldene Reitabzeichen verliehen, zusammen mit Hannelore Brenner, Angelika Trabert und Bettina Eistel. Der Behindertensport macht gewaltige Fortschritte. Die Integration wird Schritt für Schritt verwirklicht.

Das DKThR hat in den 38 Jahren seines Bestehens sehr viel bewegt; es gibt heute konkrete Ausbildungsordnungen, Ausbildungsstätten, Ausbilder, anerkannte Einrichtungen – mit all diesen Maßnahmen wird die Qualität der vielfältigen Aktivitäten gesichert und weiterentwickelt. Und je weiter sich die Möglichkeiten herumsprechen, desto mehr Menschen werden gebraucht, die diese in der Praxis umsetzen.

Wenn es mit Hilfe der Mittel der Carina-Stiftung gelingen sollte, den Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit und der Angemessenheit des Mitteleinsatzes zu erbringen, so daß die Kosten für therapeutische Maßnahmen von den Kostenträgern übernommen werden können, wird die Nachfrage und damit der Bedarf an ausgebildetem Fachpersonal nochmals deutlich steigen.

Bis dahin müssen die Kosten privat aufgebracht werden; falls das nicht möglich ist oder eine unbillige Härte bedeuten würde, kann eine Unterstützung seitens des DKThR, z. B. über den » Kinder-Unterstützungs-Fonds (KUF) des DKThR, beantragt werden; entsprechende Antragsunterlagen sind auf der Internet-Seite zu finden. Die Maßnahmen können allerdings nur gefördert werden, wenn die Therapeuten eine vom DKThR anerkannte Ausbildung vorweisen können. Das DKThR nimmt also sowohl in der Aufbauarbeit als auch in der Kontrolle eine zentrale Stellung ein – so soll es sein, nur so kann es gehen, und so geht es auch.

In diesem Jahr bietet das DKThR beispielsweise ein Pilotprojekt an: Staatliche anerkannte "Fachkraft für Heilpädagogisches Förderung mit dem Pferd". Mit solchen Initiativen werden Kompetenz und Sicherheit gefördert und nicht zuletzt Existenzen gegründet. Mehr und mehr Menschen arbeiten an diesen Zielen und werden diese unvermeidlich verwirklichen. Mehr Lebensqualität, mehr Integration, mehr Lebensfreude – das sind keine leeren Worte, sondern ganz konkrete Meilensteine, die nachweislich realisiert werden.

Jeder kann dabei mithelfen, auch Sie, z. B. durch finanzielle Beiträge oder Kontakte. Selbst kleinste Beiträge helfen, man kann Mitglied werden, man kann spenden oder sonst beitragen, z. B. durch Mitarbeit. Pferde sind bekanntlich nicht billig, und wenn man den Sport ernstnimmt, können die Kosten leicht Budgets sprengen. Angelika Trabert schildert auf ihrer Homepage, welche Konsequenzen die Doppelbelastung des Berufs und der sportlichen Ausbildung haben.

Um die hohen Anforderungen des Spitzensports erfüllen zu können, hat sie eine Stundenreduzierung beantragt und bewilligt bekommen. Damit vergrößerte sich jedoch der finanzielle Druck. Sie wirbt daher auf deutsch und auf englisch für sich und ihre Kollegen um Unterstützung (» Sponsoren). Im Regelsport ist das nichts Neues, für den Behindertensport jedoch keineswegs die Regel, und auch dort, wo sich Sponsoren gefunden haben, sind die Verhältnisse durchaus unsicher. Hier bleibt also noch viel zu tun, und selbst wenn die Frage der Kostenübernahme geklärt sein sollte, wird immer noch Bedarf an zusätzlicher Hilfe sein.

Rollinetzwerk  oben 



Auf » Das Rollinetzwerk – Treffpunkt für Fußgänger und Rollstuhlfahrer habe ich den Beitrag » Reitunfälle gefunden:

30.000 Unfälle passieren nach Statistik der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) jedes Jahr im Reitsport.

Besonders gefährdet sind demnach junge Reiterinnen: Mädchen unter 14 Jahren machen etwa 17, 5 Prozent der organisierten Reiterinnen in Deutschland aus, doch sind bei 40 Prozent aller Reitunfälle betroffen.

Falls doch etwas Schreckliches passiert und der Reiter im Rollstuhl landet, fallen erhebliche Kosten für Umbauten und die Erhaltung der Lebensqualität an, die laut Rollinetzwerk oft nur teilweise oder gar nicht übernommen werden. Der Verein bietet Mitgliedern eine Zusatzversicherung an, die für einen geringen Beitrag bis zu 160.000 EUR Soforthilfe leistet. Der Beitrag für Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren beträgt beispielsweise 50 EUR im Jahr und sichert eine Soforthilfe von 110.000 EUR zu. Man muß natürlich kein Rollstuhlfahrer sein, um beitreten zu können. Der reguläre Jahresbeitrag beträgt 25 EUR.

Abschließend eine kleine, wahre Anekdote: Ein Rollstuhlfahrer schaut sich mit Freunden und Bekannten im Fernsehen eine Ballettaufführung an. Anschließend sagt einer in der Annahme, der Behinderte höre es nicht: "Wie kann der sich so etwas anschauen? Das könnte der doch nie!" Der hat das aber doch gehört und mischt sich ein: "Wieso? Ihr könntet das doch auch nicht!"

Quellen / Verweise  oben 

  1. Magazin EquiVoX-Link Mittler zwischen Welten
  2. PDF-Datei» Sportunfälle – Häufigkeit, Kosten, Prävention
  3. » Sportunfälle in Deutschland
  4. » Lebensretter Reithelm
  5. » Hannelore Brenner
  6. » Wer bin ich
  7. Wikipedia-Link» Sommer-Paralympics 2000
  8. Magazin EquiVoX-Link Hannelore Brenner
  9. Magazin EquiVoX-Link Die Regeln
  10. » der reha treff Ausgabe 2 2007
  11. Wikipedia-Link» Stephen Hawking
  12. Wikipedia-Link» Amyotrophe Lateralsklerose
  13. Wikipedia-Link» Jörg Immendorff
  14. Wikipedia-Link» Mao Zedong
  15. Wikipedia-Link» Baseball
  16. Wikipedia-Link» Lou Gehrig
  17. » Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.
  18. » Sport und Freizeit für Menschen mit Behinderung mit dem Pferd
  19. » Hippotherapie
  20. » Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd
  21. » Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd
  22. » Weiterbildung
  23. » Physiotherapeuten
  24. » Pädagogen & Psychologen
  25. » Ausbilder im Reiten als Sport für Behinderte
  26. » Ergotherapeuten – Lizenz in der Ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd
  27. » Historie
  28. Wikipedia-Link» Gottfried von Dietze
  29. » Als Pfarrer mit dem Pferde unterwegs
  30. » Angelika Trabert
  31. » Biografie
  32. » Bianca Vogel
  33. » Meine Philosophie
  34. » Kinder-Unterstützungs-Fonds (KUF) des DKThR
  35. » Sponsoren
  36. » Das Rollinetzwerk – Treffpunkt für Fußgänger und Rollstuhlfahrer
  37. » Reitunfälle
  38. » Treffen Sie Vorsorge !
  39. Magazin  Tu Gutes und rede darüber, Spenden für den guten Zweck – Bexter Hof Open freut sich auf Ihren Besuch
    EquiVoX-Link Ausgabe 479 · Teil Teil 1
  40. Magazin  Wo und wie kann ich Gutes tun?, Die Umsetzung des Philanthropie-Konzepts
    EquiVoX-Link Ausgabe 480 · Teil Teil 2
  41. Magazin  Spenden sind Glücksbringer, Kontakte, Schicksale, Initiativen und Integration
    EquiVoX-Link Ausgabe 484 · Teil Teil 3


Fotos

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Notizen  Leserbrief  2000 vom 14.07.2008
zu Ausgabe Magazin  485
An die Redaktion

Guten Abend Herr Popken;

alle Achtung vor Ihrem klasse Artikel diese Woche ueber Heilung und Linderung!

Bin zwar erst druebergeflogen und werde mich hoffentlich im Laufe der Nacht durch die links lesen, aber trotzdem schon mal dickes Lob fuer den Artikel und die aussagekraeftigen Fotos der aktuellen Pferdezeitung.

Immer wieder sehr motivierend und anregend, neue und nicht nur bequeme (sg. Sofa) Themen zu lesen, da koennten sich viele eine Scheibe abschneiden.

Heute war ich an einem Irischen Pferdemarkt und wurde wieder einmal, neben hunderten von Pferden, mit etlichen behinderten Menschen konfrontiert, die hier in Irland einen eher grossen (verglichen mit BRD veilleicht) konstanten Bestandteil ausmachen. Das Gesundheitssystem in Irland wurde meiner Meinung nach erst nach dem EU Beitritt eingermassen saniert und hier sieht man viele behinderte Menschen, die nie irgendwelche aerztliche Unterstuetzung bekamen und daher einfach mir ihren Behinderungen leben, ob angeboren oder durch einen Unfall verursacht. Diese Leute sind hier voll im Leben und Geschehen integriert und da ist keiner, der komisch kuckt sondern man respektiert diese Personen wie jede andere auch und muss vielleicht 2 mal fragen oder so oder ein bisschen aufpassen, dass nichts passiert im Getuemmel, aber sie gehoeren zum Gesamtgeschehen und keiner macht da einen grossen Tanz von wegen der schaut doch komisch aus oder kann nicht richtig laufen – hier wird damit gelebt und alle sind akzeptiert und auch respektiert.

Mit freundlichen Gruessen
Caroline Neuenschwander.
» www.colouredheavies.com

Notizen  Leserbrief  2028 vom 27.11.2008
zu Ausgabe Magazin  479  480  484  485  486  487  490  491  492  493  496  497  498  499  500  503  504
Temple Grandin & Artikelserie

Hallo Herr Popken,

Sie hatten mal geschrieben "zufriedene Leser schreiben keine Briefe" -da ist wohl was dran, aber manchmal sind Sie so gut, daß ich mich einfach melden muß.

Lieben Dank für die beiden ausführlichen Artikel u.a. zu dem Buch von Temple Grandin. Ich habe es mir direkt letzte Woche besorgt, hatte von der Dame schon vor einiger Zeit mal einen Bericht gesehen & leider den Namen wieder vergessen. Über diese Art Anregungen freue ich mich extrem, also wirklich danke!

Ihre Artikelserie zu den Themenkomplexen "Macht, Gewalt, Sexualität, Miteinander" fand ich sehr beachtens- & nachdenkenswert. Ich hege den Verdacht, daß viele Machtphantasien, egal auf welchem Gebiet, ob in sozioalen Systemen von Menschen, ob im Umgang mit Tieren oder in der Sexualität, durchaus etwas mit unreflektierter Langeweile zu tun haben.

Wer tatsächlich Macht innehat, ist sich - so er sie behalten will oder muß - durchaus darüber im klaren, wieviel Macht auch mit Last & Verantwortung zu tun hat. Ich rede hier nicht von verantwortungslosen Managern, die Millionen verpulvern & ausschließlich am eigenen Wohlleben interessiert sind, ich meine den Großteil an mittelständischen Unternehmen, in denen Führungskräfte, die ihre Aufgabe ernst nehmen, leiden "wie Hund", wenn sie Mitarbeiter entlassen oder Krisengespräche führen müssen. Dieses Leiden finde ich übrigens sinnvoll & verständlich, ich verstehe es als Preis für Macht.

Mit einem Tier ist es nicht anders. Wenn ich die Macht habe, über mein Pferd, meinen Hund zu bestimmen, dann bin ich hier für Leben & Tod verantwortlich, im drastischten Sinne. Angenehm ist das durchaus nicht immer, jeder Tierbesitzer weiß das, der schon mal mit seinem Vierbeiner zur Tierklinik musste oder sich ob einer Tierarztrechnung derbe auf den Hintern gesetzt hat. Ich denke auch immer an eine frühere Reitbeteiligung, das Pferd hatte Spat & MUSSTE bewegt werden, auch wenn ihm das sehr, sehr unangenehm war. Ich habe mit Tränen in den Augen geritten - die Alternative war aber, das Pferd stehenzulassen & dauerhaft Lahmheit & Schmerzen in Kauf zu nehmen. Also habe ich mich gefühlt wie ein Schwein, mich bei jedem Schritt entschuldigt & erst wieder entspannt, wenn das Tier nach 30 Minuten klar ging. Selten hat mir Macht so wenig Spaß gemacht.


Ihre Zweifel, ihr Abwägen der Argumente freuen mich aus tiefstem Herzen so soll es sein! Es geht ja, auch im Journalismus, garnicht so sehr darum, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, Fragen aufzuwerfen & zu verunsichern.

Bitte gerne mehr von diesen ideologisch-kritischen Artikeln! Ich kann mich nicht jede Woche umfänglich dazu äußern, freue mich aber immer wieder, einen solchen Leitartikel zu lesen.

Schade übrigens, daß das Abo-Modell nicht funktioniert hat, ich fand es fair & sinnvoll. Ich habe angefangen, Freunde & Bekannte auf Ihre Seite hinzuweisen & hoffe, dies tun auch andere Leser; vielleicht trägt sich die Seite ja doch noch mal übers Anzeigengeschäft. Ich wünsche es Ihnen & uns Lesern.

Mit herzlichem Gruß,
Susanne

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