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Auffällig ist auf jeden Fall, daß eine ganze Reihe von Menschen, die als Behinderte Pferdesport betreiben, zunächst gesund waren, als Sportler einen Unfall mit dem Pferd erlitten und seither behindert sind, wie etwa » Hannelore Brenner:
Hier spricht Hannelore Brenner also gleich das wichtige Thema Integration an. Das Wort "Reitunfall" klingt so unbestimmt; was für ein Reitunfall? Könnte das jedem passieren, der mit Pferden umgeht? Bei meinem Interview vor den
Für sie als ehemalige Nichtbehinderte ist es natürlich besonders wichtig, sich wieder vollständig in das normale Leben integriert zu wissen. Wer selber Kontakt mit Behinderten hat, weiß, daß diese es gar nicht schätzen, wenn man sie als etwas Besonderes behandelt und um ihre Behinderung viel Aufhebens macht. Vielleicht kann man einen Vergleich zur Situation kleiner Kinder ziehen. Diese brauchen in vielfältiger Hinsicht die Hilfe der Erwachsenen – trotzdem nehmen sie es übel, wenn man sie nicht ernstnimmt. Sie sind zwar klein und manchmal hilflos, fühlen sich aber dennoch als vollwertige Menschen. Umso mehr muß dies für erwachsene Behinderte gelten. Ganz generell erleben wir Menschen uns ja als eine Person, die durchaus vom Körper unterschieden ist. Wenn unser Körper aus irgendwelchen Gründen nicht so will oder kann, wie wir das gerne möchten, können wir uns sogar über ihn ärgern – unsere Person ist vom Körper völlig unabhängig. Wenn die Behinderung plötzlich eintritt, wie es typischerweise durch einen Unfall geschieht, liegt es vollends auf der Hand, daß die Person sich gar nicht geändert hat, nur der Körper. Hannelore Brenner signalisiert mit jedem ihrer Worte, daß sie sich durch den Unfall nicht verändert hat, höchstens zum Besseren, insofern nämlich, als ihr Leben dadurch eine Intensität und Qualität bekommen hat, die möglicherweise durch ein "normales" Leben für sie gar nicht zu erreichen gewesen wäre. "Meine Behinderung gebe ich nicht mehr her – ich möchte mein heutiges Leben nicht mit dem vor meinem Unfall tauschen." (» der reha treff Ausgabe 2 2007) Ein solches Bekenntnis dürfte Nichtbehinderte durchaus überraschen. |
Der Maler ALS ist also ein weiterer Weg, sich mehr oder weniger schnell auf der anderen Seite wiederzufinden – und dies ist nur eine Krankheit von vielen, die einem gesunden Menschen in den Rollstuhl bringen können. Nichtbehinderte sollten sich also nicht allzu viel auf ihren Zustand einbilden – erstens kann dieser sich schnell ändern und zweitens wissen wir ohnehin nicht, wie sich unsere Mitmenschen, behindert oder nicht, fühlen. Zwar schließen wir gern von uns auf andere, aber das ist eigentlich unzulässig. Man merkt das spätestens, wenn sich jemand umbringt, den man gut gekannt hat, aber nicht so gut, daß man so etwas für möglich gehalten hätte. Da geht einem auf, daß man ihn eigentlich überhaupt nicht kannte, daß man nicht wußte, wie er sich fühlte, insbesondere nicht, daß er so verzweifelt war und keinen anderen Ausweg wußte. Was weiß man schon über seinen Nächsten? Das gilt auch für Kinder und geistig oder körperlich Behinderte. Wie fühlen die sich? Es gibt Menschen, die sich sehr weit in ihre Kindheit zurückerinnern können und berichten, daß sie ärgerlich darüber waren, sich nicht so gut ausdrücken zu können, wie sie es gerne getan hätten, und insbesondere wütend darüber, daß die Erwachsenen sie nicht ernstnahmen und nicht im Traum vermutet hätten, daß das Kind differenzierter hätte fühlen und denken können, als sie beobachten konnten. Was wäre, wenn dieser Sachverhalt auch auf körperlich und geistig Behinderte zutrifft, die sich nicht gut ausdrücken können? Wenn auch in diesen Menschen eine Person wohnt, die uns ähnlich ist, ohne daß wir das erkennen können? Erleidet jemand zum Beispiel einen Schlaganfall und kann infolgedessen nicht mehr sprechen, achten wir diese Person trotzdem und werden uns hüten, in ihrer Gegenwart etwas zu sagen, das nicht für ihre Ohren bestimmt wäre. Es gibt Berichte darüber, daß Menschen in Narkose mit vollem Bewußtsein mitbekommen, was in ihrer Gegenwart besprochen wird. Es sind sogar angebliche Todesfälle bekannt, wo die betreffende Person doch wieder zum Leben erweckt wurde und genau wußte, was in der Zwischenzeit passiert ist und was gesprochen wurde. Es besteht also gar kein Anlaß, jemanden weniger ernstzunehmen oder zu achten, nur weil er nicht im Vollbesitz seiner körperlichen oder geistigen Fähigkeiten ist und sich nicht äußern und mitteilen kann. Ein Grund mehr, alles zu unternehmen, um diesen Menschen das Schicksal auf jeder erdenklichen Art und Weise zu erleichtern. Wie würde man es finden, wenn all diesen Menschen, denen es aus diesen oder jenen Gründen schlecht geht, durch Pferdearbeit geholfen werden könnte? Müßte man diese Gelegenheit nicht sofort beim Schopf ergreifen? Hannelore Brenner ist "nur" körperlich behindert, sie kann sich ausgezeichnet ausdrücken und hat ihr Leben voll im Griff. Ihr Motto lautet: "Behindert ist nur der, der sich selbst behindert." Obwohl ihre Behinderung dem Pferdesport zuzuschreiben ist, betreibt sie Pferdesport, sogar Leistungssport, speziell Behindertenreiten, also Dressur. Daneben gibt es im Bereich des Leistungssports für Behinderte noch das Fahren, über das die Pferdezeitung mehrfach berichtet hat, und das Voltigieren. Für den Sport und Leistungssport für Behinderte ist das » Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) zuständig (» Sport und Freizeit für Menschen mit Behinderung mit dem Pferd). Die anderen Bereiche dieses Vereins beschäftigen sich mit dem Einsatz des Pferdes in der Medizin (» Hippotherapie, » Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd) und in der Pädagogik (» Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd) sowie mit der Ausbildung von Experten für die entsprechenden Tätigkeiten (» Weiterbildung: » Physiotherapeuten, » Pädagogen & Psychologen, » Ausbilder im Reiten als Sport für Behinderte, » Ergotherapeuten – Lizenz in der Ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd). In all diesen Bereichen ist in Deutschland, genauer gesagt: Westdeutschland Pionierarbeit geleistet worden. Natürlich ist auch schon in früheren Jahrhunderten aufgefallen, daß der Umgang mit dem Pferd angenehm ist und heilsam sein kann. Die eigentliche Geschichte der therapeutischen Arbeit mit dem Pferd beginnt aber erst vor etwas mehr als 50 Jahren:
So lange hat es gedauert, bis die Sache in Gang kam. Drei Jahre vorher, 1970, wurde das DKThR als Verein unter dem Namen "Kuratorium für Therapeutisches Reiten" gegründet – die Umbenennung durch den Zusatz "Deutsches" wurde 1992 vorgenommen, nachdem diese Ideen im Ausland vielfältig aufgegriffen worden waren und diese Differenzierung angebracht schien. |
Gründungsvorsitzender war
Von ihm stammt der Satz: "Auf dem Pferd hat jeder Mensch vier gesunde Beine." Das gilt insbesondere für » Angelika Trabert, die aus unbekannter Ursache ohne Beine und mit einer verkümmerten rechten Hand geboren wurde; ihr Motto ist: "It's ability not disability that counts!", also etwa "Es ist die Fähigkeit, nicht die Behinderung, die zählt!" Eine herausragende Rolle in ihrem Leben spielen natürlich die Pferde; an ihrer Geschichte läßt sich auch die Geschichte des DKThR und der besonderen Schwierigkeiten, denen sich alle Beteiligten ausgesetzt sahen, nachvollziehen:
Wenn man sich durch ihre Web-Seite liest, hat man das Gefühl, als sei ihr Leben gar nicht so sehr viel anders als das anderer Leute – nein, so ganz stimmt das nicht, es ist offensichtlich intensiver, positiver, tiefer. Wenn ich mir Jugendliche vor Augen führe, die große Schwierigkeiten haben, ihre Rolle im Leben zu finden und dabei ihr Leben leichtfertig aufs Spiel setzen, oder die üblichen mißgelaunten, überdrüssigen, ja angeekelten Gesichtsausdrücke beliebiger Kunden im Supermarkt, fällt mir dieser Unterschied besonders auf. In der Selbstdarstellung von » Bianca Vogel ist etwas mehr von den Schwierigkeiten eines Lebens mit Behinderungen zu spüren. |
Und auch hier haben wir wieder die Sehnsucht nach Integration. Die ersten sportlichen Veranstaltungen für behinderte Reiter fanden Anfang der siebziger Jahre in Skandinavien und Großbritannien statt, die ersten Weltmeisterschaften 1987 in Schweden. 1996 nahmen die Reiter zum 1. Mal an den paralympischen Spielen teil. Im Jahre 2004 in den waren es schon über 70 Pferdesportler aus 29 Nationen. Bianca Vogel war 1991 die erste Weltmeisterin im Dressursport für Behinderte, und zwar sowohl im Einzel als auch in der Mannschaft. Im letzten Jahr wurde ihr das Goldene Reitabzeichen verliehen, zusammen mit Hannelore Brenner, Angelika Trabert und Bettina Eistel. Der Behindertensport macht gewaltige Fortschritte. Die Integration wird Schritt für Schritt verwirklicht. Das DKThR hat in den 38 Jahren seines Bestehens sehr viel bewegt; es gibt heute konkrete Ausbildungsordnungen, Ausbildungsstätten, Ausbilder, anerkannte Einrichtungen – mit all diesen Maßnahmen wird die Qualität der vielfältigen Aktivitäten gesichert und weiterentwickelt. Und je weiter sich die Möglichkeiten herumsprechen, desto mehr Menschen werden gebraucht, die diese in der Praxis umsetzen. Wenn es mit Hilfe der Mittel der Carina-Stiftung gelingen sollte, den Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit und der Angemessenheit des Mitteleinsatzes zu erbringen, so daß die Kosten für therapeutische Maßnahmen von den Kostenträgern übernommen werden können, wird die Nachfrage und damit der Bedarf an ausgebildetem Fachpersonal nochmals deutlich steigen. Bis dahin müssen die Kosten privat aufgebracht werden; falls das nicht möglich ist oder eine unbillige Härte bedeuten würde, kann eine Unterstützung seitens des DKThR, z. B. über den » Kinder-Unterstützungs-Fonds (KUF) des DKThR, beantragt werden; entsprechende Antragsunterlagen sind auf der Internet-Seite zu finden. Die Maßnahmen können allerdings nur gefördert werden, wenn die Therapeuten eine vom DKThR anerkannte Ausbildung vorweisen können. Das DKThR nimmt also sowohl in der Aufbauarbeit als auch in der Kontrolle eine zentrale Stellung ein – so soll es sein, nur so kann es gehen, und so geht es auch. In diesem Jahr bietet das DKThR beispielsweise ein Pilotprojekt an: Staatliche anerkannte "Fachkraft für Heilpädagogisches Förderung mit dem Pferd". Mit solchen Initiativen werden Kompetenz und Sicherheit gefördert und nicht zuletzt Existenzen gegründet. Mehr und mehr Menschen arbeiten an diesen Zielen und werden diese unvermeidlich verwirklichen. Mehr Lebensqualität, mehr Integration, mehr Lebensfreude – das sind keine leeren Worte, sondern ganz konkrete Meilensteine, die nachweislich realisiert werden. Jeder kann dabei mithelfen, auch Sie, z. B. durch finanzielle Beiträge oder Kontakte. Selbst kleinste Beiträge helfen, man kann Mitglied werden, man kann spenden oder sonst beitragen, z. B. durch Mitarbeit. Pferde sind bekanntlich nicht billig, und wenn man den Sport ernstnimmt, können die Kosten leicht Budgets sprengen. Angelika Trabert schildert auf ihrer Homepage, welche Konsequenzen die Doppelbelastung des Berufs und der sportlichen Ausbildung haben. Um die hohen Anforderungen des Spitzensports erfüllen zu können, hat sie eine Stundenreduzierung beantragt und bewilligt bekommen. Damit vergrößerte sich jedoch der finanzielle Druck. Sie wirbt daher auf deutsch und auf englisch für sich und ihre Kollegen um Unterstützung (» Sponsoren). Im Regelsport ist das nichts Neues, für den Behindertensport jedoch keineswegs die Regel, und auch dort, wo sich Sponsoren gefunden haben, sind die Verhältnisse durchaus unsicher. Hier bleibt also noch viel zu tun, und selbst wenn die Frage der Kostenübernahme geklärt sein sollte, wird immer noch Bedarf an zusätzlicher Hilfe sein. |
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Auf » Das Rollinetzwerk – Treffpunkt für Fußgänger und Rollstuhlfahrer habe ich den Beitrag » Reitunfälle gefunden:
Falls doch etwas Schreckliches passiert und der Reiter im Rollstuhl landet, fallen erhebliche Kosten für Umbauten und die Erhaltung der Lebensqualität an, die laut Rollinetzwerk oft nur teilweise oder gar nicht übernommen werden. Der Verein bietet Mitgliedern eine Zusatzversicherung an, die für einen geringen Beitrag bis zu 160.000 EUR Soforthilfe leistet. Der Beitrag für Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren beträgt beispielsweise 50 EUR im Jahr und sichert eine Soforthilfe von 110.000 EUR zu. Man muß natürlich kein Rollstuhlfahrer sein, um beitreten zu können. Der reguläre Jahresbeitrag beträgt 25 EUR. Abschließend eine kleine, wahre Anekdote: Ein Rollstuhlfahrer schaut sich mit Freunden und Bekannten im Fernsehen eine Ballettaufführung an. Anschließend sagt einer in der Annahme, der Behinderte höre es nicht: "Wie kann der sich so etwas anschauen? Das könnte der doch nie!" Der hat das aber doch gehört und mischt sich ein: "Wieso? Ihr könntet das doch auch nicht!" |
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zu Ausgabe Hallo Herr Popken, Sie hatten mal geschrieben "zufriedene Leser schreiben keine Briefe" -da ist wohl was dran, aber manchmal sind Sie so gut, daß ich mich einfach melden muß. Lieben Dank für die beiden ausführlichen Artikel u.a. zu dem Buch von Temple Grandin. Ich habe es mir direkt letzte Woche besorgt, hatte von der Dame schon vor einiger Zeit mal einen Bericht gesehen & leider den Namen wieder vergessen. Über diese Art Anregungen freue ich mich extrem, also wirklich danke! Ihre Artikelserie zu den Themenkomplexen "Macht, Gewalt, Sexualität, Miteinander" fand ich sehr beachtens- & nachdenkenswert. Ich hege den Verdacht, daß viele Machtphantasien, egal auf welchem Gebiet, ob in sozioalen Systemen von Menschen, ob im Umgang mit Tieren oder in der Sexualität, durchaus etwas mit unreflektierter Langeweile zu tun haben. Wer tatsächlich Macht innehat, ist sich - so er sie behalten will oder muß - durchaus darüber im klaren, wieviel Macht auch mit Last & Verantwortung zu tun hat. Ich rede hier nicht von verantwortungslosen Managern, die Millionen verpulvern & ausschließlich am eigenen Wohlleben interessiert sind, ich meine den Großteil an mittelständischen Unternehmen, in denen Führungskräfte, die ihre Aufgabe ernst nehmen, leiden "wie Hund", wenn sie Mitarbeiter entlassen oder Krisengespräche führen müssen. Dieses Leiden finde ich übrigens sinnvoll & verständlich, ich verstehe es als Preis für Macht. Mit einem Tier ist es nicht anders. Wenn ich die Macht habe, über mein Pferd, meinen Hund zu bestimmen, dann bin ich hier für Leben & Tod verantwortlich, im drastischten Sinne. Angenehm ist das durchaus nicht immer, jeder Tierbesitzer weiß das, der schon mal mit seinem Vierbeiner zur Tierklinik musste oder sich ob einer Tierarztrechnung derbe auf den Hintern gesetzt hat. Ich denke auch immer an eine frühere Reitbeteiligung, das Pferd hatte Spat & MUSSTE bewegt werden, auch wenn ihm das sehr, sehr unangenehm war. Ich habe mit Tränen in den Augen geritten - die Alternative war aber, das Pferd stehenzulassen & dauerhaft Lahmheit & Schmerzen in Kauf zu nehmen. Also habe ich mich gefühlt wie ein Schwein, mich bei jedem Schritt entschuldigt & erst wieder entspannt, wenn das Tier nach 30 Minuten klar ging. Selten hat mir Macht so wenig Spaß gemacht. Ihre Zweifel, ihr Abwägen der Argumente freuen mich aus tiefstem Herzen so soll es sein! Es geht ja, auch im Journalismus, garnicht so sehr darum, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, Fragen aufzuwerfen & zu verunsichern. Bitte gerne mehr von diesen ideologisch-kritischen Artikeln! Ich kann mich nicht jede Woche umfänglich dazu äußern, freue mich aber immer wieder, einen solchen Leitartikel zu lesen. Schade übrigens, daß das Abo-Modell nicht funktioniert hat, ich fand es fair & sinnvoll. Ich habe angefangen, Freunde & Bekannte auf Ihre Seite hinzuweisen & hoffe, dies tun auch andere Leser; vielleicht trägt sich die Seite ja doch noch mal übers Anzeigengeschäft. Ich wünsche es Ihnen & uns Lesern. Mit herzlichem Gruß, Susanne |
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