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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 486, erschienen am 21.07.2008

Magazin  Ausgabe 486

Alguacilillos in der Arena von Alicante
Schützenswert? Kulturgut? Oder Barbarei?

Foto: Autorenhinweise Wikipedia-Link» Mätes, GNU FDL
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Zwang und Gewalt
  2. Abschnitt  Marterinstrumente
  3. Abschnitt  Springsport
  4. Abschnitt  Stierkampf
  5. Abschnitt  Tribunal
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 479:
Hauptartikel  Tu Gutes und rede darüber

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 480:
Hauptartikel  Wo und wie kann ich Gutes tun?

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 484:
Hauptartikel  Spenden sind Glücksbringer

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 485:
Hauptartikel  Heilung und Linderung

Teil Teil 5
Zwang und Gewalt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 487:
Hauptartikel  Immer feste druff

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 490:
Hauptartikel  Schmerz und Lust

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 491:
Hauptartikel  Doping und Befriedigung

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 492:
Hauptartikel  Das Glück der Erde

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 493:
Hauptartikel  Ich bin der Größte

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 496:
Hauptartikel  Ein denkwürdiger Dialog

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 497:
Hauptartikel  Mir kommen die Tränen

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 498:
Hauptartikel  Rührung oder nicht

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 499:
Hauptartikel  Ritt des alten Cowboys

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 500:
Hauptartikel  Ritt für den Vater

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 503:
Hauptartikel  Von Autisten lernen

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 504:
Hauptartikel  Auf den Hund gekommen
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Zwang und Gewalt

Springsport, Stierkampf und Bewußtseinswandel

Zu den Themen
Thema  Dressursport  Fahrsport  Springsport  Tierschutz



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


In den letzten Wochen habe ich Beispiele dafür angeführt, wie das Pferd dem Menschen helfen kann. Der Pferdesport ist die einzige Sportart, in der behinderte Menschen mit Nichtbehinderten direkt konkurrieren können und faire Chancen haben. Irgendwo habe ich sogar formuliert, daß die Nichtbehinderten von den Behinderten eine Menge lernen können – ich finde es nur nicht wieder.

So wird von den behinderten Dressurreiterinnen betont, daß sie keine Gewalt ausüben können und deshalb die Pferde auf andere Art und Weise dazu bringen müssen, sich so zu verhalten, wie die Richter das heutzutage sehen wollen. Na also, es geht doch! Aber im Grunde ist das nichts Neues – Wikipedia-Link» Fredy Knie senior hat schon vor vielen Jahren die Hohe Schule ohne Zäumung vorgeführt, und andere, auch Spitzensportler, haben es ihm nachgetan.

Die Frage ist nur: Kann man auch in der Ausbildung auf Gewalt verzichten? Wenn es der Erwähnung wert ist, daß man keine Gewalt ausüben kann, folgt daraus im Umkehrschluß, daß die Gewaltausübung normalerweise ein fester Bestandteil der "Kommunikation" zwischen Mensch und Pferd ist.

Bekanntlich war dies auch vor nicht allzu langer Zeit zwischen Menschen so üblich. Noch in meiner Schulzeit gab es Lehrer, die regelmäßig Ohrfeigen verteilten, obwohl es damals schon verboten war ("geh her mein Jung, kriegst a Ohrfeig"). Niemand wagte es, gegen diese Praxis aufzumucken. Das ist jetzt mehr als 40 Jahre her – die Opfer dieser "Erziehungsmaßnahmen" haben diese Demütigungen aber bis heute nicht vergessen.

Wie ist es zu erklären, daß die Menschheit so lange gebraucht hat, um Einsichten in elementare Vorgänge zu erlangen? Warum ist es so schwer, diese Einsichten umzusetzen? Man weiß heute, daß Lernen unter Zwang und Angst sehr ineffektiv ist – aber trotzdem ist Lernen immer noch vielfältig negativ belastet, und zwar sowohl für Schüler als auch für Lehrer. Ist das nicht schrecklich? Was für Menschen gilt, trifft erst recht auf Tiere zu.

Die Meinung, daß Tiere nur über positive Verstärkungen lernen, ist nicht neu. Die Praxis, daß Tiere mit Gewalt zu Leistungen gebracht werden, die sie freiwillig niemals erbringen würden, ist allerdings an der Tagesordnung, auch beim Pferdesport, besonders deutlich zum Beispiel im Springsport, im Westernsport, bei der Vielseitigkeit, beim Polo, beim Rodeo – die Liste ließe sich vielleicht fortsetzen.

Man spricht natürlich nicht gern darüber, vielleicht weil die Angelegenheit allgemein bekannt und der Sachverhalt im Grunde offensichtlich ist. Außerdem ist es viel leichter, auf die anderen zu zeigen, bei denen es ja noch viel schlimmer zugeht, zum Beispiel beim Wikipedia-Link» Stierkampf. Die üblichen Ausrüstungsgegenstände eines Reiters – Zügel und Gebiß, Sporen und Peitsche – sind Marterinstrumente, die Schmerzen nicht nur erzeugen können, sondern es im Regelfall auch tun sollen.

Nun höre ich schon den Einwand, daß man mit all diesen Hilfsmitteln lediglich "Signale" gibt, die keinesfalls Schmerzen verursachen. So könnte es sein – aber mit diesem Hinweis ist eigentlich nichts gewonnen. Ich brauche dem Knaben den Rohrstock nur zu zeigen – dann weiß der schon, was das bedeutet. Wikipedia-Link» Horst Stern diskutiert dieses methodische Vorgehen ganz offen in seinen Büchern booklooker-Link» Bemerkungen über Hunde und » Bemerkungen über Pferde von 1971 und kann sich nicht recht entscheiden, ob er das gut finden soll oder nicht, nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit diesen Tieren.

Für meinen Geschmack bringt er erstaunlich viel Verständnis für Hilfsmittel wie Telereizgeräte und Stachelhalsbänder auf. Immerhin kann er sich so erklären, warum Hunde, die so ausgebildet sind, einwandfrei funktionieren. Der früher erlittene Schmerz und der tiefsitzende Schock melden sich zuverlässig immer wieder, sobald der begleitende Reiz ausgelöst wird. Der Hund will diese unangenehme Erfahrung vermeiden und gehorcht wie ein Automat. Er weiß ja nicht, daß die Hilfsmitteln nicht mehr benutzt werden. Der intelligente Mensch hat das dumme Tier ausgetrickst.

Marterinstrumente  oben 



Wirst du wohl anhalten!
Gleichzeitig in die Rippen treten
Das meine ich mit der Frage, ob man in der Ausbildung ganz auf Gewalt verzichten kann. Wenn ich die Gewalt erst einmal hinreichend ausgeübt und dem Tier damit bewiesen habe, daß Widerstand zwecklos ist und nur zu Schmerz und Leid führt, reicht später die Erinnerung für die reflexhaft ausgeführte Handlung, ausgelöst zum Beispiel durch die Präsentation des Marterinstruments.

Bei Pferden spricht man von "hart herannehmen", was angeblich die Aufgabe der Ausbilder ist, damit dem Pferd gezeigt wird, wer das Sagen hat. Im Englischen spricht man entlarvend vom "Einbrechen", wenn man eigentlich "Ausbilden" meint. Das findet Horst Stern schlecht. Bei den Pferden sieht er die Sache offenbar anders als bei den Hunden. Im übrigen geht es immer darum, daß das Pferd zu einer Art Kadavergehorsam erzogen wird, auch bei den sogenannten Pferdeflüsterern (etwa Pat Parelli: das Pferd muß von sich aus so lange die Gangart und Richtung hundertprozentig beibehalten, bis der Reiter etwas anderes signalisiert).

Der größte Unterschied besteht vielleicht lediglich darin, daß Pferdeflüsterer die auch von ihnen erwünschte totale Unterwürfigkeit durch psychologische Tricks, also psychischen Druck, statt mit der Zufügung von Schmerzen erreichen wollen. Das Ziel ist stets die absolute Kontrolle, die Manipulation des Tieres im Sinne des Menschen.

Man stellt sich dazu Pferde als total determinierte Lebewesen vor, gewissermaßen halbintelligente Maschinen, die auf einen ganz bestimmten Code hören, den man lernen kann (bei Monty Roberts: Equus). Klingt fast wie die primitive Signal-Reaktion-Theorie der herkömmlichen Abrichtung. Das Tier wird in keinem Fall als Lebewesen mit einer eigenen Würde und Gegenüber gesehen, mit dem man in einen Austausch treten kann. Das Gerede vom besten Freund des Menschen ist also dummes Zeug.

Menschen mißbrauchen die Tiere in vielfältiger Weise. Horst Stern hat vor fast 40 Jahren gezeigt, daß der Springsport die Pferde vergewaltigt. Da er dies nicht auf einer kleinen Internet-Seite wie der Pferdezeitung, sondern im Fernsehen zur besten Sendezeit und anschließend im Magazin » Stern tat, war das Echo gewaltig.

Um sich wegen der öffentlichen Pöbeleien gegen seine Person, angefangen von der Fachpresse bis hin zur Bild-Zeitung, zu wehren, schrieb Stern das Buch "Bemerkungen über Pferde". Darin beruft er sich zunächst einmal auf Erich Glahn, den er als unbestrittene hippologische Autorität und Richter in vielen Konkurrenzen vorstellt:

[...] Reiterliche Unreife und mangelnde Technik geben den Menschen kein Recht, sogar in quälererischer Art mit stoßenden Hilfen und Marterinstrumenten von Gebissen und Hilfszügeln, nur zur Befriedigung unsachlich gelenkten Ehrgeizes, im Sattel mit unzulässigen Mitteln zu arbeiten. Unsere Spitzenorganisationen sind längst und immer wieder gewarnt. Haben sie nicht gesehen, daß die internationale Reitkunst nicht nur in der großen Dressurprüfung und Military, sondern auch hier am Scheidewege steht?

Glahn: booklooker-Link» Reitkunst am Scheideweg. Die 16. Olympischen Reiterspiele in Stockholm, zitiert nach Stern, Seite 14

15 Jahre später, so stellt er fest, hat sich nichts geändert, im Gegenteil, die "Professionalisierung", ist konsequent weiter vorangeschritten. Und 37 Jahre später, so können wir feststellen, hat sich immer noch nichts getan, die von ihm angeprangerten Mißstände sind weiterhin Routine und die Professionalisierung ist noch weiter vorangeschritten – der Medaillenwahn und die Kapitalmengen sind weiter gewachsen.

In diesem Zusammenhang meint Stern sich gegen extreme Tierschützer wehren zu müssen, deren "zeitfremde Franciscus-Attitüde" ihm mehr zuwider sei als alles andere. Er will nicht das Reiten abschaffen, weil die einzige Existenzberechtigung der Pferde seiner Meinung nach in der Nutzung durch den Menschen "als Sportgerät" besteht. Wenn sie nicht mehr in dieser Weise genutzt werden dürfen, werden sie aussterben oder nur noch im Zoo zu bewundern sein.

Springsport  oben 



Zur Unterstützung dieser Argumentation führt er seine Bemerkungen über den Stierkampf aus seinem Rinderfilm an; er hat sich von Rinderzüchtern einreden lassen, daß diese relativ naturnahen und in weitgehender Freiheit aufwachsenden Tiere von Ausrottung oder Umzüchtung – was auf dasselbe hinausläuft – bedroht sind, wenn man den Stierkampf abschaffen würde.

Die Sache des spanischen Stiers will nüchtern und leidenschaftslos bedacht sein, wenn dieses herrliche Tier nicht ausgerechnet an der Tierliebe zugrunde gehen soll, die als Alternative zum Degen des Matadors letzten Endes nichts anderes zu bieten hat als das Messer des Metzgers.

a.a.O., Seite 16

Dieses Argument kann man natürlich direkt auf den Pferdesport anwenden. Aber die Bemerkungen über Pferde von Horst Stern richten sich nicht gegen den Pferdesport allgemein, sie sind eine Kampfrede speziell gegen den Springsport. Er argumentiert, daß Pferde zum Springen nicht geboren sind.

Sie können es zwar, wenn sie gezwungen sind, vermeiden es aber nach Möglichkeit. Deshalb kann man die Pferde so einzäunen, daß sie mit Leichtigkeit ausbrechen könnten, wenn sie denn wollten, in der berechtigten Erwartung, daß sie wirklich sehr in Panik und Not sein müssen, wenn dies der Fall sein sollte.

Es fällt dem Autor gar nicht schwer, diese Ansicht mit vielfältigen Fakten zu belegen. Die größten Springreiter seiner Zeit, Wikipedia-Link» Hans Günter Winkler und Wikipedia-Link» Alwin Schockemöhle, bestätigen mehr oder weniger freiwillig seine Ansicht, wollen dies aber in der Öffentlichkeit nicht wahrhaben, weil sie wissen, daß dies ihrem Geschäft schaden würde.

[...] HGW: "Dieser Zwang ist immer da. Bei schlechten Reitern sieht man ihn, bei guten sieht man ihn weniger!" Und dann sinnierte der Warendorfer noch vor sich hin: "Man muß sich manchmal wundern, daß ein Pferd nicht mit dem Maul hinter sich greift, den Reiter aus dem Sattel zerrt, in die Bahn wirft und mit dem Huf drauftritt..." [...]

"Das Martingal", so verlautbarte Alwin Schockemöhle in mehreren Zeitungen nach meinem stern-Artikel, "dient der weicheren Verbindung zwischen dem Pferdemaul und der Hand des Reiters." [...] Kurt Hirschel, ein tiererfahrener Kameramann, der meinen Pferdefilm drehte und die Martingal-Fotos reproduzierte, mokierte sich [...]: "Die Brechstange dient der weicheren Verbindung zwischen Pflasterstein und Arbeiterhand." [...]

Und was kann Georges Calmon meinen, Frankreichs großer alter Mann des Springsports, wenn er den Hindernisbau von heute "diabolisch" nennt? [...]

Calmon schrieb in L'Année Hippique 1970: "Man steigert sich in Überangebote hinein – jeder möchte das bestdotierte und zugkräftigste Turnier haben. Es soll daher möglichst auch das schwerste sein. [...] Dafür läßt man sich immer höhere und massigerer Hindernisse einfallen, ohne sich dabei im geringsten um die Pferde zu kümmern. Man behandelt sie wie Maschinen. Die Folge davon: Einige stehen es vier Jahre durch, manche drei, und wieder andere sind schon nach zwei Jahren verheizt..."

a.a.O., Seite 31, 37, 46

Stierkampf  oben 



Mein Freund, das Pferd: Gut verschnürt
Weiche Verbindung: Selbstredend mit Martingal
Als Verursacher für diese unglückliche Steigerung werden das Publikum, das mit immer höheren Reizen bedient werden muß, und die Veranstalter verantwortlich gemacht; aber auch die Masse der Durchschnittsreiter wird gescholten, weil sie den wenigen Weltklassereitern mit ihren durchschnittlichen Pferden nacheifern wollten:

Wenn diese unreifen Gentlemen sich nicht scheuen, ihren unreifen, den Sprung verweigernden Pferden auf dem Abreitplatz, vor den Augen der Turniergäste, die Peitsche über Kopf und Kruppe zu ziehen oder sie cholerisch im Maul zu reißen, wie das gar nicht so selten zu beobachten ist, dann ist die Frage erlaubt, was sie mit ihren Tieren erst zu Hause, in der Abgeschiedenheit der privaten Reitbahn machen.

a.a.O., Seite 49

Was die Profis zu Hause machen, weiß man ebenfalls nicht, aber man kann es sich zusammenreimen. Auch Hans-Heinrich Isenbart, der sich seit einigen Jahren gegen die Auswüchse in Dressursport einsetzt, bekommt sein Fett weg:

Hat Hans-Heinrich Isenbart wirklich noch nie gesehen, daß viele Springpferde vor einem Turnier "gebarrt" werden, daß man ihnen eine Stange gegen die Beine schlägt, um ihnen die ursprüngliche Angst vor dem Schmerz beim Stangenabwurf ins Gedächtnis zurückzurufen? Es ist solange noch nicht her, daß man dieses Barren sogar auf öffentlichen Abreitplätzen sah, gleich neben den Springbahnen. Nur dort wurde es verboten. Das zahlende Publikum nahm Anstoß.

a.a.O., Seite 50, 51

Erinnert das nicht sehr an die Proteste des Publikums auf den Abreitplätzen der Dressurreiter angesichts der sogenannten Rollkur? Man wird ein bißchen vorsichtiger werden, aber im Prinzip wird sich nicht viel ändern. Heute nicht und morgen nicht und in 100 Jahren auch nicht.

Wie seit Jahrzehnten – vielleicht sogar wie seit Jahrhunderten wie beim Stierkampf – wird alles beim Alten bleiben – es sei denn, die öffentlichen Proteste nehmen überhand. Wenn das Publikum für die Mißstände verantwortlich ist, kann es auch für deren Abschaffung sorgen.

Es braucht nur einen entsprechenden Bewußtseinswandel. Wenn man sich nicht mehr einreden läßt, daß das alles toll ist, sondern zu dem Schluß kommt, daß es im Gegenteil unerträglich ist, wird das Unmögliche plötzlich nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Auf die Pferdefreunde darf man dabei zunächst nicht setzen, denn die sind zu stark vom System beeinflußt und nehmen die Gegebenheiten einfach hin – es war schon immer so, das kann ja gar nicht anders sein, und in Wirklichkeit ist das gar nicht so schlimm: Wer das behauptet, hat keine Ahnung.

Man muß die Sache also von außen anstoßen. Tierschützer wie Horst Stern prangern den Mißbrauch an. Es leuchtet ein, daß man bei den schlimmsten Auswüchsen beginnt, zum Beispiel beim Stierkampf, und andere Probleme erst einmal auf sich beruhen läßt. Wer weiß, vielleicht werden sich die Tierschützer die Methoden der Pferdefreunde genauer anschauen, wenn der Stierkampf eines Tages endgültig der Vergangenheit angehört.

Moment mal – kann man sich das überhaupt vorstellen? Daß eine "kulturelle Institution", mit der sich angeblich ganze Völker seit undenklichen Zeiten identifizieren, verschwindet? Warum nicht? Der Unternehmer Wikipedia-Link» Götz Werner, Vorsitzender der Initiative Wikipedia-Link» Unternimm die Zukunft, die sich für das bedingungslose Grundeinkommen stark macht, von dem niemand glaubt, daß es je eine Chance zur Realisierung haben könnte, sagte in einem Interview:

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es dauern, bis das Grundeinkommen Realität wird?
Werner: Das kann ich nicht sagen. Wer hätte am 9. November 1989 abends um 20 Uhr gesagt, dass die Mauer fällt?

» "Ich will die Leute skeptisch machen"

Genau, Recht hat der Mann!

Tribunal  oben 



Ideen verändern die Welt, und wir alle können daran mitarbeiten. Der Schweizer Umweltschützer Wikipedia-Link» Franz Weber setzt sich seit über 40 Jahren für Tiere, Landschaften und Kulturdenkmäler ein und hat in dieser Zeit über 150 Kampagnen durchgeführt.

Die » Fondation Franz Weber gründete im Jahre 1979 die United Animal Nations – UAN; die unter demselben Namen im Jahre 1987 in Kalifornien gegründete Organisation ist viel bekannter, beschränkt sich allerdings auf die USA.

Die UAN der FFW ist eine internationale Organisation nach dem Muster der Wikipedia-Link» UNO, der heute 120 Mitgliedsorganisationen angehören; sie gründete den Internationalen Gerichtshof für Tierrechte mit Sitz in Genf, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Der Tiergerichtshof ahndet in öffentlichen Prozessen schwere Vergehen gegen die Tierwelt, die von den ordentlichen Gerichten nicht erfasst werden, und zieht die Verantwortlichen zur Rechenschaft, wenn nötig bis hinauf zu Ministern und Regierungsoberhäuptern. Er besteht aus einem Präsidenten, zwei Beisitzern und sechs bis zwölf weiteren Mitgliedern, die unter den am Verfahren teilnehmenden Tierschutzorganisationen ausgewählt werden. Nur konstituierte Körperschaften können vor dem Tiergerichtshof klagen.

Tierprozesse finden seit 29 Jahren regelmässig im Beisein der Internationalen Presse und unter Mitwirkung namhafter Juristen und Experten statt und führen direkt oder indirekt zu konkreten Ergebnissen.

» Der Gerichtshof der Tierrechte

Man ahnt es schon: Es handelt sich um symbolische Schauprozesse, deren Ausgang von vornherein feststeht (» Bullfighting is placed in the dock in Geneva). Aber auf diese Weise wird die Öffentlichkeit aufgerüttelt, Bewußtseinsprozesse kommen in Gang und schließlich wird die Wirklichkeit verändert.

So hofft man jedenfalls – in diesem Fall wohl mit wenig Erfolg, denn wenn man Google als Maß aller Dinge nimmt, ist der Schauprozeß gegen den Stierkampf so gut wie unbekannt geblieben. Dabei ist das Resultat sensationell:

Alle Angeklagten für schuldig erklärt!
Aufgrund des schwerwiegenden Beweismaterials, der zum Teil schwer ertragbaren Videos, der Folterinstrumenten und gewichtigen Zeugenaussagen von Insidern war es unausweichlich, dass die Angeklagten im Prozess gegen den Stierkampf in Spanien, Frankreich und Portugal allesamt für schuldig erklärt wurden.

a.a.O.

Angeklagt waren unter anderem die Regierungschefs von Portugal, Spanien und Frankreich! Selbst auf der Homepage der Organisation, wo man die Einzelheiten dieses Prozesses einsehen kann, wird deutlich, daß die Welt sich nicht dafür interessiert:

ObjekttitelSeitenaufrufe
» Videobeweis479
» Pressespiegel213
» Bericht eines Ethologen233
» Zeugenaussage eines ehemaligen Stierkampffan300
» Bericht des Tierarztes198
» Anklage Plataforma S.O.S233
» Anklage C.R.A.C196
» Anklage der Associação ANIMAL196
» Anklage der Fundaciòn Altarriba199
» Die Hauptanklage203
» Das Urteil im Stierkampfprozess346

» Prozess gegen den Stierkampf

Das sind gerade einmal knapp 3000 Aufrufe für 11 Dokumente – die beiden Videos auf YouTube sind von wesentlich mehr Menschen gesehen worden; das Video über den Stierkampf von 15.978, das über den Rodeo gar von 156.536 Personen (Zahlen jeweils vom 20.7.2008 gegen 20:00 Uhr).

Auch beim Prozeß wurde ein Video vorgebracht, aber ich habe es mir nicht angeschaut – schon das Video von YouTube habe ich nach etwa einem Drittel Laufzeit abgebrochen – es wird übrigens als jugendgefährdend geführt, Sie müssen sich gegebenenfalls anmelden, um es sehen zu können.

Man fragt sich, wie es kommen kann, daß Menschen sich so etwas "mit Vergnügen" anschauen, das für andere offensichtlich grausam und widerwärtig ist. Genug für heute – meinen Versuch zur Beantwortung dieser Fragen muß ich auf die nächste Woche verschieben.

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Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  2028 vom 27.11.2008
zu Ausgabe Magazin  479  480  484  485  486  487  490  491  492  493  496  497  498  499  500  503  504
Temple Grandin & Artikelserie

Hallo Herr Popken,

Sie hatten mal geschrieben "zufriedene Leser schreiben keine Briefe" -da ist wohl was dran, aber manchmal sind Sie so gut, daß ich mich einfach melden muß.

Lieben Dank für die beiden ausführlichen Artikel u.a. zu dem Buch von Temple Grandin. Ich habe es mir direkt letzte Woche besorgt, hatte von der Dame schon vor einiger Zeit mal einen Bericht gesehen & leider den Namen wieder vergessen. Über diese Art Anregungen freue ich mich extrem, also wirklich danke!

Ihre Artikelserie zu den Themenkomplexen "Macht, Gewalt, Sexualität, Miteinander" fand ich sehr beachtens- & nachdenkenswert. Ich hege den Verdacht, daß viele Machtphantasien, egal auf welchem Gebiet, ob in sozioalen Systemen von Menschen, ob im Umgang mit Tieren oder in der Sexualität, durchaus etwas mit unreflektierter Langeweile zu tun haben.

Wer tatsächlich Macht innehat, ist sich - so er sie behalten will oder muß - durchaus darüber im klaren, wieviel Macht auch mit Last & Verantwortung zu tun hat. Ich rede hier nicht von verantwortungslosen Managern, die Millionen verpulvern & ausschließlich am eigenen Wohlleben interessiert sind, ich meine den Großteil an mittelständischen Unternehmen, in denen Führungskräfte, die ihre Aufgabe ernst nehmen, leiden "wie Hund", wenn sie Mitarbeiter entlassen oder Krisengespräche führen müssen. Dieses Leiden finde ich übrigens sinnvoll & verständlich, ich verstehe es als Preis für Macht.

Mit einem Tier ist es nicht anders. Wenn ich die Macht habe, über mein Pferd, meinen Hund zu bestimmen, dann bin ich hier für Leben & Tod verantwortlich, im drastischten Sinne. Angenehm ist das durchaus nicht immer, jeder Tierbesitzer weiß das, der schon mal mit seinem Vierbeiner zur Tierklinik musste oder sich ob einer Tierarztrechnung derbe auf den Hintern gesetzt hat. Ich denke auch immer an eine frühere Reitbeteiligung, das Pferd hatte Spat & MUSSTE bewegt werden, auch wenn ihm das sehr, sehr unangenehm war. Ich habe mit Tränen in den Augen geritten - die Alternative war aber, das Pferd stehenzulassen & dauerhaft Lahmheit & Schmerzen in Kauf zu nehmen. Also habe ich mich gefühlt wie ein Schwein, mich bei jedem Schritt entschuldigt & erst wieder entspannt, wenn das Tier nach 30 Minuten klar ging. Selten hat mir Macht so wenig Spaß gemacht.


Ihre Zweifel, ihr Abwägen der Argumente freuen mich aus tiefstem Herzen so soll es sein! Es geht ja, auch im Journalismus, garnicht so sehr darum, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, Fragen aufzuwerfen & zu verunsichern.

Bitte gerne mehr von diesen ideologisch-kritischen Artikeln! Ich kann mich nicht jede Woche umfänglich dazu äußern, freue mich aber immer wieder, einen solchen Leitartikel zu lesen.

Schade übrigens, daß das Abo-Modell nicht funktioniert hat, ich fand es fair & sinnvoll. Ich habe angefangen, Freunde & Bekannte auf Ihre Seite hinzuweisen & hoffe, dies tun auch andere Leser; vielleicht trägt sich die Seite ja doch noch mal übers Anzeigengeschäft. Ich wünsche es Ihnen & uns Lesern.

Mit herzlichem Gruß,
Susanne

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 486 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Zwang und GewaltPferdemesse  Messe: MählerEditorial  Editorial: VideosTip  Tip: Hufe XXIKolumne  Ratgeber: Stallbesucher verurteilt
Poster  Poster: Fahrsportfreunde OstenfeldePferdemesse  Messe: HufklinikLeserbriefe  LeserbriefeAngebot_der_Woche  Angebot der WochePferdemesse  Messe: Kühnle
Gesuche  GesucheAngebote  AngebotePferdemarkt  PferdemarktPferdemesse  Messe: FYLGJATermine  Termine
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