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Editorial   Magazin Magazin, Ausgabe 492, erschienen am 31.08.2008

Magazin  Ausgabe 492
Werner Popken
Editorials  Editorial

Pubertät



Seit ein paar Tagen beobachte ich ein neues Phänomen. Jemand gibt eine Anzeige auf, füllt dazu sämtliche Felder des Formulars aus, gibt jedoch ausschließlich vollkommen unsinnige Daten ein. Was soll das?

Bisher konnte man erkennen, daß die Leute, die so etwas gemacht haben, einen Zweck damit verfolgten. Sie wollten irgendwie wenigstens Links unterbringen, um Leute auf ihre Seite zu locken oder, was inzwischen auch als Plage bei den beliebten Kommentaren bekannt ist, etwa bei YouTube, und dadurch ihr Page-Ranking bei Google verbessern, denn Google wertet ja bekanntlich Seiten höher, auf die viele Links zeigen. Na gut, sagen sich Spammer, dann produzieren wir eben durch geeignete Programme massenhaft Links, die auf unserer Seite zeigen – nichts leichter als das.

Soweit kann man das ja verstehen – wenn aber die Links, die hier angegeben werden, unsinnig sind und nirgendwohin führen, wird die Sache unverständlich. Das erinnert mich an ein anderes neues Phänomen, worüber sich Leute die Köpfe zerbrechen: bei » booklooker werden zunehmend Bücher bestellt und nicht bezahlt. Die Kunden sind allerdings nicht als "Spaßbieter" zu erkennen und nehmen eine negative Bewertung, die sie praktisch disqualifiziert, in Kauf. Die einzige Erklärung, die mir in beiden Fällen plausibel erscheint, ist ein neuer Spaß für Pubertierende, die auf diese Weise vorsichtig Fühlung mit der wirklichen Welt aufnehmen, ohne dafür gleich Verantwortung übernehmen zu wollen.


Telefon

Auf eine solche Idee würde ich natürlich nicht kommen, wenn ich nicht selbst so etwas gemacht hätte. Das ist mir nämlich ins Gedächtnis eingebrannt, weil mir damals so unwohl war. Allein wäre ich auf die Idee wohl auch nicht gekommen, wir selbst hatten damals noch kein Telefon; aber bei einem Freund gab es nicht nur ein Telefon, sondern sogar ein Telefon im Kinderzimmer. Vermutlich haben die Kinder dort nicht viel telefoniert, weil es kaum andere Kinder gab, die ein Telefon hatten.

Wie dem auch sei, wir beschlossen, das Telefon zu einem Streich zu benutzen. Wir wollten irgendwo anrufen und so tun, als seien wir Erwachsene. Dazu fiel uns beispielsweise der Kohlenhändler ein, den wir anriefen, um ein paar Zentner Kohlen zu bestellen, anzuliefern in ein paar Tagen um eine bestimmte Uhrzeit. Wir konnten uns vor Aufregung kaum halten, das Gekicher zu unterdrücken kostete uns äußerste Anstrengung, und wir fragten uns hinterher auch, als uns klarwurde, daß wir damit Unfug angerichtet hätten, wenn man uns ernstgenommen hätte, ob dies der Fall war. Am Telefon sah es so aus – und wir beruhigten uns damit, daß der Gesprächspartner, der den Auftrag wie selbstverständlich entgegengenommen hatte, im nachhinein wohl hätte ins Grübeln kommen sollen.

Sicher waren wir uns nicht, aber wir trauten uns auch nicht, ein zweites Mal anzurufen und den Spaß aufzuklären. Soweit ich weiß, sind die Kohlen nicht angeliefert worden. Vielleicht hat die Auftragsannahme auch gerne mitgespielt und wollte uns den Spaß nicht verderben – wir haben es jedenfalls nicht bemerken können. Als wir uns aber so recht ausmalten, was für ein Aufwand für nichts und wieder nichts entstanden wäre, wenn man den Auftrag ausgeführt hätte, wurde uns doch recht mulmig zumute.


Studentenulk

Früher soll das ja die Regel gewesen sein – daß Studenten die armen Bürger nach Kräften geärgert haben. Bekanntlich haben Studenten vergangener Jahrhunderte viel gesoffen – vielleicht ist es heute immer noch so (und die interessante Frage wäre natürlich, warum die das nötig haben) – und deshalb könnte man annehmen, daß die Narreteien der Studenten, die nach manchen Erzählungen durchaus übel waren, eine natürliche Auswirkung der Sauferei gewesen ist, aber diese Hypothese hat nicht so viel für sich, denn das Saufen ist auch unter Nicht-Studenten durchaus verbreitet.

Als ich Abitur gemacht hatte, wurde für meine Klasse in unserem Garten ein Fest veranstaltet, auf dem wir zunächst ein Geschenk für unseren Klassenlehrer vorbereiten, um uns anschließend zu besaufen – etwas Besseres fiel uns nicht ein. Und anschließend zogen wir, mitten in der Nacht, mit einem Bollerwagen durch unser Dorf und machten allerhand Unfug. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, daß wir einige Gartentore aushängten – im betrunkenen Zustand vielleicht sehr spaßig, aber sonst nicht besonders originell. Der Schaden war sicher auch gering, denn die Tore ließen sich genauso leicht wieder einhängen. Peinlich war es mir aber trotzdem, und deshalb kann ich mich immer noch so gut daran erinnern.

Wenn es denn nicht schlimmer geworden ist – so denke ich heute -, mag man diese Art Dummheiten durchgehen lassen und als altersbedingt abhaken. Was die obengenannten Spaßinserate betrifft, so filtert die meine mühsam gebaute und optimierte Anti-Spam-Software heraus und legt sie mir auf den Schreibtisch. Ich kann auf den ersten Blick erkennen, daß es sich um Unfug handelt; sollte der Arbeitsaufwand überhandnehmen, werde ich mir überlegen müssen, ob mein Programm dahingehend verbessert werden kann, solche Sachen automatisch auszufiltern.


Beispiel

Was fängt man mit "<a href="http://nqpcalvbkedb.com/">nqpcalvbkedb</a>, [url=http://kzvxqscotowa.com/]kzvxqscotowa[/url], [link=http://kucimksknyos.com/]kucimksknyos , http://ohfpuuwnipck.com/" an? Man kann erkennen, daß da jemand etwas probiert. Zunächst wird ein Link nach HTML-Standard eingegeben, dann nach BBCode, der in Foren gern eingesetzt wird, und schließlich noch eine Variante eines solchen Pseudocode. Da kann also einer was. Und das setzt er ein, um etwas Unsinniges zu produzieren.

Im Zusammenhang mit Viren wurde ja ebenfalls wie wild spekuliert, warum jemand so etwas macht. Ein Freund erzählte mir mal von einem Spaßvirus, der plötzlich ein Fenster aufmacht, um dem überraschenden Computerbenutzer zu verkünden, daß mit dem nächsten Tastendruck die Festplatte formatiert wird. In Wirklichkeit passiert nichts, aber mein Freund konnte sich köstlich darüber amüsieren, daß er selbst einen solchen Virus geschrieben und verbreitet haben könnte und nun Hunderttausende von Menschen auf der Welt durch seinen Scherz einen fürchterlichen Schreck bekommen würden, und das, obwohl er gar nicht dabei ist. Das fand ich merkwürdig; diese Art von Humor war mir vollkommen fremd.

Vielleicht, so denke ich mir, sitzt da jemand und tippt etwas ein und freut sich unbändig bei der Vorstellung, daß irgendwelche Leute über seine Arbeit stolpern und sich wundern oder ärgern. Tja, wem es Spaß macht... Wenn der jetzt wüßte, daß sein Unfug der Anlaß zu diesem Editorial gewesen ist...


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