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Kolumne   Magazin Magazin, Ausgabe 492, erschienen am 31.08.2008

Magazin  Ausgabe 492
Gudrun Schultz-Mehl
Kolumnen  Kommentar

Olympia 2008


Einzelmedaille Dressur
Über die Schwierigkeiten eines Pferdes und die angemessenen Konsequenzen
von Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl

Für die deutschen Reiter brachten die olympische Spiele 2008 in Peking den gewohnten Erfolg, wenn auch dieses Mal nicht für Dressur und Springen, sondern vor allem für die Vielseitigkeitsreiter, deren Leistungen auch nachträglich nochmals die Goldmedaillen bestätigten, die unseren Vielseitigkeitsreitern von Athen 2004 in so schmählicher Weise aberkannt wurden. Über das Gold für Mannschaft und Einzelwertung kann man sich nur freuen, zumal die fairen Bedingungen der Geländestrecke, soweit man sie am Bildschirm beurteilen konnte, wie schon in Athen keine Kritik heraus forderten. So gefällt mir auch die Vielseitigkeitsreiterei!

Bei den Springreitern wollte es dieses Mal einfach nicht passen! Als Leistungseinbruch kann ich das aber nicht sehen, eher so: die Reiter anderer Nationen, die bisher unter "ferner liefen" starteten, haben in den vergangenen vier Jahren nicht geschlafen, sie haben dazugelernt und sich dem Leistungsniveau der traditionellen Reiternationen angeglichen. Die Reiterwelt ist näher zusammengerückt, Trainer aus europäischen Reiternationen in fernen Ländern und Reiter exotische Nationen, die in Europa trainieren, sind längst keine Seltenheit mehr. Die Springkonkurrenzen werden in Zukunft ein Wettbewerb der Guten mit dem Besten sein, ein Fortschritt, der vor allem so manchem Pferd zugute kommen wird, das seinem Reiter (nicht ganz der olympischen Idee entsprechend) zu olympischen oder weltmeisterlichen Ehren verhelfen soll.

Nach den Konkurrenzen der Dressurreiter bleiben für die Schreiberin dieser olympischen Nachlese allerdings einige Fragezeichen, hoffentlich verbunden mit einem positiven Aspekt: es wird und muß darüber diskutiert werden, ob eine Reiterin, deren Pferd, egal aus welchen Gründen, so vehement aus dem Prüfungsprogramm und aus der Führung seiner Reiterin springt und sich widersetzt, eine silberne Medaille verdient oder ob eine Disqualifikation nicht eher dem Geschehen entsprochen hätte.

Man erinnert sich an Athen: der wurde die deutsche Vielseitigkeit Reiterin Bettina Hoy mitsamt ihren Mannschaftskameraden nachträglich disqualifiziert, weil sie nachdem Angaloppieren zum Start noch eine Volte ritt, die dummerweise über die Startlinie führte und dann erst die Startlinie ein zweites Mal überquert zum eigentlichen Start. Die fünf Reiter der deutschen Mannschaft mußten später ihre Goldmedaillen zurückgeben, obwohl sie diese, entsprechend dem eigentlichen Sinn eines Wettbewerbs, mit hervorragenden Leistungen verdient hatten. Kein wirklicher Reiterfehler, sondern ein formaler Regelverstoß, der keinen der Reiter anderer Nationen benachteiligt hat, brachte fünf hervorragende deutsche Reiter um ihre verdienten Goldmedaillen.

Wenn ich dagegen den krassen Fehler von Reiter und Pferd unserer Silbermedaillen-Gewinnerin der Einzelmedaille in der Dressur setze, dann frage ich mich doch, wo bleiben da Logik und Gerechtigkeit. Ich bin zwar keine "Offizielle", die sich in den Wirren von Vorschriften und Bestrafungen der internationalen Reitergremien genügend auskennt, aber mein gesunder Verstand läßt mir da nur ein Kopfschütteln übrig, auch wenn es gegen meinen eigenen Patriotismus geht und gegen meine Wertschätzung dieser Reiterin.

Soweit ich diesen Fehler mit dem Ungehorsam vorn SATCHMO nach einmaligem Sehen beurteilen kann, resultierte dieser sicher nicht komplett daraus, daß SATCHMO plötzlich grüne Männchen zu sehen glaubte, nachdem er sich bereits einige Minuten im Viereck getummelt hatte. Ganz abgesehen davon, daß das Vertrauen des vierbeinigen Olympioniken zu seinem Reiter auch "olympisch" sein sollte. Es ging dabei vielmehr um das Piaffieren, das dem Paar auch zuvor schon in anderen Prüfungen zum Stolperstein wurde.

Die Piaffe bereitet SATCHMO offensichtlich körperliche Schwierigkeiten. Im Idealfall sollte sie zunächst durch Reiterhilfen angeregt werden, dann aber soll sie, nur mit anliegender Wade des Reiters, selbständig vom Pferd weitergeführt werden, bis zur Beendigung der Tritte durch den Reiter. Die körperliche Vorzüge von SATCHMO liegen in seiner Schulterfreiheit, die ihm spektakuläre Traversalen ermöglichen, aber weniger in seinem Vermögen, sich zu "setzen", wie es die Piaffe verlangt. Dafür kann er nichts und das ist vom Reiter auch nur bis zu einem gewissen Grad verbessernd zu beeinflussen. Ich sehe es aber als Fehler der Reiterin, wenn diese versucht, Ihr Pferd durch zu deutlichen Spureneinsatz in die "richtige Form" zu bringen, das heißt zum Beugen der Hanken. in der Regel hebt er dann im Trab auf der Stelle nur wechselnd seine vier Beine, ohne aber die Kruppe deutlich zu senken. Die Piaffe ist aber auch als die Vorbereitung zur Levade zu sehen und diese hat zum Ziel, daß das Pferd sich auf der Hinterhand förmlich "sitzend" ausbalanciert. Das vorbereitende "Setzen" ist also ein wesentliches Kriterium der Piaffe.

Man konnte bei allen Piaffen von SATCHMO - auch in der vorher gegangenen Prüfungen - sehen, daß diese durch seine Reiterin durch unverhältnismäßig starken Einsatz der Sporen verbessert werden sollten. Im Grand Prix schon quittierte er das berechtigt durch Auskeilen und beim hier zur Debatte stehenden Ritt der Kür zur Einzelmedaille revanchierte er sich ebenso berechtigt und sagte "Nein!". Ich frage mich immer wieder, ob dieser krasse Ungehorsam nicht eher ein Grund zur Disqualifikation gewesen wäre, als der gedankelose Formfehler einer Vielseitigkeitsreiterin, für den in Athen eine ganze Mannschaft bestraft wurde und ihr die berechtigten Goldmedaillen nahm.

Die Goldmedaille in der Einzeldressur ging dann natürlich - wie sollte es auch anders sein - an die wegen ihrer Trainingsmethoden nicht samt und sonders anerkannte Dauerkonkurrentin aus Holland, obwohl diese, wie auch zuvor in anderen internationalen Prüfungen immer wieder, keinen Schlußaufstellung mit ruhigem, geschlossenem Stehen zustandebrachte, sondern sich, wie immer, mit trippelndem Pferd in Windeseile von den Richtern verabschiedete.

Wenn auch die Punkterechnerei letztendlich das Ergebnis rechtfertigte: die Nachdenklichkeit bleibt.



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