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Wölfe jagen bekanntlich im Rudel, wo jedes Mitglied seine Rolle zu spielen hat und alle sich aufeinander verlassen müssen. Und zum Schluß bekommt jeder seinen Anteil an der Beute. Wir wissen nicht, wie Neandertaler und Steinzeitmenschen gelebt und gejagt haben, aber vermutlich ganz ähnlich. Immerhin hat man Unmengen von Beweisen für die Mammutjagd und sogar Wurfspieße in Mammutskeletten gefunden. Die Jagd auf Mammuts ist also hinreichend belegt. Eine solche Unternehmung kann aber nicht von einem einzelnen Menschen bewältigt werden, höchstens von einer Gruppe. Typischerweise stellt man sich die Jagdmethoden der Steinzeitmenschen und auch der Neandertaler tatsächlich so vor, wie wölfische Rudel vorgehen. Von den Verhältnissen innerhalb eines solchen Rudels hatte man jedoch völlig falsche Vorstellungen. Angeblich soll jeder Wolf ständig damit beschäftigt sein, seinen Rang zu verbessern und womöglich ganz an die Spitze vorzudringen und das Alphatier zu werden. Diese Vorstellungen von pausenlosem Stress und ständigen Dominanzkämpfen waren von Beobachtungen abgeleitet, die man von nicht miteinander verwandten Wölfen in der Gefangenschaft gemacht hatte. Kann man sich vorstellen, daß Wissenschaftler so naiv sein können, aus einer derartig künstlichen Situation allgemeine Schlüsse abzuleiten? In einem amerikanischen Blog von » Jason Godesky fand ich dazu folgenden Kommentar
Dieselben Vorwürfe hat man Jane Goodall machen müssen, wie in » Goodalls Bananas ausgeführt. Nachdem sie zunächst den Schimpansen in freier Wildbahn gefolgt war, was natürlich äußerst mühsam ist, verlegte sie sich nämlich darauf, diese zu sich zu locken, indem sie Bananen anbot. Das war sehr bequem für sie. Die Schimpansen kamen zu ihr und sie konnte in aller Ruhe ihre Beobachtungen machen. Selbstverständlich haben sich dadurch aber die Bedingungen vollständig verändert. Sie machte nun Beobachtungen von Schimpansen, die sich in die Nähe von Menschen bewegen, um sich dort um Bananen zu streiten. Es gab nämlich nicht immer Bananen, die Schimpansen entwickelten also völlig andere Verhaltensweisen als in freier Natur, wo sie sich nicht streiten müssen, weil jeder finden kann, was er braucht und möglichen Konflikten leicht aus dem Wege gehen kann. In ihren Veröffentlichungen hat sie aber wenig über die ursprünglichen Beobachtungen geschrieben und ihre Schlüsse über das Sozialverhalten der Schimpansen aus der künstlichen Situation bei ihr zu Hause gezogen, ohne dabei in Anschlag zu bringen, daß diese Beobachtungen unter höchst eigenartigen Bedingungen zustandekamen. Das ist natürlich wissenschaftlich gesehen eine absolute Katastrophe und völlig unzulässig. Die so gewonnenen Erkenntnisse sind in diesem Lichte nicht mehr viel wert. |
Von der amerikanischen Berufsvereinigung der Hundetrainer Dem Fachmann, dessen Philosophie im wesentlichen darauf hinausläuft, den Menschen als Alphatier zu etablieren, also die durch falsche Beobachtungen gewonnenen Schlüsse über die Dominanzordnung durchzudrücken, werden ganz entscheidende Fehler vorgeworfen. Ein Beispiel:
Spätere Forscher entdeckten allerdings, daß es sich dabei um einen verhängnisvollen Irrtum gehandelt hatte. Man hatte das Alphatier und das unterlegene ganz nahebei und auf dem Rücken gesehen und einfach unterstellt, daß diese Situation Resultat eines Kraftaktes des überlegenen Tiers gewesen sein müsse. In Wirklichkeit aber handelte es sich um eine Beschwichtigungsgeste, die vom unterlegenen Tier freiwillig geleistet wird, niemals aufgrund von Zwang. Im Gegenteil, wenn Zwang ausgeübt worden wäre, dann nur in der Absicht, das unterlegene Tier zu töten. Nun also wird klar, warum Hunde, die auf diese Art und Weise behandelt worden sind, ein Trauma erlitten haben – so würde sich ein Alphatier niemals benehmen, sondern ausschließlich jemand, der einen Mord begehen wollte. Die ganze Idee einer hierarchischen Struktur innerhalb eines Wolfsrudels wurde erstmals 1947 anhand von Beobachtungen an einer willkürlich zusammen gewürfelten Gruppe von Wölfen in Gefangenschaft entwickelt. Der renommierte Wolfsforscher » Dr. L. David Mech bedauert auf seiner Internetseite, daß die Informationen, die er 1968 verfasst hatte, trotz seiner ständigen Bitten vom Verlag immer noch verkauft werden. Die Erkenntnisse, die man in den letzten 40 Jahren gewonnen habe, würden viele der damaligen Aussagen korrigieren, insbesondere die Vorstellung vom Alphatier, die er jetzt für vollkommen überholt und überflüssig, ja eigentlich irreführend hält:
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Ausführlicher berichtet Dr. Mech in Temple Grandin strich die Überraschung aller Besucher heraus, die sich angesichts von 50 friedlichen Hengsten, die von der Behörde gerade erst aus der Wildnis eingefangen worden waren, nicht erklären konnten, warum diese Mustangs nicht ständig in Rangauseinandersetzungen verwickelt waren. Sie selbst fand das nicht verwunderlich. Es wäre sehr unklug von der Natur, auf diese Weise ständig Energie zu verschwenden. Bei Pferden gibt es bekanntlich pro Herde – außer bei Junggesellengruppen – nur einen Hengst, und solange dieser bei Kräften ist, wird er auch nicht angegriffen. Die übrigbleibenden Hengste bilden als Junggesellen eigene Gruppen mit ebenfalls stabilen Verhältnissen, und erst dann, wenn ein stutenführender Hengst abbaut, kommt es zu einer Herausforderung. Daraus leitet sie entsprechende Regeln für den Umgang von Menschen mit Tieren ab. Insbesondere bei Beutetieren hält sie es für einen Fehler, wenn Gewalt angewendet und der Wille des Tieres gebrochen wird.
Hier würden die meisten Pferdeleute der Verhaltensforscherin wohl widersprechen wollen; braucht ein Pferd nicht ebenfalls eine dominante Instanz, der es sich anvertrauen kann? Vielleicht handelt es sich hierbei um einen Streit um Worte. Es geht meines Erachtens in allen Fällen um Autorität, nicht um Dominanz. Diese Autorität wird dem überlegenen Tier freiwillig zugestanden, sofern es dieser Rolle gerecht wird. Man könnte auch von Respekt sprechen – die Autorität erwächst aus dem Respekt. Das führende Tier erwirbt sich seine Rolle nicht durch Unterdrückung, durch dominantes Verhalten, sondern durch Übernahme der Verantwortung, die ihm entweder natürlicherweise zukommt, etwa als Elterntier bei den Wölfen, oder durch die anderen Tiere angeboten wird, weil diese dem betreffenden Mitglied zutrauen, diese Rolle ausfüllen zu können. So habe ich es jedenfalls bei unseren Pferden erlebt. Natürlich ist meine Erfahrung extrem beschränkt und bezogen auf eine relativ zufällige, von Menschen bestimmte Herde in der Obhut von Menschen und ausgeliefert an die von diesen gesetzten Umständen, insofern also überhaupt nicht aussagekräftig, aber nach allem, was ich so gehört und gelesen habe, scheint dieses beobachtete Verhalten durchaus nicht ungewöhnlich zu sein. Ich erinnere mich zwar an Schilderungen von sogenannten dominanten Hengsten, die innerhalb ihrer Gruppe ein Schreckensregiment aufgerichtet haben und sich nur durch Druck halten konnten, aber ich weiß nicht, auf welcher Basis wiederum diese Beobachtungen gemacht worden sind; jedenfalls wurden sie keineswegs für typisch gehalten. Außerdem wurde der Respekt und die Autorität dieser dominanten Tiere im Gegensatz zu denen, die ihre Rolle von der Gruppe übertragen bekommen hatten, für sehr gering erachtet. Diese Beobachtung würde Jason Godesky jedenfalls sehr gefallen; er interessiert sich als Anthropologe weniger für Tiere als vielmehr für Menschen und deren Gesellschaft und Beziehungen. Eine Sozialorganisation der Tiere auf der Basis von Respekt und daraus erwachsender Autorität wäre jedenfalls auch sehr viel energieschonender als die üblichen Szenarios ständiger Machtkämpfe und Kraftproben, die man ja auch den Wolfsrudeln nachgesagt hat. |
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Die gegenseitige Beeinflussung, die Hunden und Menschen unterstellt worden ist, hat Temple Grandin sehr schön beschrieben. Wir wissen seit kurzem durch gentechnische Untersuchungen, daß sich Hunde und Wölfe bereits vor etwa 135.000 Jahren auseinanderentwickelt haben. Archäologische Beweise für das Zusammenleben von Menschen und Hunden gibt es allerdings erst seit 14.000 Jahren.
Hier ist Temple Grandin möglicherweise über das Ziel hinausgeschossen; als die Neandertaler ausgestorben sind, gab es noch keine Hunde im eigentlichen Sinn. Insofern können die Menschen gegenüber der Neandertalern nicht ausgerechnet durch die Hunde im Vorteil gewesen sein. Die Neandertaler haben sehr viel Fleisch gegessen, insofern wäre die Frage, ob es signifikant weniger Wolfsknochen in der Nähe von Neandertalerknochen gibt als vergleichsweise in der Nähe von Menschenknochen. Erst daraus könnte man einen Schluß ziehen. Es wäre aber selbst bei einer gleichhäufigen Verteilung von Wolfsknochen denkbar, daß die Menschen in der Übergangszeit schon von den Wölfen gelernt hätten, während das auf die Neandertaler nicht zutreffen müßte. In diesem Fall hätten die Menschen gegenüber der Neandertalern tatsächlich einen Vorteil gehabt. Außerdem sind Symbiosen zwischen verschiedenen Lebewesen, Pflanzen und Tieren, nun überhaupt nicht selten, sondern im Gegenteil eigentlich fast schon die Regel – selbst der Mensch beherbergt ja Unmengen von anderen Organismen, ohne die er gar nicht existieren könnte. Ob die Symbiose von Hunden und Menschen nun großartiger ist als etwa die von Ameisen und Blattläusen oder gar die von Algen und Pilzen, die zu |
So mag sich erklären, warum wir heutzutage so schlecht riechen, hören und sehen können, warum fast alle Tiere uns mit ihren Sinnesleistungen übertreffen – obwohl das auch eine Frage der Kultur und der Übung zu sein scheint, denn manche ursprünglichen Völker können ganz ausgezeichnet riechen, hören und sehen, wesentlich besser als wir. Die überlieferte Geschichte der Menschen und Pferde ist wesentlich kürzer als die der Hunde, beträgt aber immerhin auch etwa 5000 Jahre. Möglicherweise ist die Geschichte der Menschen und Pferde ebenfalls länger als bisher angenommen, denn die Hauspferde haben sicher ebenfalls von den Wildpferden signifikant früher abgespalten, etwa zur selben Zeit wie die Hunde von den Wölfen. Es wäre aber auf jeden Fall sehr interessant zu untersuchen, wie sich Pferde und Menschen im Laufe ihrer gemeinsamen Geschichte gegenseitig beeinflusst haben. Daß eine solche Beeinflussung stattgefunden haben muß, weil sie jederzeit stattfindet, kann jedes Pferd und jeder Mensch unmittelbar und sofort feststellen, wenn beide nämlich interagieren. Ob diese gegenseitige Beeinflussung sich bereits, wie bei Hunden und Menschen behauptet, auf materieller Ebene, etwa in den Gehirnsstrukturen manifestiert hat, ist eine andere Frage – veränderte Verhaltensmuster, soziale Auswirkungen des Umgangs miteinander wären ja schon interessant genug. Was haben die Menschen von den Pferden gelernt? Daß sie von ihnen gelernt haben, ob sie es wollten oder nicht, steht außer Frage. Selbst wenn wir unterstellen, daß die Menschen die Pferde immer nur bösartig und böswillig ausgenutzt haben, muß sich eine solche Rückwirkung vollzogen haben. Und da die Pferde in der Kulturentwicklung des Menschen sogar eine viel größere Rolle gespielt haben als die Hunde, könnte sogar spekuliert werden, daß auch deren Einfluss auf das menschliche Wesen und die Kommunikation größer war. Vielleicht ist es genau diese Wirkung der Pferde auf Menschen, die uns seit jeher und heute immer stärker fasziniert, die Pferde so wichtig werden läßt in unserer modernen Welt, in der sie doch recht eigentlich völlig überflüssig sind, zu nichts mehr nütze. Auch die Hunde haben ihre Aufgaben verloren, was Temple Grandin sehr bedauert und als ein großes Problem empfindet, und werden nun von den Menschen überwiegend als sozialer Partner, als Kindersatz sogar, benutzt und möglicherweise missbraucht. In ähnlicher Weise benutzt der Mensch heute das Pferd für alle möglichen Zwecke, nur nicht mehr für die, für die er sie einst brauchte. Temple Grandin ist eine nüchterne Naturwissenschaftlerin, die sich für gesellschaftliche Visionen überhaupt nicht interessiert, ganz im Gegensatz zu Jason Godesky. Seine Suche mutet durchaus religiös an, er sehnt sich nach einer heilen Welt, zumindest nach einer heileren als der, in der er sich als moderner Amerikaner, als Softwareingenieur wiederfindet. Er möchte sich selbst und die Menschheit insgesamt gerne wieder auswildern, so wie wir in Gefangenschaft gezogene Tiere auswildern, Pferde zum Beispiel: |
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zu Ausgabe Hallo Herr Popken, Sie hatten mal geschrieben "zufriedene Leser schreiben keine Briefe" -da ist wohl was dran, aber manchmal sind Sie so gut, daß ich mich einfach melden muß. Lieben Dank für die beiden ausführlichen Artikel u.a. zu dem Buch von Temple Grandin. Ich habe es mir direkt letzte Woche besorgt, hatte von der Dame schon vor einiger Zeit mal einen Bericht gesehen & leider den Namen wieder vergessen. Über diese Art Anregungen freue ich mich extrem, also wirklich danke! Ihre Artikelserie zu den Themenkomplexen "Macht, Gewalt, Sexualität, Miteinander" fand ich sehr beachtens- & nachdenkenswert. Ich hege den Verdacht, daß viele Machtphantasien, egal auf welchem Gebiet, ob in sozioalen Systemen von Menschen, ob im Umgang mit Tieren oder in der Sexualität, durchaus etwas mit unreflektierter Langeweile zu tun haben. Wer tatsächlich Macht innehat, ist sich - so er sie behalten will oder muß - durchaus darüber im klaren, wieviel Macht auch mit Last & Verantwortung zu tun hat. Ich rede hier nicht von verantwortungslosen Managern, die Millionen verpulvern & ausschließlich am eigenen Wohlleben interessiert sind, ich meine den Großteil an mittelständischen Unternehmen, in denen Führungskräfte, die ihre Aufgabe ernst nehmen, leiden "wie Hund", wenn sie Mitarbeiter entlassen oder Krisengespräche führen müssen. Dieses Leiden finde ich übrigens sinnvoll & verständlich, ich verstehe es als Preis für Macht. Mit einem Tier ist es nicht anders. Wenn ich die Macht habe, über mein Pferd, meinen Hund zu bestimmen, dann bin ich hier für Leben & Tod verantwortlich, im drastischten Sinne. Angenehm ist das durchaus nicht immer, jeder Tierbesitzer weiß das, der schon mal mit seinem Vierbeiner zur Tierklinik musste oder sich ob einer Tierarztrechnung derbe auf den Hintern gesetzt hat. Ich denke auch immer an eine frühere Reitbeteiligung, das Pferd hatte Spat & MUSSTE bewegt werden, auch wenn ihm das sehr, sehr unangenehm war. Ich habe mit Tränen in den Augen geritten - die Alternative war aber, das Pferd stehenzulassen & dauerhaft Lahmheit & Schmerzen in Kauf zu nehmen. Also habe ich mich gefühlt wie ein Schwein, mich bei jedem Schritt entschuldigt & erst wieder entspannt, wenn das Tier nach 30 Minuten klar ging. Selten hat mir Macht so wenig Spaß gemacht. Ihre Zweifel, ihr Abwägen der Argumente freuen mich aus tiefstem Herzen so soll es sein! Es geht ja, auch im Journalismus, garnicht so sehr darum, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, Fragen aufzuwerfen & zu verunsichern. Bitte gerne mehr von diesen ideologisch-kritischen Artikeln! Ich kann mich nicht jede Woche umfänglich dazu äußern, freue mich aber immer wieder, einen solchen Leitartikel zu lesen. Schade übrigens, daß das Abo-Modell nicht funktioniert hat, ich fand es fair & sinnvoll. Ich habe angefangen, Freunde & Bekannte auf Ihre Seite hinzuweisen & hoffe, dies tun auch andere Leser; vielleicht trägt sich die Seite ja doch noch mal übers Anzeigengeschäft. Ich wünsche es Ihnen & uns Lesern. Mit herzlichem Gruß, Susanne |
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