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Rezension   Magazin Magazin, Ausgabe 505, erschienen am 30.11.2008

Magazin  Ausgabe 505
Zen oder die Kunst ein Pferd zu reiten
Achtsamkeit Konzentration Meditation

von Wolff, Fabian

160 Seiten. Gebunden, Pappband, matt laminiert, 22 x 14, 2 cm

Stuttgart, Januar 2006

Kosmos Verlag, Stuttgart

ISBN vergriffen

EUR (D) 12, 95

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Rezension Rezension von

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Autorenhinweise m_red  » Werner Popken

erschienen im Magazin Magazin
Magazin » Ausgabe 505
vom 30.11.2008
Rezensionen  Rezension

Der Verlag sagt über das Buch:

Was haben Reiten und Zen gemeinsam? Sowohl das Reiten als auch das Zen ermöglichen dem Menschen, sich selbst zu erkennen. Und bei beiden steht die Harmonie als Ziel im Vordergrund. Fabian Wolff beschreibt, wie die Rituale des Zen Mensch und Pferd bereichern und miteinander in Einklang bringen.


Autor

Der Journalist Fabian Wolff reitet seit vielen Jahren, auch erfolgreich im Turniersport. Das alltägliche Praktizieren des Zen-Buddhismus, die intensive Beschäftigung mit Zen und zahlreiche Reisen nach Nepal und Thailand führten ihn zur Verbindung beider Künste.


Rückentext

Zen oder die Kunst ein Pferd zu reiten


Schon die alten Samurai haben die Nähe des Reitens zum Zen immer wieder betont. Doch was haben Reiten und Zen gemeinsam? Beides ermöglicht dem Menschen, sich selbst zu erkennen. Und bei beiden steht die Harmonie im Vordergrund.
Ohne Harmonie ist Reiten nur Sport – in Harmonie aber ist es eine Kunst, die uns hilft, unser inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Alle Künste, die im Zen eine Rolle spielen, sind Wege zu Achtsamkeit, Harmonie und Ausgeglichenheit.
Dieses Buch beschreibt, wie die Rituale des Zen Mensch und Pferd bereichern und miteinander in Einklang bringen.


Verlag

» Kosmos




Kolumnen Rezension

Die ersten beiden Kapitel dieses Buches heißen "Noch ein Buch über das Reiten?" und "Noch ein Buch über Zen?" Naja, denkt der Leser, wenn jedes Buch über das Reiten mit dieser Frage beginnen würde – man wird doch wohl erwarten dürfen, daß der Autor etwas zu sagen hat, etwas Neues. Und wenn der Titel schon etwas Neues verspricht, dann spricht doch nichts dagegen, daß der Autor das Buch schreibt und der Käufer das Buch liest.

Was nun die Bücher über Zen betrifft, so gibt es eine ganz eigene Klasse von Büchern, deren Titel lautet "Zen oder die Kunst ..." oder "Zen und die Kunst ..." oder "Zen in der Kunst ..." usw.; das vielleicht berühmteste dieser Bücher ist booklooker-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig. Ich bin seinerzeit auf dieses Buch gestoßen, als ich im Katalog nach dem viel älteren und ebenfalls sehr berühmten Buch booklooker-Link» Zen in der Kunst des Bogenschießens von Wikipedia-Link» Eugen Herrigel suchte.

Pirsig betont schon im Vorwort, daß sein Buch eigentlich wenig mit Motorrädern und auch wenig mit Zen zu tun hat. Der Untertitel lautet: "Ein Versuch über Werte". Dieses Buch habe ich sehr häufig gelesen und noch häufiger verschenkt. Die meisten Empfänger konnten damit nichts anfangen. Das konnte ich nicht verstehen, dieses Buch beschäftigt mich noch immer. Der Gedanke, daß die Qualität der Zentralbegriff unseres Weltverständnisses ist, imponiert mir noch immer. Zum Schluß stellt der Autor eine ganz wesentliche Übereinstimmung zwischen seiner Auffassung von Qualität und dem Wikipedia-Link» Tao fest, ohne sich lange damit aufzuhalten, daß Zen damit nun wiederum gar nichts zu tun hat.

Kann man nun erwarten, daß man in diesem Buch etwas über Zen und das Reiten erfährt? Bei Herrigel erfährt man kaum etwas über das Bogenschießen, wenn ich mich recht erinnere, und auch das Zen ist mir nicht recht deutlich geworden. Es war ein noch dünneres Buch als dieses, und vor allen Dingen die Schwierigkeiten des deutschen Professors, sich gehenzulassen und zu vergessen und das Schießen geschehenzulassen blieben mir im Gedächtnis. Das aber war vielleicht die wesentliche Botschaft.

Meine Annäherung an das Zen geschah weniger über Bücher als vielmehr über das praktische Tun, das so genannte Wikipedia-Link» Zazen. Man sitzt am besten im Wikipedia-Link» Lotossitz, hält vor allen Dingen den Rücken extrem gerade (was nicht einfach ist – man glaubt, gerade zu sitzen, tut es aber nicht) und versucht, das Denken, den ununterbrochenen stillen Dialog im Kopf, abzustellen, was sich als fast unmöglich erweist.

Damals wurde mir empfohlen, leicht erhöht auf einem Klötzchen zu sitzen. Das tue ich noch heute, wenn ich meditiere, allerdings im halben Lotossitz – den vollen konnte ich nur als Kind, und das auch nur kurz. Mit Zen habe ich allerdings nichts mehr zu tun – die Methoden und Ziele des Zen sind mir heute recht fremd. Es geht ja beim Zen nicht um Gott – für den Buddhismus gibt es keine Gottheiten, sondern im Grunde nur das Diesseits, welches letztlich als Leidensweg begriffen wird, der ultimativ beendet werden soll, indem Eingang ins Nirwana gefunden wird. Irgendwie macht mich das alles gar nicht an, schon gar nicht die ewigen Geschichten der unnahbaren Zen-Meister, die die armen Schüler mit unsinnigen Forderungen zur Verzweiflung bringen.

Aber gut, man möchte ja gerne etwas dazulernen, insbesondere im Zusammenhang mit Pferden, nun also: Zen oder die Kunst ein Pferd zu reiten. Schon der Klappentext läßt mich die Stirn runzeln: Der Autor ist Turnierreiter. Wie geht das mit Zen zusammen? Er praktiziert den Zen-Buddhismus täglich, lesen wir, also sollte er doch etwas davon verstanden haben. Wie sieht das aus? Soweit ich weiß, besteht die Praxis aus stundenlangem Zazen – wenn man mal von der Auffassung absieht, daß alles, was man tut, im Geiste des Zen getan werden kann, also zum Beispiel auch der Abwasch oder Unkraut jäten oder, um im Bild zu bleiben, Stall ausmisten.

Mit großem Interesse und ebensogroßem guten Willen begann ich also die Lektüre dieses Buches, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Absatz für Absatz, Seite für Seite, bis ich nicht mehr konnte. Und warum? Weil ich nur Gemeinplätze zu lesen bekam. Ich wartete dringend auf Erkenntnisse, Einsichten, Neuigkeiten, vielleicht hätten es auch Techniken sein dürfen, aber ich bekam nur langweilige und langatmige Referate aufgetischt. Jede Menge Anekdoten über Zen und Zen-Meister und das Reiten, und am Ende eines jeden Kapitels eine Zusammenfassung, etwa in der folgenden Art:

Die Grundlagen des Zen

  • Zen ist keine Religion.
  • Zen geht auf den historischen Buddha Siddhartha Gautama zurück, kam aus Indien zunächst nach China, vermengte sich dort mit dem Daoismus und erreichte in Japan seine heutige Form.
  • Das "Erwachen" des Buddha ist nichts weiter, als die Dinge so zu sehen, wie sie sind.
  • Man muß es selbst erfahren – und jeder kann es erfahren.
a.a.O., Seite 34

Ja so! Hält man es für möglich? Nichts weiter als das? Und deshalb soviel Theater?

Nun ja, der Autor bietet noch andere Zugänge an, zum Beispiel über den Begriff "Harmonie":

Die Grundlagen der Harmonie

  • Die "Große Weisheit", die "Erleuchtung" ist nichts weiter, als Harmonie mit der Umwelt zu finden.
  • Zu viel nachdenken verhindert die Harmonie.
  • Harmonie kann man nur erreichen, wenn die Voraussetzungen im Umgang mit dem Pferd stimmen.
  • Harmonie mit dem Pferd war schon immer die Grundlage des Reitens.
  • Auch die Samurai hatten das Geheimnis der Harmonie erkannt.
a.a.O., Seite 60

Donnerwetter! Schon die Zusammenfassung gibt zu denken. Erleuchtung ist nichts weiter... Ja, so! Endlich habe ich es begriffen. Viel Lärm um nichts! Alles nur Schaumschlägerei! 95 % aller Reiter sind demnach auf dem guten Weg, oder?

Unverdrossen hilft uns der Autor weiter und gibt ganz konkrete Handlungsanweisungen:

Die Kernsätze zur Achtsamkeit

  • Achtsamkeit ist ein zentrales Motiv im Buddhismus und dem Zen.
  • Achtsamkeit bedeutet, sich ganz dem zu widmen, was man gerade tut: dem Antraben beim Antraben, dem Putzen beim Putzen, dem Satteln und beim Satteln.
  • Achtsamkeit verlangt volle Konzentration auf die jeweilige Handlung, darf aber nicht dazu führen, daß man über jede einzelne Handlung nachzudenken beginnt.
  • Achtsamkeit kann man lernen.
  • Achtsamkeit kann man sofort beginnen.
a.a.O., Seite 70

Na also! Ich nehme an, daß man das auch beim Ausmisten lernen kann. Insofern hat Zen mit dem Reiten genauso viel zu tun wie der Küchendienst oder die Gartenpflege oder was auch immer Menschen meinen tun zu müssen. Zen kann also überall und ständig praktiziert werden, vermutlich sogar im Schlaf.

Aber nein, der Autor bringt auch Techniken, zum Beispiel das Zazen. Er gibt zu bedenken, daß unsereiner vermutlich nicht den Lotossitz kann, vielleicht nicht einmal den halben, aber er beruhigt uns, darauf kommt es angeblich gar nicht an. Denn, jetzt lerne ich tatsächlich etwas Neues hinzu, der Lotossitz dient dazu, bestimmte Akupressurpunkte zu aktivieren, die der Reiter nun fast automatisch beim Reiten aktiviert. Also kann der Reiter erst einmal sitzen, und anschließend dann Reiten. Sehr bequem. Damit ist der Reiter jedem anderen Zen-Adepten haushoch überlegen! Vielleicht müssen wir als Reiter noch nicht einmal sitzen, sondern brauchen bloß zu reiten?

Die Bedeutung der Technik

  • Man muß zunächst die Technik und die Grundlagen schulen, sonst kann man sie später nicht überwinden – das gilt im Reiten wie im Zen.
  • Za-Zen, das Zen im Sitzen, ist die Essenz des Zen. Mit der richtigen Haltung und der richtigen Atmung erreichen wir dabei die Entspannung des Geistes.
  • Ist der Geist entspannt, gelangen wir wieder ins Gleichgewicht und erreichten Harmonie.
  • Von diesem Gleichgewicht und dieser Harmonie profitiert auch der Körper.
  • Dieser Zustand läßt sich erlernen – und birgt für das Reiten immense Vorteile.
  • Aber: Za-Zen zu üben, ist keine zwingende Bedingung für harmonisches Reiten.
a.a.O., Seite 120

Da haben wir es: wir müssen gar nicht sitzen. Reiten ist ja auch viel vergnüglicher! Diese Binsenwahrheiten werden sehr langatmig entwickelt und mit vielen Anekdoten und vielen Namen von irgendwelchen Mönchen und Meistern aus Tibet und China und Japan und sonst woher untermauert, müssen also nicht nur wahr sein, sondern auch sehr bedeutsam. Technik ist aber nicht alles, sondern Technik muß auch noch überwunden werden:

Die Kernsätze zur Überwindung der Technik

  • Haben wir die Technik perfektioniert, ist sie nicht mehr wichtig: Wir gehen darüber hinaus.
  • Das gelingt uns, wenn wir das Denken und das Ich vergessen.
  • Dann tritt das Es an die Stelle des Ich, alles geschieht aus sich selbst heraus, und die Intuition bestimmt das Handeln: Das Geheimnis des Wu Wei ist gelüftet.
  • Hinter dem Geheimnis des Wu Wei steht die reine Harmonie.
  • Wir kehren zum Anfängergeist zurück.
a.a.O., Seite 143

Alles klar, oder? Kennen wir doch alle, so ist das Leben! Mit solcher Art Weisheiten und mehr oder weniger passenden Anekdoten füllt der Autor Seite um Seite, und irgendwann konnte ich nicht mehr. Mein Lesezeichen steckt immer noch auf Seite 37, ich fing dann an, querzulesen, hier und da hineinzuschnuppern, um zu sehen, ob sich der Stil des Autors und die Durchdringung des Materials ändert, aber nein, der Vortrag bleibt immer auf derselben Höhe, es ist eine Fleißarbeit, wo man sich ständig fragt, ob der Autor wirklich glaubt, was er dem Leser vorsetzt.

Aber halt! Zum Schluß gibt er zu bedenken, daß Pferde wie Menschen höchst unterschiedlich sind. Das ist mein persönlicher Eindruck, den ich mit anderen Urteilen vergleichen wollte. Bei Amazon hatten sich glücklicherweise drei Rezensenten die Mühe gemacht, und nur einer fand das Buch ähnlich ungenießbar wie ich, die anderen beiden waren begeistert. Etwa so:

Viele Versuche herrauszufinden was Zen eigentlich ist, schlugen fehl, die einzige Antwort war das es eigentlich keine Antwort auf diese Frage gibt. Durch das Buch konnte ich für mich eine Antwort darauf finden was Zen eigentlich ist. Sehr deutlich wird wie wichtig es ist die Harmonie zwischen Pferd und Reiter zu fördern und eine Vollkommenheit der gleichen anzustreben. Wenn dieses Ziel erreicht ist, sind die schwierigsten Dressurlektionen kein Hindernis mehr.

» Der Sinn dahinter

Es gibt zwar keine Antwort, aber durch das Buch kann man die Antwort finden. Bingo! Wer also die schwierigsten Dressurlektionen meistern will, dem sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt. Die andere positive Rezension befindet: "Auch ein gutes Geschenk für die nachdenklicheren Mitreiter. Ich hab es gerne gelesen." Also: Weihnachten steht vor der Tür!

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Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 505 vom 20.05.2012
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