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Editorial   Magazin Magazin, Ausgabe 507, erschienen am 15.12.2008

Magazin  Ausgabe 507
Werner Popken
Editorials  Editorial

Freispringen



Die Pferdezeitung bringt ja regelmäßig die Nachrichten der FN in einer für die Pferdezeitung aufbereiteten Form als Pressemitteilung und weist im Nachrichtenkasten rechts oben im Zufallsverfahren auf die letzten Nachrichten hin. Die aktuellen Nachrichten kommen mittwochs, in der Saison wöchentlich, im Winter alle zwei Wochen. Das Inhaltsverzeichnis der jeweils letzten Ausgabe findet sich unter der Adresse  FN-aktuell, darunter eine Liste von Links mit den Inhaltsverzeichnissen der Nachrichten der zurückliegenden Zeit.

Die FN hat es in der letzten Zeit nicht leicht. Die Doping-Skandale reißen nicht ab, die Dressur ist ins Zwielicht geraten und kommt da nicht recht wieder raus, eine einheitliche Linie in Bezug auf die Rollkur läßt sich nicht erkennen, weshalb es im Prinzip schwierig ist, gegen Leute wie Christine W. vorzugehen, die sich im Grunde auf die anerkannten Methoden berufen. Aber auch im Springsport sieht es gar nicht gut aus, es wird gedopt auf Teufel komm raus, wie die Chefredakteurin der Sankt Georg, Gabriele Pochhammer, in Heft 12/2008 unter dem Titel „Durchgedreht“ sehr überzeugend darstellen konnte.

In dieser Woche gab es eine sehr merkwürdige Nachricht:

FN-Mitgliedszuchtverbände gegen das Freispringen von Fohlen und das Reiten zweijähriger Hengste

Warendorf (fn-press). Bei ihrer Jahresabschlusssitzung in Warendorf haben sich die Mitgliedszuchtverbände der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) sowohl gegen das Freispringen von Fohlen als auch das Reiten zweijähriger Hengste ausgesprochen.

Einstimmig distanzierten sich die Zuchtverbandsvertreter von Werbekampagnen, die Fotos und Videos von springenden Fohlen zeigen, um den Verkauf solcher springveranlagter Fohlen anzukurbeln. Ebenso einmütig lehnten es die Zuchtverbände das Reiten der zweijährigen Köraspiranten vor und während der Körungen im Herbst ab.

"Die Vertreter der Zuchtverbände haben zugesagt, dass es von Verbandsseite keine solchen ‚Werbemaßnahmen’ geben wird und alles daran gesetzt wird, diese auch in der eigenen Züchterschaft zu unterbinden", äußerte sich Dr. Klaus Miesner, Leiter des FN-Bereichs Zucht, zufrieden über das Votum. Hb

 Zucht

Tja, der finanzielle Druck wird offenbar immer größer und die entsprechenden Konsequenzen immer drastischer. Nun muß sogar der Dachverband darauf dringen, daß die Basis sich im Rahmen des bisher definierten Anstands bewegt.


Geschockt

Mit Verwunderung habe ich eine andere Nachricht vernommen, die mir im Grunde unverständlich blieb und sicherlich auch unverständlich formuliert worden ist, um keine Namen nennen zu müssen; es könnte ja sein, daß man das später bereuen müßte. Aber irgendwie sind es doch immer Leute, die etwas entscheiden und bewegen, und nicht etwa Institutionen. In diesem Fall hat das „Executive Board der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) die Mitglieder des FEI-Dressurausschusses zum Rücktritt aufgefordert“ ( FEI / FN/DOKR / BLZ). Was soll das heißen? Was geht hier vor?

Die FN ist schockiert über die undemokratische Vorgehensweise. Die Mitglieder des Ausschusses hätten keine Möglichkeit gehabt, sich zu verteidigen. Ach ja? Wogegen denn? Was wird ihnen denn vorgeworfen? Darüber schweigt sich die FN aus. So etwas nenne ich nicht Information, sondern Desinformation. Man könnte vielleicht auch sagen: Politik. Denn hier wird mit so genannter Öffentlichkeitsarbeit versucht, Druck auszuüben, Druck auf die Leute, deren Vorgehensweise einem nicht gefällt.

Was aber wirklich passiert, soll der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Saubere Gesellen! Soll man die ganze Aufregung jetzt ernst nehmen? Oder soll man nicht lieber sagen: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Daß da oben gemauschelt wird, liegt ziemlich auf der Hand. Was gemauschelt wird, wird nicht verraten, denn dann wäre es ja keine Mauschelei mehr. Alles klar?


FN-Marketingoffensive Turniersport

Im selben Abschnitt wird folgendes angekündigt:

Ist der Turniersport noch attraktiv? Dieser Frage geht die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ab Dezember in einer breit angelegten Befragungsaktion auf den Grund.

a.a.O.

Donnerwetter! Haben die es nötig? Geht es dem Turniersport so schlecht? Muß man da jetzt Geld in eine Umfrage stecken? Sieht so aus!

Befragt werden aktive und ehemalige Turnierreiter zu den Gründen, warum sie am Turniersport teilnehmen beziehungsweise warum sie damit aufgehört haben. Weitere Hintergrundinformationen erhofft sich der Verband durch die Befragungen von Eltern jugendlicher Turniersportler.

a.a.O.

Das klingt ja durchaus neutral, als wollte man wirklich wissen, warum jemand etwas tut oder auch nicht oder nicht mehr, und ließe keinen Schluß auf aktuelle Tendenzen zu; solche Fragen könnte man auch stellen, wenn der Turniersport boomt. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Befragt werden soll unter dem Generalthema „Ist der Turniersport noch attraktiv?“ Und das läßt ja nun wirklich keine Fragen offen.

Wenn dem so ist, darf man hoffen, daß sich tatsächlich etwas ändert in der Pferdewelt. Wenn die Turniersportler ihre Pferde dopen und quälen, je nach Disziplin mehr oder weniger, wobei ich unterstellen möchte, daß es sich nicht um sadistische Absichten handelt, sondern um die Zwänge des Systems, denen sich die Teilnehmer notgedrungen unterwerfen müssen, und das der Grund ist, warum die betreffenden Menschen keine Lust mehr haben, könnte die Situation eintreten, daß der Sport sich wandeln muß.


Die Natur des Menschen

Aber ach, ich fürchte, ich habe das Problem gar nicht richtig dargestellt. Denn die treibende Kraft hinter dem Turniersport sind ja die Sponsoren und die Fans, die Leute, die auf den Rängen sitzen und applaudieren, denen es gefällt, wenn die Pferde gezwiebelt werden, die Sensationen sehen wollen. Nicht zuletzt die Fernsehzuschauer. Dabei waren es offenbar Vertreter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die Druck auf die FN ausgeübt haben, damit gegen eine zu milde Entscheidung der FEI Berufung eingelegt wird, was Gabriele Pochhammer eine „elegante Lösung, mit der der Verband die Verantwortung quasi nach Lausanne weiterreicht“ nennt.

Die Sportskameraden nehmen ihre Kollegen vehement in Schutz, denen man Doping vorwirft, und ganz allgemein geht man davon aus, daß der Nachwuchs den Spitzensportlern in jeder Hinsicht nacheifern möchte. Für die Kenner auf den Bänken gelten sowieso nur Spitzenleistungen, und wie die erbracht werden, geht niemanden etwas an.

Mittlerweile sind die deutschen Westernreiter so gut, daß sie den Amerikanern zeigen können was eine Harke ist. Aber um welchen Preis, das will niemand wissen. „Wie die mit ihren Pferden umgehen und wie die darüber sprechen, das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt“, vertraute mir eine Mitarbeiterin der FN vor Jahren schon an – die war wirklich schockiert und kam natürlich aus den klassischen Disziplinen, die ja nun auch nicht gerade zimperlich sind. Die Westernreiter waren gerade erst in die FN aufgenommen worden, und die gute Frau mußte von Amts wegen an deren Sitzungen teilnehmen. An diverse Skandale auf Verbandsebene kann ich mich auch noch erinnern. Na klar, Cowboys waren schon immer harte Burschen, oder?

So lange es Leute gibt, die so etwas sehen wollen, wird es Leute geben, die so etwas machen wollen – davon kann man getrost ausgehen. Die Wandlung muß also eigentlich von den Zuschauern ausgehen, nicht von den Aktiven. Wenn diese keine Lust mehr haben, ist das natürlich schon toll, aber wenn sich niemand mehr so etwas anschauen möchte, auch nicht mehr im Fernsehen, dann sieht die Sache schon anders aus. Und wenn die Verantwortlichen vom Fernsehen Druck auf die FN ausüben, könnte man das so interpretieren, daß die befürchten, daß ihnen die Zuschauer weglaufen. Sehe ich das richtig?


Haiku

Wandlung des Menschen.
Schwierig, schwierig. Und doch leicht.
Passiert immerzu.



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