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![]() Zivilist ist plötzlich todkrank: was fehlt ihm? |
| Hinweis der Redaktion: Dies ist ein weiterer Teil der Auszüge aus dem zweiten Band über das Pferd Zivilist. Beide Bände liegen zwar in mehreren Sprachen vor, sind aber sämtlich vergriffen. Eine Neuauflage wird derzeit vorbereitet. Links zur Suche in antiquarischen Datenbanken finden Sie unter Quellen am Ende des Artikels. |
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Bob und ich stiegen in den Hänger zu Zivilist, Joe steuerte den Wagen und los ging die Fahrt. Der Hänger war kein Vergleich zu den in Deutschland gewohnten. Man hätte fast drin wohnen können auf Dauer. Ausgestiegen wurde auf einer riesigen Weide, auf der circa sechzig Pferde standen. Einige kamen auf Zivilist und mich zu. Offensichtlich die Chefs der verschiedenen Gruppen. Es wurde sich im Kreis aufgestellt, die Köpfe zusammengesteckt, Nüstern an Nüstern und leise ausgeschnaubt. Das wiederholte sich ein paar Mal, dann war er in die Chefetage aufgenommen. Zivilist ging mit ihnen zum Rest der Herde. Schon bald hatte er selbst ein kleines Grüppchen um sich versammelt. Die Pferdeweiden hier waren so groß, dass man sie als Mensch nicht mehr zu Fuß bewältigen konnte. Man musste sich zwangsläufig mit einem Jeep oder einem Pferd vorwärtsbewegen. Die Arbeitspferde wurden in kleinen Weiden von ca. 50 ha Größe gehalten. Sie wurden morgens per Pfiff gerufen, worauf sie alle kamen und sich vor ihren jeweiligen Reiter und Pfleger stellten. Als alle auf ihrem Platz standen, wurden sie geputzt und gesattelt. Die Tagesarbeit ging los. Abends, nach getaner Arbeit, wurden sie abgesattelt, wieder geputzt, mit Futterhafer versorgt und nach einem kurzen Plausch, in dem sie gelobt wurden, durften sie wieder auf die Weide. Am nächsten Tag sah ich dann die gleiche Vorstellung wieder. Das ehrliche Engagement der Cowboys für ihre Pferde und auch der Blick für ihr Wohlbefinden hat mir gefallen. Zivilist zog nach einer gewissen Futterumstellungszeit mit seiner eigenen Herde umher, kam aber abends regelmäßig zum Haus, um mich zu besuchen. Seine Herdenmitglieder warteten dann im Hintergrund. Wir spielten zusammen, ich putzte ihn, reinigte seine Hufe, setzte mich zu ihm und genoss die Ruhe, die unendliche Weite. Nach einer gewissen Zeit brach er Richtung Herde auf und forderte mich gelegentlich dazu auf, mitzukommen, indem er mich leicht an der Schulter stupste oder mich sanft im Rücken schob. „Nein, Zivilist, ich kann nicht mitgehen, mir ist das zu weit. Ich mit meinen zwei Beinen kann nicht so lange laufen wie du.“ Dabei schlang ich lachend meine Arme um seinen Hals, „geh schön, Zivilist, bis morgen.“ An einem Abend stand er mit glasigem, fiebrigem Blick vor dem Haus und hielt sich krampfhaft auf den Beinen. „Zivilist, um Gottes Willen, was ist denn los? Ist dir schwindlig? Komm, wir gehen in den Stall gleich neben dem Haus!“ Schritt für Schritt ging ich voraus, er stützte seinen Kopf auf meine Schulter, was er noch nie getan hatte. Er ging auf wackeligen Beinen hinter mir her. Im Stall angelangt führte ich ihn in eine große Box für Mutterstuten. „Zivilist, willst du vielleicht etwas trinken? Dann hole ich einen Eimer.“ Aber er wollte nichts trinken. „Vielleicht willst du dich hinlegen? Leg dich doch mal hin, vielleicht gehts dann besser, Zivilist.“ Er legte sich hin, blieb aber nur einen Moment liegen und sprang dann fast panikartig wieder auf. Er wurde immer schwankender und teilnahmsloser. Er schwitzte und hatte offensichtlich hohes Fieber. Immer wieder stützte er seinen Kopf auf meiner Schulter auf. Und wenn ich Hilfe holen wollte, versuchte er mit letzter Kraft, mitzukommen. Es half auch nichts, wenn ich ihn beruhigte und sagte, dass er hier bleiben müsste, damit ich Hilfe holen könnte. Zufällig sah einer der Cowboys Licht im Stall und schaute herein. Ich rief ihm gleich zu: „Schnell, schnell, ruf einen Tierarzt, Zivilist geht es ganz schlecht!“ Er fragte nicht lange nach und war sofort wieder draußen. „Zivilist, halt durch, jetzt kommt bald ein Tierarzt!“ Lloyd, so hieß der Cowboy, kam zurück und sagte: „Der Tierarzt ist unterwegs. Was ist denn los mit ihm?“ „Ich weiß nicht“ , antwortete ich kurz, „aber kannst du mir bitte meine grüne Reisetasche und mein Handy vom Zimmer bringen?“ |
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Ohne Worte zu verlieren überließ Lloyd mir sein Handy und lief rüber ins Haus. Ich versuchte, Richard zu erreichen, um ihn zu fragen, was die Ursache sein könnte. Er war nicht zu erreichen. Zwischenzeitlich kam Lloyd mit meiner Reisetasche zurück. Ich kramte mein Retterspitz-Mundwasser heraus, verdünnte es stark, tränkte damit Handtücher, die Lloyd mir herbrachte, und legte Wickel an seine vier Beine. Von der Lösung gab ich immer wieder ein paar Tropfen auf Zivilists Zahnfleisch. Roul, der Koch, brachte schwarzen Tee, den Lloyd in Auftrag gegeben hatte, aber den wollte Zivilist nicht. Gott sei dank traf jetzt der Tierarzt ein. Er untersuchte ihn rasch und stellte fest, dass sein Zustand kritisch sei. Zivilist hatte 41, 5 Grad Fieber, blasse Schleimhäute, einen flachen Puls, aber sonst konnte er nichts konkretes feststellen. Er nahm Blut ab, um genaueres sagen zu können. Ich redete während des Arztbesuches beruhigend auf Zivilist ein: „Halt durch, Zivilist, du musst kämpfen, damit du wieder gesund wirst!“ Der Tierarzt spritzte ihm eine Mischung aus Cortison und Antibiotikum. „Mehr kann ich im Moment nicht tun. Sobald ich die Laborbefunde habe, komme ich wieder vorbei.“ Bob war inzwischen eingetroffen und brachte einen älteren, weißhaarigen Herrn mit, der Ben hieß. Er besah sich Zivilist eingehend und fragte mich, was mir mein Herz sagte. Wie unter Zwang sagte ich: „Irgendeine Art von pflanzlicher oder tierischer Vergiftung.“ Er fragte weiter, seit wie vielen Stunden mein Pferd seinen Kopf auf meine Schulter gestützt hatte. „Meinst du, er kommt durch?“ fragte er mich völlig unvermittelt. „Ja, mein Zivilist ist ein Kämpfer!“ Er nickte zustimmend. „Und was hat er jetzt?“ „Ich denke, eine Schlange hat ihn gebissen. Für heute soll es an Medizin gut sein. Morgen bringe ich dir verschiedene Arzneien.“ Irgendwie hatte mich Ben mehr beruhigt als der nette Tierarzt. Die Nacht verlief ruhig und ich hatte den Eindruck, Zivilists Zustand verschlechtere sich nicht. Er trank viel. Die Beinwickel erneuerte ich immer wieder. Immer wieder wischte ich ihm den Schweiß ab, streichelte ihn. Im Gegensatz zum Anfang ließ er nun seinen Kopf ganz tief hängen, was ihm aber offensichtlich gut tat. Ich richtete mein Nachtlager neben Zivilist ein und fasste ihn mit meiner Hand um sein Bein, damit er spüren konnte, dass ich da war. Mir gingen allerhand Dinge durch den Kopf. Was wäre, wenn er sterben würde? Hatte er ein gutes Leben gehabt? Welche Versprechen hatte ich noch nicht eingelöst? Wenn ihn eine Schlange gebissen hätte, müsste man doch einen Biss finden können. Ich stand auf und tastete seinen ganzen Körper ab. Am Unterkiefer stellte ich eine kleine Verdickung fest, konnte aber keine Bisswunde finden. Am frühen Morgen kam der Tierarzt. Ich hatte einstweilen auch Richard erreicht, der sich nun mit dem Kollegen unterhielt; sein Zustand sei sehr bedenklich. Die Blutwerte, so hörte ich, seien ganz schlecht, rote Blutkörperchen zersetzten sich – sind an unterster Grenze. „Ah, vorher noch nie auffällig. Heute gebe ich blutbildendes, Vitamin E und Selen. Ich halte sie auf dem laufenden, Richard“ , hörte ich ihn sagen und fand das nett und kollegial. Ich bat den Tierarzt, mir die Laborwerte zu zeigen. Die roten Blutkörperchen waren auf ein Minimum abgesackt, Mineralwerte waren durcheinander, Leber- und Nierenwerte waren an der obersten Grenze, aber in der Toleranz, erklärte er mir. „Was könnte Zivilist haben?“ fragte ich erneut. „Vermutlich eine Virusinfektion, es gibt ein Virus, das die roten Blutkörperchen zerstört. Aber ich muss noch Testergebnisse abwarten. In drei Tagen wissen wir mehr.“ „Wenn er dieses Virus hätte, was würde das für Zivilist bedeuten?“ „Es wäre unheilbar. Er könnte überleben, hätte aber immer wieder solche Krankheitsschübe. Er müsste sein Leben lang wegen der Ansteckungsgefahr von Pferden isoliert leben. Hier müsste ich ihn aber einschläfern und verbrennen lassen, laut Gesetz.“ Er wusste aber nicht, wie es in Deutschland gehandhabt wurde. „Sind hier schon Fälle dieser Erkrankung aufgetreten?“ „Nein, bisher nicht.“ |
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„Gestern war Ben hier“ , ein Halbindianer, der alles über Pferde weiß, wie mir Bob erklärt hatte, „er meinte, es sei ein Schlangenbiss“ , sagte ich zum Tierarzt. Er antwortete daraufhin: „Ben hat zwar oft recht, aber ich kenne hier keine Schlange, die ein blutzersetzendes Gift hat. Und wenn, stünden die Chancen ohne Gegengift noch schlechter.“ Nachdem er gegangen war, kreisten meine Gedanken um das Gehörte – alles schien ausweglos. Eine lähmende Stimmung kam in mir auf. Ich blickte zu Zivilist und plötzlich schoss es mir in den Kopf: Ein Virus ist es nicht! Ich zog die Blutwerte aus meiner Tasche, studierte sie noch einmal, kramte all mein Wissen über die Aussagen solcher Werte hervor, untersuchte Zivilist noch mal eingehend, fühlte seinen Puls, maß Temperatur – sie war ein wenig, nämlich auf 41, 3 Grad, heruntergegangen – Zivilist trank zwar weiterhin viel, hatte aber noch keinen Appetit. Ich verdunkelte die Box, weil ihm das angenehmer war, bat alle um Ruhe im Stall, da mir aufgefallen war, dass er sehr geräuschempfindlich war. Wir brachten eine gepolsterte Stange an, damit Zivilist seinen Kopf aufstützen konnte, wenn er wollte. Ich bat Bob, mir verschiedene Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine holen zu lassen. Ben brachte mir frische Blätter und pflanzliches Pulver vorbei, und riet mir dazu, ihm zu geben, was er wolle und soviel er wolle. Nachschub würde er bringen. Ich bedankte mich für seine Unterstützung. Die Behandlung konnte beginnen. Ich machte weiterhin die Beinwickel, auf die kleine Verdickung zwischen den Unterkieferknochen legte ich eine Kompresse mit Retterspitz-Mundwasser pur und Minzeöl, die ich mit einer breiten Binde anlegte. Er ließ alles bereitwillig geschehen. Gegen Abend wurde Zivilists Blick lebhafter. Am nächsten Tag kam der Tierarzt wie verabredet wieder. Ich bat ihn, Zivilist nur noch eine Antibiotikumspritze zu geben und erklärte ihm, was ich Zivilist gab, da es ein Virus nicht sein konnte – und bei einer Vergiftung bliebe auch nur dieser Weg. Zusätzlich hielt ich die Überlegung von Ben für zutreffend, „Wenn ein krankes Pferd die heilenden Pflanzen nicht selbst erreichen kann, muss man sie ihm bringen!“ ...und Ben schien zu wissen, welche Pflanzen es bei welcher Krankheit suchen würde. Al, so hieß der Tierarzt, fand das in Ordnung. Er würde sich wieder melden, wenn morgen die restlichen Blutwerte vorlägen. „Wobei ich immer noch denke, dass es nur dieses Virus sein kann. Aber, mein Gott, ich hoffe es nicht.“ Maxwell, den ich am Vortag angerufen hatte, sagte seine Verpflichtungen ab und kam überraschend. „Ich kann euch doch nicht alleine lassen“ , sagte er lächelnd zur Begrüßung zu mir. Während der kritischen Tage war er zwar in unserer Nähe, hielt sich aber dezent im Hintergrund. Es war beruhigend, ihn in der Nähe zu wissen. Nach drei Tagen kam das Feuer wieder zurück in Zivilists Augen. Er nahm wieder kleine Mengen Essen auf: Heu, Kraftfutter, Karotten, und wollte sich auch wieder hinlegen, was er die ganzen Tage nicht getan hatte. Das Fieber war verschwunden. Es stellte sich heraus, dass Zivilist nicht dieses Virus hatte. Al hatte dies vorab Bob schon telefonisch mitgeteilt, und der kam jetzt mit all den Cowboys im Schlepptau, um auf die gute Nachricht anzustoßen. Al, der zwischenzeitlich auch eingetroffen war, wollte Zivilist trotzdem vorsichtshalber noch mal ein blutbildendes Medikament spritzen. Als er auf ihn zuging und zum Spritzen ansetzen wollte, drehte Zivilist demonstrativ seinen Hals weg. Alles fing an zu lachen. „Al, ich glaube, er braucht deine Hilfe nicht mehr“ , sagte Bob. „Oder mein Medikament“ , wandte sich Al freundlich zu Zivilist. Es dauerte noch einige Wochen, bis ich an eine Rückreise denken konnte, denn trotz guten Appetits und Futteraufnahme nahm Zivilist anfangs noch ab. Die Muskeln waren noch recht schlaff, der Körper brauchte eine gewisse Regenerationszeit. |
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In diesen Wochen machten wir zusammen kleine Spaziergänge, sonnten uns faul. Zivilist durfte alles anknabbern und fressen, was er wollte, auch Bobs Pflanzen auf der Veranda. Langsam interessierte er sich auch wieder für seine Artgenossen und gesellte sich zu ihnen von Zeit zu Zeit. Allerdings musste ich ihn begleiten und dabei bleiben, sonst ging er mit mir zurück. Manche Pferde versuchten, ihn zu verdrängen, andere fingen an, sich mit ihm putzen zu wollen. Gelegentlich musste ich den Kreis um ihn energisch freihalten. Zivilist war wieder kräftig genug, um die Rückreise in unser Mittelmeerdomizil anzutreten. Bob war beim Abschied immer noch traurig darüber, dass Zivilist bei ihm fast gestorben wäre. „Bob, es ist doch gut ausgegangen!“ beruhigte ich ihn, „und wir sind nicht nachtragend.“ Meine Worte trösteten ihn nicht recht. „Zivilist und ich kommen gerne wieder zu dir...und deinen Schlangen“ , fügte ich nach einer kurzen Pause noch lächelnd hinzu. Bob war ein wenig aufgeheiterter und sagte: „Ihr müsst unbedingt wiederkommen, zu Besuch oder auch für immer!“ Nun brachte er uns mit dem „fahrenden Wohnzimmer“ zum Flughafen, wo es dann wieder mit Scheich – Airlines, diesmal ohne Scheichs, zurück in den europäischen Süden ging. Fortsetzung folgt. Eine Neuauflage ist in Vorbereitung.
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