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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 542, erschienen am 16.08.2009

Magazin  Ausgabe 542

Gymnastizierung: Dehnung der Oberlinie
vom Genick bis zum Schweifansatz

Foto: Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Stellen und Biegen beim Durchreiten der Ecken
  2. Abschnitt  Durchreiten der Ecken
  3. Abschnitt  Beobachten, Denken, Wissen
  4. Abschnitt  Teil 4
  5. Abschnitt  Ohne Sattel
  6. Abschnitt  Grenzen für sattelloses Reiten
  7. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 513:
Hauptartikel  Zivilist – Biographie eines Pferdes

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 514:
Hauptartikel  Bei Dietl und Rick

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 517:
Hauptartikel  Langsame Fortschritte, tiefe Einblicke

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 518:
Hauptartikel  Kein Pferd, sondern eine Zumutung

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 519:
Hauptartikel  Türen öffnen und andere Scherze

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 520:
Hauptartikel  Sag’ mal ‘Ja’, das geht ganz einfach

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 524:
Hauptartikel  Trab, Galopp und Reitunterricht

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 525:
Hauptartikel  Experte oder Quäler? Zeigen, wer der Herr ist!

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 526:
Hauptartikel  Abenteuer mit Günther

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 527:
Hauptartikel  Ein Clown namens Crizzie

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 528:
Hauptartikel  Schach und Schreiben mit Zivilist

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 532:
Hauptartikel  Geballte Bosheit: Vom Regen in die Traufe

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 533:
Hauptartikel  Biographie eines Pferdes, 2. Teil

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 534:
Hauptartikel  Hufgenesung, Fernsehauftritt, Kur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 537:
Hauptartikel  Sir Henry und das krebskranke Mädchen

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 538:
Hauptartikel  Ruhestand und Reise in den Süden

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 539:
Hauptartikel  Flug in die USA mit Scheich-Airlines
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Das Fohlen gymnastiziert sich selbst mit seinen lebensfrohen Sprüngen: Dehnung der Oberlinie vom Genick bis zum Schweifansatz
Stellen und Biegen beim Durchreiten der Ecken

Wendung um die Hinterhand oder Kurzkehrtwendung

Zum Thema
Thema  Ausbildung



von Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl


28. Juni 2009

Zum Anfang meines Briefes möchte ich Dir wieder ein Foto zeigen, das ein Fohlen des Gestüts Röttgen bei seinen lebensfrohen Sprüngen zeigt. Das Foto beweist, wie wunderbar von der Natur der Weg der klassischen Ausbildung bestätigt wird, zu dem immer wieder und vor allem am Anfang der Ausbildung des Pferdes das Dehnen der Rückenmuskulatur nach vorwärts-abwärts gefordert wird. Es bestätigt auch, dass ein Pferd, zumal ein junges, sich selbst gymnastizieren kann, denn hier greift kein Mensch, kein Reiter in diesen gymnastischen Vorgang ein. -

Vor wenigen Tagen kam Deine DVD und da sehe ich unter anderem, dass das Stellen und Biegen beim Durchreiten der Ecken zur Zeit wohl in eine falsche Richtung läuft. Statt dass Du dabei auf der rechten Hand nach innen sitzen und das innere Bein lang machen kannst, setzt Dich Dein Pferd nach außen. Um das auszugleichen versuchst Du mit dem Oberkörper wieder mehr über das Pferd zu kommen und dabei knickst Du dann in der inneren Hüfte noch mehr ein. Das ist häufig auch bei anderen Reitern zu sehen. Wird es nicht bemerkt und korrigiert, reiten solche Reiter oft ein Leben lang so weiter und das Pferd wird sich wohl oder übel daran gewöhnen, aber seinerseits auch immer schiefer werden.

Bei richtig gerittenen Wendungen, also auch beim Durchreiten der Ecken, sollte das Pferd seinen Rücken entsprechend der Stärke der verlangten Biegung etwas nach der inneren Seite senken. Auch der Läufer oder der Radfahrer neigen sich in einer Kurve etwas nach innen, senken die innere Schulter, um der Fliehkraft entgegen zu wirken. Wenn der Reiter aber die Wendung, in diesem Fall die Ecke, nur mit dem inneren Zügel einleitet und durchreitet, lässt er dem Pferd kaum die Möglichkeit sich zu biegen, da die Zügelhilfe ja nur auf Kopf und Hals des Pferdes wirkt, der biegende innere und der verwahrende äußere Schenkel aber außer Gefecht bleiben.

Du solltest also darauf achten, dass Du rechtzeitig vor einer Ecke die entsprechende leichte Stellung nach innen von KORALLE verlangst, das kann bei einem jungen Pferd oder einem Pferd, das sich nicht gern biegt vielleicht schon ab dem Wechselpunkt der langen Seite notwendig sein.

Da das Pferd außer beim Schenkelweichen und den Seitengängen immer auf  e i n e m  Hufschlag gehen soll, auch auf gebogenen Linien, ist eine entsprechende Biegung (‚Rippenbiegung') des Pferdes gefordert, ansonsten würde es wie eine Straßenbahn durch die Ecke oder auf anderen gebogenen Linien ‚schrägeln'. Diese ‚Biegung fordert von Deinem Pferd am eigentlichen Beginn der Ecke und durch die Ecke das Treiben mit dem inneren Schenkel und das Verwahren mit dem äußeren Schenkel.

Durch das deutliche Treiben mit dem inneren Schenkel bringst Du Dein Pferd gleichzeitig vermehrt an den äußeren Zügel, so dass Du auf der Linie durch die Ecke mit der inneren Hand leichter werden kannst im gleichen Maß, in dem der innere Schenkel mehr oder weniger intensiv treibt. Du kannst mit der Biegung erst dann zufrieden sein, wenn Du, (mit der inneren Wade deutlich am Pferd bleibend!) mit der inneren Hand nachgeben kannst und Biegung und Stellung dabei nicht verloren gehen.

Durch den vorne liegenden inneren Schenkel und seinem weiter zurück liegenden äußeren Schenkel wird die innere Hüfte des Reiters etwas mehr vorgeschoben und es entsteht eine einseitig belastende Gewichtshilfe, die ebenfalls die Biegung unterstützt.

Beim Herausreiten aus der Ecke sollst Du Dir bewusst machen, dass Du wieder auf eine Gerade kommst und Dein Pferd entsprechend gerade stellen. Man sieht aber viele Reiter, die es ihrem Pferd überlassen, wie es sich den Weg zur nächsten Ecke selbst wählt.

Durchreiten der Ecken  oben 



Auch auf das Durchreiten der Ecken habe ich schon und sogar sehr ausführlich und mit dichterischen Anwandlungen in einem früheren Brief Bezug genommen, aber erst durch die Videos (oder erst beim Unterricht auf dem Platz oder in der Halle) zeigt sich jetzt, wo's noch fehlt und wo man helfen muss.

Würde ein Buch oder würden einmalige Anweisungen des Ausbilders genügen, wäre das Reiten lernen einfach. Letzten Endes ist es aber so, dass man bei der sehr ausgefeilten und wissenschaftlich mit der Bewegungslehre begründeten klassischen Ausbildung eines Pferdes auf vielen falschen Pfaden wandelt, bis man den vorgegebenen richtigen Weg gefunden hat, es sei denn, man hat den richtigen vierbeinigen Ausbilder, der den aufsteigenden Weg von der Losgelassenheit im Takt bis zur hohen Versammlung körperlich beherrscht.-

Beim Durchreiten der Ecken kommt als Schwierigkeit meist dazu, dass fast alle Pferde eine steife (schwierige) Seite haben, sei's von Geburt an oder sei's auch durch den einseitig einwirkenden Reiter, der ja auch in seiner Körperachse meist entweder angeboren schief ist oder schief geworden ist, auch wenn man das nicht immer sieht. Das erfordert auch eine ständige Selbstkontrolle des eigenen Körpers oder Kontrolle durch andere, die deshalb keine Reitsachverständige sein müssen.

Es spielt eine dominierende Rolle beim Reiten, ob der Reiter sich immer bewusst und in der Lage ist, sein Gewicht entsprechend den Bewegungen seines Pferdes über dessen Schwerpunkt zu halten, das heißt, sich mit seinem Pferd so im Gleichgewicht zu befinden, als wären beide in puncto Bewegung ein Wesen.

Noch ein Hinweis: durchreite vorerst die Ecke in einer Viertelvolte, die etwa einer Volte von 8 Metern Durchmesser entspricht. Erst wenn euch beiden das mit Leichtigkeit gelingt, reite tiefer in die Ecke hinein, bis zum Viertel einer Volte von 6 Metern.

Das Durchreiten einer Ecke wird gegenüber anderen vergleichbaren Wendungen, wie z. B. Volten, durch die begrenzende Bande unterstützt und erleichtert. Eine Volte oder gar eine Doppelvolte im freien Raum zu reiten, auch wenn sie an der Bande beginnt und endet, ist wesentlich schwieriger, weil man in gleichem Abstand um einen nicht sichtbaren Mittelpunkt herumreiten muss. Auch das wird von vielen Reitern sehr großzügig gesehen und die Pflaumen und Birnen reifen dabei zahlreicher als die Äpfel.

Fazit: üben, üben, üben – aber nicht an einem Stück! Und einen Helfer um Kontrolle bitten.

Über die anderen Schwachpunkte die ich sah, Rückwärtsrichten und Eilen, soll noch die Rede sein. Bis dann also.

9. Juli 2009

Liebe Nora,

Das Ausbildungsprogramm zur Grundausbildung Deiner KORALLE ist fast vollständig besprochen, wenn auch ganz sicher immer wieder Fragen auftauchen und Fehler gemacht werden, so dass es von Fall zu Fall noch vieles dazu zu sagen gibt.

Eine Lektion fehlt noch:

DIE WENDUNG UM DIE HINTERHAND ODER DIE KURZKEHRTWENDUNG

Erstere wird aus dem Halten zum Halten ausgeführt, hingegen wird die Kurzkehrtwendung aus dem Schritt oder aus dem Trab geritten, in einem Fluss, ohne zu halten.

Beide Arten um die Hinterhand zu wenden reitet man von einer geraden Linie ausgehend und während der Grundausbildung in den niedrigen Dressurklassen an vorgegebenen Punkten an den langen oder kurzen Seiten der Bahn.

Es ist ratsam, sich zunächst an das traversartige Reiten im Schritt zu erinnern und es häufig gymnastizierend in die Arbeitsstunde einzubauen. Besonders nützlich ist das natürlich auf dem Zirkel und auch auf einem verkleinerten Zirkel beziehungsweise in der Volte, die man an jeder Stelle auf dem Hufschlag oder im Inneren der Bahn anlegen kann. Der Unterschied zur einfachen Volte ist der, dass die Hinterhand Deiner KORALLE einen etwas kleineren Kreis beschreiben soll als die Vorhand, beziehungsweise dass die Vorhand um die Hinterhand herumgeführt wird, und das umso deutlicher, je enger der Zirkel, die Volte, der Kreis ist, den Du reitest.

Ebenso wichtig ist es, dass die der Wendung vorausgehenden halben und ganzen Paraden durchlässig, ohne fühlbaren Widerstand von KORALLE angenommen werden. Wenn Du bereits bei den Paraden keine ungestörte Kommunikation herstellen kannst, dann brich den Versuch zur Hinterhandwendung ab und stelle erst wieder das Einverständnis zwischen euch beiden her. Es ist wichtig, dass Du erkennst woran der Fehler liegt, (meist beim Reiter!) sonst kannst Du ihn nicht abstellen.

Beobachten, Denken, Wissen  oben 



Auch hier wäre natürlich der erfahrene Ausbilder notwendig, auch hier musst Du ihn aber durch eigenes Beobachten, Denken und Wissen so gut als möglich ersetzen. Ich habe in meinen jungen Jahren kurz nach Kriegsende mangels finanziellen Mitteln auch keinen Ausbilder gehabt. Aber ich habe jede Möglichkeit wahrgenommen, wenigstens Gesprächskontakte zu guten Reitern herzustellen, von denen ich wusste dass sie ihre Pferde selbst ausgebildet hatten, und habe mich, wie ich schon berichtete, bei Richterschulungen auf Turnieren dazu gemogelt. Hie und da war auch einer der Reiter bereit, mal zu einem meiner Pseudo-Reitplätze zu kommen und mir beim Reiten zuzuschauen, um mir mit seiner Kritik und seinem Rat zu helfen. Diesen Reiterfreunden bin ich noch heute dankbar und sie bleiben in meinem Leben als gute Erinnerung.

Eines ist aber ganz wichtig: sich dessen bewusst zu bleiben, dass die Annäherung an die REITKUNST umfassendes Wissen, großen geistigen Einsatz und körperliche Sensibilität fordert, ein ganzes Reiterleben lang, wenn man nicht als Auch-Reiter auf anderen Wegen sein Genüge finden will.

Es gibt den Spruch:

WAS DU TUN WILLST, TUE GANZ!

Nichts ist schlimmer für das eigene Ego, als auf halbem Wege zu scheitern. Das ist bei der Ansprüchlichkeit des klassischen Reitens häufig der Fall und führt so manchen Reiter auf bedenkliche Nebenwege, die versprechen, auf ihnen recht schnell und einfach das vermeintlich einzig wahre Glück auf dem Pferderücken erleben zu können. Meist ist es aber mit dem Wissensschatz der Neuerfinder des Reitens nicht weit her – nur leider merkt das nur der, der selbst viel weiß.

Mein Rat: beginne mit dem Üben der

KURZKEHRTWENDUNG

denn Du bist bei deren Beginn bereits in der Vorwärtsbewegung, brauchst also Dein Pferd nicht erst ‚in Gang zu setzen', wie das bei der Wendung aus dem Halten nötig ist.

Die Kurzkehrtwendung aus dem Schritt ist eine versammelnde Übung und beginnt mit einer deutlichen halben Parade, die das Pferd veranlassen soll, mit den Hinterbeinen zwar weiter zu treten, aber in einem sehr engen Halbkreis. Der innere Hinterfuß tritt dabei fast auf der Stelle, aber mit erkennbarer Vorwärtstendenz. Der äußere Hinterfuß tritt vor und um den inneren herum, ohne zu kreuzen!

Die Kurzkehrtwendung wird erleichtert, wenn man sie aus einer leichten Schultervor-Stellung beginnt. Aus dem Schritt bedeutet das keine Schwierigkeit.

Aus dem Trab kann man bereits schultervorartig zum Schritt durchparieren und daraus die Wendung beginnen. Nach dem Durchparieren aus dem Trab zum Schritt soll allerdings die Wendung prompt erfolgen, das heißt, möglichst nach nur einem Schritt-Tritt. Anfangs darf man das aber auch nicht zu ernst nehmen, sonst könnte die Parade zu grob werden. An jede neue Anforderung muss sich der unerfahrene Reiter ja erst herantasten.

Auch der Halbkreis, in dem die Vorhand um die Hinterhand herumgeführt wird, darf anfangs lieber zu groß sein, als dass Dein Pferd bei Beginn der Wendung zurück tritt.

Beginne mit der Wendung aus dem Schritt. Du kannst dazu auch in den freien Raum der Reitbahn gehen, zum Beispiel in die Mitte des Zirkels. Dort beginnst Du mit einer traversartig (Vorhand um die Hinterhand) gerittenen größeren Volte im Schritt, die Du allmählich verkleinerst, aber nur so weit, dass der Fluss der Bewegung erhalten bleibt und das Ganze kein Gewürge wird. Der äußere Schenkel wirkt seitwärts-vorwärts, der innere Schenkel treibt wieder vermehrt an den äußeren Zügel (diagonale Hilfengebung), so dass die innere Hand leicht bleiben kann und durch Annehmen und Nachgeben nur für den Erhalt der Stellung sorgen muss. Der äußere Zügel ist also auch hier wieder der führende, muss aber soweit nachgeben, dass Stellung und Biegung in Gangrichtung Deinem Pferd möglich bleiben.

Teil 4  oben 



Junges Pferd – junger Reiter/Teil 4

12. Januar 2009

Liebe Nora, das ist ja keine gute Nachricht, dass KORALLE einen Satteldruck hinter dem Widerrist hat. Du sagtest mir am Telefon, dass Du Dir eigentlich nicht erklären kannst, woher er kommt, da der Sattler alles Technische nachgeprüft hat und keine Notwendigkeit sieht, irgendetwas am Sattel zu verändern. Also liegt es nicht am Sattel. Aber es gibt noch andere Gründe:

Die Sattelunterlage könnte verschwitzt und mit Schmutz verklebt gewesen sein, es können größere Schmutzpartikel gerieben haben, es könnte eine kleine, aus anderen Gründen infizierte Schwellung bereits bestanden haben (im Sommer z. B. Mückenstiche) oder es können auch allergische Hautirritationen sein, die sich letztendlich entzünden und es könnte auch sein, dass die Sattelunterlage unter den Vorderzwiesel gerutscht ist oder am Widerrist Falten schlägt.

Meine Erinnerung bringt mich wieder zu meiner Dir bereits einschlägig bekannten Trakehnerstute LIPICA, genannt PIZZI. Sie hatte zwar nie einen Satteldruck, dafür neigte sie aber, als sie noch reichlich Babyspeck rechts und links des Widerrists hatte, ganz stark zum Gurtdruck. Durch den Babyspeck rutsche der Sattel immer zu weit vor und dadurch lag der Gurt dann direkt zwischen Ellbogen und Rumpf, wo die Haut Falten schlagen kann und wo die Gurtränder in die Hauttasche zwischen Ellbogen und Rumpf drücken.

Es war für mich ein großes Problem, weil sie ja von der Art ‚Kleiner Büffel' und nicht grade handlich war und gerade deshalb regelmäßige und ausreichende Arbeit brauchte. Wer im Stall damals beobachten konnte, wie sie mich oft wirklich wie ein Büffel durch die Gegend zog, der prophezeite mir, dass sie mich eines Tage wahrscheinlich umbringen würde.

Ich habe noch die REITER REVUE vom September 1983 – das ist also jetzt 26 Jahre her – in der ein Artikel von mir erschien, der unter dem Titel: ‚WIE WÄR'S MAL OHNE SATTEL' meinen Kampf mit PIIZZCHENS Gurtdruck und meine reiterliche Notlösung beschreibt. Da KORALLE einige Tage außer Gefecht ist, hast Du ja etwas Zeit für meine kleine Reminiszenz, sofern Dich mein Artikel nicht zum sattellosen Reiten inspiriert. Nachstehend also mein damaliger Text:

"Die alten Germanen sind, soweit es europäische Gefilde betrifft, der Überlieferung nach am längsten auf bloßem Pferdrücken geritten. Sie verachteten – laut Gajus Julius Cäsar – Reiter auf Pferden, die umgeschnallte Decken oder Sitzkissen trugen und droschen wild auf solche ein, wenn sie sich blicken ließen. Von Sätteln konnte zu jener Zeit ohnehin kaum die Rede sein, auch nicht bei den Griechen oder Römern. Wie ich las, sollen die ersten Sättel in Form von Holzgestellen von Nomaden in Nordasien bestiegen worden sein; sie lagen auf den Rücken von Rentieren, lange bevor die Geschichte des Pferdes als Reittier begann. Erst nach der Völkerwanderung fängt in unseren Breitengraden die Geschichte des Sattels an.

Wer sich heute entschließt Reiter zu werden, schwingt sich im übertragenen Sinn eher in den Sattel, als aufs Pferd. ‚ …lasst mich nur in meinem Sattel gelten, bleibt in Euren Hütten, Euren Zelten …' Es wäre Göthe bezeichnenderweise nicht eingefallen zu schreiben ‚lasst mich nur auf meinem Pferde gelten', obwohl das Versmaß nicht im Geringsten dadurch gestört worden wäre.

Der Sattel ist der geheime Inbegriff des Reitens. Er verschafft auch Reitersmännern und Amazonen mit kärglichem Gleichgewichtsempfinden die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grad auf dem Pferd halten zu können, vornehmlich mittels der beiden Steigbügel, in denen man, halb stehend, den wogenden Bewegungen des vierbeinigen Untersatzes, einigermaßen standhalten kann.

Auch mir schien als Kind ein Sattel die notwendige Voraussetzung für ernst zu nehmendes Reiten zu sein; vor allem, weil auch ich meine sattellose Voltigierkinderzeit auf dem Pferd abturnen musste, ehe ich des Sattels für würdig befunden wurde. Ein ähnliches Hochgefühl wie beim ersten Erklimmen eines Sattels überkam mich später nur noch einmal: als man mich für ‚sporenreif' erklärte und ich bereits am darauf folgenden Tag voll kindlichem Stolz mit solchen angeschnallt durch die ganze Stadt zur Reithalle marschierte. Aber das ist alles lange, lange her. -

Seit einigen Jahren teile ich meine freie Zeit und meine Einkünfte mit einer jungen, drallen Trakehnerstute vom Typ ‚kleiner Büffel', fast schwarz, mit großen, charmant ein wenig zum Bammeln neigenden Ohren, einem breiten, strammen Rücken und viel Rumpf und Hals über kurzen Beinen. Ihrer Statur nach könnte sie fast eine Lipizzanerstute sein und deshalb heißt sie auch LIPICA.

Bei all ihrer büffeligen Derbheit hat sie aber durchaus auch zarte Saiten, so zum Beispiel in der Gurtfurche hinter dem Ellbogen. Das, was anderer Leut's Pferden an Satteldruck zu schaffen macht, macht uns beiden an Gurtdruck zu schaffen. Inzwischen besitze ich eine so reiche Sammlung von Sattelgurten aller nur möglichen Ausführungen, dass ich einen Verkaufsstand eröffnen könnte. Ebenso habe ich alle Spielarten von Umpolsterungen, darunter auch eigene Inspirationen wie nasse Schwämme (denn bei Satteldruck hilft oft ein nasses Fensterleder unter dem Vorderzwiesel), eingecremte Schwämme, Motorradschläuche und dergleichen mehr; auf Dauer half das alles nichts.

Mehrmals musste der Tierarzt hühneraugenartige, in die Tiefe gewachsene Entzündungen mit dem Messer bekämpfen."


Ohne Sattel  oben 



"Mein eigenwilliges Stütchen wurde durch die häufigen langen Arbeitspausen (auch Longieren mit Gurt war ja nicht möglich) immer unhandlicher und ungezogener. Glücklicherweise aber, ehe ich über der Erkenntnis, ein Reitpferd zu besitzen, das man nicht reiten kann, in Resignation verfiel, brach sich das Blut meiner germanischen Vorfahren in mir seine Bahn. Ich beschloss, hinfort meinen Sattel zu verachten und es ihnen gleichzutun.

Hier empfiehlt sich der Hinweis darauf, dass mir der 60. Geburtstag bereits auf den Fersen ist und ich darf wohl um Nachsicht dafür bitten, dass ich nicht umgehend meinem Stütchen an der Mähne hing und – Kopf runter, Beine hoch – auf ihren Rücken jumpte. Vielmehr wurde die Frage: wie gelange ich auf sie hinauf? – für mich zu einem anfänglichen Problem. Im seltenen Fall dass jemand zugegen war, konnte ich mich à la Jockey ‚raufschmeißen' lassen (linkes Schienbein in zwei starke Hände und – allez hopp – rechtes Bein hinüber und oben ist man. Bei zu viel Schwung auch drüben wieder runter – ist auch vorgekommen.

War ich allein, so versuchte ich es von Cavalettistangen aus. Lipizzchen akzeptierte meine Unternehmungen so lange mit Gelassenheit, bis ich mit meinem rechten Bein halbwegs von ihr Besitz ergriffen hatte. Dann jedoch trat sie stets maliziös und mit gekonnter Vorhandwendung zur Seite und entließ mich nicht nur einmal in peinlicher Weise wieder zur Erde. Nach tagelangen, völlig ergebnislosen Bemühungen, die nur dazu dienten, sie in ihren Ausweichmanövern perfekt zu machen, bugsierte ich sie voll Grimm zwischen die Stangen von zwei nahe zusammengerückten Hindernissen, um ihr das Ausweichen zu versauern. Auch hier unterschätze ich sie: es machte ihr nichts aus, die Stangen zu Seite zu drücken und zu strampeln und dabei sich, mich und alle Stangen zu Boden zu bringen.

Doch eines Nachts kam mir die rettende Idee: Longiergurt mit Steigbügel! Tags darauf schnallte ich ihr den Gurt um, hing in den großen Ring über dem Widerrist einen Riemen mit Bügel, ließ den links vom Pferd hängen und bestieg sie mit lässiger Eleganz. Offenbar achtet sie auf die Einhaltung orthodoxer Methoden, denn gegen diese Art des Aufsitzens hat sie nichts einzuwenden.

Bin ich dann oben, beuge ich mich zur linken Seite runter, zurre den Gurt los und lege ihn ab.

Die ersten Ritte auf ihrem starken, warmen Rücken gestaltete ich gemütlich, denn man merkt anfangs schon, dass man mehr Gleichgewichtsempfinden entwickeln muss als im Sattel, selbst wenn man diesen gelegentlich ohne Bügel benutzte. Aber schon nach einer Woche fühlte ich mich wohler als zuvor im Sattel und absolviere mit PIZZI seither unser normales Programm zu ihrer weiteren Ausbildung im Schritt, Trab und Galopp.

Verstärkungen von Trab und Galopp bereiten dabei kaum Schwierigkeiten, eher schon die Paraden, wenn sie mal nicht ‚durchkommen'. Dann kann es nötig sein, die Knie ganz unelegant kurz gegen die Pferdeschultern zu stemmen, denn auf dem Widerrist sitzt man ausgesprochen unbequem.

Deshalb heißt es, die Paraden umso mehr zu üben, damit diese unschönen Momente seltener werden.

Übrigens fühlt man ohne Sattel jede Bewegung des Pferdes, jedes Hohlmachen einer Seite, jedes Wegbleiben der Hinterbeine. Man sitzt weicher als im Sattel, die Schwingungen des Pferderückens übertragen sich auf den eigenen Rücken ohne ‚Prellbock' elastischer. Das kann ein wesentlicher Vorteil sein für diejenigen Reiter, die mit ihrem eigenen Rücken Schwierigkeiten haben. Voraussetzung dafür ist natürlich ein Pferd, das nicht mit festgehaltenem Rücken geht. So ein Pferd möchte ich weder mit noch ohne Sattel reiten.

Unsicherheit empfinde ich, nachdem ich nun schon einige Monate auf blankem Pferdrücken reite, nicht mehr. Etliche ‚Rumpler' und Sprünge haben mich nicht aus der Balance oder gar vom Pferd gebracht. Und ein Fallen vom blanken Pferdrücken ist sicher oft weniger gefährlich als die komplizierte Trennung vom Sattel, zumal wenn man an das Hängenbleiben im Bügel denkt. Und wenn man LIPIZZCHEN fragen könnte: auch sie fühlt sich offensichtlich viel wohler ohne Sattel.

Zum Sitz: es gilt auch beim Reiten auf blankem Pferdrücken, dass man in der Vorwärtsbewegung in Übereinstimmung mit dem Schwerpunkt des Pferdes sitzt, weder vornüber hängt noch durch übertriebenes hintenüber Sitzen hinter der Bewegung bleibt. Soll die am Pferdeleib liegende Wade zum Treiben bereit sein, muss die Fußspitze leicht angehoben werden.

Rutscht man mal, zum Beispiel bei den schon erwähnten nicht durchkommenden Paraden, gegen den Widerrist, so kann man im Schwung der Vorwärtsbewegung von Trab und Galopp den eigenen Körper leicht wieder nach hinten in die richtige Position bringen, wenn man ganz kurz die Knie gegen die Pferdeschulter stemmt.

Beim Reiten ohne Sattel finde ich meine Jodphurhosen am tauglichsten, aber es genügen auch bequeme Jeans, also keine, bei deren Sitz unterhalb der Taille man sich bei jedem Schritt ihrer Trägerin die Frage stellt, wann sie endgültig ihren Halt verliert."


Grenzen für sattelloses Reiten  oben 



"Es gibt gewiss Grenzen für das sattellose Reiten. Man stelle sich Dressur-Weltmeister Dr. Klimke auf Ahlerich oder einen unserer Spring-Asse über der Zwei-Meter-Mauer auf ungesatteltem Pferd vor; oder einen Meister der ‚Spanischen' in der Kapriole oder einen Jockey im Derby – nein, ich will dem Sattel lassen, was des Sattels ist, wenn ich auch mit dem Gedanken spiele, was wohl wäre, wenn man die Bewerber um Meisterschaftsehren ohne Sattel in den Kampf schickte: die Leistungsanforderungen an sie selbst würde erheblich steigen, an die ihrer ungefragten vierbeinigen Sportpartner aber zweifellos erheblich sinken!

Jedenfalls und wie alldem auch sei: seitdem ich ‚altgermanisch' reite kann ich den bekannten Spruch ganz dick unterstreichen:

Das höchster Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde!"


Soweit also mein damaliger Bericht über mein sattelloses Reiten über viele Jahre hinweg vom Anreiten der vierjährigen Remonte bis zu L und einigen M-Lektionen der Zwölfjährigen, die allerdings wenig Begeisterung für höhere Künste aufbrachte, aber auch nicht für die Hopserei über Hindernisse. LIPICA war nie ein Pferd, das zu mir passte.

Aber ich behielt sie, weil es ihr bei ihrem schwierigen Wesen in anderer, vielleicht weniger verständnisvoller Hand wahrscheinlich schlecht ergangen wäre und ich neben ihr genug andere Pferde reiten konnte. Bei mir wurde sie 31 Jahre und wurde trotz ihrer Schwierigkeiten von mir geliebt, wie alle meine Tiere.

Und noch etwas Gutes muss zu ihrer Ehre gesagt werden: sie war ein ganz, ganz liebes Pflegepferd und konnte gar nicht genug bekommen von der Putzerei und überhaupt allem, womit man sich an ihr zu schaffen machte. Schmied und Tierarzt wurden freudig begrüßt – na, ist das etwa kein positiver Aspekt und sollte man den nicht lauthals bekannt machen? Und – das muss ihr die Ehre doch auch lassen – sie sorgte bei mir für die Entwicklung eines ausgesprochen starken Gleichgewichtsempfindens und einem guten Anpassungsvermögen gegenüber ihren Bewegungen. Dafür muss ich ihr ja auch dankbar sein.

Später, als sie etwa 10 Jahre alt war, verringerte sich der Speck um den Widerrist herum, so dass der Sattel dann in einer entsprechenden ‚Kuhle' hinter dem Widerrist seinen Platz fand und ich PIZZI dann wenigstens bei den mit ihr meist abenteuerlichen Geländeritten mit Sattel reiten konnte. Einen Gurtdruck hatte sie später nie mehr.

Ich muss dazu noch sagen, dass PIZZI zwar deutlich überbaut war, und mich dadurch beim Reiten oft gegen den Widerrist schob, dafür war sie aber eben um den Widerrist und bis zur Schweifrübe rundum gut gepolstert. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Pferd mit stark ausgeprägtem Widerrist und dazu noch mit einer gering überpolsterten Wirbelsäule für das Reiten ohne Sattel wenig ergötzlich ist.

Fortsetzung folgt.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 542 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Stellen und Biegen beim Durchreiten der EckenPferdemesse  Messe: AnsorenaEditorial  Editorial: LichtarbeiterRezension  Rezension: Der korrekte Sitz des ReitersTip  Tip: Pferdekauf XIII
Poster  Poster: Celler HengstparadePferdemesse  Messe: KeppelLeserbriefe  LeserbriefeAngebot_der_Woche  Angebot der WochePferdemesse  Messe: Platz-Max
Gesuche  GesucheAngebote  AngebotePferdemarkt  PferdemarktPferdemesse  Messe: PferdemarketingTermine  Termine
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