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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 547, erschienen am 21.09.2009

Magazin  Ausgabe 547

Gefährlicher Job: Pferdeflüsterer
Hans-Jürgen Neuhauser in Arabien

Foto: Autorenhinweise m_red  » Hans-Jürgen Neuhauser
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?
  2. Abschnitt  Zutrauen
  3. Abschnitt  Erkenntnisgewinnung
  4. Abschnitt  Universalsprache
  5. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
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HJN-Reiten: Kommunikation auf Fingerzeig
Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Manchmal hat man den Eindruck, es gibt so viele Methoden, mit Pferden umzugehen und Pferde auszubilden, wie es Reiter gibt. Nach all den Pferdeflüsterern und Experten der unterschiedlichsten Richtungen, die von ihren Kollegen wenig oder gar nichts halten, von sich selbst dafür desto mehr, möchte man sich oft abwenden und seinen eigenen Weg gehen. Vermutlich entwickelt sich auf diese Art und Weise dann wieder ein Experte, der der Welt mitteilen muß, wie es nun wirklich geht (nämlich man selbst).

Denn wir Menschen sind ja im Grunde alle gleich: Gottes Kinder, nein: Gott selbst, wie bekanntlich Jesus verkündet hat. Deshalb fühlt sich jeder (mit Recht) als der Größte. Außerdem nimmt jeder von uns die Welt von seinem Standpunkt aus wahr, kann nicht aus seiner Haut, kann eigentlich nicht ergründen, wie die Welt wirklich ist, wie sein Mitmensch die Welt wahrnimmt, wie er selbst ist. Um wieviel schwieriger ist es also noch, Lebewesen zu verstehen, die völlig anders sind, Pferde zum Beispiel?

So müssen wir notgedrungen unseren eigenen Weg in dieser Welt finden, unsere eigenen Erfahrungen machen, jeder für sich, und die sind naturgemäß hochspeziell und im Grunde gar nicht vergleichbar. Jeder von uns begegnet anderen Menschen, anderen Tieren, anderen Situationen, kommt aus einer anderen Welt und lebt im Grunde in einer anderen Welt. Wie ist unter solchen Umständen Kommunikation überhaupt möglich?

Und doch versuchen wir es immer wieder. Wir möchten uns nämlich auch mitteilen, wir brauchen Resonanz, wir wollen zeigen, wie gut wir sind. Schon auf dem Spielplatz ist es das dominierende Verhalten: „Mami, Mami, schau mal, was ich kann!“ Und weil wir zugleich auch neugierig und mitfühlend sind, versuchen wir den Draht zu unserem Nächsten zu finden, uns einzufühlen, zu verstehen, was dieser meint und kann und will. Und wenn wir begeisterungsfähig sind, kann uns Neues auch mitreißen und beflügeln und uns Hoffnung geben, uns selbst weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu machen, ein bißchen mehr Glück zu finden in dieser Welt, ein bißchen mehr Freude in einem schwierigen Leben.

Freilich sind wir auch oft enttäuscht worden; wir haben anderen Kredit gegeben, uns eingelassen und mußten später feststellen, daß wir betrogen wurden. Also entwickeln wir Mißtrauen, werden vorsichtig, halten uns zurück. Die Dinge und Verhältnisse sind oftmals viel schwieriger, als wir uns das vorstellen konnten, und was bei anderen so leicht aussah, funktionierte bei uns überhaupt nicht. Dann sind wir vielleicht enttäuscht und verletzt, oder wir erkennen die Fähigkeiten des anderen neidlos an, trauen uns selbst aber nichts zu. Das macht uns traurig.

Desto mehr freuen wir uns über eigene Erfolge und möchten anderen davon abgeben. So wird dann immer wieder aus einem kleinen, hilflosen Baby unversehens ein Experte, den wir mangels einer besseren Vokabel hier Pferdeflüsterer nennen wollen. Die Welt ist voll von Pferdeflüsterern, von Leuten, die wissen, wie es geht, und manche von ihnen wollen dieses Wissen weitervermitteln und daraus eventuell sogar einen Beruf machen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten also gegen Honorar auf dem Markt anbieten. Dieser Markt ist inzwischen ziemlich übersättigt. Der Pferdefreund hat die große Auswahl und weiß kaum, für wen er sich entscheiden soll.

Die soeben angeführten Überlegungen treffen natürlich auch auf den Autor dieses Artikels zu. Ich kann ebenfalls nur auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen denken, fühlen und beurteilen. Sie als Leser können von mir folglich nur bekommen, was ich selber erlebt habe, was mir mehr oder weniger zufällig im Laufe meines Lebens zugestoßen ist, was aus mir geworden ist. Dazu gehören auch meine Pferde und die Erfahrungen, die ich mit ihnen und mit Pferden allgemein machen durfte, Erfahrungen mit Pferdeflüsterern und sonstigen Experten sowie meine ganz allgemeine Lebenserfahrung, die unvermeidlich ständig zunimmt bis an mein Ende. Nicht mehr und nicht weniger. Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen von » Hans-Jürgen Neuhauser erzählen, dessen DVD ich Ihnen schon in der Rezension EquiVoX-Link HJN-Reiten der Ausgabe 540 vorgestellt habe.

Meine eigene Erfahrung mit Pferden hat mich bis jetzt nicht dahin gebracht, selber ein Pferdeflüsterer zu werden; aber vielleicht hätte ich einer werden können. Vielleicht kann jeder ein Pferdeflüsterer werden – jedenfalls behaupten das Pferdeflüsterer meistens, und das müssen sie auch, wenn sie damit Geld verdienen wollen, denn sonst könnte man sein Wissen und seine Fähigkeiten ja nicht vermitteln. Aber von manchen weiß man, daß das nicht stimmt; sie können zwar was, zweifellos, aber sie können es nicht weitergeben. Das ist enttäuschend. Wenn einer etwas kann, das aber gewissermaßen sein persönliches Eigentum ist, nur ihm verfügbar und zugänglich, flaut unser Interesse wieder ab. Das ist ja toll, daß der das kann, aber was habe ich davon? Ich möchte das schließlich auch können, und wenn man dafür eine Spezialbegabung braucht, einen siebten Sinn, den ich nicht habe und auch nicht entwickeln kann, dann bin ich ja von vornherein ausgeschlossen. Dann kann ich nur noch neidisch sein.

Zutrauen  oben 



Klaus Ferdinand Hempfling zum Beispiel, der auf blankem Pferderücken ungezäumt mitten durch die Herde reitet, der kann zweifellos etwas, aber anscheinend kann er es nicht weitergeben. Ich frage mich, was die Militärs im spanischen Gestüt heute von ihm denken, denen er gezeigt hat, wie gut er mit ihrem gefährlichen Hengst umgehen kann. Solange er das den Leuten, die das täglich tun müssen, nicht vermitteln kann, bleibt die ganze Sache ein Kunststück, mehr oder weniger spektakulär, aber letzten Endes vollkommen uninteressant. Es gibt viele Leute, die spektakuläre Leistungen erbringen, ohne daß irgendjemand etwas davon hat, ohne daß irgendjemand das überhaupt nachmachen möchte. Kuriositäten letzten Endes, mehr nicht. Über so etwas geht die Zeit hinweg, mit Recht.

Ein Beispiel ist die Heldin unserer Serie über den schwarzen Wallach  Zivilist; ist Zivilist so großartig, weil Crizzie so besonders ist, oder ist Zivilist auch unabhängig von Crizzie großartig, hätte er auch ohne sie seine Anhänger und seinen Freundeskreis gefunden, mit irgendeinem beliebigen Besitzer, oder war Zivilist ein ganz normales Pferd wie Ihres oder meines auch, das sich nur deshalb besonders entwickelt hat, weil Crizzie völlig anders mit ihm umgegangen ist als Menschen das normalerweise tun?

Ich kannte weder Crizzie noch Zivilist und kann nur nach der Schilderung der Bücher urteilen, aber mir erscheint danach eindeutig, daß Zivilist ein ganz normales Pferd war, das Crizzie sehr ungewöhnlich behandelt hat. Jedes andere Pferd würde sich bei Crizzie nach meiner Meinung ähnlich entwickeln, eben auch ungewöhnlich, weil Crizzie mit Pferden eben anders umgeht als andere Leute. In Leserbriefen habe ich mich entsprechend geäußert, aber dem wurde vehement widersprochen. Wenn Zivilist allerdings ein außergewöhnliches Pferd war, können Sie und ich damit vermutlich wenig anfangen, weil unsere Pferde eben nicht außergewöhnlich sind.

Meiner Ansicht nach beruhen die Erfolge von Crizzie mit Zivilist jedoch darauf, daß sie dem Pferd einfach mehr zutraut und anders mit ihm umgeht als Menschen das normalerweise tun. Wenn das so ist, können wir uns viel von ihr abschauen. Sie hatte bis dahin nur Erfahrungen mit Hunden. Wenn Sie selber Hunde oder Katzen haben, werden Sie sich dabei beobachtet haben, wie Sie beispielsweise mit diesen Tieren gesprochen haben. Auch Leute mit Vögeln sprechen mit ihren Tieren, Leute mit Fischen vermutlich eher weniger. Bekanntlich haben manche Leute ihren Vögeln enorm viel beibringen können, etwa ausgewachsene Melodiefolgen oder gar das Sprechen. Wenn man so etwas nicht für möglich hält, wird man es gar nicht erst versuchen und wird es infolgedessen auch nicht feststellen können. So einfach ist das. Wer es nicht probiert, wird es auch nicht hinbekommen.

Oder nehmen Sie uns Menschen. Wir gehen doch heute davon aus, daß jedes Kind, das nicht nachweislich behindert ist, Lesen und Schreiben lernen, den Führerschein machen und sich im Internet bewegen kann. Ist das nicht unglaublich? In vielen Gegenden der Erde gibt es noch einen erheblichen Prozentsatz an Analphabetismus! Bei uns hingegen sind die Universitäten im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts wie die Pilze aus dem Boden geschossen! Ich habe noch nie gehört, daß wir inzwischen zu viele davon haben, im Gegenteil, sie sind eigentlich überlaufen und viele jungen Leute verzichten heute notgedrungen auf das Studium, weil sie es sich nicht mehr leisten können.

Als ich noch in der Grundschule war, gab es eine Bewegung in der Bundesrepublik, die das allgemeine Bildungsniveau heben wollte und der Meinung war, daß ein wesentlich höherer Prozentsatz der Bevölkerung Abitur machen und studieren könnte, nicht nur Kinder aus dem Bildungsbürgertum, insbesondere solche aus der Arbeiterschicht, die bis dahin als zu dumm gegolten hatten (Wikipedia-Link» Bildungskatastrophe). Es war im Rückblick sachlich gesehen kein Problem, diese Vision Realität werden zu lassen. Die erheblichen finanziellen Anstrengungen hat man damals offenbar mit links gestemmt, während wir heute anscheinend komplett verarmt sind.

Was lernen wir daraus? Je mehr man jemandem zutraut und je mehr man diesen unterstützt, desto mehr wird er erreichen. So einfach ist das, mit Menschen und auch mit Tieren. Sie haben vielleicht von dem Hund Wikipedia-Link» Rico gehört, der bei Wikipedia-Link» Wetten daß? aufgetreten ist und damals bereits über 77 Begriffe auseinanderhalten, genauer gesagt auf sprachlichen Zuruf das mit diesem Wort bezeichnete Plüschtier apportieren konnte. Er wurde dann Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung am Wikipedia-Link» Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

"Man muss nicht sprechen können, um viel zu verstehen", resümierte Team-Leiterin Julia Fischer und bescheinigte Rico zudem, sich die neu erlernten Worte auch über längere Zeit merken zu können. "Diese kognitiven Fähigkeiten, die es einem Tier erlauben, eine Vielzahl von Klängen und Geräuschen richtig zu interpretieren, scheinen sich also unabhängig und viel früher als die Fähigkeit zum Sprechen entwickelt zu haben." [...]

"Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob Rico einfach ein genialer Hund ist", sagte MPG-Forscherin Juliane Kaminski. Erfahrungen von Blindenhund-Ausbildern stünden dem aber entgegen. Auch diese Tiere zeigten nämlich eine erstaunliche Fähigkeit, in abstrakten Kategorien zu denken – etwa, wenn sie aufgefordert würden, einen – wie auch immer gearteten – Sitzplatz zu finden.
» Tierisch intelligent

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Ergebnisse konnte der Hund über 250 Begriffe auseinanderhalten, etwa so viel wie das Pferd Zivilist. Und wie kam das? Ist dieser Hund so besonders, daß man daraus keine Schlüsse in Bezug auf andere Hunde ziehen könnte, oder verhält es sich genau umgekehrt? Könnte jeder Hund ähnliche Leistungen vollbringen? Die Forscher neigen dieser Ansicht zu. Also dürfte im Parallelschluss auch jedes Pferd so intelligent sein wie der sagenhafte Zivilist.

Erkenntnisgewinnung  oben 



Die Karriere von Rico hat sich im Grunde zufällig ergeben. Er hatte sich eine Verletzung zugezogen und mußte sich deshalb schonen. Seine Besitzerin Susanne Baus dachte sich deshalb kleine Spielchen aus, und daraus ergab sich dann alles weitere. Na also! Kein Superhund, sondern eine Gelegenheit, die Kreativität erforderte und zu unerwarteten Ergebnissen führte. So gewinnt man neue Erkenntnisse.

Meistens verlässt man sich allerdings nicht auf den Zufall, sondern geht systematischer vor. Man formuliert beispielsweise Hypothesen und versucht, diese zu bestätigen oder zu widerlegen. Oder man stößt auf ein Phänomen, das man mit dem bisherigen Theorien nicht erklären kann. Oder man hat einen Problem, das man mit den bisherigen Techniken nicht lösen kann. Also schaut man genauer hin. Und je genauer man hinschaut, desto mehr sieht man.

So war das zum Beispiel mit einer Krankheit, die Zivilist hatte und wo er sich anscheinend selbst heilte, indem er ganz gezielt bestimmte Pflanzen suchte und fraß. Leider konnte man dieses Verhalten nicht reproduzieren und Crizzie war nicht Wissenschaftler genug, um genaue Aufzeichnungen zu führen. So konnte Richard nur zur Kenntnis nehmen, daß da etwas gewesen war, was man hätte untersuchen sollen. Das war aber eine Gelegenheit, wo man etwas hätte herausfinden können.

Über das Reiten haben wir bei Crizzie und Zivilist wenig erfahren. Sie ist anscheinend auf blankem Pferderücken geritten, benutzte allenfalls ein leichtes Halfter mit Zügeln und war in der Lage, damit durch die Gegend zu galoppieren und auch sonst ihr Pferd in jeder Hinsicht zu lenken. Freunde klassischer Reitkunst werden das sehr unbefriedigend finden. Wir haben immerhin erfahren, wie das Einreiten sich bei Zivilist gestaltete – aus der Sicht des Pferdes war das absolut problemlos, nur die Ängste Crizzies waren bemerkenswert, aber auch nicht unbedingt verwunderlich, weil sie ja durch die guten Ratschläge der wohlmeinenden Pferdekenner sehr verunsichert war.

Wie es sich bei Hans-Jürgen Neuhauser verhielt, kann ich Ihnen nicht verraten, aber da er mit 45 nicht mehr der Jüngste ist und vor 10 Jahren noch nicht reiten konnte, gibt es da sicher auch eine spannende Geschichte zu erzählen. Seine Liebesgeschichte mit Pferden begann jedenfalls mit einer Tinkerstute namens Casey, die er sogleich kaufte. Mit Casey zusammen hat er sich zum Pferdeflüsterer entwickelt. Im Unterschied zu Ihnen und mir brachte er dabei besondere Erfahrungen mit, die kaum jemand besitzt; er hatte nämlich als Zirkusartist gearbeitet, und zwar als Zeitlupenakrobat. Dieser Beruf ist dermaßen selten, daß er bei Google nur viermal vorkommt: zwei dieser Beiträge beziehen sich auf eben diesen Hans-Jürgen Neuhauser, zwei weitere sind aus einem Forum, wo jemand abgefahrene Vorschläge sucht und diesen Begriff präsentiert bekommt.

Neuhauser erklärt seine besondere Kompetenz mit seiner Erfahrung als mittlerer Partner in einer Dreiergruppe; er stand auf den Schenkeln des unteren Mannes und mußte den oberen tragen und dabei für das Gleichgewicht der ganzen Gruppe sorgen. Durch die extrem langsamen Bewegungen habe er lernen müssen, seinen Körper ganz bewußt zu bewegen und vor allen Dingen sein Gleichgewichtsgefühl zu schulen. Und genau das helfe ihm bei der Kommunikation mit Pferden, denn die würden Gleichgewichtsverlagerungen unmittelbar erspüren. In einem » Video des Landshuter Regionalfernsehens bemüht er dazu das bekannte Phänomen, daß auf einem Ausritt gleich mehrere Pferde angaloppieren, wenn eines dazu Anstalten macht. Gerade wegen der ungeheuren Körpermasse und der dünnen Beine habe das Pferd diese besondere Sensibilität entwickelt, und darüber könne er mit den Pferden unmittelbar und unmißverständlich kommunizieren. Wenn er körpersprachliche Signale gebe, würden die Pferde diese sicher und unverzüglich verstehen.

Starke Worte, die er beweisen möchte! Seine Körperbewußtheit erlaubte ihm einen Lernprozess mit Casey zu durchlaufen, der ihm heute ermöglicht, dieses Pferd ohne Sattel und Zaumzeug auch im Gelände zu reiten, wie er durch eindrucksvolle Filmaufnahmen belegen kann. Daß er mit seinem Pferd etwas Besonderes erreicht hatte, wurde ihm anläßlich eines Besuchs auf der Münchner Pferdemesse Anfang dieses Jahrtausends klar. Er wunderte sich, wie dürftig die dargebotenen Vorführungen ausfielen, und ließ sich nicht zweimal sagen, daß er zeigen solle, wenn er es besser könne. Beim nächsten Mal war er dabei. Das wiederum beeindruckte andere Leute so sehr, daß man ihn mit extremen Problemfällen betraute. Aber das ist eine Geschichte für sich, über die ich ebenfalls nichts weiß.

Hier wollte ich darauf hinaus, daß es auch in seinem Fall Zufälle und Besonderheiten waren, die zu etwas Neuem geführt haben. Dieses Neue könnte für Sie und mich bedeutsam sein. Wäre es möglich, sich davon etwas abzuschauen? Möchte man können, was er kann? Ist sein Pferd Casey ein Ausnahmepferd oder vergleichbar mit Ihrem oder meinem? Ist er ein Ausnahmemensch, den man nicht nachahmen kann, oder kann jeder lernen, was er uns zeigt?

Die verführerischen Aufnahmen des ungezäumten und ungesattelten Pferdes in freier Landschaft möchte er nicht überbewertet wissen; es geht ihm nicht um zügelloses Reiten. Wie alle seriösen Pferdetrainern möchte er sein Pferd gymnastizieren, biegen, versammeln, aufrichten, er möchte Seitengänge und womöglich die Hohe Schule reiten. Und das natürlich ohne Drill und Zwang.

Universalsprache  oben 



Insbesondere möchte er aber auch zeigen, daß sein System der Verständigung vom Boden oder vom Sattel aus universell ist, also überall auf der Welt funktioniert, nicht nur bei ihm und seinem Pferd daheim in der Reithalle. Das nun wieder ist ein Thema, das sich filmisch sehr gut umsetzen läßt. Exotik kommt immer gut. Und läßt sich verkaufen, muß man hinzufügen, denn die Herstellung eines solchen Films ist sehr aufwendig und damit teuer.

Wie Hans-Jürgen Neuhauser die Gelegenheit bekam, Hauptdarsteller in mehreren Filmen zu werden, die von bedeutenden Fernsehsendern ausgestrahlt wurden, hat er nicht verraten, und ich habe ihn bisher nicht danach gefragt. Vermutlich wird sich die Gelegenheit im Laufe seines Lebens einfach ergeben haben; die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit, die Ergänzung unterschiedlicher Bedürfnisse, die Möglichkeit zur Umsetzung. Es muß eben einfach alles passen.

Die Filme sind jedenfalls da und können teilweise auch im Internet abgerufen werden, und außerdem ist dabei auch noch eine DVD abgefallen, die ich vor einigen Wochen bereits ansatzweise besprochen habe. Der von arte/ZDF ausgestrahlten Film ist für mein Gefühl etwas konfus geraten; abwechselnd werden Szenen mit Hans-Jürgen Neuhauser und » Brigitte Schulz gezeigt, die beide unterschiedliche Ansätze vertreten und völlig unterschiedliche Szenen einbringen.

Während Neuhauser sich bei den gefährlichen Araberhengsten und den wilden Mustangs im Wilden Westen herumtreibt, arbeitet Brigitte Schulz auf ihrem Immenhof in der Lüneburger Heide mit Jugendlichen und ganz normalen Schulpferden. Gemeinsam ist beiden, daß sie davon überzeugt sind, daß man mit Pferden kommunizieren kann und es die Aufgabe des Menschen ist, die Sprache des Pferdes zu lernen. Am Ende wußte ich nicht so recht, worum es bei diesem Film eigentlich ging. Ich habe natürlich nicht nachgerechnet, aber vermutlich gehörte lediglich die Hälfte der 45 Minuten Sendezeit Neuhauser.

Einige der schönsten Szenen sind freilich im Fernsehen gesendet worden. Die DVD ist demgegenüber natürlich viel ausführlicher: 75 Minuten sind ausschließlich Hans-Jürgen Neuhauser gewidmet. Die spektakulären Auslandsaufnahmen sind an das Ende gerückt, zu Beginn geht es um ganz normale Probleme einer ganz normalen Reiterin und ihres Pferdes. Wie üblich, begann die Beziehung mit viel Enthusiasmus und Hoffnung und endete dann doch bald in Verzweiflung. Neuhauser konnte die Beziehung retten und dem Pferd und der Besitzerin eine erfreuliche Zukunft eröffnen.

Vermutlich hätten viele Pferdeflüsterer dieser Frau und diesem Pferd helfen können. Um einem solchen Mann über den Weg zu laufen und seine Dienste in Anspruch nehmen zu können, ist es beispielsweise sehr vorteilhaft, in seiner Nähe zu wohnen und wiederum gerade zur rechten Zeit aufzukreuzen. Außerdem muß man natürlich auch einen Draht zur Person und seiner Methode bekommen. So wie wir alle an unterschiedlichen Stellen beginnen, werden wir auch jeweils die passenden Begegnungen haben. Die Methode des Hans-Jürgen Neuhauser wird nicht jedem liegen, aber das macht nichts. Hauptsache, jeder wird nach seiner Façon selig.

Dank DVD können aber viele Menschen sehen, wie er es macht, was er erreichen möchte und was er tatsächlich hinbekommt. Was man da zu sehen bekommt finde ich sehr bemerkenswert und beeindruckend, so sehr, daß ich mich habe begeistern lassen und nicht nur eine entsprechende Rezension der DVD verfaßt habe, sondern auch erhebliche Anstrengungen unternehme, Ihnen das Besondere dieses Menschen und seines Konzepts (soweit ich es verstehe) nahezubringen.

Mit einer kurzen Übersicht ist es meines Erachtens aber nicht getan. Manchmal muß man das Neue sehr sorgfältig analysieren, um es wirklich würdigen zu können. Bei der Recherche nach » Zeitlupenakrobat bin ich auf einen „Pferdeflüsterer-Test“ der Zeitschrift Cavallo gestoßen (» Hans-Jürgen Neuhauser: Ganzheitlich Reiten mit Körpersprache, eine der beiden einschlägigen Fundstellen), den ich mit großem Interesse gelesen habe. Anschließend mußte ich mich wundern – was kann man mit so einem Test anfangen? Sagt der wirklich etwas aus? Wird der den „getesteten“ Experten gerecht? Was fangen die Leser damit an? Bringt der Artikel irgend jemanden irgendwie weiter?

Ich hoffe demgegenüber, daß meine zugegeben langatmige Methode Ihnen mehr bringt und werde diese Betrachtung in der nächsten Woche fortsetzen. Dabei wird es mir leicht fallen, Ihnen von den spektakulären Sequenzen zu erzählen, aber auf die kommt es mir nicht an, und Neuhauser offensichtlich auch nicht. So etwas ist für das Marketing nicht schlecht, vielleicht sogar sehr gut, aber letzten Endes ist nur wichtig, was die eigentlichen Kunden brauchen und ob sie zufrieden gestellt werden können.

Neuhauser scheint jedenfalls nicht die Absicht zu haben, ausschließlich für vermögende Scheichs mit problematischen Hengsten arbeiten zu wollen. Und auch der Wilde Westen wird nicht seine Heimat werden; zwar hat er Souvenirs mitgebracht, die ebenfalls gut sind fürs Marketing und für ihn eine neue Herausforderung darstellen, aber eine solche hätte er auch anderswo finden können. Vermutlich hat er inzwischen alle Möglichkeiten mit Casey ausgereizt; auch für sein Renommee ist es nicht schlecht, wenn er selbst daheim schwierige Fälle sucht und bewältigt. Wenn das dann auch noch für das Fernsehen dokumentiert und gesendet wird, bleiben kaum noch Wünsche offen.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 547 vom 20.05.2012
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