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Wie inzwischen allgemein üblich, insbesondere unter Pferdeflüsterern, kann man die Arbeit von Hans-Jürgen Neuhauser einteilen in die am Boden und die vom Rücken aus. Natürlich ist das Ziel die Reiterei, die Bodenarbeit bereitet ganz wörtlich den Boden dafür vor. Im Unterschied zu vielen anderen Pferdeflüsterern, die jede Menge Spezialwerkzeug entwickelt haben oder auch ganz normale Hilfsmittel wie Halfter, Longe, Gerte, Peitsche benutzen, arbeitet Hans-Jürgen Neuhauser oft völlig ohne Hilfsmittel. Nicht dass er bewährte Werkzeuge wie Halfter oder Longe grundsätzlich verschmähen würde, aber er bevorzugt die feine Geste und deshalb ist es konsequent, dass sein Kennzeichen der nackte Zeigefinger ist, wie es so schön in seinem Logo verdichtet wurde. Ich habe oben mehrfach die sprichwörtliche Fliege angeführt – wenn der Reiter auf dem Pferd sitzt, gibt es jede Menge Körperkontakt und dadurch eine Fülle von Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Pferd. Wie aber funktioniert das vom Boden aus? Wenn man Hans-Jürgen Neuhauser folgen will, ist das ebenfalls eine Konsequenz des enormen Körperbewusstseins des Pferdes, das eben als Herdentier nicht nur seine eigene Balance finden und halten, sondern auch winzige Signale seiner Herdenmitglieder wahrnehmen und deuten muss. Wie schon in der letzten Woche erklärt, spürt das Pferd automatisch, wenn ein anderes in den Galopp fallen will. Und genau dieses enorme Körperbewusstsein ist es, das Hans-Jürgen Neuhauser erstmals in die Diskussion einbringt, wenn ich das richtig sehe. Es musste erst einer kommen, der selber ein solches extrem feines Körperbewusstsein entwickelt hat, um zu erkennen, dass Pferde auf dieser Grundlage kommunizieren. Wir kennen ja schon von Hempfling die Steuerung des Pferdes durch Körperbewegungen, wobei sicher auch eine Rolle gespielt hat, dass Hempfling in seiner Ausbildung als Kommunikationswissenschaftler auch körperbetont gearbeitet hat; im » Vorführung auf der Americana 2008 bezieht sich Neuhauser mit einem Seitenhieb auf Hempfling, indem er seine Art der körperbetonten Kommunikation als zielgerichtet bezeichnet, die er für vermittelbar hält, die man von ihm also lernen kann, und von der er inzwischen hinreichend bewiesen hat, dass sie von Pferden auf der ganzen Welt verstanden wird. Hempfling hat uns gezeigt, wie er ein Pferd auf diese Weise aus der Distanz stoppen oder bewegen kann, also antreiben oder Tempo wechseln, aber das ist Neuhauser viel zu wenig. Das kann er natürlich auch, aber er führt vor, auch auf schrecklich lauten, für Pferde sehr unangenehmen Pferdemessen, dass er ein Pferd punktgenau beeinflussen kann, bis hin zur Bestimmung der Hufspur, zu Volten und Handwechseln, und das auch noch während er dem Publikum erklärt, was er tut und worauf es zu achten hat. Um diese Fähigkeit zur Kommunikation augenfällig zu machen, hat er sich ein System ausgedacht, das jedermann sofort verstehen und überprüfen kann. Wo immer er gerade ist, sammelt er geeignete Objekte, mit denen er gewissermaßen einen Parcours improvisiert, Dinge wie Holzklötze, Konservendosen oder Natürlich kann man diesen Parcours auch als Labyrinth benutzen und statt der langweiligen Kreise, bei denen man gewissermaßen nur die Spur wechseln kann, auch sehr enge Wendungen signalisieren, die einen Richtungswechsel bedeuten. Ohne Frage gymnastizieren diese Übungen ganz nebenbei noch vorzüglich. Das Pferd biegt sich buchstäblich für den Menschen, und zwar ziemlich extrem und ohne jegliche äußere Einwirkung. Das Ganze auch noch ohne langwierige Dressur, wie man das bei Zirkuspferden mit Recht voraussetzt. |
Hier geht es aber darum, mit dem Pferd über den gewissermaßen verlängerten Gleichgewichtssinn zu kommunizieren. Das ist vielleicht nicht ganz korrekt. Wenn Neuhauser ein Pferd stoppt, tut er das mit einer ganz charakteristischen Bewegung; er macht gewissermaßen einen Ausfallschritt und zieht das hintere Bein nach, bis beide Füße parallel stehen. Das sieht etwas steif und mechanisch aus; Hempfling macht das durch eine eher tänzerische Bewegung, wobei er deutlich in die Knie geht und sein Becken kippt. Zweifellos verstehen die Pferde, was Neuhauser meint, denn sie reagieren wie gewünscht. Es ist aber nicht nur die isolierte Bewegung, er kommuniziert permanent mit dem Pferd. In einem kleinen Kreis erläuterte er das Prinzip seinen Zuhörern wie folgt: Man müsse sich dem Pferd immer zuwenden, das Pferd müsse das Herz von vorne sehen können. Im übrigen sei das bei den Menschen genauso: wenn wir miteinander kommunizieren, wenden wir uns einander zu. Das leuchtet freilich unmittelbar ein – einfacher kann man Körpersprache nicht erläutern. Man muss sich wundern, wie er das Kunststück vollbringt, gleichzeitig mit dem Pferd zu kommunizieren und mit dem Publikum, das sich ja in seinem Rücken befindet und dem er sich ebenfalls immer wieder zuwenden möchte und das auch tut. Im übrigen kommuniziert er auch mittels Sprache. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was er sagt, sondern vielmehr, wie er es sagt. In den USA und Arabien spricht er abwechselnd Deutsch und Englisch, und setzt dieses Mittel anscheinend eher intuitiv ein, zur Beruhigung, als Lob, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ganz allgemein als Rückmeldung, auch um die Beziehung zum Pferd nicht abreißen zu lassen. Über die Sprache fordert er also auch die Mitarbeit des Pferdes ein. Nun scheint uns Menschen die Sprache nicht nur mitgegeben zu sein, sondern wir neigen offenbar dazu, in allen möglichen und unmöglichen Situationen ganz unwillkürlich zu sprechen. Sprache ist in diesem Sinne nicht nur Informationsvermittlung, sondern dient vor allem auch der Beziehungspflege. Ganz deutlich wird das im Umgang mit Babys; kaum ein Erwachsener wird ein Baby nur stumm anstarren, stattdessen fängt man ganz unwillkürlich an, mit dem Baby über die Stimme Kontakt aufzunehmen. Und genauso verhält es sich mit Tieren. Ich möchte den Hundebesitzer sehen, der mit seinem Hund nicht spricht, oder den Katzenfreund, der mit seiner Katze nicht schmust und dabei seine Stimme benutzt. Wenn manche sprechen sogar mit unbelebten Gegenständen; am deutlichsten kann man das natürlich bei Kindern sehen, wenn sie spielen. Sie sprechen mit ihren Spielfiguren, wobei Puppen natürlich das Paradebeispiel sind, aber auch Playmobil – oder sonstige Spielfiguren fordern einfach Sprache heraus. Insofern erscheint es sehr untypisch und künstlich, wenn ein Mensch mit seinem Pferd nicht spricht. Zwar kann das Pferd nicht sprechen, aber das können Hunde und Katzen im Grunde auch nicht, obwohl man von diesen durchaus manchmal stimmliche Antworten bekommen kann. Vielleicht kann man Pferden auch beibringen, auf Kommando zu wiehern oder zu schnauben, aber das wäre halt nicht mehr als ein Kunststück. Reaktionen bekommt man auch so, die müssen ja nicht stimmlicher Natur sein. Die Nagelprobe für die Bodenarbeit von Hans-Jürgen Neuhauser ist die Steuerung der Bewegungen des Pferdes auf den Punkt genau. Tempowechsel, Richtungswechsel, Figurenlaufen auf Fingerzeig – das kann Neuhauser und das kann er auch weitervermitteln, wie das verschiedentlich per Film dokumentiert worden ist. Dazu bedarf es offensichtlich keines allzu großen Aufwandes, der Mensch muss keineswegs jahrelange Pferdeerfahrung mitbringen, auch kleine Mädchen können riesige Pferde in kürzester Zeit so bewegen, wie es der Meister kann. Wenn das kein Beweis ist, was soll dann ein Beweis sein? |
Denn wenn man wie Hans-Jürgen Neuhauser mit minimalen Hilfen reiten möchte, muss das Pferd auf diese unscheinbaren Signale hören. Selbstverständlich ist es dazu notwendig, dass der Reiter erst einmal für das Pferd verständliche Signale aussendet – das Problem sitzt auf dem Pferd, das ist ganz klar. Wenn das Pferd aber nicht zuhört, können auch die besten Signale nicht verstanden werden. Insofern ist es erst einmal nur ein Achtungserfolg, wenn Neuhauser sich auf den arabischen Schimmel setzen kann, ohne gleich in hohem Bogen wieder zu Boden befördert zu werden – das ist lediglich Duldung, aber noch keine Kommunikation. Nun haben wir es im Regelfall nicht mit der Art verdorbenen Tieren zu tun, unser Umgang mit Pferden ist also keineswegs lebensgefährlich, aber dennoch können wir normalerweise nicht davon ausgehen, dass das Pferd begeistert ist, wenn wir mit ihm kommunizieren wollen. Viele Pferde nehmen Reißaus, wenn sie können, sobald ein Mensch sich in mehr oder weniger eindeutiger Absicht nähert. Genau das war ja die auslösende Überlegung von Neuhauser; die meisten Reiter sind hilflos, wenn sie ihr Pferd nicht am Strick kontrollieren können, weil es sofort weglaufen würde. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, dass der Züchter, bei dem ich meine Hannoveranerstute kaufte, diese aus der Box holte, ohne sie anzufassen ( „Nun komm mal mit!"), sie dann ausgiebig striegelte, ohne angebunden werden zu müssen, und dann mit ihm zur Reithalle lief, wiederum ohne dass er sie führen musste. Unglaublich! So etwas hatte ich noch nie gesehen, und das nahm mich natürlich nicht nur für den Mann ein, sondern auch für das Pferd. So ungefähr stellte ich mir das vor. Ein weiteres Bild, das ich nie vergessen werde, war der Wanderreiter, der zu Fuß die beschauliche Ulenburger Allee herunterkam, an der wir damals wohnten, neben sich Pferd und Hund, die ihm beide völlig frei folgten und ihn wirklich begleiteten. Ein Bild der Harmonie zwischen Mensch und Tier! Kontrastieren Sie dieses Bild mit Hundebesitzern, die von ihren Hunden durch die Gegend geschleift werden, deren Hunde ohne Leine nicht zu kontrollieren wären, die ständig ihre Hunde anschnauzen und an ihnen herumreißen müssen, um überhaupt Gehör zu finden, dann können Sie die idyllische Dimension dieses Verhältnisses zwischen Mensch und Tier viel besser würdigen. Und dann erinnern Sie sich an die letzten Szenen auf Abreiteplätzen und spüren den Abgrund, der sich zwischen beiden Bildern auftut. Die Pferde haben keine Wahl, sie sind uns ausgeliefert. Wir Menschen aber sind frei und können unsere Träume verwirklichen, wenn wir es wirklich wollen. In der nächsten Woche werde ich Ihnen etwas konkreter ein Beispiel vor Augen führen, das zeigt, was möglich ist, wenn man die richtigen Weichen stellt. |
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