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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 548, erschienen am 27.09.2009

Magazin  Ausgabe 548

Pferde, die unbekannten Wesen.
Wie wollen wir ihnen begegnen?

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Die Empfindlichkeit der Pferde
  2. Abschnitt  Menschlichkeit
  3. Abschnitt  Anschauung
  4. Abschnitt  Kommunikation
  5. Abschnitt  Vorübung
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2
Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
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Die Empfindlichkeit der Pferde

Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Was macht » Hans-Jürgen Neuhauser anders als andere Leute? Meine Vermutung: er traut den Pferden etwas zu, was andere Leute ihnen nicht zutrauen. Und das ist nicht etwa etwas ganz Außergewöhnliches, sondern im Gegenteil etwas so Offensichtliches, dass kein einziger Pferdefreund davon nicht wüßte. Pferde sind ganz außerordentlich empfindliche Wesen. Sie spüren es sogar, wenn sich eine Fliege auf ihr Fell setzt.

Nicht wahr, das weiß jeder. Aber wer hat sich darüber schon Gedanken gemacht, wer hat daraus Schlüsse gezogen? Eine Fliege! Man denke! Wie groß mag der Druck eines Fiegenbeins auf ein Pferdehaar sein? Wenn Pferde so empfindlich sind und auf so winzige Signale reagieren können, muss man ihnen dann beispielsweise im Maul herumreißen, wie das gängige Praxis ist, seit Jahrtausenden?

Das nebenstehende (erste) Bild fiel mir vor ein paar Tagen auf, als ich über einen Hinweis in der » Zeit auf ein Projekt des » Knesebeck Verlags gestoßen bin; indirekt sollen vermutlich die Bildbände des Verlages gefördert werden, jedenfalls haben die Fotografen des Verlags Bilder gestiftet, unter anderem » Tim Flach, dessen Foto mir so unangenehm ins Auge stach.

Natürlich kann man solche Bilder rein ästhetisch betrachten und sie schön finden; schon die griechischen Bildhauer konnten sich nicht genugtun in der Darstellung geschundener Pferde, die von unzähligen Kunstinteressierten als Vorbild betrachtet wurden. Wer aber nur ein bißchen Einfühlungsvermögen hat, erkennt zweifellos, wie grausam der Mensch mit den Pferden umgegangen ist und es immer noch tut.

Und nun kommt jemand wie Hans-Jürgen Neuhauser, der nicht zuletzt durch seine berufliche Ausbildung als Zeitlupenakrobat gelernt hat, genau hinzufühlen und das richtige Maß zu finden, sich in sich selbst und seine Partner einzufühlen, um gemeinsam eine sensationelle Figur aufzubauen, deren Schwierigkeitsgrad so offensichtlich ist, dass ein Publikum bereit ist, für diese Leistung zu bezahlen.

Wenn jemand einen neuen Blick auf etwas eröffnet, hat das natürlich seine Gründe. Andere Leute mit anderen Erfahrungen, anderen Erwartungen und anderen Konditionierungen hätten vielleicht keine Chance, etwas zu entdecken. Außerdem gehört dazu auch noch eine allgemeine Disposition, eine bestimmte Art von Persönlichkeit.

Jemand, der wenig mitfühlend ist und einen leichten Hang zur Grausamkeit hat, wird mit Pferden (und nicht nur mit diesen) ganz anders umgehen als jemand, den ein solches Verhalten abstößt. Die bekannte Geschichte des Wikipedia-Link» barmherzigen Samariters ist bereits 2000 Jahre alt und illustriert unterschiedliches Verhalten unterschiedlicher Menschen sehr deutlich.

Und ein jeder von uns hat die Wahl, soweit er die Wahl hat. Denn letzten Endes kann keiner aus seiner Haut. Kann ein Sadist zum Samariter werden? Vielleicht schon, aber dann würde viel dazu gehören.

Glücklicherweise sind wir alle in weiten Grenzen bildfähig und nicht festgelegt. So kann man Menschen, die entsprechenden Zeitumstände vorausgesetzt, sehr leicht zu Folterknechten formen (wofür es Unmengen an Belegen gibt), oder aber auch zu selbstlosen, aufopferungsbereiten Kämpfern für das Gute, für die Mitmenschen, gegen das Leid, gegen Hunger, Ignoranz, Krieg und Tod (ebenfalls beliebig zu belegen). Wenn man uns die entsprechenden Wege zeigt, sind wir meist gern bereit und in der Lage, den einen oder anderen zu gehen. Der Mensch ist eben nicht nur grausam, sondern auch mitfühlend. Schauen wir uns also den Weg genauer an, den Hans-Jürgen Neuhauser uns eröffnet.

Menschlichkeit  oben 



Hans-Jürgen Neuhauser macht denn auch den Eindruck, als sei er als Mensch durchaus menschlich, das heißt einfühlsam, mitfühlend, verantwortungsbewußt, bescheiden, ehrlich. Er wird also weder uns noch sich selbst betrügen wollen. Das ist wichtig, denn wir möchten doch alle erfolgreich sein, und wenn sich der Erfolg nicht einstellt, so kann man sich doch wenigstens einbilden, dass man Erfolg hat, und sich selbst belügen – nichts ist einfacher als das und es passiert ständig und immer wieder.

Dann kann man sich nämlich großartig fühlen, und darauf kommt es vielen an. Ich bin der Größte, ich bin King – dagegen ist zunächst einmal gar nichts einzuwenden, finde ich, das ist absolut menschlich, das ist unser göttliches Erbe als Gottes Kinder, aber kann man sich vorstellen, dass Gott es nötig hat, sich zu belügen? Daß Gott überheblich ist, machtgeil, manipulationssüchtig?

Deshalb ist Selbsterkenntnis so wichtig, und weil Selbsterkenntnis wie jede Erkenntnis extrem schwer zu erlangen ist, fällt es so ungeheuer leicht, sich etwas vorzumachen und etwas für wahr zu nehmen, was man gerne für wahr halten möchte. Im Falle des Hans-Jürgen Neuhauser kann man sehr gut anhand der Szenen mit der wilden Mustangstute und den beiden gefährlichen Araberhengsten beobachten, wie er sich selbst wahrnimmt, wie er sich darstellt, wie er auftritt und wie er ankommt.

Selbstverständlich muss jemand, der sich solchen Aufgaben stellt, ein gesundes Selbstbewußtsein haben. Aber dieses muss natürlich gewachsen sein, nicht aufgesetzt, denn selbst wenn Menschen es nicht merken, Pferde merken das sofort und reagieren entsprechend. In null Komma nichts ist dann ein aufgeblähtes Ego dekouvriert.

Pferde müssen ja nicht unbedingt aggressiv werden, um zu zeigen, dass sie von Menschen nichts halten; sie können unwillig oder teilnahmslos sein, krank werden, sich verweigern, ausdruckslos dahinschlurfen und was dergleichen Möglichkeiten mehr sind, um Mißfallen und Ablehnung zum Ausdruck zu bringen, übrigens alles Verhaltensweisen, die wir ja auch von uns selber kennen. Deshalb ist es ja so schwierig, mit Zwang mehr aus den Leuten herauszuholen; die stille Verweigerung ist kaum zu entdecken und schon gar nicht zu bekämpfen. Druck erzeugt Gegendruck oder Ausweichen – freiwillige Mitarbeit, Engagement, Energie, Kreativität, Visionen, gar Liebe sind unter solchen Umständen ausgeschlossen.

Es kommt also alles darauf an, wie wir selber sind und auf die Welt zugehen, in diesem Fall wie wir Pferde sehen. Was sind Pferde für uns? Daraus folgt, wie wir mit ihnen umgehen und was wir von ihnen verlangen. Hans-Jürgen Neuhauser geht zweifellos sanft mit seinen Pferden um und verlangt zunächst, dass sie ihm auf Fingerzeig folgen und sich mit minimalen Hilfen lenken lassen. So möchte er sie letzten Endes zur Hohen Schule führen, wobei ich mich wieder frage, ob ein solches Ziel überhaupt zulässig ist, ob damit nicht dem Pferd wiederum Vorstellungen des Menschen übergestülpt werden, die diesem im Grunde ganz fremd sind.

Wenn die Hohe Schule der Gipfel der reiterlichen Kunst ist – muss dann jeder Reiter und jedes Pferd diese Kunst beherrschen? Das wäre doch so, als wenn wir von jedem Menschen verlangen würden, die Figuren des klassischen Balletts oder ähnlich spezialisierter Bewegungsübungen zu beherrschen. Abgesehen davon, dass sicher ist, dass nicht jeder Mensch so etwas überhaupt erreichen kann – vorsichtig ausgedrückt, um nicht zu sagen: dass die meisten Menschen, die allermeisten sogar, aus den verschiedensten Gründen überhaupt nicht in die Nähe dieser Bewegungskunst geraten können – ist ja auch zweifelhaft, ob man das überhaupt wollen sollte.

Natürlich gibt es Leute, deren Traum es ist, Ballett zu tanzen und auf der Bühne zu stehen, und diese Leute dürfen ihren Traum selbstverständlich ausleben. Aber wie viele sind das schon? Vermutlich viel weniger als Leute, deren Traum es ist, auf dem Pferderücken zu sitzen und durch die Landschaft reiten. Diesen Traum kann ich sehr wohl verstehen, es ist auch mein Traum; hingegen ist es nicht mein Traum, mich in einer Reithalle zu bewegen, egal ob auf einem Pferd oder nicht.

So nehme ich Hans-Jürgen Neuhauser als Inspiration für den Umgang mit dem Pferd im Hinblick auf mein Ziel des genussvollen Ausreitens durch die Landschaft im Einklang mit meinem Pferd, der liebevollen Verständigung zwischen Mensch und Tier, der ungeahnten Möglichkeiten zuverlässiger Kommunikation, sobald man einmal den richtigen Ansatz gefunden hat. Wenn ein Pferd eine Fliege spürt, dann selbstverständlich auch jede noch so kleine Regung des Menschen auf ihm. Und wenn dem Pferd bewusst ist, was eine solche Bewegung bedeutet, wird es die richtigen Konsequenzen daraus ziehen und der Mensch kann sich darauf verlassen.

Anschauung  oben 



Umgekehrt hat der Mensch natürlich ebenfalls zu lernen, was ein Pferd ist, wie ein Pferd denkt, wie es sich bewegt, wie es kommuniziert. Da es nicht sprechen kann und auch wir Menschen die Kommunikationsäußerungen des Pferdes sehr schlecht nur in Sprache übersetzen können, brauchen wir die Anschauung und jede Menge Erfahrung. Filme können uns Anschauungsmaterial liefern, die Erfahrung müssen wir selber machen, unter anderem eben auch durch das Anschauen solchen Materials, und unter Umständen brauchen wir auch ganz konkrete Unterstützung durch einen Außenstehenden, der mehr sieht und mehr weiß als wir selbst.

Wie inzwischen allgemein üblich, insbesondere unter Pferdeflüsterern, kann man die Arbeit von Hans-Jürgen Neuhauser einteilen in die am Boden und die vom Rücken aus. Natürlich ist das Ziel die Reiterei, die Bodenarbeit bereitet ganz wörtlich den Boden dafür vor. Im Unterschied zu vielen anderen Pferdeflüsterern, die jede Menge Spezialwerkzeug entwickelt haben oder auch ganz normale Hilfsmittel wie Halfter, Longe, Gerte, Peitsche benutzen, arbeitet Hans-Jürgen Neuhauser oft völlig ohne Hilfsmittel. Nicht dass er bewährte Werkzeuge wie Halfter oder Longe grundsätzlich verschmähen würde, aber er bevorzugt die feine Geste und deshalb ist es konsequent, dass sein Kennzeichen der nackte Zeigefinger ist, wie es so schön in seinem Logo verdichtet wurde.

Ich habe oben mehrfach die sprichwörtliche Fliege angeführt – wenn der Reiter auf dem Pferd sitzt, gibt es jede Menge Körperkontakt und dadurch eine Fülle von Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Pferd. Wie aber funktioniert das vom Boden aus? Wenn man Hans-Jürgen Neuhauser folgen will, ist das ebenfalls eine Konsequenz des enormen Körperbewusstseins des Pferdes, das eben als Herdentier nicht nur seine eigene Balance finden und halten, sondern auch winzige Signale seiner Herdenmitglieder wahrnehmen und deuten muss. Wie schon in der letzten Woche erklärt, spürt das Pferd automatisch, wenn ein anderes in den Galopp fallen will.

Und genau dieses enorme Körperbewusstsein ist es, das Hans-Jürgen Neuhauser erstmals in die Diskussion einbringt, wenn ich das richtig sehe. Es musste erst einer kommen, der selber ein solches extrem feines Körperbewusstsein entwickelt hat, um zu erkennen, dass Pferde auf dieser Grundlage kommunizieren. Wir kennen ja schon von Hempfling die Steuerung des Pferdes durch Körperbewegungen, wobei sicher auch eine Rolle gespielt hat, dass Hempfling in seiner Ausbildung als Kommunikationswissenschaftler auch körperbetont gearbeitet hat; im » Vorführung auf der Americana 2008 bezieht sich Neuhauser mit einem Seitenhieb auf Hempfling, indem er seine Art der körperbetonten Kommunikation als zielgerichtet bezeichnet, die er für vermittelbar hält, die man von ihm also lernen kann, und von der er inzwischen hinreichend bewiesen hat, dass sie von Pferden auf der ganzen Welt verstanden wird.

Hempfling hat uns gezeigt, wie er ein Pferd auf diese Weise aus der Distanz stoppen oder bewegen kann, also antreiben oder Tempo wechseln, aber das ist Neuhauser viel zu wenig. Das kann er natürlich auch, aber er führt vor, auch auf schrecklich lauten, für Pferde sehr unangenehmen Pferdemessen, dass er ein Pferd punktgenau beeinflussen kann, bis hin zur Bestimmung der Hufspur, zu Volten und Handwechseln, und das auch noch während er dem Publikum erklärt, was er tut und worauf es zu achten hat.

Um diese Fähigkeit zur Kommunikation augenfällig zu machen, hat er sich ein System ausgedacht, das jedermann sofort verstehen und überprüfen kann. Wo immer er gerade ist, sammelt er geeignete Objekte, mit denen er gewissermaßen einen Parcours improvisiert, Dinge wie Holzklötze, Konservendosen oder Wikipedia-Link» Leitkegel. Der Parcours besteht meist aus einem großzügig angelegten Kreuz, mit dem gewissermaßen konzentrische Kreise um den Mittelpunkt angedeutet werden. Neuhauser führt dann vor, wie einfach es ist, die Aufmerksamkeit des Pferdes zu bekommen und dieses mithilfe des Zeigefingers exakt auf vorher bestimmte Kreise zu schicken.

Natürlich kann man diesen Parcours auch als Labyrinth benutzen und statt der langweiligen Kreise, bei denen man gewissermaßen nur die Spur wechseln kann, auch sehr enge Wendungen signalisieren, die einen Richtungswechsel bedeuten. Ohne Frage gymnastizieren diese Übungen ganz nebenbei noch vorzüglich. Das Pferd biegt sich buchstäblich für den Menschen, und zwar ziemlich extrem und ohne jegliche äußere Einwirkung. Das Ganze auch noch ohne langwierige Dressur, wie man das bei Zirkuspferden mit Recht voraussetzt.

Kommunikation  oben 



Selbstverständlich freuen wir uns alle über gelungene Zirkusnummern, ob diese nun im Zirkus oder auf einer Abendveranstaltung auf einer Pferdemesse vorgeführt werden, aber niemand würde daraus ableiten, dass die vorgeführten Übungen zur Nachahmung empfohlen seien. Wenn der Dompteur die Peitsche hebt und die Pferde sich nach seinen Vorgaben wie die Puppen bewegen, sind das ganz offensichtlich Kunststücke, die man Pferden zwar beibringen kann, die aber für Leute, die damit nicht im Zirkus auftreten wollen, normalerweise völlig uninteressant sind.

Hier geht es aber darum, mit dem Pferd über den gewissermaßen verlängerten Gleichgewichtssinn zu kommunizieren. Das ist vielleicht nicht ganz korrekt. Wenn Neuhauser ein Pferd stoppt, tut er das mit einer ganz charakteristischen Bewegung; er macht gewissermaßen einen Ausfallschritt und zieht das hintere Bein nach, bis beide Füße parallel stehen. Das sieht etwas steif und mechanisch aus; Hempfling macht das durch eine eher tänzerische Bewegung, wobei er deutlich in die Knie geht und sein Becken kippt. Zweifellos verstehen die Pferde, was Neuhauser meint, denn sie reagieren wie gewünscht.

Es ist aber nicht nur die isolierte Bewegung, er kommuniziert permanent mit dem Pferd. In einem kleinen Kreis erläuterte er das Prinzip seinen Zuhörern wie folgt: Man müsse sich dem Pferd immer zuwenden, das Pferd müsse das Herz von vorne sehen können. Im übrigen sei das bei den Menschen genauso: wenn wir miteinander kommunizieren, wenden wir uns einander zu. Das leuchtet freilich unmittelbar ein – einfacher kann man Körpersprache nicht erläutern. Man muss sich wundern, wie er das Kunststück vollbringt, gleichzeitig mit dem Pferd zu kommunizieren und mit dem Publikum, das sich ja in seinem Rücken befindet und dem er sich ebenfalls immer wieder zuwenden möchte und das auch tut.

Im übrigen kommuniziert er auch mittels Sprache. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was er sagt, sondern vielmehr, wie er es sagt. In den USA und Arabien spricht er abwechselnd Deutsch und Englisch, und setzt dieses Mittel anscheinend eher intuitiv ein, zur Beruhigung, als Lob, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ganz allgemein als Rückmeldung, auch um die Beziehung zum Pferd nicht abreißen zu lassen. Über die Sprache fordert er also auch die Mitarbeit des Pferdes ein.

Nun scheint uns Menschen die Sprache nicht nur mitgegeben zu sein, sondern wir neigen offenbar dazu, in allen möglichen und unmöglichen Situationen ganz unwillkürlich zu sprechen. Sprache ist in diesem Sinne nicht nur Informationsvermittlung, sondern dient vor allem auch der Beziehungspflege. Ganz deutlich wird das im Umgang mit Babys; kaum ein Erwachsener wird ein Baby nur stumm anstarren, stattdessen fängt man ganz unwillkürlich an, mit dem Baby über die Stimme Kontakt aufzunehmen. Und genauso verhält es sich mit Tieren.

Ich möchte den Hundebesitzer sehen, der mit seinem Hund nicht spricht, oder den Katzenfreund, der mit seiner Katze nicht schmust und dabei seine Stimme benutzt. Wenn manche sprechen sogar mit unbelebten Gegenständen; am deutlichsten kann man das natürlich bei Kindern sehen, wenn sie spielen. Sie sprechen mit ihren Spielfiguren, wobei Puppen natürlich das Paradebeispiel sind, aber auch Playmobil – oder sonstige Spielfiguren fordern einfach Sprache heraus.

Insofern erscheint es sehr untypisch und künstlich, wenn ein Mensch mit seinem Pferd nicht spricht. Zwar kann das Pferd nicht sprechen, aber das können Hunde und Katzen im Grunde auch nicht, obwohl man von diesen durchaus manchmal stimmliche Antworten bekommen kann. Vielleicht kann man Pferden auch beibringen, auf Kommando zu wiehern oder zu schnauben, aber das wäre halt nicht mehr als ein Kunststück. Reaktionen bekommt man auch so, die müssen ja nicht stimmlicher Natur sein.

Die Nagelprobe für die Bodenarbeit von Hans-Jürgen Neuhauser ist die Steuerung der Bewegungen des Pferdes auf den Punkt genau. Tempowechsel, Richtungswechsel, Figurenlaufen auf Fingerzeig – das kann Neuhauser und das kann er auch weitervermitteln, wie das verschiedentlich per Film dokumentiert worden ist. Dazu bedarf es offensichtlich keines allzu großen Aufwandes, der Mensch muss keineswegs jahrelange Pferdeerfahrung mitbringen, auch kleine Mädchen können riesige Pferde in kürzester Zeit so bewegen, wie es der Meister kann. Wenn das kein Beweis ist, was soll dann ein Beweis sein?

Vorübung  oben 



Nun ist die gesamte Bodenarbeit nicht Selbstzweck, sondern Vorübung. Vorübung fürs Reiten natürlich. Dazu bedarf es zweierlei: Einmal der ausreichenden Gymnastizierung des Pferdes, die mit der Bodenarbeit auf ganz spielerische Weise erfolgt, und zum anderen der Aufmerksamkeit des Pferdes, das ja den Menschen im Grunde nicht braucht und einfach links liegen lassen könnte. Und in der Tat passiert das häufig genug, auch Hans-Jürgen Neuhauser kann da nicht zaubern. Insbesondere die gefährlichen arabischen Hengste stellten ihn vor erhebliche Probleme, und bei einem dieser beiden musste er sich etwas einfallen lassen, weil er mit seinen Mitteln nicht weiterkam.

Denn wenn man wie Hans-Jürgen Neuhauser mit minimalen Hilfen reiten möchte, muss das Pferd auf diese unscheinbaren Signale hören. Selbstverständlich ist es dazu notwendig, dass der Reiter erst einmal für das Pferd verständliche Signale aussendet – das Problem sitzt auf dem Pferd, das ist ganz klar. Wenn das Pferd aber nicht zuhört, können auch die besten Signale nicht verstanden werden. Insofern ist es erst einmal nur ein Achtungserfolg, wenn Neuhauser sich auf den arabischen Schimmel setzen kann, ohne gleich in hohem Bogen wieder zu Boden befördert zu werden – das ist lediglich Duldung, aber noch keine Kommunikation.

Nun haben wir es im Regelfall nicht mit der Art verdorbenen Tieren zu tun, unser Umgang mit Pferden ist also keineswegs lebensgefährlich, aber dennoch können wir normalerweise nicht davon ausgehen, dass das Pferd begeistert ist, wenn wir mit ihm kommunizieren wollen. Viele Pferde nehmen Reißaus, wenn sie können, sobald ein Mensch sich in mehr oder weniger eindeutiger Absicht nähert. Genau das war ja die auslösende Überlegung von Neuhauser; die meisten Reiter sind hilflos, wenn sie ihr Pferd nicht am Strick kontrollieren können, weil es sofort weglaufen würde.

Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, dass der Züchter, bei dem ich meine Hannoveranerstute kaufte, diese aus der Box holte, ohne sie anzufassen ( „Nun komm mal mit!"), sie dann ausgiebig striegelte, ohne angebunden werden zu müssen, und dann mit ihm zur Reithalle lief, wiederum ohne dass er sie führen musste.

Unglaublich! So etwas hatte ich noch nie gesehen, und das nahm mich natürlich nicht nur für den Mann ein, sondern auch für das Pferd. So ungefähr stellte ich mir das vor. Ein weiteres Bild, das ich nie vergessen werde, war der Wanderreiter, der zu Fuß die beschauliche Ulenburger Allee herunterkam, an der wir damals wohnten, neben sich Pferd und Hund, die ihm beide völlig frei folgten und ihn wirklich begleiteten. Ein Bild der Harmonie zwischen Mensch und Tier!

Kontrastieren Sie dieses Bild mit Hundebesitzern, die von ihren Hunden durch die Gegend geschleift werden, deren Hunde ohne Leine nicht zu kontrollieren wären, die ständig ihre Hunde anschnauzen und an ihnen herumreißen müssen, um überhaupt Gehör zu finden, dann können Sie die idyllische Dimension dieses Verhältnisses zwischen Mensch und Tier viel besser würdigen. Und dann erinnern Sie sich an die letzten Szenen auf Abreiteplätzen und spüren den Abgrund, der sich zwischen beiden Bildern auftut. Die Pferde haben keine Wahl, sie sind uns ausgeliefert. Wir Menschen aber sind frei und können unsere Träume verwirklichen, wenn wir es wirklich wollen.

In der nächsten Woche werde ich Ihnen etwas konkreter ein Beispiel vor Augen führen, das zeigt, was möglich ist, wenn man die richtigen Weichen stellt.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 548 vom 20.05.2012
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