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![]() Kommunikation auf Fingerzeig |
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Was bedeutet Tanzen? Stellen Sie sich ein tanzendes Paar vor: Die vollkommene Harmonie für die Tänzer und für die Zuschauer ergibt sich erst dann, wenn der eine Part führt und der andere sich führen lässt. Es handelt sich also um Kommunikation. Aber um eine einvernehmliche, nicht um Streit – denn das wäre für niemanden schön. Üblicherweise führt der Mann und die Frau lässt sich führen; sie müssen sich dabei auch nicht unbedingt anfassen. Im Ballett oder im Flamenco fassen sich die Tänzer im Gegensatz zum Gesellschaftstanz meistens nicht an, und trotzdem gibt es dieses feine Zusammenspiel, das natürlich eine vollkommene Kommunikation darstellt. Bei dieser Rollenverteilung handelt es sich keineswegs um eine Machtverteilung, obwohl man sie dazu missbrauchen kann. Grundsätzlich aber ist es in der Natur eigentlich eher umgekehrt als es den Anschein hat: Zwar spielen sich die männlichen Exemplare einer Gattung in der Regel fürchterlich auf, die Entscheidung wird aber vom weiblichen Part getroffen. Wer hat hier also die Macht? Der, der so tut, als ob, oder der, der nicht einmal so tun muss, weil er weiß, dass er sie hat. Die angemaßte oder zugewiesene Führungsrolle des männlichen Partners kommt also nur dann zur Geltung, wenn der weibliche Partner darauf eingeht. Sollte dies nicht der Fall sein, kann der angeblich Mächtigere sich auf den Kopf stellen, er wird schon sehen, dass er nichts ausrichten kann. Ist es nicht auch mit Pferden so? Mit Gewalt kann man nur wenig erreichen. Wenn das Pferd nicht mitmachen will, kann man sich auf den Kopf stellen, man wird es nicht erzwingen können. Es sei denn, die ganze Sache läuft auf eine Vergewaltigung hinaus. Das ist bekanntlich unter Menschen nicht ungewöhnlich und soll auch im Tierreich vorkommen. Das Problem ist nur, dass sich bei einer Vergewaltigung niemand wohlfühlt, auch nicht der Vergewaltiger. Es kommt keiner auf seine Kosten. Die ganze Geschichte ist einfach nur schrecklich, für alle Beteiligten. Es ist insbesondere keine harmonische Kommunikation und hat deshalb mit Tanz überhaupt nichts zu tun. Will man das? Der Tanz hat sehr viele Anklänge an erotische Werbung; es gibt auch im Tierreich, besonders bei Vögeln, wunderbare Tänze zu beobachten, sehr oft allein vom männlichen Part ausgeführt für die umworbene Partnerin, die auch meist alleinige Zuschauerin ist, und auch bei Pferden nutzen wir ja aus, dass diese ein gewisses Imponiertverhalten an den Tag legen können, wenn sie damit ein anderes Pferd beeindrucken wollen. Üblicherweise führt der Hengst das Imponiertverhalten nur dann aus, wenn es Sinn macht, die Stute also rossig ist und zur Empfängnis bereit; man mag sich fragen, warum eine Stute ein solches Verhalten an den Tag legen sollte, aber das kann durchaus sinnvoll sein, wie ich selber beobachten konnte. Wir hatten seinerzeit zwei Stuten, einen Wallach und ein Hengstfohlen, und die Mutter des einjährigen Hengstfohlens war rossig und fand keinen Partner. Das war für sie unangenehm. Ich habe das gar nicht richtig mitbekommen, weil ich nicht informiert und nicht sensibilisiert war. Als ich dann aber ein weiteres Hengstfohlen als Spielkamerad kaufte und dazustellte, umwarb die rossige Stute das neue Hengstfohlen sehr deutlich und sehr intensiv, während die anderen Mitglieder der Herde eher auf Distanz gingen. Mit Erfolg, denn das neue Hengstfohlen, ebenfalls einjährig, schachtete aus und schickte sich an, die Stute zu besteigen, worauf ich endlich begriff und in Panik zu meinem Handy griff, um die Tierklinik anzurufen und mich zu informieren, ob dies zu einem erneuten Weideunfall führen könnte. Glücklicherweise hatte ich sofort jemanden am Apparat, der mir Auskunft geben konnte. Zwar sei das nicht in diesem Alter üblich, aber durchaus möglich; wir täten also gut daran, die beiden zu trennen, um jegliches Risiko zu vermeiden. Damit haben wir natürlich beiden unrecht getan, weil sie ja nur ihrer Natur folgen wollten. Das nur am Rande, weil diese Situation sicherlich recht ungewöhnlich war und den meisten Pferdebesitzern so nicht begegnen wird. Die Stute umwirbt den einzigen Hengst weit und breit, damit sie überhaupt zu ihrem Recht kommt. Das ist auch interessant in Bezug auf die leidige Diskussion, ob weibliche Wesen überhaupt Interesse an Sexualität haben. Diese Frage darf inzwischen als abgehakt gelten, denn es gibt unzählige Filmaufnahmen von allen möglichen Tierarten, wo der weibliche Part sogar die Initiative ergreift. Freilich ist dieses Interesse sehr stark, wenn nicht ausschließlich durch Hormone gesteuert und dient ganz offensichtlich nur einem Zweck, der Reproduktion. |
So wie Hund und Katze ständig Signale aussenden, die vom anderen Partner missverstanden werden müssen, so dass beide nur dann zusammen leben können, wenn sie Zeit genug hatten, diese Missverständnisse auszuräumen und die ungewöhnlichen Signale korrekt zu interpretieren, müssen die beiden Geschlechter sich auch in der Natur regelmäßig zusammenraufen. Dem dient die geschlechtliche Werbung, die ganz allmählich die normalerweise nötige Distanz überwindet und eine Situation vorbereitet, die dann schließlich vor allem gefühlsmäßig zum gewünschten Erfolg führen kann. Der Überwindung der Distanz und der Entwicklung dieser Gefühle dient auch der Tanz beim Menschen, wie jeder vermutlich aus eigener Erfahrung weiß. Und auch hier handelt es sich um eine Werbung, eine Einladung des männlichen Parts, der der weibliche Part nach Belieben folgt oder auch nicht. Das kann durch den Tanz immer wieder ausgetestet werden, weil dieser aus ständigen solchen Folgen besteht. Wenn die Einladungen immer besser erwidert werden, ergibt sich eine immer engere Verbindung. So lädt der Tänzer zum Beispiel die Tänzerin mit einer Geste ein, eine Pirouette zu drehen, und sie folgt seiner Einladung. So ungefähr kommt es mir vor, wenn Hans-Jürgen Neuhauser ein Pferd einlädt, eine Wendung zu machen oder zu stoppen oder wieder anzutreten. Es ist wie ein freundlicher Tanz, der um seiner selbst willen ausgeführt wird, weil er so schön ist und man sich so gut dabei fühlt. Es ist sogar sehr angenehm anzusehen. Selbstverständlich beziehen sich beide Tänzer während ihres Tuns aufeinander, sie richten ihre Aufmerksamkeit auf den jeweils anderen, schon allein um dessen Signale mitzubekommen und auf ihn reagieren zu können, aber auch weil genau diese Kommunikation eben der Sinn der ganze Angelegenheit ist. Genauso bezieht sich Neuhauser ständig auf das Pferd, mit dem er kommuniziert. In der nebenstehenden Sequenz kann man das sehr gut sehen: Zunächst bezieht er sich ausschließlich auf das Pferd, und stellt dieses dann gewissermaßen ab, um sich dem Publikum zuzuwenden. Besonders interessant wird es in dem Moment, wo das Pferd sich zu langweilen beginnt und ihm zu entgleiten droht. Bekommt er das mit? Und wenn ja, was macht er dann? |
Das ist aber anscheinend nicht der Fall, denn als die Langeweile größer wird und das Pferd Anstalten macht, sich abzuwenden und wegzubewegen, springt seine Hand sofort auf. Sein Redefluss wird dadurch gar nicht beeinträchtigt, das Pferd bekommt dieses Signal natürlich mit, eins seiner Augen schaut ja genau in diese Richtung. Und dieses Signal bewirkt auch, wenn auch nicht sofort, so dass Neuhauser den Finger noch etwas mehr reckt, dass das Pferd seine Absicht ändert, die Bewegung ausklingen lässt – was wegen der ungeheuren Masse und des langen Hebels natürlich etwas dauert, weshalb sich der Kopf zunächst noch etwas in die Richtung weg von Neuhauser bewegt -, um dann die Bewegungsrichtung umzukehren und den Kopf wieder in seine Richtung zu schwenken. Neuhauser hat aber schon weiter reagiert, er redet schon wieder in Richtung Publikum und zeigt auf sein Labyrinth mit Leitkegeln, mithilfe dessen er gleich etwas zeigen will. Auch diese Geste hat das Pferd mitbekommen; Neuhauser setzt sich auch schon in Bewegung, ohne abzuwarten, dass das Pferd sich ihm vollkommen zugewandt hat, und zeigt mit seiner rechten Hand gleichzeitig im Grunde ganz nebensächlich und unscheinbar, für das Pferd aber unübersehbar, wohin er es mitnehmen will. Man ist nicht überrascht, wenn es folgen wird. Diese ganze Abfolge geschah gewissermaßen nebenbei; ich würde gerne wissen, ob das Publikum diese Einzelheiten überhaupt mitbekommen hat. Wenn man sich die Abfolge noch einmal vor Augen führt, ist die Botschaft vollkommen klar. Das ist Kommunikation mit Körpersprache, und zwar auf einer sehr bestimmten, wirksamen Ebene. Neuhauser muss nicht gestikulieren, er muss nicht brüllen, er braucht keine Werkzeuge, er agiert ganz gelassen und selbstsicher. Um das würdigen zu können, sollten wir uns wieder uns Menschen zuwenden: Wenn wir mit akustischen Signalen miteinander kommunizieren, brauchen wir ja normalerweise auch nicht zu gestikulieren, zu grimmassieren, gar zu schreien, im Gegenteil: Man kann viel mehr Aufmerksamkeit bekommen, wenn man leise wird und die Stärke der Signale herunterfährt. Sie werden das alle noch aus der Schulzeit kennen: Wenn der Lehrer anfing zu brüllen, hatte er verloren, er hatte Schwäche gezeigt, er war der Situation nicht mehr gewachsen. Hatte er aber die Situation voll im Griff und etwas Schreckliches war passiert, so wurde er leise und infolgedessen wurde es totenstill in der Klasse. Die Stärke des Signals, so könnte man daraus ableiten, steht in umgekehrter Proportion zur Autorität. In diesem Sinne ist Neuhauser sich vollkommen sicher und Herr der Lage und bewältigt die Krise ganz nebenbei. |
Nach ein oder zwei Runden leitet er das Pferd in den inneren Zirkel und muss sich selbst gehörig sputen, denn jetzt hat er einen viel längeren Weg zurückzulegen als das Pferd. Den sehr engen Zirkel des Pferdes kann man auf manchen Fotos ganz gut im Hallenboden erkennen. Nach wieder ein oder zwei Runden leitet er das Pferd aus dem Zirkel heraus, wechselt die Richtung und wiederholt das Spiel: Erst außen herum, dann innen herum, und dann wieder aus dem Zirkel herausleiten. Diese Choreografie kann man natürlich in einer Folge von Standbildern nicht so gut darstellen, weil man einfach zu viele Bilder brauchen würde. Ich habe deshalb eine Animation erstellt, die an die in diesem Abschnitt gezeigten Standbilder anschließt; die Ausleitung aus dem inneren Zirkel, Richtungswechsel, äußerer Zirkel, innerer Zirkel, erneute Ausleitung und Richtungswechsel.
Die Animation läuft nur einmal, damit Sie nicht genervt werden und der Ablauf deutlich wird – dieser wiederholt sich ja nicht, und bei einer Wiederholung wäre man leicht irritiert. Das kann allerdings problematisch sein. Wenn Sie dieses Bild sehen (es ist etwas über 400 kB groß und braucht auch seine Zeit zum Laden), könnte es sein, das die Animation bereits abgelaufen ist (wenn sich nämlich nichts mehr bewegt). Um die Animation neu zu starten, laden Sie die Seite einfach erneut, was wesentlich schneller als beim ersten Mal gehen wird, weil sämtliche Bilder ja bereits im Cache Ihres Browsers sind und nicht neu geladen werden müssen. Dann läuft die Animation erneut, wieder ein Mal. Jedes Bild wird 100 ms gezeigt, die ganze Animation dauert also knapp zwei Sekunden. Diese Technik ist natürlich primitiv; eigentlich müsste man ein kleines Video herausschneiden, aber damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Lassen wir es einstweilen dabei; was wir sehen wollen, sehen wir auf diese Weise ebenfalls sehr genau. Hans-Jürgen Neuhauser dirigiert sein Pferd jedenfalls auf eine Weise, wie ich das zuvor noch nicht gesehen habe: Von vorne, von der Seite, von hinten. Unversehens habe ich ein neues Wort benutzt, was diesen Umgang mit dem Pferd ebenfalls ganz gut beschreiben könnte: Dirigieren. Auch beim Dirigieren kommt man mit Druck nicht weit, obwohl es ohne Disziplin und Anstrengung nicht geht. Alle Beteiligten müssen mitwirken wollen, sonst wird es fürchterlich. Dass das Pferd bei Neuhauser mitwirken will, ist offensichtlich. Es könnte sich jederzeit verweigern. Anmerkung zum Schluss: Die senkrechte Linie in den Fotos ist die Absperrung, falls Sie sich gewundert haben sollten. Die falsche Rechtschreibung der Pferderasse Quarterhorse ist wie alle Standfotos der |
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