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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 550, erschienen am 12.10.2009

Magazin  Ausgabe 550

Auch bei uns ein vertrautes Bild:
Das Pferd wehrt sich gegen den Menschen

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Ohne Zügel und Führstrick hilflos
  2. Abschnitt  Erfahrungen
  3. Abschnitt  Vom Wasser
  4. Abschnitt  Vier-Seiten-Modell
  5. Abschnitt  Formidable
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4
Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Kommunikation? Irgendwie schon, oder?
Das sieht doch gleich ganz anders aus!
Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Wikipedia-Link» Kommunikation – ein Allerweltswort heutzutage. Die Wikipedia erläutert, dass damit zunächst eine Sozialhandlung zwischen Menschen gemeint ist, die man aber leicht auf die sozialen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren übertragen kann:

Wesentliche Aspekte dieser Sozialhandlung sind zum einen Anregung und Vollzug von Zeichenprozessen und zum anderen Teilhabe, in der etwas als etwas Gemeinsames entsteht (lateinisch communio: „Gemeinschaft“ , communis: „gemeinsam“ ). Kommunikation als Sozialhandlung ist immer situationsbezogen. Kommunikation als Sozialhandlung dient der Problemlösung: Durch Kommunikation werden Hindernisse überwunden, die sich allein nicht bewältigen lassen.
a.a.O.

Denn hier wird nicht unbedingt Sprache als Mittel der Kommunikation vorausgesetzt, wie man vorschnell denken könnte – stattdessen ist von Zeichenprozessen und Teilhabe die Rede. Kommuniziert wird also auf allen Kanälen, mit Händen und Füßen sozusagen, ununterbrochen, ob man will oder nicht. Sehr bekannt ist mittlerweile das Diktum Wikipedia-Link» Paul Watzlawicks: „Man kann nicht nicht kommunizieren."

Die Schwierigkeit für uns Menschen, über Kommunikation zu reflektieren, ergibt sich daraus, dass wir selber immer auch ein Teil dieses Prozesses sind und vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen und Vorurteile agieren und beurteilen. Ich würde sogar hinzufügen und betonen, dass wir uns nicht nur auf diese berufen, sondern vielfach auch in Bezug auf unsere eigenen Interaktionen blind sind; wir können eigentlich gar nicht unmittelbar erkennen, wie wir sind, insbesondere wie wir kommunizieren, während das für andere sonnenklar ist. „Man sieht den Splitter im Auge des Nachbarn, aber den Balken im eigenen nicht."

Deshalb ist es so hilfreich, sich selbst im Foto oder Video zu betrachten und dadurch zumindest einen Teil dieser Schwierigkeit aufzuheben. Wenn wir uns zudem mit ebenso kritischen Augen sehen können wie andere, fällt uns vielleicht etwas über uns selbst auf. Genauso gut könnten wir uns natürlich auch etwas von anderen über uns erzählen lassen, aber das gefällt den wenigsten. Trotzdem ist die Außenwelt für uns immer auch Spiegel, das heißt sie sagt uns was über uns selbst, was uns wiederum ermöglicht, zu wachsen und zu reifen, nicht nur Einsichten zu gewinnen.

Pferde sollen ja gerade durch ihre Spiegelqualitäten so besonders wertvoll für uns Menschen sein. Denen kann man erzählen, was man will, sie hören nicht darauf, sondern spüren, was wirklich dahintersteckt. Aber will man sich wirklich etwas von Pferden sagen lassen? Umgekehrt wird doch ein Schuh draus! Wir sagen den Pferden, wo es langgeht, oder?

Ein guter Pferdetrainer trainiert idealerweise auch den Menschen, wenn er Reitunterricht gibt, indem er die Reaktionen des Pferdes in Bezug auf den Reiter liest. Viele Pferdeleute behaupten ja, dass Pferde gar nichts lernen müssen, dass die schon alles können und im Grunde perfekt sind, wenn nicht wir Menschen auftauchten und unsere Vorstellungen mit ihnen verwirklichen wollen.

Der Reitschüler lernt vermutlich am besten, indem er sich beim Lehrer abschaut, wie der es macht, oder besser gesagt: Wie der ist. Denn die Handlung ergibt sich eigentlich aus der Persönlichkeit. In der letzten Woche habe ich ganz ausführlich analysiert, wie » Hans-Jürgen Neuhauser während seines Vortrags, der ja Kommunikation mit dem Publikum darstellt, zugleich mit dem Pferd kommuniziert, und zwar ganz unaufgeregt und nebenbei, aber bestimmt und sicher. Genau das gilt es, zu vermitteln.

Erfahrungen  oben 



Wir Menschen sind ja alle sehr verschieden, und selbstverständlich sind wir unsicher und ungeschickt, wenn wir uns einer Angelegenheit zum ersten Mal nähern. Niemand ist als Reitmeister auf die Welt gekommen. Die Tatsache, dass jemand einen Kurs von Hans-Jürgen Neuhauser oder wem auch immer besucht, zeigt ja ganz deutlich, dass er sich seiner Sache noch nicht gewiss ist und etwas lernen möchte. Gelingt dies?

Man darf die Schwierigkeiten nicht unterschätzen. Einmal kennen wir uns selbst nicht besonders gut, wie oben schon angedeutet, und können unsere eigenen Kommunikationsfähigkeiten und Signale nicht richtig einschätzen. Zum anderen handelt es sich bei der Kommunikation um einen ununterbrochen fließenden Prozess, der sich permanent selbst verstärkt. Zur Illustration eine Anekdote; ein bekannter Psychologe verriet einmal das Geheimnis einer glücklichen Ehe: Wenn jeder Partner ständig etwas nachgibt, entwickele sich die Beziehung ständig positiv, im umgekehrten Fall eben negativ. Das leuchtet ein. Seine eigene Ehe scheiterte später allerdings ebenfalls, woraus jeder seine eigenen Schlüsse ziehen mag.

In der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten wird der Fall einer Frau geschildert, die mit ihrem Pferd in so einer Negativspirale war und durch Hans-Jürgen Neuhauser diesen sich selbst verstärkenden Mechanismus brechen konnte, um dann in einer Positivspirale ihr Verhältnis zu ihrem Pferd ständig verbessern zu können. Davon wollen wir uns alle etwas abschauen. Die Missverständnisse und das daraus resultierende Fehlverhalten, die sich fast zwangsläufig aus mangelhafter Kommunikation ergeben, sind natürlich vielfältig und zahlreich – das kennen wir nicht nur von unserer Kommunikation mit Pferden, sondern auch von der zwischenmenschlichen Kommunikation. Ich bringe später noch ein ganz konkretes, anschauliches Beispiel.

Hier kommt es mir darauf an, dass man nicht unbedingt in jedem Fall einen Lehrer in Anspruch nehmen muss, wenn man seine Schwierigkeiten erfolgreich bearbeiten möchte. Wir sind ja alle selber begabt und klug, neugierig und experimentierfreudig, lernfähig und aufrichtig. Wir möchten wirklich echte Fortschritte machen und haben kein Interesse daran, uns selbst etwas vorzumachen. Hans-Jürgen Neuhauser ist jedenfalls ein Lehrer, der sich auf niemanden beruft außer auf sein eigenes Pferd, und dieses Pferd, dem der Film gewidmet ist, hatte seine eigene Geschichte, genauso wie Neuhauser selbst. Beide sind ebenso einzigartig wie Sie und ich, Ihr Pferd und mein Pferd, und was die können, sollten wir doch auch zuwege bringen.

Wir sind also alle keine Engel, sondern gezeichnet vom Leben, haben jede Menge gute und schlechte Erfahrungen gemacht und daraus unsere Schlüsse und Konsequenzen gezogen; das Leben hat uns geformt und ausgehend von unserer ererbten Persönlichkeit zu dem gemacht, was wir sind. Daneben haben wir aber unsere Visionen und Sehnsüchte, unsere Wünsche und Fantasien, und wir lassen uns auch von den schlechtesten Erfahrungen nicht davon abbringen, diese realisieren zu wollen. Wenn unsere Vorstellungen mit denen harmonieren, die Hans-Jürgen Neuhauser selber verwirklicht hat, werden wir aufmerksam und hoffen, hier entscheidende Hinweise und Hilfen zu bekommen, die uns auf unserem Weg weiterbringen.

Wer hingegen ganz andere Vorstellungen hat, wird sich mit ihm und seinen Ideen gar nicht erst auseinandersetzen wollen. Es sei denn, er stößt auf seinem Weg auf unüberwindliche Widerstände, die er mit seinen Mitteln nicht überwinden kann, wie die Experten des arabischen Spitzengestüts mit ihren beiden gefährlichen Hengsten, denen Hans-Jürgen Neuhauser helfen konnte, wovon man sich auf seiner DVD überzeugen kann. Auch das möchte ich später genau beleuchten. Selbstverständlich haben die arabischen Fachleute nicht daran gedacht, sich von einem deutschen „Amateur" erklären zu lassen, wie man mit schwierigen Pferden umgeht – schließlich haben die Araber gewissermaßen das Pferd erfunden und sind selber Meister ihres Faches.

Sie haben Hans-Jürgen Neuhauser auch nicht sofort gerufen, sondern sich, nachdem sie schließlich mit ihrem Latein am Ende waren, erst an die Leute gewandt, die sie kannten und denen sie vertrauten. Und so wie man bei einer schwierigen Krankheit von einem Arzt zum anderen läuft und alles probiert, wenn nichts helfen will, so haben die sich schließlich an Neuhauser gewandt. Umso größer ihre Überraschung und ihr Staunen, als sie erleben durften, dass dieser Mann aus Bayern mit seiner Art und Methode tatsächlich in kürzester Zeit Erfolg hatte, wo alle anderen weltberühmten Problemlöser versagten und teilweise sogar im Krankenhaus landeten.

Für ihn war dieses Abenteuer natürlich Herausforderung und Test und selbstverständlich auch Triumph; für uns bleibt die Frage, ob wir von solchen extremen Bedingungen etwas lernen können. Ich hoffe, diese Frage im Laufe meiner Untersuchung beantworten zu können. Im Film ist immer wieder die Rede davon, dass er eine Methode für jedermann entwickelt hat, die weitergegeben werden kann, aber vielleicht trifft das die Sache gar nicht genau. Vielleicht ist es gar nicht so sehr die Methode als vielmehr die Einstellung. Wenn ich mit jemandem tanzen möchte, um die Metapher der letzten Ausgabe wieder aufzugreifen, muss ich ihn respektieren und achten. Wenn das Pferd für mich ein Gaul ist, den ich nach Belieben benutzen kann, der geknechtet werden darf und muss, wenn er funktionieren soll, werde ich mit dieser Methode wenig anfangen können.

Methode und Haltung sind nämlich nicht einfach so zu trennen. Man kann auch sagen: So wie ich der Welt gegenübertrete, so antwortet sie mir. Die Welt ist auch in diesem Sinne ein Spiegel. Kennen wir nicht alle genügend Geschichten von Menschen, die gemeint haben, mit Dingen und Personen beliebig verfahren zu können, deren Hochmut schier unendlich zu sein schien, bevor sie zu Fall kamen?

Drückt nicht sogar das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall" die Gewissheit aus, dass dieser Weg notwendig zum Misserfolg führen muss? Könnte es sein, dass herkömmliche Maßstäbe und Weltmodelle sogar grundsätzlich falsch sind?

Vom Wasser  oben 



Vorführung vor Publikum aus dem Sattel
Ohne alles zeigen, was geht
Pferde kommunizieren ebenfalls ständig
In der letzten Woche habe ich daran erinnert, dass ein erfolgreicher und der Sache gewachsener Lehrer leiser wird, wenn sich die Situation zuspitzt. Er reagiert aus einer Situation der Stärke heraus und rüstet gewissermaßen ab. Das wirkt auf den ersten Blick absurd, birgt aber eine tiefere Wahrheit, die man sich genauer anschauen sollte.

Die chinesische Weisheit aus dem Wikipedia-Link» Tao Te King erinnert daran, dass wir wesentliche Lebensprinzipien aus der Natur entnehmen können, wenn wir uns nur die Mühe machen, genau hinzuschauen:

78. Vom Wasser

Nichts in der Welt
ist nachgiebiger und weicher als Wasser,
doch nichts ist besser
um Hartes und Starkes zu überwinden.

Dank dem was es nicht ist
gelingt es ihm leicht.

Das Weiche überwindet das Harte,
das Schwache überwindet das Starke.

Obwohl jeder es weiß,
handelt keiner danach [...]
Übersetzung Bodo Kirchner: » Lao Tse: Tao Te King,
geringfügig redaktionell bearbeitet

Wer sich ein bisschen mit Geologie beschäftigt hat, weiß, dass unsere Landschaften im wesentlichen durch Wind und Wasser geformt worden sind. Der riesige Wikipedia-Link» Grand Canyon ist ein gutes Beispiel dafür: Der Wikipedia-Link» Colorado River hat sich über 1000 m in die Tiefe gefressen, das Wasser den harten Stein besiegt. Wind und Wasser tragen die höchsten Gebirge ab, wenn man ihnen nur genügend Zeit gibt. Noch einmal als Poesie unter ausdrücklicher Erwähnung der Ästhetik des Tanzes:

Nicht Hammerhiebe, sondern der Tanz des Wassers rundet den Kiesel zur Schönheit
Wikipedia-Link» Tagore, übersetzt von Wikipedia-Link» Sir Galahad

Auch im Umgang mit Pferden ist Zeit wichtig. Wer zu schnell zu viel erreichen möchte, verdirbt leicht alles für immer. Viel besser ist es, ganz langsam und offen an die Dinge heranzugehen und zu beobachten, was sich wie entwickelt. Wir sehen bei Könnern wie Neuhauser das Endprodukt, wir sehen nicht den Weg, den sie hinter sich haben. Auch Neuhauser hat einmal begonnen, und da war er vergleichsweise alt, Mitte 30. Aber eines wusste er schon: Herkömmlicher Reiter sind hilflos, wenn sie ihr Pferd nicht mittels Zaumzeug oder Führstrick kontrollieren können. Dieses Schicksal wollte er für sich nicht akzeptieren.

Schließlich kommen die Pferde untereinander ohne solche Werkzeuge aus und machen nicht den Eindruck, als bräuchten sie irgendwelche Hilfsmittel. Pferde reagieren im Grunde so wie wir Menschen: Wer sich aufspielt, hat eigentlich schon verloren. Bei Hengstkämpfen mag das anders sein; das kann ich nicht beurteilen, da fehlt mir die unmittelbare Erfahrung. Ich hatte aber das Glück, eine sehr aggressive und unangenehme Stute zu beobachten, die sich nicht in unsere intakte Herde integrieren lassen wollte. Über Monate beanspruchte sie die Führungsrolle und versuchte diese mit allen Mitteln durchzusetzen, ohne Erfolg.

Die anderen untergeordneten Pferde gingen ihr aus dem Weg und machten ihr den Anspruch nicht streitig, folgten ihr aber auch nicht. Die Leitstute verhielt sich genauso und hielt sich meistens abseits, so dass die aggressive Möchtegern-Leitstute ihrerseits völlig isoliert war. Dabei war klar, dass alle anderen Pferde die Rolle der bisherigen Leitstute weiterhin akzeptierten. Der einzige „Erfolg" der ganzen Anstrengungen war eine gewaltige Unruhe, Missstimmung, Anspannung, kurz: Keiner wurde seines Lebens froh. Nach ein paar Monaten verließ diese Stute die Gruppe wieder und allmählich kehrten die alten Verhältnisse wieder. So habe ich leider nicht erfahren, was sich langfristig aus dieser unhaltbaren Situation entwickelt hätte.

Vier-Seiten-Modell  oben 



Sprachlose Kommunikation mit dem Pferd
Die angenommene Position der Stärke half gar nichts; die allseits akzeptierte Leitstute reagierte nachgiebig und festigte dadurch ihre Stellung. Sie hatte diese übrigens auch nicht erkämpft, sondern schlicht eingenommen. Meine eigene Stute versuchte einen halben Tag lang, die Position der Leitstute für sich zu reklamieren, als sie zu unserer Gruppe stieß, und hatte kein Problem damit, sich unterzuordnen, obwohl sie größer, stärker und älter war.

Der in der letzten Woche schon erwähnte Junghengst wurde allerdings schwer verprügelt; das war nicht etwa böse Absicht, sondern anscheinend notwendig, da dieser bis dahin nur seine eigene Mutter gekannt hatte, bei der er offenbar keine Gelegenheit hatte, die Manieren zu erlernen, die für das Zusammenleben in einer Herde notwendig sind. Heute ist er ein Riese und spielt die zweite Geige mit einem Großpony, dem er körperlich schon lange überlegen ist. Im Grunde ist er mit seinen 14 Jahren immer noch ein Kind.

Es gibt viele Ansätze, dem Phänomen der Kommunikation näherzukommen; viele davon berücksichtigen ganz wesentliche Aspekte überhaupt nicht, weil diese schwer zu erfassen sind. Wir interessieren uns natürlich weniger für die Kommunikation von Maschinen, die noch vergleichsweise einfach zu verstehen und zu beherrschen ist; die Kommunikation lebender Wesen beinhaltet im Gegensatz dazu beispielsweise Gefühle, Absichten, Verständnisschwierigkeiten, Unterstellungen, die auch im Umgang mit Tieren zu berücksichtigen sind.

Im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts hat der Hamburger Psychologe Wikipedia-Link» Friedemann Schulz von Thun das Wikipedia-Link» Vier-Seiten-Modell (Kommunikationsquadrat) entwickelt, das uns sehr gut hilft, die Komplexität der zwischenmenschlichen Kommunikation zu verstehen, die man im Großen und Ganzen direkt auf die Kommunikation mit Tieren, insbesondere Pferden übertragen kann. Dabei geht es um den Versuch, die Vielschichtigkeit von Kommunikation in den Griff zu bekommen. Eine simple sprachliche Aussage gibt es nach dieser Ansicht überhaupt nicht; sie ist stets begleitet von Intentionen des Sprechenden und Erwartungen des Angesprochenen, von Nebenbedeutungen und Zusatzinformationen.

Die Aufmerksamkeit für die Vielschichtigkeit von Kommunikation entstand aus der psychologischen Theorie, als man zunehmend mit der Einzeltherapie unzufrieden wurde, die die Ursache für die Störungen in früheren Erlebnissen suchte, und kybernetische Modelle ins Spiel brachte, also das Zusammenwirken des zur Therapie und den Menschen mit seiner Umgebung betrachtete. So schließlich kam man darauf, dass beispielsweise wichtige Bezugspersonen widersprüchliche Botschaften sendeten, die notwendigerweise verwirren mussten ( „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ ; » Paul Watzlawick Interview, Wikipedia-Link» Doppelbindungstheorie).

Nach diesem weiterentwickelten Modell kommunizieren wir immer gleichzeitig auf vier Kanälen, wir sehen also mit vier Augen, wir hören mit vier Ohren, wir interpretieren mit vier Gehirnen. Jeder dieser Kanäle hat ganz wesentliche Informationen zu übermitteln, und alle vier müssen korrekt und richtig verstanden werden, damit Kommunikation gelingen kann. Klingt kompliziert, ist es auch, aber das ist die Realität und tägliche Praxis – damit müssen wir stets und ständig umgehen und zurechtkommen. Wir Menschen, die Pferde und der Rest der Welt.

Am besten macht man sich die Sache an einem Beispiel klar (aus dem erwähnten Artikel der Wikipedia).

KanalMannFrau
Mann sagtDa ist etwas Grünes in der Suppe.
Frau verstehtDa ist etwas Grünes in der Suppe.
SachebeneIch sehe etwas Grünes.Er sieht etwas Grünes.
SelbstoffenbarungIch weiß nicht, was es ist.Ihm schmeckt das Essen nicht.
BeziehungDu wirst es wissen.Er hält mich für eine schlechte Köchin.
AppellSag mir bitte, was es ist!Ich soll künftig nur noch kochen, was er mag.
Frau antwortetWenn es dir nicht schmeckt, kannst du ja selber kochen!

Man sieht, die beiden befinden sich in einer Negativspirale. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie sich scheiden lassen müssen.

Formidable  oben 



In dem Vortrag » Wenn die Lösung das Problem ist erzählt Paul Watzlawick von einem glücklichen französischen Ehepaar, dessen einziges, dafür überwältigendes Leid war, dass sich keine Kinder einstellen wollten. Als sie schon fast aufgegeben hatten, kam doch noch ein kleiner Junge, und die Eltern wollten ihrer unglaublichen Freude durch die Namensgebung Ausdruck geben.

Der Knabe mit dem Namen „Formidable" blieb aber leider klein und schmächtig und wurde deswegen Zeit seines Lebens ob dieses Namens gehänselt, was ihn sehr ärgerte. Auf seinem Totenbett bat er daher seine Frau, mit der er wiederum eine sehr glückliche Ehe geführt hatte, diesen Namen nicht in Stein zu verewigen. Sie entschied sich für die Inschrift: „Hier ruht ein Mann, der seine Frau nie betrogen hat." Jedem Besucher entfuhr angesichts dieses Spruchs: „Tiens, c'est formidable!" (Die Lösung des einen Problems – Namensgebung – führte zu einem neuen Problem – lebenslange Hänselei – und die Lösung des nächsten Problems – Grabinschrift – brachte das alte Problem wieder zum Vorschein.)

Womit ganz nebenbei bewiesen ist, dass es glückliche Ehepaare gibt, was vermutlich auf deren ausgezeichnete Kommunikation zurückzuführen ist.

Für diese Ausgabe habe ich mich mit dem Problem der Segmentierung von Videos beschäftigt; ich kann jetzt beliebige Sequenzen herausschneiden. Diese wiederum in eine Webseite einzubauen, und zwar so, dass sie in jedem Browser zu sehen sind, ist ein anderes Problem, das ich aber ebenfalls lösen konnte. Freilich braucht man dazu Javascript und Flash; da die meisten, vor allem auch populäre Seiten heute ohne diese beiden Mittel nicht funktionieren, gehe ich davon aus, dass auch Sie Javascript nicht abgeschaltet und Flash als Plugin installiert haben (wenn Sie Videos auf YouTube sehen können, ist das der Fall).

Also sollten Sie in der Lage sein, die 13 Sekunden des Tanzes von Hans-Jürgen Neuhauser mit einem Pferd betrachten zu können. Nach all diesen theoretischen Erörterungen über Kommunikation werden Sie diese Szenen vielleicht mit anderen Augen sehen. Der Artikel Wikipedia-Link» Zwischenmenschliche Kommunikation beschäftigt sich mit den Themen der Kommunikation zwischen Menschen; da wir uns hier für die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd interessieren, muss man sich damit nicht unbedingt beschäftigen. Interessant ist allerdings, dass in diesem Artikel die individuell sehr unterschiedlichen Ansätze und Erfahrungen in Bezug auf die einzelnen Kommunikationsaspekte herausgearbeitet werden. Da wir nun alle so unterschiedlich sind, muss man sich wundern, dass wir überhaupt miteinander kommunizieren können.

Das gilt natürlich auch für die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Wichtig ist offenbar, dass man sich kennenlernt, um die Botschaften des anderen überhaupt verstehen zu können und nicht permanent so schrecklichen Missverständnissen ausgesetzt zu sein, wie sie uns am Ende des letzten Abschnitts vor Augen geführt wurden. Wir Menschen müssen also verstehen lernen, wie Pferde uns verstehen, und wir müssen lernen, die Botschaften der Pferde korrekt zu interpretieren.

Hans-Jürgen Neuhauser zeigt mit seinen Vorführungen, dass er auf diesem Weg sehr weit gekommen ist. Daran gibt es gar keinen Zweifel, das hat er vielfach bewiesen und kann es auch jederzeit wiederholen. Spannend wird es bei der Frage, ob und wieweit er uns vermitteln kann, was er herausgefunden hat. Kann man das überhaupt vermitteln?

Denken wir an das glückliche Ehepaar: Wenn wir uns an die Stelle des entsprechenden Partners setzen würden, würden wir dann ebenfalls glücklich sein? Könnten wir von dem glücklichen Ehepaar so viel lernen, dass unsere eigene Ehe glücklich würde (in der hoffentlich unzutreffenden Annahme, dass sie es nicht ist)? Sie sehen anhand dieser Fragen, dass eine Antwort nicht so offensichtlich ist, wie man das wünschen möchte.

Bevor ich diese Fragen weiter untersuche, hoffe ich Sie soweit vorbereitet zu haben, dass Sie die fantastische Kommunikation zwischen Mensch und Pferd in diesem kleinen Ausschnitt erkennen, schätzen und genießen werden:

Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern Wikipedia-Link» JavaScript nicht abgeschaltet und der Flash-Player installiert ist.

Hans-Jürgen Neuhauser hat sein Ziel erreicht: Ohne Führstrick und Zügel ist er nicht hilflos wie all die anderen Reiter, wie ich und vielleicht auch Sie.

http://equivox.de/Leserresonanz

Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  2062 vom 14.10.2009
zu Ausgabe Magazin  550
Hans-Juergen Neuhauser

Hallo ! 14.10.2009

Sehr geehrter Herr Popken!

Nun bin ich platt über das was Sie über HJN schreiben. Sie sind super! Sie haben erkannt was HJN kann und sind der 1. ERSTE der öffentlich über das schreibt was Sie erkannt haben, obwohl Sie HJN noch nicht persönlich kennen.

Meine Geschichte ist etwas verzwickt. Ich habe HJN im Juni 2007 kennen gelernt. Meine damalige Anvertraute wollte unbedingt ein Friesenpferd und so hat sie gemeint, ich muss eine Friesenstute haben. Rika bekam ich im Juni 2007 und über einen Zufall lernte ich auch HJN kennen, den ich seither viel begleite. Rika, es gibt Filme auf der Site von HJN war ein stures friesisches Kutschenpferd und taugte nicht mehr für die Arbeit. Mit der Schule von HJN wurde aus ihr ein Prachtpferd.

Ich habe HJN zu vielen Vorführungen begleitet auch zu Messen wie die „americana“ und die fr.e.e. im Frühjahr in München. (ehemalige „caravan und boot“, erweitert mit Pferdesport.) Ich habe HJN mit unbekannten Pferden arbeiten sehen, die sofort seine klare Ausdrucksweise erkannten. Er hat mit einer Unterrichtsstunde schwierige Pferde kuriert. Leider sind mehr als 98% der Pferdebesitzer von sich so eingenommen, dass diese niemals von HJN etwas lernen wollen. Am unverständlichsten ist die Redakteurin von Cavallo. Ich begleitete HJN nach Stuttgart und er arbeitet mir ihrer Stute, die lahmte und HJN hat mit diesem "Hascherl" von Pferd alle Übungen gemacht. Nur die Dame verstand nix., einfach garnix. Bericht von Cavallo, auch im Internet nachzulesen.

Hier im Hinterland von Dachau in Zillhofen bei Weichs, stehen die Pferde, hier arbeitet HJN. Und wenn Sie glauben, von den fast 100 Einstellern schätzt jemand die Arbeit von HJN. Nein!!! Manchmal wenn Besucher da sind und HJN sein Können zeigt, dann schauen manche aus dem Stall nur heimlich zu.

Hans-Jüren Neuhauser ist ein "ganz besonderer Mensch" ich sag das mal so. Seine Arbeit kann man nicht beschreiben, man muss es erleben. Er hat die Pferde lange Jahre beobachtet und ein Reitlehrer (Herr Schotzer, Waldfrieden Hebertshausen) schaute ganz versteckt zu und sagte dann dauernd vor sich hin: " Der bewegt sich wie ein Pferd". Mehrmals hat er das wiederholt. Sie habe begonnen, diese Arbeit zu beschreiben. Danke!

Das ist die Arbeit und das ist was HJN lehrt: Die nonverbale Pferdesprache. Er gibt den Pferden wenn er im Viereck arbeitet Anweisungen über seinen Körper, so dass diese punktgenau Richtung, Gangart oder auch Tempo wechseln. Pferde verbiegen sich freiwillig ohne Zwang nach seinen Anweisungen und hier hatte er bei der americana sehr viele begeisterte Zuschauer.

Das wirklich Besondere ist, es ist nicht Zirkus, es ist eine klare Sprache. Eine Sprache, die alle Pferde sofort verstehen und sofort mit ihm, HJN arbeiten. Sie verbiegen sich, wechseln in verschiedenen Gangarten und fühlen sich dann wohl, wie nach einer Gymnastikstunde.


Ich habe viele hervorragende Reiter erlebt, Reiter die länger reiten als HJN alt ist. Wenn sich dann HJN auf deren Pferde setzt und mit 2 Fingerspitzen die Zügel hält und enge Volten reitet, dann können die eigenen Besitzer nicht dagegen halten.

Nun wissen Sie: Das Pferd war: Kriegsmaschine, Ackergaul, Arbeitstier, lebendes Turngerät und wird für Shows trainiert. Wenn Pferde vor Schmerzen brüllen könnten, würde es manches Turnier nicht geben. Manche Ställe würden nicht zu ertragen sein, wenn Pferde ihren Schmerz kundtun würden.

Ist nun die Zeit gekommen, zum Umdenken? Ich danke Ihnen für Ihre Artikel. Sie sind jederzeit eingeladen uns zu besuchen. HJN wohnt hier in Haimhausen im Vordergebäude meines Doppelhauses.

[Adreßdaten]

Ich freue mich auf Ihre Bekanntschaft, HJN bestimmt auch.

Mit freundlichen Grüßen und Eponischer Verbundenheit

Siegmund Scheller

Guten Tag Herr Scheller,

herzlichen Dank für Ihr Schreiben! Es ist immer wieder schön, zu erfahren, dass jemand die Artikel auch liest, und besonders natürlich, wenn sie gefallen.

Auf die Beurteilung der Cavallo habe ich in einem der vorigen Artikel bereits aufmerksam gemacht, aber es ist natürlich sehr interessant, von Ihnen zu hören, wie Sie die Angelegenheit einschätzen.

Zweifellos kann Hans-Jürgen Neuhauser etwas; aber dieselbe Aussage trifft auf sehr viele zu. Mich interessiert besonders, ob meine Leser von Neuhauser profitieren können. Ich bin mir da nicht sicher, aber die DVD könnte den Beweis bereits erbracht haben.

Dazu möchte ich sie allerdings noch genauer analysieren, und habe mir deshalb, wie das so meine Art ist, reichlich Zeit genommen, um alle Aspekte gründlich untersuchen zu können. Die Probleme liegen vermutlich unter der Oberfläche, möglicherweise sogar sehr tief.

Eine solche Arbeitsweise ist normalerweise unerwünscht; deshalb darf man sich nicht wundern, wenn man derartiges nicht zu lesen bekommt. Umgekehrt kann man daraus schließen, dass die Leser lieber Artikel in Stil und Inhalt der Cavallo wünschen als meine Ergüsse. Andernfalls wären die erfolgreichen kommerziellen Produkte anders als sie sind.

Mit freundlichen Grüßen
Werner Popken

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 550 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflosPferdemesse  Messe: KeppelEditorial  Editorial: Philosophie 101Rezension  Rezension: Slawik, ChristianeTip  Tip: Pferdekauf XXI
Poster  Poster: GegenläufigPferdemesse  Messe: PferdemarketingLeserbriefe  LeserbriefeAngebot_der_Woche  Angebot der WochePferdemesse  Messe: Platz-Max
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