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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 552, erschienen am 26.10.2009

Magazin  Ausgabe 552

Körpersprache: Das Raubtier greift an
Das Beutetier kann sich nur verteidigen.

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Sei spontan! Komm raus!
  2. Abschnitt  Zwickmühle
  3. Abschnitt  Doppelbindung
  4. Abschnitt  Mustang
  5. Abschnitt  Ausladen
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6
Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Komm du da raus!
Sei spontan! Komm raus!

Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


» Hans-Jürgen Neuhauser spricht von Missverständnissen, die durch menschliche Verhaltensweisen für das Pferd entstehen. Das sagt sich so leicht; aber was verbirgt sich dahinter, wie äußert sich das, und wie kann man das vermeiden? Unterlaufen solche groben Fehler nur Anfängern und Dummköpfen oder laufen auch Experten Gefahr, die Pferde mit Missverständnissen zu bombardieren?

In dieser Ausgabe werde ich Ihnen ein ganz konkretes Beispiel aus der EquiVoX-Link DVD von Hans-Jürgen Neuhauser vorführen, mit dem ich zeigen kann, dass selbst ein ausgewiesener Experte – ein Cowboy – einem Pferd ganz leicht erkennbar nonverbal extrem widersprüchliche Botschaften kommuniziert, auf die das Pferd dann notwendigerweise ebenso extrem und verwirrt reagiert.

Anschließend kann ich Ihnen dann zeigen, wie Hans-Jürgen Neuhauser auf ganz andere Art mit diesem Pferd umgeht und so dessen Vertrauen gewinnen kann, obwohl es nicht nur durch diese eine Aktion traumatisiert wurde, sondern durch eine ganze Kette davon. Daraus werden Sie sicher eine Menge für Ihr eigenes Verhältnis zu Ihrem Pferd, Ihren täglichen Botschaften, Ihrer Kommunikationstechnik entnehmen können. Viele dieser Sachverhalte sind nämlich gar nicht schwer zu erkennen und leicht zu verstehen.

Das Bewusstsein für widersprüchliche Aussagen, denen das Objekt dieser Botschaften nicht gerecht werden kann und deshalb unter Umständen krank wird, ist erst Mitte des letzten Jahrhunderts in den USA entwickelt worden, und zwar im Zusammenhang mit Versuchen, Wikipedia-Link» Schizophrenen zu helfen. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass die hilfebedürftigen Personen gewissermaßen selbst schuld sind und die Lösung für ihre Probleme in ihrer eigenen Person und Lebensgeschichte zu finden sind, was mithilfe der Psychotherapie herausgefunden werden sollte.

Dieser therapeutische Ansatz war bekanntlich ziemlich erfolglos. Die Leute wurden jahre- und jahrzehntelang therapiert, aber nicht geheilt. Das ist natürlich auch für den Therapeuten frustrierend, selbst wenn er sich damit eine goldene Nase verdienen sollte. Kein Wunder, dass nach einer Weile allenthalben nach neuen Ansätzen gesucht wurde, dass man sogar anzunehmen begann, der gesamte Ansatz könne nicht richtig sein, obwohl, wie bei vielen Therapien üblich, dieser stets mit dem Anspruch auftritt, in jedem Fall recht zu haben: Wenn die Therapie noch nicht anschlägt, hat man eben noch nicht lange und tief genug geforscht, andernfalls ist der Erfolg selbstverständlich auf diese ursächlich zurückzuführen.

Wikipedia-Link» Paul Watzlawick war Therapeut und hat sich als solcher mit Menschen beschäftigt, die enorme Schwierigkeiten hatten, sich im Leben zurechtzufinden. Viele dieser Menschen empfinden sich als ganz normal; deren Wahrnehmung erster Ordnung, wie Watzlawick das nannte, also die Summe der Sinneseindrücke, stimmt vollkommen mit derjenigen der sogenannten normalen Menschen überein, lediglich die Wahrnehmung zweiter Ordnung, also die Interpretation dieser Sinneseindrücke, die Gewichtung durch Bedeutung, Sinn und Wert weicht ab und verursacht unter Umständen Probleme.

Übertragen auf die Beziehung zwischen Mensch und Pferd können wir wohl davon ausgehen, dass auch das Pferd die Wahrnehmung erster Ordnung mit dem Menschen teilt, diese Sinneseindrücke aber unter Umständen völlig anders interpretiert und deshalb für den Menschen unverständlich, widersprüchlich, gar gefährlich reagiert. Wenn wir lernen können, unsere eigenen Handlungen und Botschaften wie ein Pferd zu interpretieren, können wir diese Missverständnisse nachvollziehen und hoffentlich anschließend vermeiden.

Watzlawick ist über die Grenzen seines Faches hinaus vielen Menschen durch populärwissenschaftliche Bücher bekannt geworden. Sein sehr erfolgreiches Buch Wikipedia-Link» Anleitung zum Unglücklichsein, dessen Titel schon den Schalk verrät, führt jede Menge Beispiele auf, wie man sich sein Leben leicht und nachhaltig versauen kann. Manche Menschen brauchen dazu Pferde, müsste man hinzufügen, aber dazu bringt er leider kein Beispiel. Vielleicht kennen Sie welche.

Zwickmühle  oben 



Die Schwierigkeiten entstehen regelmäßig, wenn die Wahrnehmungen der Sinne unterschiedlich interpretiert werden. In der vorletzten Ausgabe habe ich ein Beispiel gebracht, wie in einem simplen Dialog – Mann und Frau über das Essen – konsequent Missverständnisse aufgebaut werden. Dort wurde von einer vierfachen Botschaft ausgegangen, die jeder Kommunikation inhärent ist, während Watzlawick noch mit zwei Ebenen arbeitet. Die Beispiele Watzlawicks sind aber ganz ähnlich, zum Beispiel auf der sprachlichen Ebene:

Angenommen eine Frau fragt ihren Mann, ob ihm die nach neuem Rezept gekochte Suppe schmecke, dieser aber die Suppe scheußlich findet, aber seine Frau nicht kränken will. Wenn er nun sagt: „Schmeckt interessant“ , sind die Chancen minimal, dass seine Frau ihn richtig versteht.

Oder eine Mutter schenkt ihrem Sohn zwei Sporthemden. Wenn er eines der beiden anzieht, blickt sie ihn traurig an und sagt: „Das andere gefällt dir nicht?
a.a.O.

Kommen Ihnen diese Situation bekannt vor? Wie gehen Sie damit um? Und wie sieht so etwas in der Kommunikation mit dem Pferd aus? Die Missverständnisse betreffen nämlich nicht nur die Kommunikation zwischen Menschen. Es stellt sich sogar die Frage: Wenn schon die Kommunikation zwischen Menschen so schwierig ist, ist dann überhaupt Kommunikation zwischen Mensch und Pferd möglich?

Die Antwort ist einfach: Selbstverständlich, wir tun das ja täglich. Und sofern diese Kommunikation einigermaßen befriedigend verläuft, brauchen wir uns darüber keine großen Gedanken zu machen. Schlimm wird es nur, wenn einer der beiden Partner unglücklich wird, der Mensch oder das Pferd, und womöglich sogar beide. Deshalb ist es extrem wichtig, dass solche Kommunikationsprobleme aufgeklärt und zukünftig vermieden werden.

Ein besonders bekanntes Beispiel Watzlawicks für widersprüchliche Kommunikation ist die Aufforderung: „Sei spontan!" Spontanität kann per Definition nicht verordnet werden. Wer auf Aufforderung spontan sein will, kann eben gar nicht spontan sein. Es gibt noch einige andere widersprüchliche Aussagen dieser Art, deren Unmöglichkeit unmittelbar einsichtig ist; andere sind aber wesentlich komplexer und schwerer zu erkennen.

Diese Art widersprüchlicher Anforderungen an ein Kind war nach Ansicht der Wikipedia-Link» Arbeitsgruppe, der Watzlawick angehörte, verantwortlich für das Entstehen von Schizophrenie bei diesem Patienten, wobei die Schizophrenie als lebensrettende Antwort auf die nicht lösbaren Konfliktsituationen interpretiert wurde, denen sich das Kind aufgrund der Abhängigkeit nicht entziehen konnte, für die es aber auch keine Lösungen gab. Diese Hypothese wird inzwischen nicht mehr aufrechterhalten; nicht lösbaren Konfliktsituationen gibt es aber natürlich nach wie vor, und zwar sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

So bezeichnet Wikipedia-Link» Mobbing eigentlich Situationen, in denen jemand dem Druck, dem er ausgesetzt ist, nicht ausweichen kann, er muss also sozusagen gute Miene zum bösen Spiel machen, leidet unter diesem ausweglosen Konflikt und wird eventuell krank; typischerweise sind die Schikanen so angelegt, dass das Opfer die Täter nicht überführen kann, da diese sich jederzeit herausreden können: „Wir haben ja gar nichts getan, wir wollten ihm nur helfen".

Ein anderes Beispiel: Eltern versuchen Kindern sehr häufig Harmonie vorzutäuschen, obwohl es in der Ehe stark kriselt. Kinder merken das natürlich und wissen nicht, wie sie mit diesen widersprüchlichen Signalen umgehen sollen, die sehr häufig auch noch nicht verbal, aber trotzdem unübersehbar sind. Oder noch mehr auf den Punkt gebracht:

Die Doppelbindungstheorie beschreibt die lähmende, weil doppelte, Bindung eines Menschen an paradoxe Botschaften oder Signale und deren Auswirkungen. Die Signale können den Inhalt der gesprochenen Worte betreffen, oder Tonfall, Gesten und Handlungen sein.

Wird beispielsweise ein Mensch nach seinem Wohlergehen gefragt, kann seine Antwort auf den verschiedenen Ebenen gegensätzliche Botschaften vermitteln. Dies ist der Fall, wenn der Gefragte mit zittriger, unsicherer Stimme und ängstlich geduckter Körperhaltung antwortet "Danke, sehr gut". Sein Gegenüber weiß nun nicht, welche der Botschaften er stärker gewichten soll, welcher Botschaft er Glauben schenken soll.
Wikipedia-Link» Doppelbindungstheorie

Doppelbindung  oben 



Und nun übertragen Sie das bitte auf die Situation zwischen einem Menschen und einem Pferd, wobei der Mensch schwach und unsicher ist, dem Pferd gegenüber aber die Position des überlegenen Tieres einnehmen will und soll, dem sich das Pferd voller Vertrauen anheimgegeben soll, unter dessen Obhut es sich sicher fühlen kann.

Das ist für das Pferd ganz klar eine doppelte Botschaft, die es verwirren muss: „Der Mensch ist schwach und ich soll mich trotzdem unterordnen". Dieses Problem kann man sicher nicht im Handumdrehen auflösen. Es ist sogar die Frage, ob man es überhaupt auflösen kann, denn dies würde ja bedeuten, dass aus dem schwachen Menschen zunächst einmal ein starker Mensch wird. Wie soll man das hinkriegen?

Andererseits ist es natürlich genau die Chance zur Reifung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit, die viele Menschen an der Arbeit mit dem Pferd interessiert. Es gibt sogar viele Trainer, die Pferde ganz gezielt einsetzen, um die Persönlichkeit des Menschen zu entwickeln. Am besten stellt man sich die ganze Geschichte wahrscheinlich als Regelkreis vor – Pferd und Mensch entwickeln sich beide durch den gemeinsamen Umgang, und hoffentlich beide zu ihrem Vorteil. Wie dies vor sich gehen kann, möchte ich mithilfe der DVD Neuhausers herausfinden. Denn eines ist klar: Die Menschen werden ja nicht als überlegene Persönlichkeiten geboren, als Pferdemenschen oder vollendete Reiter, sondern müssen uns mühsam erst dahin entwickeln. Dabei können wir davon ausgehen, dass wir alle anfangs mehr oder weniger stark gestört, beeinträchtigt, geschwächt sind, nicht zuletzt durch Doppelbindungen.

Menschen, die in ihrer Kindheit häufig Doppelbindungen ausgesetzt waren, haben in der Regel eine labile Persönlichkeit und können durch Suggestionen und Hypnose ungewöhnlich stark beeinflusst werden. Besonders gegenüber Autoritätspersonen verhalten sich solche Menschen sehr unterwürfig, sofern sie deren Überlegenheit anerkannt haben.

Durch Doppelbindungen Geschädigte können auf Befehl außerordentlich grausame Handlungen ausführen, auch wenn die Befehle deren ethischen und moralischen Überzeugungen grundlegend widersprechen. Die Angst um das eigene Ego ist aufgrund der labilen Persönlichkeit und des schwachen Selbstwertgefühls sehr groß. Außerdem können deren moralische Prinzipien durch Autoritätspersonen relativ leicht in Frage gestellt werden. [...]

In der heutigen Stress- und Leistungsgesellschaft sind die meisten Menschen mehr oder weniger durch Doppelbindungen geschädigt. Eine strenge Abgrenzung zwischen psychisch gesund und psychisch krank ist aus der Doppelbindungsperspektive nicht erwünscht und auch nicht möglich.
» Alexandra Vogler: Paul Watzlawick und der Konstruktivismus

Man kann sich vorstellen, dass angesichts solcher Voraussetzungen auch Neuhauser nicht hexen kann und einigen Aufwand betreiben muss, um seine Schüler in die Lage zu versetzen, erfolgreich mit Pferden zu kommunizieren. Das ist sicher keine willkommene Nachricht. Wir möchten ja alle gerne die leichte Lösung, jetzt und sofort, am besten umsonst. Aber es ist natürlich etwas dran am Spruch der Amerikaner: „There is no free lunch." Wenn man etwas erreichen will, muss man auch etwas dafür tun, etwas opfern. Beispielsweise Geld, Zeit, Energie, liebgewordene Gewohnheiten, schlechte Manieren, mangelnde Selbsterkenntnis und was dergleichen Dinge mehr sind.

So mag man mutlos werden, weil der Aufwand unermesslich zu sein scheint. Andererseits aber sind viele Dinge, vor allem die wichtigen, so leicht und einfach, dass es fast schon lächerlich ist. Ein Beispiel dafür findet man schon ganz zu Anfang der DVD in einem Zusammenschnitte wichtigsten Szenen. Das ganze Ausmaß der Geschichte wird allerdings erst in der Mitte deutlich. Dort wird geschildert, wie Neuhauser in den mittleren Westen der USA reist, um ein frisch gefangenes, wildes Pferd zu erstehen und seine Fähigkeiten und Kenntnisse an diesem Pferd zu testen.

Er macht sich die Sache nicht leicht. Natürlich hätte es auch ein Hengst sein können; Hengste gelten ja ganz allgemein als viel schwieriger als Stuten, aber er sucht sich eine Stute aus, die allerdings tragend ist. Und damit ist sie natürlich ganz besonders nervös und reizbar. Dankenswerterweise werden die Umstände hinreichend dargestellt, so dass man sich eine Vorstellung vom Stress dieser Pferde machen kann. Sie werden mit Hubschraubern in einen Corral getrieben und damit gefangen. Dann müssen sie untersucht, gekennzeichnet und geimpft werden. Weil dies auf konventioneller Weise zu gefährlich ist, werden sie in metallene Systeme getrieben, in denen sie vereinzelt werden und festgehalten werden können.

Mustang  oben 



Vereinzelt
Eingesperrt
Im Gang
Eingeklemmt
Eingeschlossen
Verfrachtet
Ausblick
Erwartet
Das macht man natürlich auch mit anderen Tieren so, und die Wikipedia-Link» Autistin Wikipedia-Link» Temple Grandin baute sich sogar eine Maschine, um sich selbst einquetschen zu lassen:

Ich war völlig fasziniert von dem Anblick der in diese Maschine gepferchten Tiere. Man sollte meinen, daß die Rinder panisch reagieren, wenn sie so in die Zange genommen werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Sie werden plötzlich ganz ruhig.

Das ist gar nicht so unlogisch, wenn man bedenkt, daß starker Druck äußerst beruhigend wirkt. Aus demselben Grund empfinden wir auch Massagen als angenehm. Der Fang- und Behandlungsstand gibt den Rindern höchstwahrscheinlich das Gefühl, das sonst nur Neugeborene haben, wenn man sie wickelt. Oder Taucher unter Wasser. Sie mögen das.

Noch während ich die Rinder betrachtete, wurde mir klar, daß ich auch sowas brauchte. Als ich im Herbst auf das Internat zurückkehrte, half mir ein Lehrer, für mich einen "Behandlungsstand" zu bauen. Ich kaufte mir einen Kompressor und benutztes Sperrholzplatten für die V-Struktur.

Die so entstandene squeeze machine funktionierte tadellos. Wenn ich in meine squeeze machine ging, beruhigte ich mich sofort. Ich benutze sie heute noch. Dank ihr und der Pferde überlebte ich die Pubertät.
EquiVoX-Link Festhalten

Nicht alles, was schrecklich aussieht, muss also grausam sein; nehmen wir also an, dass der wilde Mustang durch die Helikopter und die ungewohnte Umgebung, durch die Unmöglichkeit zu fliehen und die ständigen Anforderungen extrem gestresst ist, so könnte die Behandlung im Pferch also durchaus ihre angenehmen Seiten haben.

Wenn das Pferd dann vorwärts gehen muss und im Anhänger landet, so mag dieser auch zunächst weniger Angst verbreiten, als man annimmt. Freilich werden dann schnell die Türen geschlossen; immerhin verladen sie gleich zwei Pferde zugleich.

Dann werden diese Pferde zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Pferdeanhänger transportiert, und wer jemals selber in einem Pferdeanhänger gewesen ist, die über die Straßen gezogen wird, kann sich ungefähr vorstellen, welchem Stress ein Pferd im Hänger ausgesetzt ist.

Wie lange die Fahrt bis zu der Mensch dauerte, die Neuhauser als Stützpunkt ausgewählt hatte, bleibt unbekannt, aber auch die längste Fahrt durch die unendlichen Weiten Amerikas hat einmal ein Ende. Neuhauser steht hinter dem Eingangstor, als der Transport ankommt. Anscheinend hat er wenig Einfluss auf das, was dann kommen wird; er steht recht hilflos in der Gegend rum und sieht einfach zu, wie der Sohn des Ranch-Besitzers sich dämlich anstellt.

Ausladen  oben 



Ziehen
Zurücktreten
Festhalten
Vorbeistürmen
Rutschen
Loslassen
Bedrohen
Freigeben
Das Ausladen funktioniert genauso wie das Einladen, so ungefähr hatte man sich das jedenfalls gedacht: Der Anhänger wurde rückwärts an ein Paddock gefahren und anschließend die Tür des Anhängers geöffnet, so dass das Pferd nur einen Ausweg findet, nämlich in den Paddock hinein. Und hier beginnt unsere Lektion.

Der Sohn des Ranchers ist kein kleiner Junge, sondern ein erwachsener Mann. Und die Ranch beschäftigt sich mit Pferden. Der Mann weiß also, wie man mit Pferden umgeht. Deshalb soll er den Mustang entladen; vielleicht hat er den Transport selber gemacht. Es wird nicht gezeigt, wie die Klappe geöffnet wird. Man erfährt auch nicht, wie er an den Strick kommt.

Jedenfalls marschiert er schnurstracks hinter den Anhänger, baut sich direkt vor der Öffnung auf und erwartet doch tatsächlich, dass das Pferd herauskommt. Da hat er sich aber geschnitten, denn für das Pferd sagt er ganz klar: „Hier stehe ich, und du bleibst da."

Also fängt er an zu ziehen, mit aller Kraft. Ach du lieber! Jetzt muss das Pferd also ebenfalls ziehen, da es sich ihm ja nicht nähern darf. Seilziehen mit einem Pferd, das kann er nicht gewinnen. Das ist ganz klar eine doppelte Botschaft, die das Pferd weder so noch so erfüllen kann.

Hans-Jürgen Neuhauser steht dabei und zieht die Luft hörbar durch die Zähne ein. Er sagt aber nichts. Das ist auch ratsam, denn erstens ist er Gast und zweitens Ausländer, und ob er etwas von Pferden versteht, muss man erst noch sehen. Die Leute hier jedenfalls verstehen etwas von Pferden. Also würden sie sich wohl verbitten, wenn man ihnen Vorschriften machen würde.

Der Cowboy merkt, dass er auf dem Holzweg ist, und hat eine grandiose Idee. Er geht zur Seite und macht den Weg frei. Augenblicklich kommt die Stute hervorgeschossen.

Neuhauser weicht einen Schritt zurück, um nicht überrannt zu werden, denn da die Stute dem Cowboy ausweicht, muss sie am Gatter langlaufen, bis sie Neuhauser entdeckt und auch ihm ausweicht.

Der Cowboy weiß nicht, wie ihm geschieht. Hatte er sich noch eingebildet, das Pferd am Strick halten zu können, so merkt er nun, dass er über den nassen Boden gezogen wird, so dass er schließlich in der Pfütze landet und das Seil freigibt. Das ist freilich höchst bedauerlich, da das Pferd unweigerlich auf das Seil treten muss, was dessen Panik noch weiter steigern wird.

Die Stute wird natürlich durch das Gatter gestoppt. Der Paddock ist sehr klein. Den Abstand, den sie gerne zwischen sich und die Menschen legen würde, kann sie nicht herstellen.

Anschließend stellt der Mann sich bedrohlich vor der Stute auf, die dadurch natürlich noch mehr verängstigt wird und weder aus noch ein weiß. Wieder eine Doppelbindung: „Ich bin sehr bedrohlich, und du wirst jetzt ganz ruhig, sonst treibe ich dich noch mehr in die Enge.

Neuhauser ist inzwischen gefolgt und hat sich wohl besonnen; er beginnt einzugreifen, fasst sich ein Herz und signalisiert dem Cowboy, sich doch an den Rand zu begeben. Der gehorcht tatsächlich sofort.

Er selbst folgt diesem Rat nur halbherzig, wendet sich aber aktiv dem Pferd zu und wirkt schon durch seine Gestik beruhigend. Er gibt der Stute durch seine Körpersprache Raum und nimmt ihr den Druck. Damit gelingt es ihm, die Eskalation, die in einer Katastrophe hätte enden können, zu beenden und eine Ruhephase einzulegen. Damit bricht diese Sequenz ab.

Anschliessend wird gezeigt, wie Neuhauser mit dem Pferd auf seine Art arbeitet und kommuniziert. Dabei hat er verblüffenderweise anscheinend sehr schnell Erfolg, er kann die Stute bewegen und stoppen. Wie macht er das nur? Das reicht aber natürlich nicht: Wie kann er sie dazu bringen, ihn so weit heranzulassen, dass er sie von den Strick befreien kann? Schließlich hat sie mit Menschen bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht.

Die ganze Sequenz, circa 40 Sekunden, als Video (2, 1 MB):

Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern Wikipedia-Link» JavaScript nicht abgeschaltet und der Flash-Player installiert ist.


http://equivox.de/Leserresonanz

Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  2064 vom 27.10.2009
zu Ausgabe Magazin  552
Re: [Pferdezeitung] Pferdezeitung Ausgabe 552

Sehr geehrter Herr Popken,

Ihren Artikel habe ich, ebenso wie die vorhergehenden, interessiert durchgelesen. Wir haben uns auch erlaubt, ihre Artikel weiterzuleiten, da diese sowohl sehr sachlich, als auch sehr informativ gestaltet sind. Auch freut es mich persönlich sehr, dass viele Details erkannt und erklärt wurden.

Ein Anmerkung zum letzten Artikel hätte ich aber. Der Absatz:

"Neuhauser ist inzwischen gefolgt und hat sich wohl besonnen; er beginnt einzugreifen, fasst sich ein Herz und signalisiert dem Cowboy, sich doch an den Rand zu begeben. Der gehorcht tatsächlich sofort.

Er selbst folgt diesem Rat nur halbherzig, wendet sich aber aktiv dem Pferd zu und wirkt schon durch seine Gestik beruhigend. Er gibt der Stute durch seine Körpersprache Raum und nimmt ihr den Druck. Damit gelingt es ihm, die Eskalation, die in einer Katastrophe hätte enden können, zu beenden und eine Ruhephase einzulegen. Damit bricht diese Sequenz ab."


Es ging darum, zwar "bestimmt" auf den Sohn der Rancherin zu zu gehen, aber dabei das eh schon sehr verschreckte Pferd nicht noch mehr zu belasten und in die Enge zu treiben, bzw. zu riskieren, dass es durch die Umzäunung brechen möchte. Wir haben es hier mit einem ehemals wildlebenden Mustang zu tun, der sein bisheriges Überleben, z.B. vor Wölfen und Bären eben durch die Flucht sichern musste.

Den Sohn der Rancherin (mind 3. Generation Pferdezüchter) habe ich dazu gebracht, seine drohend-dominante Position aufzugeben. Auch hat er dadurch, dass er sich zurückgezogen hat, seine Körperspannung auf das nötige Maß reduziert. Ebenso habe ich mit einer entspannten Körpermitte, nachdem ich neben ihm Stand, mich langsam zurück bewegt, auf eine für das Pferd akzeptable Distanz. Die Stute fing auch sofort an Heu fressen an, das dürfte man noch erkennen.

Es mag für einen Außenstehenden halbherzig wirken. Aber in so einer Situation gilt es wohlüberlegt und von den körperlichen Aktionen wohldosiert zu agieren. Gerade nachdem die Vermutung geäussert wurde, dass die Stute evtl. trächtig sein könnte. Was natürlich die Verantwortung des eigenen Tuns und Handelns noch erhöht.

Ich hoffe, dass es für Sie in Ordnung ist, dass wir auch diesen Artikel wieder verbreiten.

Verbleibe mit freundlichen Grüßen

Hans-Jürgen Neuhauser

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 552 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!Pferdemesse  Messe: ReiterhotelEditorial  Editorial: WerkzeugeRezension  Rezension: Bausteine DressurreitenTip  Tip: Pferdekauf XXIII
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