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![]() Ohne Ausweg: Traumatisiertes Pferd |
![]() Neuhauser schaltet sich ein |
![]() Der Cowboy weicht zurück |
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Neuhauser macht ein paar Schritte nach vorn in die Mitte, nachdem er sich anfangs am Rand gehalten hatte (im Film nicht zu sehen, aber aus dem vorherigen Schnitt zu schließen), signalisiert mit der linken Hand dem Partner den Rückzug. Dieser weicht daraufhin zurück und die Stute macht eine Kehrtwendung mit dem Hinterteil zur Mitte, er selbst weicht auch etwas zurück, erhebt die rechte Hand in Richtung Stute, die sich nach rechts wendet und schon deutlich weniger Panik zeigt. Seine Hand bleibt erhoben, die Stute bleibt stehen und wendet ihre Aufmerksamkeit ihm zu, den Kopf erhoben. Der Strick ist deutlich zu sehen, er ist einigermaßen straff gespannt, ein Zeichen dafür, dass sie mit einem Huf auf dem Strick steht. Sie hält nur kurz inne, aber das reicht offenbar, um sie vollkommen zu beruhigen, denn anschließend setzt sie sich in Bewegung, um das bereitliegende Heu zu inspizieren. Man glaubt es kaum, es wirkt wie ein Wunder! Noch Sekunden vorher war dieses Pferd voller Panik, und schon beginnt es in aller Ruhe zu fressen. Wie erklärte er das? „Auch hat er dadurch, dass er sich zurückgezogen hat, seine Körperspannung auf das nötige Maß reduziert. Ebenso habe ich mit einer entspannten Körpermitte, nachdem ich neben ihm Stand, mich langsam zurück bewegt, auf eine für das Pferd akzeptable Distanz.“ Körperspannung, entspannte Körpermitte – nicht gerade geläufige Vokabeln im Zusammenhang mit Pferden. Wer aber von Körpersprache redet, bewegt sich in heimischen Gefilden. So sprechen Körper miteinander. Wir Menschen sind nicht gerade Experten, wenn es um Körpersprache geht, aber ganz können wir darauf natürlich auch nicht verzichten, wenn wir miteinander umgehen, und deshalb sind wir auch nicht unbedingt Analphabeten in dieser Beziehung. Nur lassen wir uns oft von vielen anderen Dingen beeindrucken und ablenken und nehmen die Signale der Körpersprache, die wir meistens durchaus mitbekommen, nicht so ernst und wichtig, wie sie es verdienten. Auf diese Weise ist es zum Beispiel leicht möglich, Menschen zu täuschen. Hinterher fragt man sich immer, wie man so einfach reingelegt werden konnte, warum man die deutlichen Signale nicht gesehen hat. Manchmal wird man auch nicht von anderen reingelegt, sondern legt sich selber rein; man übersieht deutliche Anzeichen, weil man sie übersehen will oder nicht wahrnehmen kann. |
In dieser Situation war ich mir meiner Haltung mit Sicherheit gar nicht bewusst, aber vermutlich fühlte ich mich genau so, wie ich mich hielt. Mein Körper signalisierte also etwas, was meiner verbalen Kommunikation vermutlich nicht entsprach. Ob mein Gesprächspartner in der Lage war, meine Körpersprache bewusst wahrzunehmen, kann ich natürlich nicht beurteilen. Vielleicht war er ebenfalls mit dem Gespräch als solchem voll ausgelastet, aber ich bin sicher, dass sein Unterbewusstsein meine doppelte Botschaft genau wahrgenommen hat. Auch bezüglich der Körperspannung glaube ich zu wissen, wovon Neuhauser redet. Ich spüre sehr häufig, wie mein Körper zusammensinkt, wie krumm ich mich halte, und erinnere mich, dass ich mich schon als Heranwachsender gefragt habe, wie mein Vater sich so gerade halten kann. Ich habe ihn sogar einmal danach gefragt, und er hat mir geantwortet, dass es bei ihm eine Frage des Alters war. Das leuchtete mir ein; eine krumme Haltung ist Ausdruck von Unsicherheit und Selbstzweifel, und beides sollte sich mit zunehmendem Alter verlieren. Theoretisch, denn wie man weiß, kann das Leben einem übel mitspielen. Wer erfolgreich ist und mächtig wird, der wird kaum Schwierigkeiten haben, dies auch durch seine Körpersprache zum Ausdruck zu bringen, und umgekehrt werden all diejenigen, die es schwer haben, ihr Schicksal auch durch ihre Körpersprache kommunizieren. Im Umgang mit Pferden ist gern von Dominanz die Rede, und damit verbunden sind Sprüche, die den Menschen auffordern, sich dem Pferd gegenüber aufzuspielen, so wie der Cowboy das gemacht hat. Dass das nicht funktioniert, wird ja unter anderem auch aus dieser Sequenz deutlich. Wenn man aber ein unsicherer Mensch ist, kann man dann überhaupt mit Pferden arbeiten? Muss man erst Erfolg im Leben haben, um auch dem Pferd gegenüber erfolgreich zu sein? Neuhauser macht es ja vor. Er bewegt sich nicht wie ein Schwergewichtsboxer oder Industriekapitän, sondern elastisch und leichtfüßig, bestimmt, aber nachgiebig. Er respektiert das Pferd, und lässt ihm seinen Raum. Das reicht natürlich nicht, um gemeinsam mit dem Pferd zu arbeiten, und wie er das hinbekommt, werden wir gleich sehen. Ich will hier nur ein zweites Beispiel angeben, um deutlich zu machen, dass Dominanzgehabe im herkömmlichen Sinne bei Pferden völlig unangebracht ist. Jeder weiß, dass Pferde bei Kindern extrem vorsichtig und einfühlsam sind, aber nicht nur bei Kindern, sondern auch bei kranken und behinderten Menschen; gerade deshalb ist Therapie mit Pferden möglich und wirksam. Kinder und Kranke begegnen den Pferden, möchte ich behaupten, mit einer Körpersprache, die diese unmittelbar verstehen. Insbesondere respektieren sie das Pferd und wollen es gerade nicht dominieren. Man denke! Und wie macht es Neuhauser? Das ist im Film sehr schön dokumentiert, obwohl die Bilder nicht immer so sind, wie man sie sich wünschen würde. So fehlt zum Beispiel der Übergang von der Verladeszene mit dem Heu, die wir bisher betrachtet haben, zur nächsten Sequenz, wo er wirklich mit dem Pferd Kontakt aufnimmt. Man weiß nicht, was dazwischen passierte, insbesondere wie viel Zeit dem Pferd gelassen wurde. Es beginnt mit Bildern, die einfach nur irritieren. Man sieht im wesentlichen Latten und Pfosten. Dahinter agiert Neuhauser unsichtbar, man hört ihn nur, irgendwo muss auch das Pferd sein, man begreift, dass ein Metalltor offen ist, das geschlossen wird und einen schrecklichen Lärm macht, und außerdem befindet er sich mit dem Pferd offenbar in einem Korridor. Vermutlich konnte das Team diese Aufnahmen anders nicht machen. Man sieht, dass der Strick inzwischen über dem Nacken des Pferdes hängt, genauer über dem höchsten Punkt, dort wo der Druck am unangenehmsten und schmerzhaftesten ist. |
Sieht man manchmal mehr, wenn man den Ton abstellt, so könnte man hier das Bild abstellen, damit man sich auf die verbale Kommunikation konzentrieren kann. Habe ich vorhin von Liebe gesprochen, so kommt mir jetzt das Wort „Zärtlichkeit“ in den Sinn. Neuhauser liebkost die Stute praktisch mit Worten, mit seiner Stimme, denn die Bedeutung der Worte kann sie natürlich nicht verstehen, egal in welcher Sprache, und er spricht selbstverständlich deutsch, denn dies ist seine Muttersprache, in der er sich am besten ausdrücken kann. Es kommt natürlich auch gar nicht auf die Worte an, wie es beim liebevollen Zwiegespräch mit einem Kind oder einem Liebespartner auch weniger auf die Auswahl und den Sinn der Worte ankommt als vielmehr auf den Gefühlsgehalt, der damit verbunden ist und sich unter anderem in der Aussprache äußert, aber auch im Ton, in der Weichheit der Stimme, also in Qualitätsmomenten, die man sprachlich gar nicht fassen kann, die aber sehr stark wirken und auf die es wirklich ankommt. Das kann man natürlich als Transkription, also als reine Buchstabenfolge nicht recht vermitteln, aber trotzdem wird deutlich, dass er das Pferd ernst nimmt, dass er mit ihm fühlt, dass er ihm liebend gerne helfen würde, wenn dieses es nur zulassen könnte. Deshalb gebe ich hier einige Passagen aus seiner Ansprache wieder, aus denen man entnehmen kann, dass ihm auch einiges danebengelingt; sofort entschuldigt er sich bei dem Pferd, und zwar ganz ernsthaft. Und schließlich wird die Sache etwas kompliziert, weil er versucht, gleichzeitig dem Kamerateam beziehungsweise Zuhörer zu erklären, was da gerade läuft. Als Zuschauer werde ich ganz unruhig dabei, ich wünsche mir, er würde beim Pferd bleiben, statt an mich zu denken. Man kann ja auch nachträgliche Kommentare dazusprechen, und die gibt es auch, gesprochen von einer professionellen Sprecherin, aber die sind etwas kühl und nüchtern und marketingmäßig; der Kontrast ist aber insofern gut und interessant, weil man desto besser spürt, mit wie viel Gefühl Neuhauser bei der Sache ist, dass ihm wirklich etwas an dem Pferd liegt, dass er dem Pferd liebend gerne helfen möchte, vor allen Dingen mit diesem verdammten Strick. |
Trotz des Mitgefühls und der langfristig unangenehmen Wirkung der Stricks versucht Neuhauser nicht sofort, sich dem Pferd so weit zu nähern, dass er ihn greifen und möglicherweise entfernen kann. Das hätte vermutlich auch gar nicht klappen können. Stattdessen nimmt er auf die Distanz Kontakt auf, spricht mit dem Pferd und gestikuliert mit Händen und Gerte. Dazu produziert er Klickgeräusche mit dem Mund, die mir vorher schon aufgefallen waren. Dabei handelt es sich nicht um die bedingte Konditionierung, die vom Das wilde Pferd, inzwischen auf den Namen „Cheyenne“ getauft, reagiert sofort und folgt seiner Einladung zu einer Volte. Natürlich schleppt es den Strick hinter sich her und hat in diesem Fall Glück, dass es nicht sofort drauftritt – am Ende aber doch, man sieht ganz deutlich, wie der Kopf zu Boden geschlagen wird. So ergibt sich eine leichte Kommunikation, ein Tanz, ein Aufeinander-Eingehen, das in der Tat jeglicher Gewalt, jeglichen Drucks entbehrt. Neuhauser achtet darauf, dem Pferd genug Distanz und jederzeit einen Ausweg zu lassen, so dass es mehr und mehr die Erfahrung machen kann, dass von seiner Seite keine Gefahr droht, dass man ihm vielleicht sogar trauen kann. Die ganze Sequenz, circa 50 Sekunden, als Video (2, 7 MB): Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern
In der nächsten Woche will ich mir genauer anschauen, wie Neuhauser es schafft, das Vertrauen der Stute so weit zu gewinnen, dass er den Strick entfernen kann. |
Abbildungen |
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