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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 558, erschienen am 07.12.2009

Magazin  Ausgabe 558

Trööööt! Komm' mir nicht zu nah!
Der Tröten-Trick bricht Blockaden auf

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Der Trick mit der Tröte
  2. Abschnitt  Krimis
  3. Abschnitt  Aua
  4. Abschnitt  Das Satteln
  5. Abschnitt  Die Tröte
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12
Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Kontaktaufnahme zu einem Teufel
Liebevoller, freudestrahlender Blick
Anblasen auf Pferdeart
Das reicht erstmal – für das Pferd
Der Trick mit der Tröte

Über Problempferde und Kommunikation

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


In dieser Serie über » Hans-Jürgen Neuhauser habe ich immer wieder betont, dass ich die spektakulären Aktionen in der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten im Wilden Westen und Arabien weniger interessant finde. Denn wer von uns hat schon Lust und Gelegenheit, einen rohen Mustang zu erwerben oder mit einem gemeingefährlichen Hengst aus Arabien zu arbeiten?

Selbstverständlich gibt es auch bei uns schwierige Pferde, und nicht zu knapp: In der Rezension dieser Woche (EquiVoX-Link Kaltwasser, Kiki: Vom Problempferd zum Verlasspferd) geht es gerade um die Alltagsschwierigkeiten, mit denen sich viele von uns herumschlagen müssen. Trotzdem dürften diese Fälle, die den gesamten zweiten Teil der DVD in Anspruch nehmen, auch für herkömmliche Problempferde wenig relevant sein.

Aber vielleicht sind gerade diese Ausnahmesituationen, die für uns nicht unmittelbar von Nutzen sind, besonders geeignet, dem Geheimnis Neuhausers auf die Spur zu kommen. Anhand des Mustangs konnte ich in den letzten Wochen schon sehr schön herausarbeiten, dass es meiner Ansicht nach nicht nur auf die von Neuhauser so klar (wie einseitig) propagierte Körpersprache ankommt, sondern mindestens ebenso sehr auf seine Haltung und seine Gefühle dem Pferd gegenüber.

Um meine Vermutung zu verdeutlichen, greife ich kurzerhand zu einer Analogie, natürlich aus unserem eigenen Erfahrungskreis: Was, frage ich, nützen alle Vorbereitungskurse, alle Bücher und Filme für Eltern, wenn diese ihre Babys und Kinder nicht lieben? Nichts, aber auch gar nichts! Wir erinnern uns: In dieser Serie war mehrfach die Rede davon, dass gerade durch die doppeldeutigen Botschaften, die von der Familie und speziell den Eltern ausgesandt werden, individuelle Probleme, Fehlhaltungen und Fehlhandlungen ausgelöst werden.

Aber auch jenseits pathologischer Verhältnisse kennen wir die Situation alle nur zur Genüge: Wenn Ihnen jemand sagt und zugleich in jeder Hinsicht – durch Körpersprache oder Geschenke oder Handlungen – zu zeigen versucht, er liebe Sie, Sie spüren aber sehr deutlich und unmissverständlich , dass das nicht stimmt – werden Sie ihm glauben? Vermutlich nicht. Sie werden ihm vielleicht zu Gefallen sein, alles tun, was er verlangt, aber dabei vielleicht mit den Zähnen knirschen und ungute Gefühle verspüren. Sie werden auf die Gelegenheit warten, bis Sie diese Person wieder los sind, und vielleicht außerdem die ständigen Lügen ebenso regelmäßig durch kleine Gemeinheiten heimzahlen, um diese Situation aushalten und überleben zu können.

Aus diesem Stoff werden bekanntlich seit jeher Romane und Filme gemacht, und die finden allemal ihr Publikum, weil es kaum jemanden gibt, der solche Gelegenheiten nicht kennt und nicht schon sehr darunter gelitten hat. Dieses Leid, das man nicht sehen, nicht anfassen und nicht messen kann, das ein rein seelisches Phänomen ist, oder für Leute, die nicht an die Seele glauben, können wir auch sagen, ein psychisches Phänomen (womit allerdings nichts gewonnen ist) – dieses Leid also, das man für ein Phantom halten könnte ( „stell dich bloß nicht so an!“ , „was hast du denn bloß?“ ), ist so gewichtig und kann so übermächtig werden, dass Leute aus solchen Gründen morden können.

Krimis  oben 



Vertrauensvolle Hingabe
Gestütsleiterin Julie Day
Liebevoller Blick
Jedenfalls solange Sicherheit gewährleistet ist
Ich habe mich immer gewundert, warum die Leute so scharf sind auf Krimis. Sowohl in der Literatur als auch im Film steht Mord und Totschlag hoch im Kurs. Könnte es sein, dass man darin Gefühle auslebt, die sonst nicht zu leben sind? Da fällt mir folgende Passage aus einem Spiegel-Interview mit dem Strafverteidiger Ferdinand von Schirach ein:

Schirach schreibt so souverän, klar und einfach, als hätte er nie etwas anderes gemacht und als hätte er sich immer ferngehalten vom seltsamen Deutsch der Juristenakten. Er macht nicht viel, knapp und konkret bleibt er, er ist ein großartiger Erzähler, weil er sich auf die Menschen verlässt, auf deren Schicksale.

Er erzählt beispielsweise von dieser schönen jungen Frau, die eines Tages ihrem Bruder, den sie eigentlich sehr liebt, ein Barbiturat einflößt und ihn in der Badewanne ertränkt.

Oder von dem Arzt, einem älteren, unbescholtenen Herrn, der im Garten arbeitet und Unkraut jätet, als ihn seine Frau ruft und mit ihm schimpft. Er könnte es hinnehmen, wie er es immer hingenommen hat, doch diesmal bittet er sie in den Keller, hebt eine Axt, rammt die Klinge in den Kopf, trennt den Kopf, die Arme, die Beine vom Körper. Dann geht er zum Telefon und wählt die Nummer der Polizei.

Wie in einer Bildergeschichte erzählt Schirach von der jungen Frau und dem alten Mann: wie die junge Frau in der Badewanne wartet, bis ihr Bruder eingeschlafen ist, dann "küsste sie seinen Nacken und ließ ihn unter Wasser gleiten". Wie der alte Mann Mühe hat, die Axt aus dem Schädel seiner Frau "zu hebeln, er stellte seinen Fuß auf ihren Hals". Schirachs Geschichten sind geschriebenes Kino in Kurzformat, und der grausige Befund seiner Geschichten lautet: Jeder, einfach jeder kann zum Schwerverbrecher werden.
» Karrieren: An der Seite des Verbrechers

Es sind die Gefühle, die die Menschen so handeln lassen. Also etwas, das unsere Naturwissenschaftler und Mediziner bisher noch nicht haben dingfest machen können, und sie haben doch allerhand herausgefunden! Wo sitzen diese Gefühle? Im Gehirn? Das glauben die Neurologen. Im Herzen? Das glaubte Wikipedia-Link» Aristoteles, weil das Herz schneller zu schlagen beginnt, wenn sich Gefühle regen.

Oder sitzen die Gefühle dort, wo alle Körperfunktionen geregelt werden, Wikipedia-Link» Kleinhirn? Wo blitzschnell Schalter umgelegt werden, wenn Gefahr droht? Ein Kleinhirn besitzen die meisten Tiere. Wenn dort die Gefühle gesteuert werden, müssten Tiere ebensolche Gefühle haben wie wir.

Haben Tiere Gefühle? Viele Menschen, die ich kenne, bejahen diese Frage unbedingt, aber wie ist es mit den Menschen, die grausam zu Tieren sind? Leugnen die, dass Tiere Gefühle haben? Nun gut, vielleicht sind sie auch grausam zu Menschen, und Menschen haben mit Sicherheit Gefühle. Wer als Kind Fröschen die Beine ausreißen kann, hat vielleicht als Erwachsener keine Probleme, seine Kinder zu verprügeln oder seine Mitarbeiter zu schikanieren.

Ich habe mich immer gefragt, wie man zu Menschen grausam sein kann, aber das passiert ja immerzu. Müssen wir uns also wundern, wenn die Leute zu Tieren grausam sind? Kiki Kaltwasser meint, dass es gar keine Problempferde gibt, dass Problempferde zu Problempferden gemacht werden.

Sie redet auch nicht über Gefühle, sondern über Regeln und Zusammenhänge, nicht passende Sättel beispielsweise, Verspannungen in der Muskulatur und was dergleichen Äußerlichkeiten sind, die es Pferden schwer machen können, auf die Wünsche der Menschen einzugehen.

Das ist sicher alles richtig, aber meiner Ansicht nach viel zu wenig. Nehmen wir beispielsweise den gefährlichen Hengst Om El Assadik aus dem Luxusgestüt in Schardscha – der hat sicherlich einen wunderbar passenden Sattel und bestimmt keine Muskelverspannungen. Solche Dinge hat man dort mit absoluter Sicherheit als Erstes untersucht. Trotzdem konnte man mit dem Pferd nicht umgehen.

Aua  oben 



Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Vorsicht
Ist der gefährlich?
Sieht erstmal nicht so aus.
Noch ist alles ruhig.
Nun ist dieser Hengst kein Teufel, wie ich im vorigen Abschnitt getitelt habe, sondern erst einmal ein ganz normales Pferd, das in erster Linie seinen Instinkten verpflichtet ist. Wenn dieser Hengst auf einen Platz geführt wird, den er vermutlich mit Erinnerungen und Gefühlen verbindet, die ihm nicht ganz angenehm sind, und er dort auch noch von einem deutschen Kamerateam empfangen wird, muss man sich nicht wundern, wenn er die Ohren spitzt. Daran ist also nichts weiter dran.

Die Koseszenen in der Box sehen auch nicht gerade so aus, als wäre er vollkommen unzugänglich. Im Gegenteil streckt er seinen Kopf der Gestütsleiterin durchaus zutraulich entgegen. Und er lässt sich von Neuhauser, den er ja höchstens erst ganz kurz kennt, ohne weiteres mit durchhängendem Zügel auf den Platz führen. Man darf nicht vergessen, dass der Weg durch das Gestüt führt und unzählige Stuten den Hengst begierlich begaffen.

Nach einer Runde auf dem Platz geht es allerdings los. Der Hengst steigt, Neuhauser kommt in Not. Das sieht gar nicht gut aus. Und beim Versuch, den Hengst zu satteln oder gar zu besteigen, wird das Geschehen vollends unberechenbar und die Stimmung schlägt in Panik um.

Die Szenen, die in der ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache und in der DVD HJN-Reiten gezeigt werden, zeigen, dass die Gestütsmitarbeiter Angst vor dem Hengst haben. Das ist verständlich, müssen sie doch um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten. Aber warum können sie nicht fragen, warum dieser Hengst sich so verhält?

Für Hans-Jürgen Neuhauser war die Sache offenbar sofort klar. Ich wiederhole noch einmal, was ich schon in der letzten Woche zitiert habe:

HJN: Der weiß, wenn ein Mann mit etwas in der Hand kommt macht's Aua! Und bevor sie ihm weh tun, tut er dir weh. Das heißt du kannst weder mit der Longe wedeln, noch mit einer Longiergerte, Longierpeitsche hingehen, der attackiert dich und du kommst dann nicht mehr raus.
DVD HJN-Reiten, Gesamttext

Wie kommt der da drauf? Und warum sehen die andern das nicht? Er erkennt, dass der Hengst Angst hat. Dass seine Aggressivität reine Notwehr ist. Diese Angst muss nicht unbedingt damit zusammenhängen, dass man ihn irgendwann mal verprügelt hat; es reicht, wenn man mit ihm so umgegangen ist, dass es für ihn sehr unangenehm war.

Und ist es nicht immer dann unangenehm, wenn jemand mit einem etwas macht, ohne Rücksicht auf einen zu nehmen, ohne zu fragen, wie es ihm geht, und was das mit ihm macht, was er mit ihm macht? Nennt man das nicht eigentlich eine Vergewaltigung? Und weiß man nicht schon lange, dass eine Vergewaltigung immer mit einer gewaltigen Traumatisierung einhergeht?

Wenn Sie das Buch von Kiki Kaltwasser kaufen sollten, schauen Sie sich bitte sorgfältig die zahlreichen Fotos von der Rennbahn an: Es sind allesamt Negativbeispiele. Frau Kaltwasser wohnt in Wikipedia-Link» Iffezheim; dort gibt es die berühmten Wikipedia-Link» Galopprennen. Die Aufnahmen sind vermutlich dort gemacht. Da gehen die Fachleute mit den Pferden genauso um wie die Fachleute im arabischen Gestüt, voller Angst und mit entsprechender aggressiver Energie.

Und die Pferde sind außer sich. Man braucht keine Brille, um zu sehen, dass diese armen Geschöpfe missbraucht werden. Dass man sich um deren Gefühle und Bedürfnisse keinen Deut schert. Dass es nur darum geht, sie zum Funktionieren zu bringen.

Vielleicht, weil man sich anders nicht zu helfen weiß. Ganz bestimmt sogar, denn normalerweise wäre eine solche Vorgehensweise viel zu aufwändig und anstrengend. Und unprofessionell. Ein Profi zeichnet sich ja dadurch aus, dass alles wie von selbst zu gehen scheint, ohne Anstrengung, wie durch Zauberkraft. Das Gegenteil ist hier der Fall. Also ein Ausweis der Unfähigkeit.

Das Satteln  oben 



Satteldecke auflegen ...
... wenn man kann!
Langsam wird's gefährlich
Endlich gesattelt – nun aufsitzen
Aber Sie werden vermutlich auch mit Galopprennen nichts zu tun haben. Dafür desto mehr mit Ihrem eigenen Pferd. Und das hat ebenfalls Gefühle, und vielleicht achten Sie auf diese Gefühle ganz automatisch, und reagieren entsprechend, ohne sich darüber überhaupt Rechenschaft ablegen zu müssen.

Es ist ja nicht so, dass das Leben schwieriger wird, wenn man Gefühle zulässt. Hans-Jürgen Neuhauser musste sich nicht anstrengen, um mit dem Hengst arbeiten zu können. Im Gegenteil. Die Gestütsmitarbeiter haben geschwitzt, er war einfach nur aufmerksam und einfühlsam.

Einfühlsam, das heißt: Er hat versucht, sich in das Pferd hineinzuversetzen. Das Pferd hat Angst. Wer Angst hat, nimmt die Realität nicht mehr richtig wahr. Wer die Realität nicht wahrnimmt, den kann man nicht erreichen. Mit dem ist Kommunikation einfach nicht mehr möglich.

Kommunikation ist aber die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch. Wenn man mit dem Pferd nicht kommunizieren kann, kann man alles vergessen. Auch das kennt man aus der zwischenmenschlichen Kommunikation. Wenn ein Mensch die Kommunikation verweigert, sperrt man ihn weg. Ins Irrenhaus. Dann ist alles zu spät.

Wie kann man das Pferd dazu bringen, den Menschen so wahrzunehmen, wie er ist? Das Pferd hat durch seine Angst eine vorgefasste Meinung von dem, was sich abspielen wird. Es erwartet dieselben Abläufe, durch die es früher traumatisiert wurde. Es spult also die Mechanismen blind ab, die sein Überleben damals erfolgreich gesichert haben. Diesen Automatismus muss Neuhauser durchbrechen. Noch einmal Originalton:

Ich muss ihn mit irgendetwas verwundern ohne das es ihm weh tut, ohne das ich ihm einen Grund biete mich anzugreifen. Ich brauchte eine halbe Sekunde Zeit ihn zu verwundern, das ich agieren konnte.
a.a.O.

Die Lösung ist, wie schon in der letzten Woche verraten, eine Tröte, und zwar ein modernes Gerät, mit dem man gewissermaßen nebenbei tröten kann, ohne seine Aufmerksamkeit abziehen zu müssen. Im Angesicht eines steigenden Hengstes ist dieser Aspekt nicht unwichtig. Kennen Sie ein Geschäft in Ihrem Ort, wo man so etwas kaufen kann? Ich hatte so etwas noch nie gesehen, aber eine kurze Suche bei Google nach » tröte druckluft zeigte mir, dass ich die Zeit verpennt habe. So etwas gibt es wohlfeil, also will ich auch glauben, dass man solch ein Gerät ohne weiteres in Schardscha besorgen kann.

Und siehe da, es wirkt. Kein Wunder, denn eingefahrene Verhaltensweisen bricht man typischerweise und normalerweise erfolgreich durch solche Manöver auf. Damit war das Problem aber natürlich noch nicht erledigt – Neuhauser bekam ja jetzt überhaupt erst einmal eine Chance zur Kommunikation. Ob diese möglich und darüber hinaus auch noch erfolgreich sein würde, war damit noch nicht beantwortet. Erst einmal handelt es sich um einen Trick, nicht mehr und nicht weniger.

Die Schwierigkeiten, die sich stellen, und die man mit einfachen Tricks nicht vom Tisch wischen kann, werden an einer Sequenz deutlich, die nicht besonders spektakulär ist, aber sehr aussagekräftig. Neuhauser hat den Hengst an der Longe und mehrere Gestütsmitarbeiter versuchen, diesen zu satteln. Auf dem Platz kann der Hengst aber ausweichen, also wird daraus nichts.

Schließlich nehmen sie ihn in die Zange, aber das wird leicht gefährlich. Die Gestütsleiterin wird nervös und schaltet sich aus dem Off ein: „Give him carrots!“ , gebt ihm Karotten! Der Hengst wird bestochen. Ihre Zwischenrufe werden immer hektischer und verraten ihre Nervosität und Angst, ihre Unsicherheit und Ratlosigkeit. Immer wieder ruft sie dazwischen: „carrots, carrots, carrots, carrots“ . Na klar, sie ist für die Sicherheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter verantwortlich, sie kann sich keinen Schnitzer erlauben. Aber trotzdem tut sie einem leid, wenn man sie so hilflos erleben muss. Die Arme!

Die Tröte  oben 



Die Tröte
ganz unscheinbar, aber wirksam
Komm mir nicht zu nah! Tröt! Tröt! Tröt!
Und es klappt!
So ist's recht!
So ist's brav!
Mit vereinten Kräften und jeder Menge Karotten gelingt es, den Hengst abzulenken, ihm die Satteldecke aufzulegen, den Sattel dazu und diesen zu gurten. Was für ein Aufwand! Und wie sich die Bilder gleichen – auf der Rennbahn in Iffezheim gibt es genau dieselben Probleme. Das kann doch nicht die Lösung sein!

Neuhauser gelingt es schließlich, sich in den Sattel zu schwingen, und sich mit dem Pferd sogar einigermaßen zu bewegen. Freilich hat man ständig Angst, der Hengst könnte explodieren und Neuhauser in hohem Bogen abwerfen. Man fragt sich, was das soll. Wer will wem hier etwas beweisen? So kann das doch nichts werden.

Das ist allenfalls fürs Protokoll interessant – so schlimm sah es aus, das war die Ausgangssituation. Man hatte es schließlich mit Mühe und Not geschafft, das Pferd zu satteln, und Neuhauser war routiniert genug, sich im Sattel zu halten. Mehr war das aber erst einmal nicht.

Es war eine gelungene Darstellung der Probleme, die ein Problempferd bereiten kann. Kann man aus so einem Pferd ein Verlasspferd machen? Kiki Kaltwasser würde diese Frage wohl bejahen. Wie würde sie darangehen?

Vermutlich würden alle Experten die Frage bejahen – müssen, denn sonst würden sie ihren Expertenstatus riskieren. Letzten Endes kann man nur die Probe aufs Exempel machen.

Om El Assadik hat nachweislich einige Experten verschlissen. Neuhauser gelingt es durch den Trick mit der Tröte, die Kommunikation mit dem Hengst aufzunehmen. Die schreckliche Tröte macht dem Hengst keine Angst, reißt ihn aber aus seiner Routine, macht ihn aufmerksam, vielleicht sogar neugierig. Dieser Typ ist jedenfalls anders als die anderen. Vielleicht kann man ihm sogar trauen.

Derweil beobachtet die Gestütsleiterin mit ihren Mitarbeitern genau, was er macht. Später sieht man, dass sie sogar alles mit einer kleinen Digitalkamera filmen, um es hinterher genauer analysieren und beurteilen zu können. So wie wir das jetzt auch machen.

Zum Abschluss eine Videosequenz (41 s, 2, 8 MB), die zeigt, wie Om El Assadik Neuhauser bedrängt, dieser sich jedoch nicht ins Boxhorn jagen lässt und den Hengst schließlich sogar zum Nachdenken bringt:

Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern Wikipedia-Link» JavaScript nicht abgeschaltet und der Flash-Player installiert ist.



Quellen / Verweise  oben 

  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  3. Magazin EquiVoX-Link Kaltwasser, Kiki: Vom Problempferd zum Verlasspferd
  4. » Karrieren: An der Seite des Verbrechers
  5. Wikipedia-Link» Aristoteles
  6. Wikipedia-Link» Kleinhirn
  7. ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache
  8. DVD HJN-Reiten, Gesamttext
  9. Wikipedia-Link» Iffezheim
  10. Wikipedia-Link» Galopprennen
  11. » tröte druckluft
  12. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  13. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  14. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  15. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  16. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  17. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  18. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  19. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  20. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  21. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  22. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11


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Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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