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Es sind die Gefühle, die die Menschen so handeln lassen. Also etwas, das unsere Naturwissenschaftler und Mediziner bisher noch nicht haben dingfest machen können, und sie haben doch allerhand herausgefunden! Wo sitzen diese Gefühle? Im Gehirn? Das glauben die Neurologen. Im Herzen? Das glaubte Oder sitzen die Gefühle dort, wo alle Körperfunktionen geregelt werden, Haben Tiere Gefühle? Viele Menschen, die ich kenne, bejahen diese Frage unbedingt, aber wie ist es mit den Menschen, die grausam zu Tieren sind? Leugnen die, dass Tiere Gefühle haben? Nun gut, vielleicht sind sie auch grausam zu Menschen, und Menschen haben mit Sicherheit Gefühle. Wer als Kind Fröschen die Beine ausreißen kann, hat vielleicht als Erwachsener keine Probleme, seine Kinder zu verprügeln oder seine Mitarbeiter zu schikanieren. Ich habe mich immer gefragt, wie man zu Menschen grausam sein kann, aber das passiert ja immerzu. Müssen wir uns also wundern, wenn die Leute zu Tieren grausam sind? Kiki Kaltwasser meint, dass es gar keine Problempferde gibt, dass Problempferde zu Problempferden gemacht werden. Sie redet auch nicht über Gefühle, sondern über Regeln und Zusammenhänge, nicht passende Sättel beispielsweise, Verspannungen in der Muskulatur und was dergleichen Äußerlichkeiten sind, die es Pferden schwer machen können, auf die Wünsche der Menschen einzugehen. Das ist sicher alles richtig, aber meiner Ansicht nach viel zu wenig. Nehmen wir beispielsweise den gefährlichen Hengst Om El Assadik aus dem Luxusgestüt in Schardscha – der hat sicherlich einen wunderbar passenden Sattel und bestimmt keine Muskelverspannungen. Solche Dinge hat man dort mit absoluter Sicherheit als Erstes untersucht. Trotzdem konnte man mit dem Pferd nicht umgehen. |
Die Koseszenen in der Box sehen auch nicht gerade so aus, als wäre er vollkommen unzugänglich. Im Gegenteil streckt er seinen Kopf der Gestütsleiterin durchaus zutraulich entgegen. Und er lässt sich von Neuhauser, den er ja höchstens erst ganz kurz kennt, ohne weiteres mit durchhängendem Zügel auf den Platz führen. Man darf nicht vergessen, dass der Weg durch das Gestüt führt und unzählige Stuten den Hengst begierlich begaffen. Nach einer Runde auf dem Platz geht es allerdings los. Der Hengst steigt, Neuhauser kommt in Not. Das sieht gar nicht gut aus. Und beim Versuch, den Hengst zu satteln oder gar zu besteigen, wird das Geschehen vollends unberechenbar und die Stimmung schlägt in Panik um. Die Szenen, die in der ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache und in der DVD HJN-Reiten gezeigt werden, zeigen, dass die Gestütsmitarbeiter Angst vor dem Hengst haben. Das ist verständlich, müssen sie doch um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten. Aber warum können sie nicht fragen, warum dieser Hengst sich so verhält? Für Hans-Jürgen Neuhauser war die Sache offenbar sofort klar. Ich wiederhole noch einmal, was ich schon in der letzten Woche zitiert habe:
Wie kommt der da drauf? Und warum sehen die andern das nicht? Er erkennt, dass der Hengst Angst hat. Dass seine Aggressivität reine Notwehr ist. Diese Angst muss nicht unbedingt damit zusammenhängen, dass man ihn irgendwann mal verprügelt hat; es reicht, wenn man mit ihm so umgegangen ist, dass es für ihn sehr unangenehm war. Und ist es nicht immer dann unangenehm, wenn jemand mit einem etwas macht, ohne Rücksicht auf einen zu nehmen, ohne zu fragen, wie es ihm geht, und was das mit ihm macht, was er mit ihm macht? Nennt man das nicht eigentlich eine Vergewaltigung? Und weiß man nicht schon lange, dass eine Vergewaltigung immer mit einer gewaltigen Traumatisierung einhergeht? Wenn Sie das Buch von Kiki Kaltwasser kaufen sollten, schauen Sie sich bitte sorgfältig die zahlreichen Fotos von der Rennbahn an: Es sind allesamt Negativbeispiele. Frau Kaltwasser wohnt in Und die Pferde sind außer sich. Man braucht keine Brille, um zu sehen, dass diese armen Geschöpfe missbraucht werden. Dass man sich um deren Gefühle und Bedürfnisse keinen Deut schert. Dass es nur darum geht, sie zum Funktionieren zu bringen. Vielleicht, weil man sich anders nicht zu helfen weiß. Ganz bestimmt sogar, denn normalerweise wäre eine solche Vorgehensweise viel zu aufwändig und anstrengend. Und unprofessionell. Ein Profi zeichnet sich ja dadurch aus, dass alles wie von selbst zu gehen scheint, ohne Anstrengung, wie durch Zauberkraft. Das Gegenteil ist hier der Fall. Also ein Ausweis der Unfähigkeit. |
Es ist ja nicht so, dass das Leben schwieriger wird, wenn man Gefühle zulässt. Hans-Jürgen Neuhauser musste sich nicht anstrengen, um mit dem Hengst arbeiten zu können. Im Gegenteil. Die Gestütsmitarbeiter haben geschwitzt, er war einfach nur aufmerksam und einfühlsam. Einfühlsam, das heißt: Er hat versucht, sich in das Pferd hineinzuversetzen. Das Pferd hat Angst. Wer Angst hat, nimmt die Realität nicht mehr richtig wahr. Wer die Realität nicht wahrnimmt, den kann man nicht erreichen. Mit dem ist Kommunikation einfach nicht mehr möglich. Kommunikation ist aber die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch. Wenn man mit dem Pferd nicht kommunizieren kann, kann man alles vergessen. Auch das kennt man aus der zwischenmenschlichen Kommunikation. Wenn ein Mensch die Kommunikation verweigert, sperrt man ihn weg. Ins Irrenhaus. Dann ist alles zu spät. Wie kann man das Pferd dazu bringen, den Menschen so wahrzunehmen, wie er ist? Das Pferd hat durch seine Angst eine vorgefasste Meinung von dem, was sich abspielen wird. Es erwartet dieselben Abläufe, durch die es früher traumatisiert wurde. Es spult also die Mechanismen blind ab, die sein Überleben damals erfolgreich gesichert haben. Diesen Automatismus muss Neuhauser durchbrechen. Noch einmal Originalton:
Die Lösung ist, wie schon in der letzten Woche verraten, eine Tröte, und zwar ein modernes Gerät, mit dem man gewissermaßen nebenbei tröten kann, ohne seine Aufmerksamkeit abziehen zu müssen. Im Angesicht eines steigenden Hengstes ist dieser Aspekt nicht unwichtig. Kennen Sie ein Geschäft in Ihrem Ort, wo man so etwas kaufen kann? Ich hatte so etwas noch nie gesehen, aber eine kurze Suche bei Google nach » tröte druckluft zeigte mir, dass ich die Zeit verpennt habe. So etwas gibt es wohlfeil, also will ich auch glauben, dass man solch ein Gerät ohne weiteres in Schardscha besorgen kann. Und siehe da, es wirkt. Kein Wunder, denn eingefahrene Verhaltensweisen bricht man typischerweise und normalerweise erfolgreich durch solche Manöver auf. Damit war das Problem aber natürlich noch nicht erledigt – Neuhauser bekam ja jetzt überhaupt erst einmal eine Chance zur Kommunikation. Ob diese möglich und darüber hinaus auch noch erfolgreich sein würde, war damit noch nicht beantwortet. Erst einmal handelt es sich um einen Trick, nicht mehr und nicht weniger. Die Schwierigkeiten, die sich stellen, und die man mit einfachen Tricks nicht vom Tisch wischen kann, werden an einer Sequenz deutlich, die nicht besonders spektakulär ist, aber sehr aussagekräftig. Neuhauser hat den Hengst an der Longe und mehrere Gestütsmitarbeiter versuchen, diesen zu satteln. Auf dem Platz kann der Hengst aber ausweichen, also wird daraus nichts. Schließlich nehmen sie ihn in die Zange, aber das wird leicht gefährlich. Die Gestütsleiterin wird nervös und schaltet sich aus dem Off ein: „Give him carrots!“ , gebt ihm Karotten! Der Hengst wird bestochen. Ihre Zwischenrufe werden immer hektischer und verraten ihre Nervosität und Angst, ihre Unsicherheit und Ratlosigkeit. Immer wieder ruft sie dazwischen: „carrots, carrots, carrots, carrots“ . Na klar, sie ist für die Sicherheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter verantwortlich, sie kann sich keinen Schnitzer erlauben. Aber trotzdem tut sie einem leid, wenn man sie so hilflos erleben muss. Die Arme! |
Neuhauser gelingt es schließlich, sich in den Sattel zu schwingen, und sich mit dem Pferd sogar einigermaßen zu bewegen. Freilich hat man ständig Angst, der Hengst könnte explodieren und Neuhauser in hohem Bogen abwerfen. Man fragt sich, was das soll. Wer will wem hier etwas beweisen? So kann das doch nichts werden. Das ist allenfalls fürs Protokoll interessant – so schlimm sah es aus, das war die Ausgangssituation. Man hatte es schließlich mit Mühe und Not geschafft, das Pferd zu satteln, und Neuhauser war routiniert genug, sich im Sattel zu halten. Mehr war das aber erst einmal nicht. Es war eine gelungene Darstellung der Probleme, die ein Problempferd bereiten kann. Kann man aus so einem Pferd ein Verlasspferd machen? Kiki Kaltwasser würde diese Frage wohl bejahen. Wie würde sie darangehen? Vermutlich würden alle Experten die Frage bejahen – müssen, denn sonst würden sie ihren Expertenstatus riskieren. Letzten Endes kann man nur die Probe aufs Exempel machen. Om El Assadik hat nachweislich einige Experten verschlissen. Neuhauser gelingt es durch den Trick mit der Tröte, die Kommunikation mit dem Hengst aufzunehmen. Die schreckliche Tröte macht dem Hengst keine Angst, reißt ihn aber aus seiner Routine, macht ihn aufmerksam, vielleicht sogar neugierig. Dieser Typ ist jedenfalls anders als die anderen. Vielleicht kann man ihm sogar trauen. Derweil beobachtet die Gestütsleiterin mit ihren Mitarbeitern genau, was er macht. Später sieht man, dass sie sogar alles mit einer kleinen Digitalkamera filmen, um es hinterher genauer analysieren und beurteilen zu können. So wie wir das jetzt auch machen. Zum Abschluss eine Videosequenz (41 s, 2, 8 MB), die zeigt, wie Om El Assadik Neuhauser bedrängt, dieser sich jedoch nicht ins Boxhorn jagen lässt und den Hengst schließlich sogar zum Nachdenken bringt: Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern
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