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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 560, erschienen am 21.12.2009

Magazin  Ausgabe 560

Neuhauser: Was geht hier vor?
Wieso kommt er an den Hengst ran?

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Über den Umgang mit der Kreatur
  2. Abschnitt  Dirigenten
  3. Abschnitt  Gut und Böse
  4. Abschnitt  Dominanz
  5. Abschnitt  Verständnis
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise

  Leserresonanz  Leserresonanz

  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis

Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14
Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Neuhauser führt den gefährlichen Hengst
Über den Umgang mit der Kreatur

Das Unaussprechliche der Kommunikation

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Kompetenz ist nicht genug, wenn man Pferde, insbesondere extrem gefährliche Pferde zu verlässlichen Partnern erziehen will, wie ich in der letzten Woche gezeigt habe. Man braucht auch Respekt vor dem Tier und Einfühlungsvermögen. Auf der Suche nach dem Geheimnis von » Hans-Jürgen Neuhauser, der einzig und allein auf die von ihm entwickelte Körpersprache abhebt, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Reduktion der Körpersprache auf die reine Funktion der Signalgebung unzulässig ist.

Die Frage ist meines Erachtens vielmehr, ob ein Tier mehr als Automat oder aber als Individuum wie Sie und ich angesehen werden soll, ob es einfach nur Besitz und Eigentum ist und deshalb nach Belieben damit verfahren werden kann, oder ob es als Geschöpf prinzipiell denselben Stellenwert hat wie jeder beliebige Mensch, wie Sie und ich.

Für den vor 50 Jahren florierenden Wikipedia-Link» Behaviorismus war das keine Frage. Ein Tier wurde grundsätzlich als Black Box angesehen, über dessen Innenleben man keine Aussagen machen könne. Lediglich das äußere Verhalten könne man beobachten und beeinflussen. Kann man daraus aber schließen, dass im Inneren dieser Box nichts passiert? Auch in Menschen kann man schließlich nicht hineinsehen, aber würden wir so weit gehen, überhaupt keine Aussage über deren Innenleben machen zu können?

Die philosophische Theorie des Radikalen Konstruktivismus postuliert, dass die Menschen miteinander agieren, als sei das jeweilige Gegenüber eine Black Box, da man deren Innenleben nicht kenne und nur von den nach außen abgegebenen Signalen auf das Innenleben rückschließen könne.
Wikipedia-Link» Black Box

Aha! Auf den Kommunikationswissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Philosophen Wikipedia-Link» Paul Watzlawick als Vertreter des Wikipedia-Link» Radikalen Konstruktivismus habe ich mich in dieser Reihe ein paarmal bezogen, um das Geheimnis von Neuhauser zu erklären. Aber das geht mir zu weit. Gehen Sie denn davon aus, dass Ihr Gegenüber keine Gefühle hat, weil Sie die in der Regel nicht sehen können?

Natürlich nicht! Sie wissen, wie es in Ihnen selbst aussieht, und daher unterstellen Sie, dass alle anderen Menschen ähnliche Gefühle und Gedanken haben. Wenn Ihr Gegenüber keinerlei Gefühle erkennen lässt, obwohl er nach Ihrer eigenen Erfahrung Gefühle haben müsste, interpretieren Sie dieses Verhalten entsprechend als Pokerface, als Versuch, die Gefühle vor Ihnen zu verbergen.

Warum sollte das bei Tieren anders sein? Nur weil diese eine andere äußere Gestalt haben? Nur weil deren Gehirn etwas anders aussieht als unseres? Nur weil wir uns auf deren Mimik und Gestik nicht so gut verstehen? Nur weil wir von deren Verhalten nicht viel wissen?

In der letzten Woche habe ich darauf hingewiesen, wie man aus den verbalen Äußerungen von Hans-Jürgen Neuhauser auf der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten im Umgang mit schwierigen Hengsten zunächst rückschließen kann, wie dieser seine – ja, wie nenne ich das? – Klienten wahrnimmt und welche Gefühle er denen gegenüber hat. Diese machen sich ja nicht nur in den Worten selbst bemerkbar, sondern vor allen Dingen im Tonfall und im Gefühlsgehalt – wieder etwas, das die Wissenschaft (noch?) nicht messen kann.

Darüber hinaus hatte ich behauptet, dass sich seine Haltung nicht nur in seinen Worten und der dadurch übermittelten Stimmung ausdrückt, sondern infolgedessen auch in der Körperhaltung und Körpersprache, und beides zusammen wird von den Pferden anscheinend sehr genau verstanden. Wenn man Körpersprache lediglich als Folge von Bewegungsabläufen versteht, wie man sie etwa beim Tanz zu erlernen hat, so ist unmittelbar klar, dass die reinen Bewegungen als solche noch gar nichts aussagen. Es wird also bei Neuhauser sehr viel mehr kommuniziert als choreografisch festgehalten werden könnte. Und genau darauf kommt es an. Die Bewegungen selbst sind noch das Allerwenigste.

Dirigenten  oben 




Das ist ungefähr wie mit der Musik. Die wird erst mal auf Papier notiert. Damit hat man nur das Nötigste. Natürlich muss der Klavierschüler erst einmal lernen, seine Finger in der richtigen Reihenfolge auf den Tasten spielen zu lassen. Wenn er nicht die richtigen Noten zur richtigen Zeit mit dem richtigen Nachdruck und der richtigen Dauer trifft, kann man die Sache ganz vergessen. Sind aber die Formalien korrekt, ist damit noch längst nicht alles gewonnen. Dann fängt die Sache erst an interessant zu werden, dann spielt der Schüler lediglich korrekt, nicht mehr und nicht weniger.

Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich, ein bisschen bei YouTube zu stöbern. Da werden jede Menge Wunderkinder vorgestellt, die mehr oder weniger bekannte Virtuosenstücke auf unterschiedlichen Instrumenten vorführen. Natürlich sind die Eltern sehr stolz, keine Frage, aber für den Konsumenten ist das Ergebnis mehr oder weniger quälend, meist mehr als weniger. Man fragt sich, wie der kleine Mozart wohl gespielt hat. War das ähnlich schrecklich?

Musik wird daraus erst, wenn in diese mechanische Abfolge – die ja von jeder Maschine wesentlich besser und schneller beherrscht würde – noch Ausdruck hineingelegt wird, etwas, das man wiederum nicht messen kann. Könnte man es messen, wäre es sehr simpel, perfekte Musikmaschinen zu programmieren. Nun sind wir inzwischen von maschineller Musik umgeben und empfinden diese gar nicht mehr unbedingt als unbefriedigend – sie ist aber einfach seelenlos und wir sind inzwischen konditioniert, sie hinzunehmen – schließlich können wir uns auch kaum wehren. Wer mehr will, greift aber nach wie vor auf von Menschen produzierte Musik zurück: Mühsam hervorgebracht, als Resultat eines entsetzlich anstrengenden und langen Studiums, dessen Ergebnis keineswegs feststeht. Nicht jeder Meisterschüler eines Konservatoriums wird später auch ein Weltstar.

Letzten Endes geht es hier um die Entwicklung einer Persönlichkeit. Der Klavierschüler kann nur dann zu einem großen Musiker werden, wenn er auch zu einem großen Menschen wird. Und das ist keine Frage der Technik. Das liegt auch nicht in der Hand des Lehrers. Der Lehrer kann ein Beispiel geben, aber wenn der Schüler nicht in der Lage ist, selber Größe zu entwickeln, bleibt ihm nichts anderes übrig als zu resignieren. Beispielsweise gibt es höchst erfolgreiche Dirigenten, die ähnliche menschliche Qualitäten haben wie Diktatoren – aber denen würde man nicht unbedingt menschliche Größe zubilligen.

Dabei sind Diktatoren manchmal durchaus erfolgreich – wenn man den geeigneten Maßstab anlegt. Immer wieder hat es im Laufe der menschlichen Geschichte Diktaturen und Gewaltherrschaften gegeben und es gibt sie auch jetzt noch an den verschiedensten Stellen unserer schönen Erde, aber wir alle wissen, dass diese sich nur begrenzte Zeit halten können. Über kurz oder lang ist bisher noch jeder Diktator gestürzt und anschließend im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verdammt worden. Auch wenn es natürlich immer Ewiggestrige gibt, die einer solchen Schreckenszeit nachtrauern, weil sie sich einbilden, unter einem Diktator wie Wikipedia-Link» Adolf Hitler oder Wikipedia-Link» Stalin selber Erfolge feiern zu können. Und wer Diktatoren unterstützt, tut es selbstverständlich, weil er davon profitiert.

Wenn manche Dirigenten als Diktator Erfolg haben: Heißt das dann, dass dies der beste Weg ist? Der israelische Dirigent Wikipedia-Link» Itay Talgam ist zu einem ganz anderen Schluss gekommen. Der Artikel » Personalführung: Die Macht der Maestros fasst seine Thesen zusammen, die » Fotostrecke: Die Macht der Maestros illustriert diese, und das Video » Sharing Creativity – Great Conductors of the Age of the Net (30 min.) zeigt seinen ganzen Vortrag in einer Weise, wie sie die Teilnehmer vermutlich nicht genießen konnten. Schauen Sie sich dieses Video an, einmal, vielleicht zweimal oder noch öfter. Dieses Video ist einfach köstlich!

Talgam spricht Englisch, aber es lohnt sich! Sie sehen und hören wunderbare Musik und Talgam spricht darüber, wie große Musik entsteht und welche Rolle der Dirigent dabei spielt. Er bringt Beispiele von mehreren Dirigenten, die ganz unterschiedliche Stile pflegen, darunter auch der schon erwähnte Diktator-Typ. Dieser Vortrag richtet sich nicht an Musiker, sondern an Manager, Techniker, Programmierer, Leute, die an den neuesten Trends in der Wirtschaft interessiert sind. Er versucht, aus seiner Erfahrung als Dirigent Empfehlungen abzuleiten für jeden, der mit Menschen umgeht und komplexe Abläufe steuern muss.

Ganz besonders geht er auf den Dirigenten Wikipedia-Link» Carlos Kleiber ein, mit dem sein Vortrag auch eröffnet wird. Er beschreibt die Verfassung des Dirigenten als „happy“ , glücklich, und führt aus, dass die meisten Menschen darüber extrem irritiert sind. Wie kann der Mann bei der Arbeit so glücklich sein? Und am Beispiel dieses Dirigenten zeigt er auch, wie die führende Person (der Dirigent, also bei Pferdeleuten der Mensch) die geführte Person (den Musiker, beziehungsweise das Pferd) zu Höchstleistungen im Sinne von maximaler Harmonie führt. Ohne Gewalt und Zwang, nur mit einer winzigen Geste, dem Lupfen einer Augenbraue.

Sein Gegenbeispiel ist Wikipedia-Link» Riccardo Muti. Wussten Sie, dass die Musiker an der Mailänder Scala ihren Dirigenten offiziell um Rücktritt gebeten haben, weil sie sich unter ihm nicht entfalten konnten? So steht es natürlich nicht in der Wikipedia.

Itay Talgam – Zeitgeist Europe 2009


» Itay Talgam – Zeitgeist Europe 2009


Gut und Böse  oben 



Ich meine, dass Talgams Ratschläge auch gut geeignet sind für Pferdeleute. Letzten Endes, wenn man genau hinschaut, geht es um Harmonie und Liebe – aber das würde ein Dirigent natürlich niemals zugeben (Pferdeleute auch nicht). Der diktatorische Dirigent übt Macht aus und lässt seinen Musikern keine Freiheiten. Genau das passiert in den meisten Fällen beim Zusammenspiel zwischen Mensch und Pferd. Der Mensch bestimmt und das Pferd muss parieren. Das ist letzten Endes auch bei Neuhauser so. Er will, dass das Pferd tut, was ihm gerade in den Sinn kommt. Wo ist der Unterschied? Bei jedem Dirigenten muss das Orchester spielen, was der will, der einzelnen Musiker muss sich unterordnen.

Um das zu diskutieren, muss ich noch ein bisschen weiter ausholen. Die diktatorischen Dirigenten sind ja auch nicht wirklich vergleichbar mit den Diktatoren, die als die Ausgeburt des Bösen gelten; letzten Endes sind die ganz harmlos. Das Böse als solches allerdings beschäftigt die Menschen sehr. Ein Großteil der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur sowie die dazugehörigen Filmproduktionen, die ja offensichtlich der Befriedigung der Fantasie der Konsumenten dienen, beschäftigt sich mit dem ewigen Kampf des Bösen gegen das Gute, wobei die Sympathien der Leser und Zuschauer interessanterweise fraglos auf Seiten des Guten sind. Wieso eigentlich?

Tief in uns drin, im Herzen oder wo auch immer, wissen wir genau, dass das Böse abscheulich und verachtenswert ist. Kaum jemand identifiziert sich mit dem Bösen, und wenn er es tut, weiß er, dass dies nicht richtig ist. Auch das kann die Wissenschaft nicht erklären.

Nun könnte man einwenden, dass diese Thesen keine Wahrheiten sind, sondern einfach nur mein eigenes Wunschdenken. Die Bösen, die Diktatoren sind oder solche unterstützen, haben kein Gewissen, wird gern behauptet: Die sind abgrundtief böse, durch und durch. Aber ich glaube das nicht. Deshalb war ich froh, dass ich bei Wikipedia-Link» Raymond Smullyan in dessen Buch Das Tao ist Stille eine Passage gefunden habe, die meine Ansicht bestätigt. Und zwar am Beispiel des angeblich absolut gewissenlosen Wikipedia-Link» Donatien Alphonse François de Sade, dem Namensgeber des Wikipedia-Link» Sadismus. Er diskutiert im Abschnitt „Das Tao ist gut, aber ohne Moral“ einen Spruch, der Wikipedia-Link» Laotse zugeschrieben wird:

Willst Du die reine Wahrheit erfahren,
Dann denk nicht mehr an Recht und Unrecht.
Der Gegensatz zwischen Recht und Unrecht
Ist die Krankheit des Geistes.

Es ist höchst aufschlussreich, wie unterschiedlich die Leute auf obige Zeilen reagieren. [...] Als ich sie einer meiner Freunde vorlas, sagte er: „Das könnte Marquis de Sade geschrieben haben.“ [...] Wenn de Sade davon spräche, „die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht abzuschaffen“ , würde ich mit den Moralisten darin übereinstimmen (was sonst nicht meine Art ist), dass er dies in erster Linie täte, um die Schuldgefühle seiner sadistischen Handlungen wegen zu lindern, von denen er mit Sicherheit in seinem Herzen weiß, dass sie „unrecht“ sind. Das würde so aussehen, dass de Sade Grausamkeit und Leiden einen positiven Wert zumisst und sich folglich insofern gegen die Moral wendet, als seine Handlungen mit ihr in Konflikt geraten und ihm auf diesem Wege Leid zugefügt wird. Bei den Taoisten sieht es dagegen so aus, dass sie die Moral selbst – d.h. die „ethischen Prinzipien“ – als eine Hauptursache des Leidens empfinden, weil sie lediglich jene natürliche Güte in uns schwächt, die sich spontan verwirklichen könnte, wenn sie nicht durch ethische Prinzipien daran gehindert würde, oder moralische Gesetze sie nicht ständig erzwingen wollten. (In dieser Hinsicht ist der Taoismus dem Christentum des Paulus eng benachbart.) [...]

Es ist bemerkenswert, dass Laotse davon sprach, dass die Menschen „einander lieben werden“ . In dieser Hinsicht ist er mit Jesus vergleichbar und bestimmt nicht mit dem Marquis de Sade! [...]

Das Entscheidende an der folgenden Passage [von Tschuangtse] ist nicht die Verklärung der Vergangenheit, sondern jene Lebensart, auf deren Wert und der Taoist hinweist und von der wir nur hoffen können, dass sie eines fernen Tages die Oberhand gewinnen wird.

Zu der Zeit, als das Leben noch ungeteilt und ungebrochen war, achtete man nicht auf verdiente Männer, und das Genie wurde nicht gefeiert. Herrscher waren einfach die höchsten Äste am Baum, und die Menschen waren wie die Tiere des Waldes. Sie waren ehrlich und rechtschaffen, ohne sich bewusst zu sein, dass „ihre Pflicht taten“ . Sie liebten einander, aber sie wussten nicht, dass dies „Nächstenliebe“ war. Sie betrogen niemanden, doch sie fühlten sich nicht als „Ehrenmänner“ . Sie waren zuverlässig, aber das Wort „Vertrauen“ kannten sie nicht. Sie lebten ungezwungen miteinander, gaben und nahmen und wussten nicht, dass man das großzügig nennt. Aus diesem Grund hat man ihre Taten nicht aufgeschrieben. Sie machten nicht Geschichte.
a.a.O., Seite 160 – 163 in der gebundenen Fischer-Ausgabe von 1994 (ISBN 3-8105-1858-1)

Smullyan ist also sicher, dass de Sade gewusst hat, dass sein Handeln böse und unrecht ist, obwohl er versucht hat, alles mit einer bombastischen Philosophie zu verbrämen und zu rechtfertigen. Und dass er deswegen Schuldgefühle hatte.

Seine Faszination durch den Taoismus speist sich zu einem Gutteil durch den Abscheu vor der protestantischen Bigotterie, die in den USA sehr populär ist und unter der er wohl sein Leben lang sehr gelitten hat. Er setzt im Grunde darauf, dass der Mensch im wesentlichen gut ist und man ihn nur machen lassen soll, denn jeder Zwang stachelt nur seine Widersetzlichkeit auf und führt zu Unglück und Unheil.

Dominanz  oben 



Ist das nicht interessant? Im letzten Satz habe ich das Wort widersetzlich im Zusammenhang mit dem Menschen benutzt – sonst kenne ich es nur im Zusammenhang mit Pferden. Angeblich sind Pferde leicht widersetzlich und müssen entsprechend behandelt werden, bestraft beispielsweise, oder hart herangenommen.

Könnte es sich dabei nicht um eine Projektion handeln? Könnte es sein, dass der Mensch sich das Verhalten des Pferdes nur in seinen eigenen Kategorien vorstellen kann, in diesem Falle also in aktivem Widerstand gegen den Peiniger? Oh Pardon, selbstredend sieht sich der Mensch nicht als Peiniger, sondern als Wohltäter des Pferdes, der nur berechtigte Forderungen stellt. Der Mensch macht keine Fehler, es ist immer das Pferd, oder? Und dafür muss es büßen, klaro. Kennen wir das nicht auch von hartherzigen Eltern, die ihre Kinder verprügeln? „Hör auf zu schreien, sonst setzt es noch was!

Sicherlich beziehen Sie diese von mir provozierte Diskussion über Gut und Böse ebenso wie ich auch auf die aktuellen Skandale im Reitsport. Die sogenannten Ehrenmänner wissen also ganz genau, dass sie im Grunde genommen Schufte sind (siehe auch PDF-Datei» Martin Grell im Gespräch: „Ein Supergau für den Springsport&). Möchte man in deren Haut stecken? Wie beruhigen die ihr Gewissen? Gewissen? Wieder so etwas, das sich nicht messen lässt, von dem man nicht weiß, wo es sitzt.

Und außerdem: Mit Pferden kann man es machen. Im allgemeinen sind die einfach zu gutmütig und lassen sich vom Menschen beliebig quälen. Nur in sehr extremen Fällen wie bei den beiden Hengsten in Arabien stößt der Mensch mal an seine Grenzen, kann er sich nicht durchsetzen gegenüber dem Pferd. Ansonsten leidet das Pferd still vor sich hin.

Und auch das zweite Zitat von Smullyan finde ich hochinteressant: Neuhauser ist einer der Menschen, die sich anscheinend nicht viel darauf einbilden, was sie tun. Er tut seine Arbeit und spricht darüber, soweit man darüber sprechen kann. Ich versuche herauszuarbeiten, was unausgesprochen bleibt, und vielleicht macht sein Ansatz sogar Geschichte. Wenn nicht – auch kein Problem. Er ist mit sich im Reinen.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Auch bei Neuhauser geht es darum, dass der Mensch das Pferd dominiert und das Pferd tut, was der Mensch will. Die Sprecherin drückt das angesichts der ersten Erfolge Neuhausers mit Om El Azadik auch ganz deutlich aus:

Sprecherin: Zwar sieht man dem Worldchampion seinen Unmut noch an, doch Hans-Jürgen Neuhausers Anweisungen sind so klar, das er einfach verstehen und akzeptieren muss, in welchem Tempo er zu gehen hat. Man sieht dem Hengst sein Erstaunen über sich selbst förmlich an. Ohne ein einziges Mal an der Longe ziehen zu müssen diktiert er ihm Richtung und Geschwindigkeit.
DVD HJN-Reiten, Gesamttext

Man könnte diesen Satz so interpretieren, dass Neuhauser dem Pferd seinen Willen aufzwingt. Aber darum geht es ihm nicht. Er will nicht seinen Willen durchsetzen, sondern mit dem Pferd kommunizieren. Es ist also eher ein Tanz, bei dem der Mensch führt und das Pferd folgt. Man kann das sehr schön erkennen, weil Neuhauser gewissermaßen verschiedene Figuren durchprobiert – Volten, Anhalten, Tempo steigern. Interessanterweise übt er nicht das Rückwärtsrichten, das als Disziplinarmaßnahme gilt. Er achtet also die Würde des Pferdes. Er will das Pferd nicht demütigen.

Anders kann man sich das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd ja auch kaum vorstellen. Pferde brauchen uns Menschen nicht und können mit uns vermutlich nicht viel anfangen, ganz im Gegensatz zu Katzen etwa, bei denen leicht so aussieht, als ob die Katzen sich ihre Menschen halten, die ihnen partout zu Willen sein müssen. Kommunikation zwischen Mensch und Pferd kann also nur so aussehen, dass der Mensch auf das Pferd zugeht und etwas von ihm will, nicht umgekehrt.

Neuhauser geht dabei ganz systematisch vor. Er fühlt sich in das Pferd ein, geht auf es ein, behandelt es so, dass es eine Chance hat, und verlangt nur so viel von ihm, wie es geben kann. Zu Anfang also sehr wenig. Und dann baut er darauf auf. Er hat mit der Tröte den Ansatz gefunden, der ihm den ersten Kontakt zum widersetzlichen Hengst gab, und baut diesen Schritt für Schritt, ganz allmählich, aber systematisch aus. Dabei ist er immer beim Pferd und achtet peinlich darauf, dieses nicht zu überfordern.

Verständnis  oben 



Anhalten
Führen
Vorbei an neugierigen Stuten
Eingang zum Longierzirkel
Einfache Führübung
Fachkundiges Publikum
Stoppen, nicht ganz perfekt
Schon besser. Das reicht.
Nachdem er auf dem Platz die ersten Erfolge erreicht hat, versuchte er am nächsten Tag, die Blockade hinsichtlich des Longierzirkels aufzubrechen:

Sprecherin: Nachdem ersten Trainingserfolg und dem frisch entstanden Vertrauensverhältnis zwischen Hans-Jürgen Neuhauser und "Om El Azadik" wagt es, der Pferdetrainer den weißen Hengst in den Longierzirkel zu führen. Der letzte Versuch vor sieben Jahren endete für seinen damaligen Trainer im Krankenhaus. Seither hat es niemand mehr gewagt dort mit ihm zu arbeiten. Schon beim betreten des Platzes spürt Hans-Jürgen Neuhauser deutlich die Anspannung des Tieres. Angelegte Ohren, feste Muskulatur und deutlich verspätete Reaktionen auf die Anweisungen. Die Ausstrahlung des Worldchampions ändert sich komplett.
a.a.O.

Neuhauser weiß, dass diese Situation für den Hengst enormen Stress bedeutet und verlangt sehr wenig von ihm. Er bleibt stets aufmerksam und ruhig und weiß, dass es schon ein großer Erfolg sein wird, wenn es keinen Zwischenfall gibt.

Sprecherin: Zwar funktioniert das stoppen nicht mehr punktgenau, jedoch zeigt der arabische Vollbluthengst keinerlei aggressives Verhalten. Hans-Jürgen Neuhauser gelingt es durch seine ausgeklügelte Körpersprache das Vertrauen des Tieres soweit aufzubauen das er damit den Platz positiv belegen kann.

HJN: Come on, good boy. We can go home. We can go home and here we *ausatmen* stopps, good. So, is finish for today, we bring him back. Come on.

Sprecherin: Somit endet der erste Tag sehr erfolgreich für Trainer und Pferd.
a.a.O.

Meines Erachtens ist es diese Rücksichtnahme, die seinen Erfolg ausmacht, weniger die „ausgeklügelte Körpersprache“ . Selbstredend achtet Neuhauser ständig darauf, dass der Dialog zwischen ihm und dem Hengst nicht abreißt, dass er immer auch reagieren kann. Und dann macht er rechtzeitig Schluss. „We can go home.

Quellen / Verweise  oben 

  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2. Wikipedia-Link» Behaviorismus
  3. Wikipedia-Link» Black Box
  4. Wikipedia-Link» Paul Watzlawick
  5. Wikipedia-Link» Radikaler Konstruktivismus
  6. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  7. Wikipedia-Link» Adolf Hitler
  8. Wikipedia-Link» Stalin
  9. Wikipedia-Link» Itay Talgam
  10. » Personalführung: Die Macht der Maestros
  11. » Fotostrecke: Die Macht der Maestros
  12. » Sharing Creativity – Great Conductors of the Age of the Net
  13. Wikipedia-Link» Carlos Kleiber
  14. Wikipedia-Link» Riccardo Muti
  15. Wikipedia-Link» Raymond Smullyan
  16. Das Tao ist Stille
  17. Wikipedia-Link» Donatien Alphonse François de Sade
  18. Wikipedia-Link» Sadismus
  19. Wikipedia-Link» Laotse
  20. PDF-Datei» Martin Grell im Gespräch: „Ein Supergau für den Springsport&
  21. DVD HJN-Reiten, Gesamttext
  22. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  23. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  24. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  25. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  26. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  27. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  28. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  29. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  30. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  31. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  32. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  33. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  34. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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Leserresonanz oben 

Notizen  Leserbrief  2068 vom 24.12.2009
zu Ausgabe Magazin  560
Re: [Pferdezeitung] Rezension in Ausgabe 560

Lieber Werner Popken

Ich danke Ihnen für die Besprechung meines Buches. Zu ihrer Kritik betreffend meines Filmes im Internet will ich Ihnen folgendes sagen: Da meine Arbeit mit dem Pferd die Kommunikation als Basis anwendet habe ich einige Übungen der Bodenarbeit gefilmt um meine Leser zu motivieren. Eigentlich sollte der Film als DVD mit dem Buch erscheinen. Da dies zu teuer war setzte ich ihn in das Internet. Die Bodenarbeit zeigt die Leichtigkeit und Motivation mit der meine Pferde arbeiten viel besser als das Reiten für ein breiteres Publikum. Beim Reiten sieht nur der Kenner wie durchlässig und motiviert ein Pferd geht, ob es mit Freude arbeitet u.s.w. Dazu kommt dass in den Reitschulen die notwendige Schulung des Reiters erfolgt aber dieser nicht geschult wird im Umgang mit dem Pferd sodass dieses sowenig verstanden wird und dies versuche ich mit meinem Buchauszugleichen.

Zu den Leckerlis im Film: Bei schwierigen Zirkuslektionen füttere ich erheblich mehr Leckerlis als beim Reiten oder normaler Bodenarbeit. Jede gute Ausführung wird belohnt und wenn das Pferd liegt oder Sitz macht ist es wichtig die Dauer der Übung zu strecken indem man z.B. einmal um das sitzende Pferd geht und dann wieder belohnt. Wenn Sie beim Zirkus Knie in der Ausbildungsarbeit zusehen werden Sie dies dort auch sehen. Es geht meiner Meinung nach nicht darum dem Pferd so wenig wie möglich Belohnung zu geben, sondern sie sinnvoll als höchste positive Bestätigung einzusetzen. Sie darf lediglich nicht verschwendet werden um in Bettelei auszuarten und schlechtes Benehmen zu provozieren. Bei Pferden die dies nicht unterscheiden können, die beim Führen zu betteln anfangen, nach der Hand schnappen oder aufdrehen empfehle ich nicht aus der Hand zu belohnen und nur gerade soviel zu belohnen, wie es nötig ist die Motivation zu erhalten.

Es ist sehr aufwendig selbst so einen kurzen Film herzustellen und daher konnte ich vorerst nur das zur Motivation nötigste, für die Bemühung um eine Kommunikationsbasis mit dem Pferd zeigen. Ich hoffe das mein Buch es vielen Pferdefreunden und Pferden leichter macht miteinander ein gute Zeit zu haben.

Fröhliche Weihnachten Ritu C.Wendt

Notizen  Leserbrief  2069 vom 24.12.2009
zu Ausgabe Magazin  560
Frohe Weihnachten!

Ein frohes Weihnachtsfest und besinnliche Feiertage wünsche ich Ihnen, sehr geehrter harr Dr. Popken. Und vorab einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ihre Beiträge faszinieren mich immer wieder auf neue. Meine Homepage wird gerade erweitert, dort werden Ihre Beiträge über meine DVD auch eine gebührenden Platz bekommen.

Es wäre schön, wenn wir uns im kommenden Jahr persönlich kennenlernen würden, Ein Austausch mit Ihnen am Pferd wäre sicherlich ein interessante Angelegenheit.

Viele Grüße
Hans-Jürgen Neuhauser

Guten Tag Herr Neuhauser,

herzlichen Dank für Ihre guten Wünsche! Es freut mich, dass meine Beiträge Ihnen etwas geben können.

Auch Ihnen alles Gute zum Weihnachtsfest und zum Neuen Jahr!


Mit freundlichen Grüßen

Werner Popken

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 560 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Über den Umgang mit der KreaturPferdemesse  Messe: Platz-MaxEditorial  Editorial: VeränderungRezension  Rezension: Mit Lob und System zum ErfolgTip  Tip: Pferdekauf XXX
Poster  Poster: Fünf im BildPferdemesse  Messe: PferdemarketingLeserbriefe  LeserbriefeAngebot_der_Woche  Angebot der WochePferdemesse  Messe: Olewo
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