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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 561, erschienen am 27.12.2009

Magazin  Ausgabe 561

Noch ein "Zen und die Kunst ..."
Aber dieses "Zen"-Buch ist anders...

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Qualität und dualistische Trennung
  2. Abschnitt  Zen und Motorradpflege
  3. Abschnitt  Die Kunst des Schweißens
  4. Abschnitt  Das richtige Leben
  5. Abschnitt  Mumm
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15
Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Karotten als Weisheit letzter Schluss
Anscheinend aber nur bedingt wirksam
Immerhin, so hat es schließlich geklappt
Qualität und dualistische Trennung

Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


In der letzten Woche habe ich mich ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt; Philosophie und Managementtheorien dürften die meisten Pferdeleute weniger interessieren. Sie kämpfen mit ganz alltäglichen Schwierigkeiten und erwarten dafür Handlungsanweisungen, die ganz konkret diese oder jene Schwierigkeiten lösen und beseitigen sollen.

Insoweit stimmt das Marketing von » Hans-Jürgen Neuhauser, dessen EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten ich seit Wochen zum Anlass nehmen, um über sein Erfolgsgeheimnis nachzudenken. Er führt seine Erfolge auf seine besondere und einzigartige Wikipedia-Link» Körpersprache zurück, die selbstverständlich nur von ihm entwickelt worden ist und deshalb auch nur von ihm vermittelt werden kann. Dazu setzt er die DVD und Kurse ein. Vielleicht wird es irgendwann auch Bücher von ihm geben, wer weiß? Wird uns das etwas nützen?

carrots, carrots, carrots, carrots, carrots, carrots
give him a carrot, give him a carrot, every time
ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

Das sind die Anweisungen der englischen Gestütsleiterin des arabischen Luxusgestüts, als es darum ging, den gefährlichen Hengst Om El Assadik zwecks Reitprobe zu satteln. Diese Anweisungen sind zwar hilflos, aber durchaus professionell. Ich möchte nicht wissen, wie viele Pferde hierzulande mit solchen Methoden behandelt werden (müssen).

Die Fachleute des arabischen Gestüts sind ja nicht dumm oder unerfahren, genauso wenig wie die Fachleute bei uns. Wieso gelingt es ausgerechnet Hans-Jürgen Neuhauser, einem dahergelaufenen Amateur, der vor einem Dutzend Jahren noch nicht einmal reiten konnte und seine Kenntnisse einer alten Tinkerstute verdankt, den Knoten zu lösen, dem die größten Experten der Welt machtlos gegenüberstanden?

Wie kann der sich überhaupt zutrauen, einem solchen Pferd entgegenzutreten, wo er doch weiß, dass andere Experten sich nach der Begegnung im Krankenhaus wiederfanden? Seine Tinkerstute hat ihn vielleicht ebenfalls herausgefordert, aber mit Sicherheit auf einem ganz anderen Level. Und wenn man diese Frage beantwortet hat: Nützt einem das was? Könnte man hoffen, selber so souverän mit Pferden umgehen zu können, wie dies Neuhauser tut?

Ich habe immer wieder betont, dass die Fähigkeiten von Neuhauser an sich natürlich gut und schön sind und man sich für ihn freuen kann, für Sie und mich aber ziemlich wertlos, wenn wir uns davon keine Scheibe abschneiden können. So wie bei vielen anderen Pferdeflüsterern auch: Allen voran Klaus Ferdinand Hempfling, der bekanntermaßen viel drauf hat, dies aber nicht vermitteln kann. Zurück bleibt notwendigerweise Frustration.

Die Karotten-Methode kann jeder sofort übernehmen, was ja ein riesengroßer Vorteil ist. Solche Ratschläge bekommt man allerdings an jeder Ecke umsonst, was nicht heißen soll, dass man im konkreten Einzelfall nicht extrem dankbar dafür sein könnte.

Ich werde nie vergessen, wie ich in Panik geriet, als wir die Pferde nicht mehr einladen konnten, weil die einfach von sieben Stunden Anhängerfahrt die Nase voll hatten und nicht wussten, dass es jetzt nur noch auf die Fähre ging und wir bald auf der Insel sein würden. Wir Dummköpfe hatten sie – gut gemeint – ausgeladen, um ihnen kurz vor dem Ziel noch eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Ein riesiger Fehler!

Und auf die Insel mussten sie und wir auch; wir hatten mehr als ein halbes Jahr vorher den Platz auf der Fähre gebucht. Wie gut, dass einer der vielen anderen Urlauber, die mit uns auf die Fähre warteten, das Problem nicht nur erkannte, sondern auch mit Patentrezepten aufwarten konnte. Nicht von ungefähr: Dieser Mann war Polizist, und zwar von der berittenen Polizei in Amsterdam, und hatte ein Dienstpferd, das sich nicht verladen ließ. Also kannte er das Problem zur Genüge und hatte im Laufe der Zeit jede Menge Tricks gesammelt, mit denen er doch noch zum Ziel kommen konnte. Das rettete uns.

Also nichts gegen Rezepte und Methoden, die in Notfällen die Rettung bedeuten können – aber als grundsätzliche Lösung sind sie nicht geeignet. Und deshalb bewundern wir Leute wie Neuhauser, die sich in verfahrenen Situationen als absolut souverän erweisen und mit Leichtigkeit scheinbar unlösbare Probleme beseitigen. Wie machen die das? Wie macht Neuhauser das hier mit dem gefährlichen Hengst?

Zen und Motorradpflege  oben 



Sie und ich haben mit solchen Pferden vermutlich weniger zu tun, aber gerade weil die Schwierigkeiten so extrem sind, können wir bei der Analyse dieser Problemlösung vielleicht leichter herausfinden, was das Geheimnis der Erfolge Neuhausers ist. Und dann können wir daraus vielleicht Handlungsanweisungen für unseren alltäglichen Umgang mit Pferden ableiten, und möglicherweise nicht nur mit diesen. Unter Umständen nützt uns das sogar, wenn wir gar keine Probleme lösen müssen!

In der letzten Woche habe ich ein etwas längeres Zitat aus Das Tao ist Stille von Wikipedia-Link» Raymond Smullyan gebracht, das Sie vielleicht etwas überfordert hat. Ich gebe zu, dass ich diese Passage selber auch sehr sorgfältig lesen muss, um sie verstehen zu können. Nicht immer schreiben Smullyan und die von ihm zitierten Autoren so kompliziert; das Buch liest sich insgesamt sehr leicht und vergnüglich.

Am Ende des letzten Artikels habe ich darauf hingewiesen, dass der Neuhauser der DVD – persönlich kenne ich ihn nicht – für mich ein Mensch ist, der eine bestimmte Lebensart repräsentiert, die von Smullyan durch das Zitat eines taoistischen Textes beschrieben wurde. Er tut seine Arbeit, und die ist großartig, aber er bildet sich nichts darauf ein.

Natürlich ist er froh, dass es funktioniert, und vermutlich ist er auch stolz darauf, aber er zeigt diesen Stolz nicht, und auch die zur Schau getragene Freude ist extrem gedämpft. Es ist die Freude eines Profis, der einfach weiß, was er kann, und aufgrund eines gesunden Selbstbewusstseins erwartet, dass es klappt, ohne darüber dann besonders euphorisch sein zu müssen. Aber er ist kein Profi im landläufigen Sinne, denn er verkauft sich nicht; ein Könner also, vielleicht ein Liebhaber, ein Amateur.

Wie wird man so einer? Ist das schwer? Sind solche Leute selten? Können Sie und ich auch so werden? Was braucht man dazu?

Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig in seinem berühmten Buch Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten schildert; in ein paar Sekunden habe ich meine alte Taschenbuchausgabe (Pirsig, Robert M.: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, Bantam Doubleday Dell, 1980, ISBN 0553138758) gefunden – aber wie finde ich jetzt die entsprechende Passage? Ein paar Stichworte fallen mir ein und ich bemühe Google; ziemlich schnell sehe ich ein, dass ich auf diese Weise nichts finden werde.

Also rufe ich » Amazon.com auf und finde » Zen and the Art of Motorcycle Maintenance mit der Möglichkeit, im Buch zu suchen (Search inside). Ich gebe mein Stichwort ein und bekomme tatsächlich die gesuchte Stelle gezeigt, allerdings viel weiter vorne, als ich gedacht hatte; die fünf Post-It-Lesezeichen, die ich inzwischen im Buch versenkt habe, zeigen mir aber, dass Pirsig mehr zu unserem Thema zu sagen hat, als ich ursprünglich dachte.

Nun ist die Amazon-Ausgabe, auf die sich die Fundstellen beziehen, natürlich eine andere als meine, Hardcover statt Taschenbuch; wo steht das in meinem Exemplar? Das Buch ist überdies von Amazon nicht vollständig eingescannt, beim Blättern nach links stoße ich auf eine Lücke. Hilft mir diese Fundstelle überhaupt weiter?

Aber beim Blättern nach rechts habe ich Glück: Das nächste Kapitel ist die Nummer 9, also muss ich in Kapitel 8 suchen, und da habe ich es. Die ganze Passage ist absolut köstlich, aber ich habe keine Lust, eine schnelle Übersetzung anzufertigen, also erzähle ich die Geschichte lieber nach.

Dabei vergesse ich nicht, dass wir auf der Suche nach dem Geheimnis von Neuhauser sind – keine Angst. Auch wenn ich etwas ausholen muss, ich halte diese Diskussion für wichtig, um zu verstehen, warum manche Leute einfach Erfolg mit Pferden haben und andere nicht, egal wie viele Bücher sie lesen, DVDs anschauen oder Kurse besuchen.

Und was heißt überhaupt Erfolg? Es geht um etwas ganz Wichtiges, um die Haltung, die Einstellung. Über die Haltung Neuhausers habe ich schon ein paarmal geschrieben, aber ich fürchte, es ist noch nicht klar genug geworden, worum es dabei geht. Also mache ich mit Ihnen einen kleinen Umweg mit Pirsig in der Hoffnung, dass wir danach klarer sehen.

Das Buch ist im wesentlichen ein Tatsachenbericht. Der Autor ist mit seinem Sohn und einem befreundeten Ehepaar und zwei Motorrädern im Wilden Westen gestrandet (ein paar Originalsfotos: » Pictures from Robert Pirsig's original 1968 trip.). Seine alte Honda hat einen Schaden. Die Kette hat den Kettenschutz durchgescheuert. Ein Loch im Blech. Nicht einfach zu reparieren. Er fragt in dem kleinen Kaff nach einer Werkstatt und wird auf Bill's Cycle Shop verwiesen. Die Werkstatt ist offen, aber leer. Er fragt einen Passanten; der vermutet, dass Bill vielleicht angeln gegangen ist. Tja, wir sind in Wilden Westen. Da geht sowas.

Die Kunst des Schweißens  oben 



Er betritt die Werkstatt und sieht auf den ersten Blick, dass Bill ein Mechaniker mit fotografischem Gedächtnis ist; überall liegt Krempel herum, alles ist bedeckt mit irgendwelchen Teilen, man kann noch nicht einmal die Werkbank erkennen. Der Autor könnte unter diesen Umständen nicht arbeiten, aber er weiß, dass diese Sorte Leute sich einfach nur umdrehen und mit einem Griff jedes beliebige Werkzeug oder Teil wiederfinden. Wehe, wenn man in diesem Chaos irgendetwas ein paar Zentimeter verrückt – dann finden sie es nicht wieder.

Bill erscheint; selbstverständlich hat er die Ventile, die der Autor braucht, und er weiß auch genau wo er sie findet – und damit ist die Szene zu Ende und ich merke, dass ich mich geirrt habe. Das ist nicht die Geschichte, die ich brauche. Die ist auch beeindruckend, weil sie den Mechaniker in seinem Sosein und Anderssein schätzt, aber seine fachlichen Qualitäten werden nicht beschrieben.

Inzwischen weiß ich aber genauer, wonach ich zu suchen habe; ich finde es durch Eingabe anderer Suchworte mit derselben Technik, es ist – entsprechend meiner Erinnerung – ziemlich weit hinten im Buch, wie ich an der Seitenzahl erkennen kann, aber diese Seiten werden gar nicht angezeigt.

Nun habe ich aber immerhin den genauen Zusammenhang und kann Google einen ganzen Satz einfüttern. Siehe da, jemand hat die ganze Passage in seinem Blog wiedergegeben: » The benefits of a slide rule. Ich brauche nur den Teil herauszukopieren, die mich interessiert. Anschließend schlage ich spontan das Buch auf und bin tatsächlich genau auf der Seite, wo dieser Text steht. Na sowas! Danach hatte ich doch eigentlich gesucht!

Es geht um einen alten Schweißer, vielleicht 60 oder 70 Jahre alt. Der will das Loch wohl reparieren, aber den Kettenschutz nicht abnehmen. Der Autor übernimmt die Arbeit; der Kettenschutz ist voller Öl und Schmutz, er muss ihn auch noch reinigen.

When I show it to him he nods and slowly goes over and sets the regulators for his gas torch. Then he looks at the tip and selects another one. Absolutely no hurry. He picks up a steel filler rod and I wonder if he's actually going to try to weld that thin metal. Sheet metal I don't weld. I braze it with a brass rod. When I try to weld it I punch holes in it and then have to patch them up with huge blobs of filler rod. "Aren't you going to braze it?" I ask.

"No," he says. Talkative fellow.

He sparks the torch, and sets a tiny little blue flame and then, it's hard to describe, actually dances the torch and the rod in separate little rhythms over the thin sheet metal, the whole spot a uniform luminous orange-yellow, dropping the torch and filler rod down at the exact right moment and then removing them. No holes. You can hardly see the weld. "That's beautiful," I say.

"One dollar," he says, without smiling. Then I catch a funny quizzical look within his glance. Does he wonder if he's overcharged? No, something else -- lonely, same as the waitress. Probably he thinks I'm bullshitting him. Who appreciates work like this anymore?

Als ich ihm das zeige, nickt er und geht langsam rüber und reguliert die Gasflamme. Er schaut sich die Düse an und wählt eine andere. Absolut keine Eile. Er nimmt einen Schweißdraht und ich wundere mich, ob er wirklich dieses dünne Metall schweißen will. Blech würde ich nie schweißen. Ich löte es mit einem Messingsdraht. Wenn ich versuche, es zu schweißen, brenne ich Löcher hinein und muss die dann mit riesigen Flecken von Fülldraht zukleistern. „Wollen Sie das nicht löten?“ frage ich.

Nein, “ sagt er. Gesprächiger Bursche.

Er entzündet den Brenner, setzt eine winzig kleine blaue Flamme und dann, es ist schwer zu beschreiben, tatsächlich tanzen die Flamme und der Schweißdraht in unterschiedlichen kleinen Rhythmen über das dünne Blech, die ganze Gegend ein gleichmäßiges, leuchtendes Orange-Gelb, im genau richtigen Moment senkt er die Flamme und den Schweißdraht und nimmt sie wieder weg. Keine Löcher. Man kann die Schweißstelle kaum sehen. „Das ist wunderschön“ , sage ich.

Einen Dollar, “ sagt er, ohne zu lächeln. Dann bemerke ich einen merkwürdig fragenden Blick in seinem Ausdruck. Fragt er sich, ob er zu viel verlangt hat? Nein, was anderes – einsam, genauso wie die Kellnerin. Vermutlich denkt er, ich mache mich über ihn lustig. Wer schätzt heute noch solche Arbeit?
a.a.O., Seite 320, 321

Sehen Sie die Parallele zum zitierten taoistischen Text der letzten Ausgabe und meiner Einschätzung der Persönlichkeit Neuhausers? Der Schweißer arbeitet ohne Mühe, vollbringt Wunder und ist trotzdem ganz bescheiden. Er weiß was er kann, aber er ist sich nicht sicher, ob irgendjemand das sieht. Und wenn schon, dann muss er es nicht bestätigt bekommen. Er hat seine Arbeit getan, und das reicht. „Einen Dollar.

Das Buch Pirsigs ist nach wie vor ein Bestseller, und ich persönlich genieße es immer wieder, darin zu stöbern, sowohl in der deutschen als auch in der englischen Ausgabe. Der Erfolg dieses Buches hängt vermutlich auch damit zusammen, dass der Autor mit dem Motorrad unterwegs war und dieses Motorrad das Titelbild zierte. Motorradfahren ist in, und jeder Motorradfahrer muss sich wahrscheinlich dieses Buch kaufen. Dabei geht es eigentlich um eine tiefgründige philosophische Diskussion. Die Reise mit dem Motorrad ist nur Anlass, anhand des Motorrads grundlegende Fragen zu entwickeln, gewissermaßen eine Rahmenhandlung, ein roter Faden, der den Leser immer wieder einmal aufatmen lässt bei der Diskussion schwieriger Probleme.

Das richtige Leben  oben 



Beispielsweise der Frage nach dem richtigen Leben. Oder der richtigen Haltung. Wie stellt man es an, sein Motorrad selbst reparieren zu können? Sein Reisebegleiter John ist Schlagzeuger und würde sich nie mit sowas beschäftigen; deshalb fährt er eine BMW, weil die den Ruf hat, nie Probleme zu machen. Was aber, wenn doch?

Genauer dreht sich alles um den Begriff Qualität, den er am Beispiel des Problems der Motorradreparatur erläutert. Irgendwann, nachdem er seine ganze Philosophie entwickelt und die westliche Philosophie der letzten 2000 Jahre gründlich kritisiert hat, die uns die Subjekt-Objekt-Dualität beschert hat (ich hier, du da, ich hier, dort Pferd), stößt er in einem Antiquariat auf ein kleines, 2400 Jahre altes Buch: Das Wikipedia-Link» Tao Te King.

Und dort wird das Wikipedia-Link» Tao genauso beschrieben wie sein mühsam herausgearbeiteter Zentralbegriff „Qualität“ . Er ist verblüfft. Wikipedia-Link» Laotse hat das vor Urzeiten alles schon gewusst. Merken Sie, wie das zusammenhängt? Hier kommt der Taoismus wieder ins Spiel.

Die folgende Passage kann man direkt auf die Arbeit mit Pferden übertragen:

If you want to build a factory or fix a motorcycle, or set a nation right without getting stuck, then classical, structured, dualistic subject-object knowledge although necessary, isn’t enough. You have to have some feeling for the quality of the work. You have to have a sense of what’s good. That’s what carries you forward. This sense isn’t just something you’re born with, although you are born with it. It’s also something you can develop. It’s not just ‘intuition’, not just unexplainable ‘skill’ or ‘talent’. It’s the direct result of contact with basic reality. Quality, which dualistic reason has in the past tended to conceal.

It all sounds so far out and esoteric when it’s put like that it comes as a shock to discover that it is one of the most homespun, down-to-earth views of reality that you can have. Harry Truman. of all people, comes to mind, when he said, concerning his administration’s programs. ‘We’ll just try them... and if they don’t work... why then we’ll just try something else’.

Wenn man eine Fabrik bauen oder ein Motorrad reparieren oder eine Nation in Ordnung bringen möchte, ohne irgendwo hängenzubleiben, dann ist das klassische, strukturierte, dualistische Subjekt-Objekt-Wissen zu wenig, obwohl es notwendig ist. Man muss auch ein Gefühl für die Qualität der Arbeit haben. Man muss einen Sinn für das Gute haben. Das ist es, was einen voranbringt. Das ist nicht unbedingt etwas, womit man geboren wird, obwohl man damit geboren wird. Man muss es nämlich auch entwickeln. Es ist nicht nur „Intuition“ , nicht nur unerklärliches „Können“ oder „Talent“ . Es ist das direkte Ergebnis des Kontaktes mit der grundlegenden Realität. Qualität, die der dualistische Verstand in der Vergangenheit eher verhüllt hat.

Das klingt alles so abgehoben und esoterisch, wenn man es so ausdrückt, dass es wie ein Schock wirkt, wenn man entdeckt, dass es sich in Wirklichkeit um die schlichtesten, nüchternsten Ansichten der Realität handelt, die man sich vorstellen kann. Vor allen anderen kommt einem Wikipedia-Link» Harry Truman in den Sinn, der bezüglich seines Regierungsprogramms sagte: „Wir probieren es einfach aus ... wenn es nicht funktioniert ... nun, dann probieren wir einfach etwas anderes.
a.a.O., Seite 255, 256

Ein Gefühl für die Qualität der Arbeit! Der Sinn für das Gute! Den Sie schon von Geburt an haben, aber dennoch entwickeln müssen, und zwar im direkten Kontakt mit der Realität, beispielsweise in der Arbeit mit dem Pferd, mit Ihrem Pferd.

Sie können sich das nicht allein in Kursen beibringen lassen oder von irgendwelchen DVDs abschauen oder aus irgendwelchen Büchern herausholen, Sie müssen konkrete Erfahrungen sammeln, Sie müssen etwas tun. Durch diese Arbeit wird Ihre Wahrnehmung und Ihr Verständnis ständig verändert; alles ist im Fluss.

Am Beispiel der Arbeit mit dem Motorrad:

One’s rational understanding of a motorcycle is therefore modified from minute to minute as one works on it and sees that a new and different rational understanding has more Quality. One doesn’t cling to old sticky ideas because one has an immediate rational basis for rejecting them. Reality isn’t static anymore. It’s not a set of ideas you have to either fight or else resign yourself to. It’s made up, in part, of ideas that are expected to grow as you grow, and as we all grow, century after century. With Quality as a central undefined term, reality is, in its essential nature, not static but dynamic. And when you really understand dynamic reality you never get stuck. It has forms but the forms are capable of change.

Das rationale Verständnis eines Motorrads verändert sich deshalb während der Arbeit von Minute zu Minute, und man sieht, dass ein neues und anderes rationales Verständnis mehr Qualität besitzt. Man hängt nicht an alten, rigiden Ideen, weil man eine unmittelbare rationale Basis für ihre Zurückweisung hat. Die Realität ist nicht mehr statisch. Sie ist kein Haufen von Ideen, die man entweder bekämpft oder denen man sich zu unterwerfen hat. Sie besteht zum Teil aus Ideen, die in dem Maße wachsen sollen wie Sie selber wachsen und wie wir alle wachsen, Jahrhundert für Jahrhundert. Mit der Qualität als zentralem undefinierten Begriff ist die Realität in ihrer eigentlichen Natur nicht statisch, sondern dynamisch. Und wenn man die dynamische Realität wirklich verstanden hat, hängt man niemals fest. Sie hat zwar Formen, aber diese Formen können sich ändern.
a.a.O., Seite 255

Es geht also gar nicht um irgendwelche Tricks oder Methoden, es geht um Ihr Gefühl für die Qualität der Arbeit, Ihren Sinn für das Gute. Wenn Sie richtig an die Sache herangehen, verändert jede konkrete Erfahrung Ihr Verständnis und Sie verstehen immer mehr und immer besser, was Qualität in diesem Zusammenhang wirklich bedeutet.

Mumm  oben 



An einer anderen Stelle bringt Pirsig das noch einmal auf den Punkt, und zwar durch einen anderen Vergleich; er redet zunächst über Situationen, die einem den Mut, den Mumm, den Schneid nehmen, so dass man verzagt und steckenbleibt. Diese Situationen muss man also unbedingt vermeiden. Er nennt sie Mummfallen (gumption traps).

Er benutzt für diese notwendige energetische Dynamik ein altmodisches englisches Wort, das ihm dafür genau das Richtige zu sein scheint: » gumption. Ich übersetze es mit Mumm oder Schneid, ebenfalls beides altmodische Wörter, die etwas ganz Bestimmtes ausdrücken. Sie finden sich nur noch in den Redewendungen „Mumm in den Knochen haben“ oder „Schneid abkaufen“ .

Und dann kommt er zum eigentlichen Kern seiner Botschaft:

Maybe it’s just the usual late afternoon letdown, but after all I’ve said about these things today I just have a feeling that I’ve somehow talked around the point. Some could ask, ‘Well, if I get around all those gumption traps. will I have the thing licked?’

The answer, of course. is no, you still haven’t got anything licked. You’ve got to live right too. It's the way you live that predisposes you to avoid the traps and see the right facts. You want to know how to paint a perfect painting? It's easy. Make yourself perfect and then just paint naturally. That's the way all the experts do it. The making of a painting or the fixing of a motorcycle isn't separate from the rest of your existence. If you're a sloppy thinker the six days of the week you aren't working on your machine, what trap avoidances, what gimmicks, can make you all of a sudden sharp on the seventh? It all goes together.

But if you're a sloppy thinker six days a week and you really try to be sharp on the seventh, then maybe the next six days aren't going to be quite as sloppy as the preceding six. What I'm trying to come up with on these gumption traps, I guess, is shortcuts to living right. The real cycle you’re working on is a cycle called yourself. The machine that appears to be ‘out there’ and the person that appears to be ‘in here’ are not two separate things. They grow towards quality or fall away from Quality together.

Ich weiß nicht, ob es einfach nur der übliche Durchhänger am späten Nachmittag ist, aber nach alldem, was ich heute gesagt habe, bleibt ein Gefühl zurück, dass ich irgendwie um die Sache herumgeredet habe. Einige könnten fragen: ‘Nun, wenn ich all diese Mummfallen vermeide, kriege ich das Ding dann gebacken?’

Die Antwort ist natürlich nein, Sie kriegen immer noch nichts gebacken. Sie müssen auch richtig leben. Die Art, wie Sie leben, bestimmt, wie Sie all diese Fallen vermeiden und die richtigen Fakten sehen. Wollen Sie wissen, wie man ein makelloses Gemälde herstellt? Es ist einfach. Machen Sie sich selbst makellos und dann malen Sie einfach drauflos. So machen es alle Experten. Die Produktion eines Gemäldes oder die Reparatur eines Motorrades ist nicht vom Rest Ihrer Existenz getrennt. Wenn Sie an sechs Tagen in der Woche, wo Sie nicht an Ihrer Maschine arbeiten, ein nachlässiger Denker sind, welche Fallenvermeidungsstrategien, welche Supertricks könnten Sie urplötzlich am siebten Tag auf Zack bringen? Es hängt alles zusammen.

Aber wenn Sie sechs Tage in der Woche ein nachlässiger Denker sind und sich am siebten wirklich bemühen, auf Zack zu sein, könnte es sein, dass Sie die nächsten sechs Tage nicht ganz so nachlässig sind wie die vorhergehenden. Ich glaube, mit all diesem Gerede um Mummfallen geht es mir im Grunde um eine Abkürzung zum richtigen Leben. Das wirkliche Motorrad, an dem Sie arbeiten, ist ein Motorrads namens Selbst. Die Maschine, die ‘da draußen’ zu sein scheint und die Person, die ‘hier drin’ zu sein scheint, sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie wachsen zusammen in Richtung Qualität oder fallen gemeinsam davon ab.
a.a.O., Seite

Das ist es. Sie arbeiten nicht am Pferd, sondern an sich. Es geht gar nicht um das Pferd, es geht um Sie. Und was bedeutet das? Ein weiteres Zitat mag das verdeutlichen:

Zen Buddhists talk about „just sitting, “ a meditative practice in which the idea of a duality of self and object does not dominate one's consciousness. What I'm talking about here in motorcycle maintenance is „just fixing, “ in which the idea of a duality of self and object doesn't dominate one's consciousness. When one isn't dominated by feelings of separateness from what he's working on, then one can be said to „care“ about what he's doing. That is what caring really is, a feeling of identification with what one's doing. When one has this feeling then he also sees the inverse side of caring, Quality itself.

So the thing to do when working on a motorcycle, as in any other task, is to cultivate the peace of mind which does not separate one's self from one's surroundings. When that is done successfully then everything else follows naturally. Peace of mind produces right values, right values produce right thoughts. Right thoughts produce right actions and right actions produce work which will be a material reflection for others to see of the serenity at the center of it all.

Zen Buddhisten sprechen über „einfaches Sitzen“ , eine Meditationspraxis, in der die Idee der Dualität von Selbst und Objekt das eigene Bewusstsein nicht dominiert. Entsprechend rede ich hier bei der Motorradreparatur über „einfaches Reparieren“ , wobei die Idee der Dualität von Selbst und Objekt das eigene Bewusstsein nicht dominiert. Wenn man nicht durch das Gefühl der Trennung von dem, womit man sich beschäftigt, bestimmt wird, dann kann man sagen, dass man sich um das „sorgt“ , was man tut. Das ist der Kern der Sorge, ein Gefühl der Identifikation mit dem, was man tut. Wenn man dieses Gefühl hat, dann sieht man auch die Rückseite der Sorge, die Qualität selbst.

Wenn man also am Motorrad arbeitet, wie bei jeder anderen Arbeit auch, sollte man die Seelenruhe entwickeln, die das eigene Selbst nicht von seiner Umgebung trennt. Wenn man das erfolgreich getan hat, dann folgt alles andere ganz natürlich. Seelenruhe produziert die richtigen Werte, die richtigen Werte produzieren die richtigen Gedanken. Die richtigen Gedanken produzieren die richtigen Handlungen, und die richtigen Handlungen produzieren einen materiellen Ausdruck, an dem andere die heitere Gelassenheit im Zentrum von allem erkennen können.
a.a.O., Seite 266, 267

Sehen Sie jetzt einen perfekten, harmonischen, gelassenen, heiteren, erhebenden, beglückenden Ritt vor Ihren Augen?

Quellen / Verweise  oben 

  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  3. Wikipedia-Link» Körpersprache
  4. ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache
  5. Das Tao ist Stille
  6. Wikipedia-Link» Raymond Smullyan
  7. Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig
  8. Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten
  9. Pirsig, Robert M.: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, Bantam Doubleday Dell, 1980, ISBN 0553138758
  10. » Amazon.com
  11. » Zen and the Art of Motorcycle Maintenance
  12. » Pictures from Robert Pirsig's original 1968 trip.
  13. » The benefits of a slide rule
  14. Wikipedia-Link» Tao Te King
  15. Wikipedia-Link» Tao
  16. Wikipedia-Link» Laotse
  17. Wikipedia-Link» Harry Truman
  18. » gumption
  19. » Bruce G Charlton MD: A Philosophical Novel: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance
  20. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  21. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  22. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  23. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  24. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  25. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  26. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  27. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  28. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  29. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  30. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  31. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  32. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  33. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 561 vom 20.05.2012
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