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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 563, erschienen am 11.01.2010

Magazin  Ausgabe 563

Julie Day und Hans-Jürgen Neuhauser
begutachten die Arbeit mit Om El Assadik

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Muss man sich anstrengen?
  2. Abschnitt  Mühelosigkeit
  3. Abschnitt  Wu-Wei
  4. Abschnitt  Die Kunst
  5. Abschnitt  Liebe
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16
Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Selbstbewusst und gelassen mit dem
gefährlichen Hengst: müheloses Arbeiten
Muss man sich anstrengen?

Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


In der letzten Ausgabe des Jahres bin ich ein bisschen philosophisch geworden (noch mehr als sonst schon). Ich habe mich über den Seelenfrieden, » peace of mind, verbreitet und behauptet, dass es vor allem darauf ankommt, sich selbst kennenzulernen und mit sich im Einklang zu sein, wenn man in seiner Arbeit mit Pferden und auch sonst Erfolg haben will. Das ist bestimmt nicht einfach.

Einen Aspekt habe ich dabei noch gar nicht berücksichtigt. Wir sind es einfach so gewohnt, uns anzustrengen, dass wir uns meistens gar nicht erst die Frage stellen, ob das notwendig ist. „Ohne Fleiß kein Preis.“ Oder? Wer sich nicht anstrengt, muss sich nicht wundern, dass er nichts erreicht. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Und früher haben die Meister die Lehrlinge sogar verprügelt. Das gehörte dazu. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

Hören wir nicht allenthalben, dass die Hoffnung, die Arbeitszeit weiter zu senken, völlig verfehlt ist? Kein Mensch redet mehr von der 35-Stunden-Woche. Als ob irgendwo in Stein gemeißelt wäre, dass der Mensch zu arbeiten habe, bis er umfällt. 40 Stunden sind das mindeste, manche wollen sogar wieder die 48-Stunden-Woche einführen. Wer etwas werden will in unserer Wirtschaft, muss schon 100 Stunden in der Woche arbeiten. Die Finanzexperten haben es uns doch vorgemacht, oder?

Entsprechend darf man sich natürlich auch nicht einbilden, etwas mit einem Pferd erreichen zu wollen, wenn man sich nicht gehörig anstrengt. "Fordern und fördern" auch hier. Das Pferd muss gefördert werden, also fordern wir. Wer sich nicht quält, kann nichts erreichen. Was, wenn diese im Grunde schreckliche Haltung völlig falsch wäre? Wenn man mit Druck und Zwang nicht dahin käme, wo man gerne wäre? Wenn man dieses stattdessen mit anderen Methoden, mit einer anderen Haltung erreichen könnte?

Man kennt das auch aus anderen Bereichen, nicht nur aus dem Sport. Natürlich kann man kleine Kinder quälen, ein Musikinstrument zu erlernen. In vielen Fällen wird man der Welt ein Wunderkind präsentieren können. Aber wird daraus auch ein Musiker, ein großer vielleicht sogar? Die Statistik zeigt, dass das nicht der Fall ist. Der berühmte Pianist Wikipedia-Link» Friedrich Gulda hat die Fachwelt mal düpiert (was er gerne tat), indem er behauptete, er habe Zeit seines Lebens nicht geübt. Na sowas!

Und nun der Pferdeflüsterer » Hans-Jürgen Neuhauser. Der kann was, das ist klar. Und der will das auch vermitteln. An Leute wie Sie und mich. Das ist nicht einfach, wie sich herausstellt. Die Leute sind einfach nicht so locker, wie es wünschenswert wäre. Aus diesem Grunde schaltet er beispielsweise einen Physiotherapeuten ein. Aber auch der zwiebelt die Klienten nicht, im Gegenteil, er versucht sie zu lockern.

Neuhauser spricht auf der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten immer wieder von seiner Körpersprache, und im letzten Teil des Films wird seine Arbeit mit zwei gefährlichen Hengsten in einem arabischen Gestüt protokolliert. Diese Arbeit habe ich mir näher angeschaut in der Hoffnung, dass man an diesen Extremfällen mehr lernen kann als aus seinem regulären Unterricht. Damit bin ich noch gar nicht fertig; wir sind immer noch beim Schimmel, der Rappe kommt noch. Haben wir daran nicht schon viel gelernt?

Diese Hengste haben nicht nur die gestütseigenen Experten zur Verzweiflung gebracht, sondern Fachleute weltweit. Und jetzt kommt Neuhauser, der Autodidakt aus der bayerischen Provinz, und zeigt den verzweifelten Profis, dass er es besser kann. Er schreibt das natürlich seiner Körpersprache zu.

Wenn wir ihm das jetzt so abkaufen, könnten wir schnell genauso enttäuscht sein wie bei all den anderen Pferdeflüsterern, die alle ihre Zeit hatten und danach in Vergessenheit gerieten. Deshalb möchte ich genauer hinschauen und herausfinden, was aus seiner Arbeit tatsächlich abzulesen ist. Immer wieder habe ich auf seine besondere Haltung den Pferden gegenüber hingewiesen.

Er respektiert die Pferde, das ist klar. Wenn Sie seine Körpersprache lernen und die Pferde nach wie vor als Wesen auffassen, die man beliebig herumschubsen und für seine eigenen Zwecke einsetzen kann, stellt sich für mich die Frage, ob Sie dann seine Erfolge nachvollziehen können – meiner Meinung nach eher nicht, weil es vor allem auch auf die Haltung ankommt.

Mühelosigkeit  oben 



Wer macht ihm das nach? Was braucht es
dazu? Wie macht er das?
Genau so muss man fragen: Wenn er mit den gefährlichen Hengsten in Wikipedia-Link» Schardscha wunderbar umgehen kann, werden das auch die Gestütsmitarbeiter lernen können? Oder bricht in deren Ställen bald wieder das Chaos aus? Wenn nur oberflächliche, kosmetische Änderungen vorgenommen werden, wird man meiner Einschätzung nach wenig erreichen können. Aber wie ändert man grundlegende Einstellungen eines Menschen, den Charakter? Geht das durch Körpersprache?

Den Erfolg seiner Bemühungen könnte man direkt testen. Man müsste nur in angemessenen Abständen überprüfen, welche Erfolge die „Schüler“ von Neuhauser verbuchen können und gegebenenfalls untersuchen, warum diese nicht vorhalten oder gar nicht erst zu beobachten sind. Wenn Mängel festzustellen sind, könnte man untersuchen, woran das liegt, und sich dann bemühen, diese Mängel abzustellen.

Vermutlich wird es auch in diesem Fall bei einem einmaligen Engagement bleiben; externe Experten werden ja aus zwei Gründen geholt: Erstens weil man selber nicht mehr weiter weiß, und zweitens um Maßnahmen durchzusetzen, für die man sich selber nicht stark genug fühlt. Man kennt das ja aus der Industrie. Wenn man Leute rausschmeißen will, beauftragt man eine renommierte Unternehmensberatung, die genau das als notwendige Maßnahme empfiehlt. Dann kann man ja gar nicht anders.

In diesem Fall darf man annehmen, dass der erste Grund vorlag. Aber was wird passieren, wenn sich herausstellt, dass keiner der Mitarbeiter die Erfolge Neuhausers auch nur annähernd nachvollziehen kann? Die arabische Kultur ist mir fremd, aber wenn ich die Situation auf ein deutsches Landgestüt übertrage, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein kurzer Aufenthalt Neuhausers viel bewirken kann. Er müsste ja die Einstellung der Mitarbeiter ändern, und wie könnte er das?

Aber es ist nicht nur die Haltung Neuhausers, die mir ins Auge springt; es ist auch die Mühelosigkeit. Er strengt sich definitiv nicht an. Er mag zwar manchmal schwitzen, wenn es brenzlig wird oder wenn er außen herum rennen muss, weil er das Pferd in sehr engen Zirkeln dirigiert, aber auch das hat ja nichts mit Anstrengung zu tun. Es ist die Leichtigkeit, die man auch bei wahren Virtuosen beobachten kann. Die Kunst schwitzt nicht, sie schwebt und jubiliert.

Wie kriegt man das hin? Wenn man sein Leben lang Druck gemacht hat und gar nicht weiß, was Entspannung heißt, wie kann man dann die Dinge fließen lassen? Mühelosigkeit bedeutet ja nicht, dass man etwa unaufmerksam ist und nicht reagieren könnte. Der Virtuose ist voll da und ganz wach und agil, aber gleichzeitig vollkommen entspannt. Erinnern Sie sich noch an die Dirigenten-Szenen, die Wikipedia-Link» Itay Talgam in seinem Vortrag » Sharing Creativity – Great Conductors of the Age of the Net präsentiert hat?

Er hat im Grunde genommen dasselbe Phänomen herausgearbeitet: „Wie kann der Mann so glücklich sein, wenn er arbeitet?“ sollen ihn die Leute gefragt haben, wenn er Szenen von Wikipedia-Link» Carlos Kleiber gezeigt hat; die Gegenposition vertraten Wikipedia-Link» Riccardo Muti und Wikipedia-Link» Richard Strauss. Da wurde gewissermaßen geschwitzt, auf jeden Fall aber Druck gemacht. Leichtigkeit und Mühelosigkeit, so die landläufige Meinung, verträgt sich nicht mit Erfolg. „Ohne Fleiß kein Preis.“ Wer sich nicht bis zum äußersten anstrengt, kann keinen Erfolg haben. Wer nicht mehr kann, soll sich sagen: „Du musst.“ Was uns nicht umbringt, das macht uns stark. Da musst du durch. Das ist so.

Leute, die dem nicht zustimmen, findet man selten. Es gibt die unterschiedlichsten Begründungen dafür, warum Mühelosigkeit auf keinen Fall belohnt werden darf, warum Mühelosigkeit niemals Gutes hervorbringen kann. In dem schon erwähnten Buch booklooker-Link» Das Tao ist Stille von Wikipedia-Link» Raymond Smullyan gibt es ein ganzes Kapitel zu dieser Problematik: „Die Mühe lohnt sich nicht“ . Darin bekennt er zunächst einmal, dass er selber grundsätzlich Probleme damit hat, sich Mühe zu geben:

Mein ganzes Leben lang war mir die Vorstellung, mir „Mühe geben zu müssen“ , zutiefst zuwider. Ich kann diese Vorstellung heute ebenso wenig leiden wie als Kind. Ich weiß nicht, warum ich sie nicht leiden kann; es ist einfach so.

Es ist durchaus möglich, daß ich im Leben mehr erreicht hätte, wenn ich mir „Mühe gegeben hätte“ (wer weiß, vielleicht hätte ich es sogar zu etwas gebracht). Wie ich schon sagte, wäre es möglich, aber ich habe keine Ahnung, ob es wahr ist. Wenn es wahr wäre, würde es mich in ein schreckliches Dilemma bringen! Auf der einen Seite macht es einfach Spaß, es zu etwas zu bringen (einerlei was andere – mich eingeschlossen – dagegen sagen mögen). Auf der anderen Seite ist es etwas Schreckliches, wenn man sich Mühe geben muss. Wenigstens geht es mir so; wenn es bei Ihnen anders ist, betrifft Sie das Dilemma, das ich hier diskutiere, nicht. Das Problem besteht also darin, wie man es zu etwas bringt, ohne sich Mühe geben zu müssen.

» Das Tao ist Stille, Wolfgang Krüger Verlag, 1994, Seite 217

Wu-Wei  oben 



Ungeschminkte Begeisterung
Hier geht es nebenbei auch noch um die Frage, wann oder wodurch man es „zu etwas bringt“ . Smullyan kokettiert da ein wenig, denn er darf ja durchaus als äußerst erfolgreich gelten. Er ist ein geachteter Professor, Autor und hat es sogar in der Forschergemeinde zu Ruhm gebracht.

Aber vermutlich reicht all das nicht, vermutlich steht der Vorwurf, er hätte es zu mehr bringen können, wenn er sich denn (mehr) Mühe gegeben hätte, trotzdem im Raum.

Diesen Vorwurf kann man perfiderweise immer machen, egal was passiert. Man kann damit also Leute zu Tode quälen (siehe dazu auch das interessante und beeindruckende Interview mit Wikipedia-Link» Andre Agassi: » Zehn Wahrheiten von Andre Agassi: "Es war das falsche Leben"). Und Smullyan fühlte sich gequält.

Die von ihm so verführerisch dargestellte Möglichkeit, es ohne Mühe zu etwas bringen zu können, beflügelt allerdings die Fantasie vieler Menschen. Das ist fast so schön wie das Schlaraffenland. Mir geht es aber um etwas anderes: Könnte es sein, das man es nur dann zu etwas bringen kann, wenn man es ohne Mühe versucht? Oder anders gesagt: Wäre es möglich, dass man von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, wenn man sich Mühe gibt oder Mühe geben muss?

Smullyan formuliert nicht ganz so scharf. Er interessiert sich für Leute, die es zu etwas bringen wollen, aber ohne Mühe. Als Beispiel führt er die taoistischen Philosophen Wikipedia-Link» Laotse und Wikipedia-Link» Tschuangtse an:

Eines der wichtigsten taoistischen Prinzipien ist das Wu-Wei – die Lehre vom „Handeln durch Nichthandeln“ . Haben sie uns diese Philosophie nur gepredigt oder tatsächlich danach gelebt? Sie müssen sie auch gelebt haben, sonst hätten sie sie nicht zu beschreiben können, wie sie es taten.

Aber was ist Wu-Wei? Leider kann ihm keine mir bekannte Definition oder rationale Erklärung gerecht werden. Die einzige Methode, mit der sich ein Gespür für diesen Begriff erwerben läßt, besteht darin, zahlreiche Einzelfälle zu sammeln, in denen er benutzt wird. Wenn die Übersetzung von „Wu-Wei“ als „Handeln durch Nichthandeln“ zu bedeutungsschwer und widersprüchlich erscheint, mag die Übersetzung „Handeln ohne Mühe“ besser und vielleicht auch für unser jetziges Thema von mehr Belang sein. Einigen wir uns also darauf, daß mit „Wu-Wei“ ein Handeln ohne Mühe gemeint ist.

Ein taoistischer Ausspruch lautet: „Das Tao tut nichts. Aber dadurch werden alle Dinge getan.“ Dieser Geist kommt dem Gedanken eines Handelns ohne Mühe sehr nahe. Wenn überhaupt handelt das Tao „mühelos“ . Haben nun die taoistischen Weisen, insofern sie sich mit dem Tau in Einklang befanden, nicht ebenfalls mühelos gehandelt? Mußten Sie sich wirklich Mühe geben, um das zu schreiben, was sie schrieben, oder schöpften sie nicht vielmehr aus der Kraft des Tao? Dem Tao schrieb Laotse die folgenden Eigenschaften zu:

Wenn Du Ausschau nach ihm hältst, kannst du es nicht sehen,
Wenn du nach ihm horchst, kannst es nicht hören,
Aber wenn du es gebraucht, ist es unerschöpflich.
Ist ihr Erfolg also nicht dem Gebrauch der unerschöpflichen Kraft des Tao zu verdanken? Kamen sich die Taoisten als die Urheber und Erfinder ihrer Worte und Gedanken vor, oder fühlten sie sich von diesen Worten und Gedanken durchdrungen? Fühlten sie sich als Initiatoren oder als Medien? Kamen sie sich beim Schreiben aktiv oder passiv vor, oder keins von beiden? Das heißt, haben sie sie wirklich selbst verfaßt, oder schienen ihre Schriften eine Art Eigenleben zu haben, das sie hin und her trieb wie Wolken, die auf dem Winde reiten?

a.a.O., Seite 220 – 222

Anschließend bringt er eine ganze Reihe von Beispielen, meistens Gedichte, die sein Verständnis erläutern sollen, ganz gemäß seiner Ansicht, das man den Sinn des Wikipedia-Link» Wu-Wei nur durch seinen Gebrauch erfassen kann; dabei fühlt er sich an die Philosophie von Wikipedia-Link» Wittgenstein erinnert: „Schau nicht auf die Bedeutung, schau auf den Gebrauch!

Die Kunst  oben 



Auf dem verhaßten Longenplatz
Sieht nicht schlecht aus, oder?
Mühelos und leicht
Körpersprache in Aktion
Wo liegt das Geheimnis?
Das letzte Beispiel Smullyans betrifft die Produktionsweise eines Dichters. Und hier führt er genau das Beispiel der Kunst an, auf das ich ebenfalls verwiesen hatte:

An dieser Stelle werden viele Leser Einspruch erheben und sagen: „Natürlich braucht das Werk eines Künstlers, wenn er es erst zur Meisterschaft gebracht hat, keine Mühe mehr! Wahre Meisterschaft besteht gerade in der Tatsache, daß uns sein Werk so 'mühelos' erscheint. Den Schriften eines guten Schriftsteller sieht man die Mühe nicht an. Ebenso kann ein guter Jongleure mühelos jonglieren. Ein guter Fahrer fährt mühelos Auto. Das Spiel eines Musikvirtuosen erfolgt tatsächlich mühelos; wenn er sich darum bemühen wollte, wäre er kein Virtuose. Aber was Sie dabei ganz außer Acht lassen, ist der enorme Aufwand von Energie, Arbeit, Disziplin und Mühe, den das Erlernen dieser Fertigkeiten verschlingt! Das eigentlich Mühsame kommt eher beim Erlernen dieser Fertigkeiten ins Spiel als bei ihrer Ausübung. Deshalb führt all das schöne Gerede über dieses chinesische „Wu-Wei“ bloß in die Irre. Es hat nur das Endergebnis im Auge und ignoriert vollkommen den Lernprozeß mit all seinen beschwerlichen kleinen Schritten! „Die Kunst der Malerei“ . Dieser verhöhnt alle, die zu schnell mit ihrer Kunst prahlen, und setzt 30 Jahre für die künstlerische Reife an. Dazu meint Smullyan:

Soso, 30 Jahre! Hört sich nach ziemlich viel Mühe an, oder? Aber ist dem wirklich so? Oder geht da jemand mit Liebe zur Sache? Und kann man noch von echter Mühe sprechen, wenn jemand mit Liebe zur Sache geht?

Ich halte das für die entscheidende Frage! Leider kenne ich keine objektive wissenschaftliche Methode, mit der sich das feststellen ließe. Ich will nicht behaupten, das es keine derartige Methode gäbe – oder sich für die Zukunft finden ließe -, aber ich kenne keine, die objektiv wäre. Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage geben kann, basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen. Ich habe wiederholt beobachtet, daß ich bei der Beschäftigung mit einer Sache, die mir lieb ist – egal wie viele Jahre ich zu ihrem Studium brauche -, niemals das Gefühl habe, daß sie mir Mühe macht, wohingegen ich beim Erlernen einer Sache, die mir zuwiderwar (was ich manchmal tun mußte, um einfältigen und nutzlosen schulischen Anforderungen zu genügen), tatsächlich die grausamsten und absolut überflüssigsten Mühen auf mich zu nehmen hatte. Die Dinge, die mir lieb waren, lernte ich gut und ohne bewußte Mühe, wohingegen ich von den Dingen, die mir zuwider waren, trotz aller Mühe nur sehr wenig behalten habe.

Die Frage, ob qualvolle Mühe wirklich notwendig ist, wenn man eine Sache beherrschen will, ist immer noch sehr umstritten. Da gibt es Leute wie mich, die sagen: „Wenn Sie wirklich mit Liebe an eine Sache herangehen können, wird es Ihnen keine Mühe bereiten, sie zu erlernen.“ Andere sagen: „Pa! Das klingt gut, ist aber nur Wunschdenken!“ Wer hat nun recht? Oder gibt es eine dritte Möglichkeit?

a.a.O., Seite 225, 226

Als Zusammenfassung dieser Situation zitiert er einen taoistischen Dialog; der Mann findet alles schwer, die Frau findet alles leicht, und die Tochter antwortet:

Mein Tun ist weder schwer noch leicht.
Ich esse, wenn ich Hunger habe,
Ich ruhe, wenn ich müde bin.

Liebe  oben 



Ausritt – wer hätte das für möglich gehalten?
Ab ins Gelände mit Begleitung – super!
Das scheint mir sehr gut den Gegensatz zwischen Neuhauser und seinen Schülern zu beschreiben. Ich habe nicht den Eindruck, dass Neuhauser bei der Entwicklung seiner Methode Mühe gehabt hat.

Seine Schüler geben sich aber sichtbar alle Mühe, und das ist vermutlich extrem kontraproduktiv. „Locker bleiben!“ , möchte man da rufen.

Smullyan benutzt in diesem Zusammenhang einen berüchtigt unscharfen Begriff: Wikipedia-Link» Liebe. Sind Sie jetzt überrascht?

Ich frage mal ganz schnell Google nach dem Vorkommen der Begriffe Neuhauser und Liebe auf der Pferdezeitung, und Google gibt mir eine Menge Fundstellen zurück; davon sind viele Doubletten und einige passen gar nicht, aber drei zeigen, dass dieses Thema in dieser Reihe schon mehrfach angekommen ist:

Letzteres wiederum ist ein Zitat aus einem anderen Artikel über den argentinischen Pferdeflüsterer » Oscar Scarpati Schmid (EquiVoX-Link Doma India ).

Die Wikipedia definiert Wu-Wei wie folgt:

Der Begriff Wu wei stammt aus dem Daoismus. Er wird definiert als Nichthandeln im Sinne von „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“ .
a.a.O.

Dies erscheint seltsam nüchtern und trocken. Und was soll das heißen: „gegen die Natur gerichtet“ ? Wer oder was ist hier die Natur? Soll man jetzt an Umweltschutz und den gelben Sack denken? Natürlich nicht. Ein paar Sätze weiter werden wir wieder mit unserem Stichwort „mühelos“ konfrontiert:

Wu Wei bedeutet nicht, dass man gar nicht handelt, sondern dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao entstehen und so das Notwendige getan wird, jedoch nicht in Übereifer und blindem Aktionismus, die als hinderlich betrachtet werden, sondern leicht und mühelos. Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt.

Wu Wei bedeutet nicht, dass man gar nicht handelt, sondern dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao entstehen und so das Notwendige getan wird, jedoch nicht in Übereifer und blindem Aktionismus, die als hinderlich betrachtet werden, sondern leicht und mühelos. Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt.

Das Vollkommene wird im Daoismus als leer, weich und spontan gedacht und entsprechend sollte auch das Handeln sein, d.h. ohne ein Eingreifen des dualistischen Intellektes, sich der Situation anpassend und intuitiv. Das vollkommene Handeln erkennt intuitiv das beste Mittel und es erscheint als sinnlos, seine Energie in unfruchtbaren Handlungen um der Handlung willen zu erschöpfen, sondern das Handeln sollte sich auf die geeigneten Umstände und Mittel beschränken. Die beste Übersetzung des Begriffes Wu Wei wäre somit „Nicht-Eingreifen“ bzw. „Handeln durch Nicht-Handeln“ , und es handelt sich um eine Art von kreativer Passivität.

Aus dieser Haltung des Geschehenlassens resultieren auch Gewaltlosigkeit und Widerstandslosigkeit als natürliche Folge.
a.a.O.

Die innere Stille. Wann nehmen wir diese überhaupt wahr? Spontanität – wann sind wir wirklich spontan? Intuition, Nicht-Eingreifen. Das wirkt für uns westliche Menschen irgendwie fremd. Vielleicht gibt es deshalb so wenige Neuhausers unter uns. Gewaltlosigkeit – dieser Begriff passt sehr gut auf Neuhauser. Er will nichts erzwingen. Und auch die Widerstandslosigkeit passt nicht schlecht; er weicht bei Gelegenheit sofort zurück und entzieht sich der Konfrontation.

In der nächsten Woche will ich diese Thesen anhand seiner Arbeit mit dem Rappen belegen.

Quellen / Verweise  oben 

  1. » peace of mind
  2. Wikipedia-Link» Friedrich Gulda
  3. » Hans-Jürgen Neuhauser
  4. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  5. Wikipedia-Link» Schardscha
  6. Wikipedia-Link» Itay Talgam
  7. » Sharing Creativity – Great Conductors of the Age of the Net
  8. Wikipedia-Link» Carlos Kleiber
  9. Wikipedia-Link» Riccardo Muti
  10. Wikipedia-Link» Richard Strauss
  11. booklooker-Link» Das Tao ist Stille
  12. Wikipedia-Link» Raymond Smullyan
  13. » Das Tao ist Stille, Wolfgang Krüger Verlag, 1994
  14. Wikipedia-Link» Andre Agassi
  15. » Zehn Wahrheiten von Andre Agassi: "Es war das falsche Leben"
  16. Wikipedia-Link» Laotse
  17. Wikipedia-Link» Tschuangtse
  18. Wikipedia-Link» Wu-Wei
  19. Wikipedia-Link» Wittgenstein
  20. Wikipedia-Link» Liebe
  21. Magazin  Ich bin lieb zu dir
  22. Magazin  Neuhauser entwickelt dem Pferd gegenüber Gefühle, er hat das Pferd richtig lieb
  23. Magazin  "Das Zähmen geschieht zweifelsohne aus Liebe."
  24. » Oscar Scarpati Schmid
  25. Magazin EquiVoX-Link Doma India
  26. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  27. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  28. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  29. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  30. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  31. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  32. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  33. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  34. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  35. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  36. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  37. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  38. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  39. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14
  40. Magazin  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 561 · Teil Teil 15


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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