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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 564, erschienen am 17.01.2010

Magazin  Ausgabe 564

Araber Abbsubj, gefährlicher Rappe
Die zweite Herausforderung Neuhausers

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Die Leichtigkeit der Zähmung
  2. Abschnitt  Panikattacken
  3. Abschnitt  Abbsubj
  4. Abschnitt  Pferdekommunikation
  5. Abschnitt  Persönlichkeit
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17
Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Abbsubj, schwerer Problemfall
Schwierig: Hufpflege
Gleich knallt's
Mit voller Kraft reißen
Und nach hinten weg steigen
Die Leichtigkeit der Zähmung

Neuhauser und das zweite Problempferd

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Auf der Suche nach dem Geheimnis des von arabischen Pferdezüchtern in Wikipedia-Link» Schardscha gerufenen bayerischen Pferdeflüsterers » Hans-Jürgen Neuhauser hatte ich in der letzten Woche die These entwickelt, dass es darauf ankommt, im Sinne des Wikipedia-Link» Wu-Wei zu agieren. Anhand der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten wollte ich herausarbeiten, inwieweit Neuhauser tatsächlich so arbeitet, wie es die Wikipedia beschreibt: Aus einer Haltung des Geschehenlassens, aus der dann Gewaltlosigkeit und Widerstandslosigkeit natürlich folgen.

Die Wikipedia setzt hinzu, dass es sich dabei um eine Art von „kreativer Passivität“ handelt. Das klingt schwierig für unsere Ohren. Passiv darf man eigentlich nicht sein, man muss das Leben aktiv in die Hand nehmen. Insbesondere, wenn man es mit einem Pferd zu tun hat. Und mit der Kreativität tun wir uns alle schwer. Die, die wirklich kreativ sind, können es nicht erklären, und die anderen tun nur so als ob.

Ein anderes dunkles Wort in diesem Zusammenhang ist „intuitiv“ .

Das vollkommene Handeln erkennt intuitiv das beste Mittel.
a.a.O.

Was soll man sich darunter vorstellen? An anderer Stelle heißt es, dass das Notwendige getan werden muss, jedoch nicht im Übereifer oder blinden Aktionismus, sondern leicht und mühelos.

Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt.
a.a.O.

Erkennen Sie die Parallele zu dem Zitat aus Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig, das ich in EquiVoX-Link Ausgabe 561 erwähnt habe ?

You want to know how to paint a perfect painting? It's easy. Make yourself perfect and then just paint naturally. That's the way all the experts do it.

Wollen Sie wissen, wie man ein makelloses Gemälde herstellt? Es ist einfach. Machen Sie sich selbst makellos und dann malen Sie einfach drauflos. So machen es alle Experten.
a.a.O

Einen ähnlichen Rat haben Sie vielleicht schon zur Prüfungsvorbereitung bekommen: Bereiten Sie sich so gut wie möglich vor, und dann lassen Sie los, beschäftigen Sie sich nicht mehr mit dem Thema, gehen Sie beruhigt und gelassen in die Prüfung, es wird schon alles gut gehen!

Jeder weiß, das das sehr, sehr schwer ist. Und nun mit einem aggressiven Hengst unter einem enormen Erwartungsdruck! Wie hat Hans-Jürgen Neuhauser sich wohl in diesem Luxusgestüt gefühlt, als weiterer Experte unter den besten Experten der Welt, die alle schon gescheitert waren? Wie hat er sich dieser Aufgabe genähert? Soweit erkennbar, war er die Gelassenheit selbst. Ruhig, bescheiden, aufmerksam, zuversichtlich, in sich ruhend. Wu-Wei, würde ich vielleicht sagen, wenn ich dies wagen dürfte.

Wir hatten gesehen, dass er ziemlich schnell das Vertrauen des Schimmels gewonnen hatte und zum Schluss mit zwei Begleitern sogar einen Ausritt auf ihm ins Gelände wagen konnte. Der zweite Problemfall, der Rappe Abbsubj, wird im Film gleich passend als schwierig vorgestellt. Sein Pfleger putzt die Hufe, versucht ihn zu striegeln, bestreicht Teile seines Kopfes mit einer Salbe, und dann hält es der Hengst, der bis dahin schon reichlich gezappelt und den Pfleger mehrfach in Not gebracht hatte, nicht mehr aus und zerreißt den Panikhaken. Dabei hat er Glück, dass er sich nicht verletzt; er fliegt durch die Anstrengung und den Ruck fast bis zum Ende der Box und kann sich gerade noch stabilisieren. Wie macht Neuhauser es mit diesem „Teufel“ ?

Panikattacken  oben 



Kopfwunden des Pflegers
Gestütsleiterin Julie Day beobachet gespannt
Der Panikhaken bricht gleich
Kippt er nun um oder nicht?
Zwischendrin berichtet der Pfleger, dass ihn der Hengst schon ins Krankenhaus gebracht hat; er deutet die Stellen am Kopf an, die genäht werden mussten. Nun gut, solche Szenen kennt man sicherlich auch aus deutschen Ställen, und gewöhnlich lebt man damit, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll, weil man die Probleme einfach nicht lösen kann.

Vielleicht ist es angebracht, eine solche Situation zu schildern, damit sie nicht ganz so exotisch wirkt – obwohl die gefilmte Szene ja auch nicht wirklich exotisch ist, sondern eher vertraut wirkt.

Da fällt mir beispielsweise eine Szene aus der Anfangszeit der Pferdezeitung ein. Wir hatten ein Seminar mit einem Pferdeflüsterer organisiert. Eines der teilnehmenden Pferde auf dem Hof hatte enorme Schwierigkeiten, seine Box zu betreten oder zu verlassen.

Diese Box befand sich in einem typischen niederdeutschen Hallenhaus und war von der Deele aus zu betreten. Der Weg vom Freien durch das Deelentor auf die Deele war unproblematisch. Lediglich der Durchgang durch die Tür in die Box im hinteren Teil löste beim Pferd Panik aus. Dieser Durchgang war nicht besonders breit, vor allem aber etwas niedrig, so dass das Pferd den Kopf etwas senken musste.

Vermutlich hatte es sich dabei einmal bös verletzt, als es aus irgendwelchen Gründen, etwa weil es sich erschreckt hatte, den Kopf gehoben und voll gegen den Türsturz geknallt war. Niemand wusste das so genau, aber unwahrscheinlich konnte man dieses Szenario ja nun wirklich nicht nennen.

Ich beispielsweise bin relativ groß, nicht übermäßig (190 cm), aber doch so groß, dass ich in meinem Leben schon mehrere Dutzend Male ganz fürchterlich gegen irgend einen Balken geknallt bin (ohne daß ich mich erschreckt hätte), wobei oft nicht nur eine gewaltige Beule entstand, sondern auch eine Platzwunde. Wenn ich eines Tages gar keine Haare mehr haben werde, wird man alle diese Narben sehen und zählen können – ich bin schon gespannt. Immerhin mußte noch keine Wunde genäht werden; so schlimm wie bei dem arabischen Pferdepfleger war es also nie.

Dieser Pferdeflüsterer also spuckte große Töne und führte gerade selbstbewusst dieses Teilnehmerpferd herum, als er von der Besitzerin herausgefordert wurde, dieses für sie schreckliche Problem zu lösen. Jedes Mal, wenn sie das Pferd aus der Box holte oder in die Box hineinführte, wurde die Sache für sie gefährlich, möglicherweise sogar lebensgefährlich. Sie hatte inzwischen einfach furchtbare Angst davor, die verständlicherweise die Liebe zum Pferd und die Freude an ihm erheblich beeinträchtigte.

Der Pferdeflüsterer nahm die Herausforderung sofort an, marschierte mit dem Pferd zum Bauernhaus, alle Teilnehmer brav hinterher, betrat durch das Deelentor die Deele und lief schnurstracks auf die Box dieses Pferdes zu, in der Erwartung, dass dieses Pferd, das er ja noch gar nicht richtig kennengelernt hatte, ihm lammfromm in die Box folgen werde, so wie es ihm auf dem Platz und auf dem Weg dahin gefolgt war, ganz nach dem Motto: Ich spreche die Sprache des Pferdes, es kann gar nicht anders als mir überallhin folgen, und zwar ohne Zögern und ebenso lammfromm wie bisher.

Da hatte er sich aber gewaltig geschnitten. Er fand sich in der Box und das Pferd führte vor der Box ein gewaltiges Theater auf. Anschließend stümperte er dann noch 20 Minuten herum, bis die anderen Teilnehmer ungeduldig wurden. Jeder hatte begriffen, dass dieser Mann mit seinem Latein am Ende und dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Schließlich sah er ein, dass er die anderen nicht länger warten lassen konnte, denn die wollten ja auch noch was von ihm. Freilich waren alle enttäuscht, der Lack war ab, der Zauber gewaltig ramponiert.

Natürlich redete er sich damit heraus, dass dieses Problem größer und tiefliegender sei und man mehr Zeit investieren müsse, womit er selbstverständlich recht hatte. Er wollte sich und uns aber nicht eingestehen, dass er die Sache gleich zu Anfang gründlich verdorben hatte. Er hätte begreifen müssen, dass er die problematische Situation nicht einfach mit „Hoppla, hier komm ich!“ bewältigen konnte. Er hätte das Pferd ernst nehmen müssen. Stattdessen wollte er sich in Szene setzen. Das ist ihm gründlich misslungen.

Zurück zur DVD Neuhausers: Nach dieser filmischen Einleitung, die in Zeitlupe die Sequenz, in der der Hengst sich losreißt, noch einmal genüsslich wiederholt, ist man natürlich gespannt, wie Hans-Jürgen Neuhauser an dieses Pferd und seine Probleme herangeht. Wird er sich ebenso blamieren wie der Experte auf dem westfälischen Bauernhof? Und wenn nicht, was macht er anders?

Abbsubj  oben 



Körpersprache
In meiner Beurteilung kann ich mich natürlich nur auf die Filmaufnahmen stützen. Der Film ist geschnitten; nach der wilden Szene in der Box, die bestimmt nicht gestellt ist, denn das würde sicher gegen die Ehre des Gestüts gehen, folgt sofort der Roundpen, und zwar die Szene, als Neuhauser mit dem Pferd an der Longe in der Mitte angekommen ist, die Longe löst und das Pferd freilässt. Wie er dahingekommen ist, erfahren wir nicht.

Er hat wie üblich eine lange Gerte in der Hand, die er senkrecht fallen lässt oder als Verlängerung seiner Hand benutzt. In diesem Moment macht der Rappe einen ganz umgänglichen Eindruck. Er begreift schnell, dass er frei ist und düst los. Wegen der Schnitte kann man nun nicht beurteilen, was Neuhauser in den folgenden 20 Minuten alles macht, aber man kann doch so viel sehen, dass man eine Menge Schlüsse ziehen kann.

Was würden Sie tun, wenn Sie in der Mitte eines Roundpen stehen und ein temperamentvoller Hengst im Galopp um Sie herumdonnert? Vielleicht würden Sie ihm in den Weg treten – das wäre eine deutliche Körpersprache, auf die das Pferd mit ziemlicher Sicherheit reagieren würde.

So stoppt man beispielsweise Pferde, die durchgegangen sind. Das konnte man zuletzt noch im WDR sehen, als in Aachen ein Vierspänner durchging und die Kamera gerade günstig stand. Diese Szene war für das Renommee des Sports nicht ganz optimal, aber durchaus interessant. So sind Pferde: Meist sehr höflich – man kann ihnen zu nahe treten, aber sie zeigen es nicht, dass man ihnen zu nahe gekommen ist. Aber wehe, man bringt das Fass zum überlaufen!

Wenn Pferde erst einmal in Panik sind, kann man für nichts garantieren. Und in Panik geraten sie besonders dann leicht, wenn sie nicht fliehen können. Wenn sie in die Enge getrieben sind. Wenn sie nicht mehr anders können. Ein Roundpen ist in dieser Situation nicht besonders optimal; das Pferd kann eigentlich nirgendwohin. Eine ideale Situation, um es unter Druck zu setzen, wie wir spätestens seit Monty Roberts wissen. Dafür ist der Roundpen ausdrücklich gemacht.

Neuhauser respektiert die Intimdistanz des Pferdes und beschränkt sich auf einen kleinen Zirkel in der Mitte. Er überlässt dem Pferd den Rest des Platzes, was ja aus Pferdesicht wenig genug ist. Aber immerhin kann das Pferd sich ungehindert bewegen und seine Gefühle über die Bewegung abarbeiten. Gleich auf Anhieb versteht das Pferd, was Neuhauser will, und reagiert auf ihn, wie man an der kleinen Animation sehen kann, die ich aus dem Film herausgezogen habe – wenn man annimmt, dass zwischen dem Freilassen und dieser Szene höchstens ein paar Sekunden vergangen sind.

Das wissen wir natürlich nicht. Vielleicht hat Neuhauser dem Pferd erst einmal ein paar Minuten gegönnt, um sich auszutoben und mit dem Platz vertraut zu machen und zu erfahren, dass dieser sich von seinem Platz nicht wegbewegt, dass er dem Pferd den Platz nicht streitig machen will. Auf diesen wichtigen Punkt bin ich früher schon mal eingegangen: Monty Roberts würde das Pferd in die Enge treiben, würde ihm immer wieder deutlich den Weg abschneiden, würde ihm klarmachen und unmissverständlich einhämmern, wer hier das Sagen hat, wer den Druck macht und wer nachzugeben hat, wer der Boss ist und wer klein beigeben muss.

Alles das tut Neuhauser nicht. Man muss das ganz deutlich herausarbeiten, damit man den Unterschied auch wirklich begreift. Man versteht ja nicht nur, was einer tut, indem man sich genau anschaut, was er macht, sondern auch dadurch, dass man sich klarmacht, was er nicht macht, was er machen könnte, was andere Leute machen würden, aus dem Kontrast also zur herkömmlichen Vorgehensweise.

In der letzten Woche habe ich den Wikipedia-Link» Taoismus bemüht, um die Besonderheiten Neuhausers herausarbeiten zu können. Er geht mit der Situation, er versucht diese nicht zu stören, sich nicht mehr als notwendig einzubringen, nicht den starken Kerl zu markieren, als den sich der Mensch üblicherweise aufzubauen pflegt.

Wäre er dem Hengst in den Weg getreten, hätte er mehr als das Notwendige getan, er wäre dem Pferd zu nahe getreten, was diesem wiederum hätte gegen den Strich gehen müssen. Auf diese Weise wäre vielleicht ebenfalls eine Kommunikation in Gang gekommen, aber diese hätte gleich zu Anfang unter großen Störungen gelitten.

Sie wissen doch: Pferde kommunizieren untereinander mit minimalen Mitteln, sie verdrehen ein Ohr ein klein bisschen oder verdrehen ein bisschen den Kopf oder bewegen das Hinterteil ein paar Zentimeter – das reicht. Sie müssen sich nicht in den Weg treten oder sonstwie mächtig Druck aufbauen, wenn sie wollen, dass ein anderes Pferd sich bewegt. Das ist Pferdesprache.

Schauen Sie sich die Animation ruhig ein paar Mal an, sie stoppt nach acht Durchläufen. Wenn Sie die Seite erneut laden (Shortcut F5), geht das Ganze von vorne los. Ich finde, diese 19 Bilder sagen eine ganze Menge über seine Haltung und seine Vorgehensweise. Kein Druck, keine Gewalt, kein Widerstand, dafür ein Fließen mit der Situation. Wie habe ich anfangs formuliert? Ein Tanz.

Wir sehen nicht, wie er den Richtungswechsel zu Beginn der Sequenz einleitet – wir erkennen nur, dass er diesen Richtungswechsel eingeleitet haben muss. Wir sehen außerdem, dass der Rappe mit einem ziemlichen Schwung den Richtungswechsel vollzieht und in starkem Trab gegen den Uhrzeigersinn loslegt. Neuhauser beobachtet erst einmal den vollständigen Richtungswechsel und lässt das Pferd laufen. Dann machte er zwei große Schritte, stoppt abrupt und legt sich dabei auch noch gegen seine Bewegungsrichtung. Dann wartet er wieder ab. Wie ferngesteuert bremst sich der Rappe ab und wechselt erneut die Richtung. Unglaublich! Machen Sie das nach? Trauen Sie das Monty Roberts zu?

Pferdekommunikation  oben 



Wende eingeleitet
Signal halten
Mitgehen
Mitgehen
Abwarten
Mitgehen
Ausfallschritt
Deutliches Stopp
Abwarten
Abwarten
Zu diesen Schnappschüssen nun noch der Originalton des Films, der sich, wie deutlich wird, auf ein paar mehr Passagen bezieht.

Sprecherin: Der zweite schwere Problemfall des Gestüts "Abbsubj". Er griff seinen Pfleger mehrmals an und verletzte diesen so schwer am Kopf das dieser mit mehreren Stichen genäht werden musste.

Daraufhin wurde der äußerst aggressive Hengst in verschiedenen Kliniken untersucht um heraus zu finden worin seine Aggressivität begründet ist. Bisher ohne Erfolg.

Eindringlichst wurde Hans-Jürgen Neuhauser von der Gestütsleiterin gewarnt das der Hengst schlagartig und ohne jegliche Vorwarnung angreift.

Der Pferdecoach verzichtet bei "Abbsubj" genau so wie bei allen anderen Pferden auf ein sinnloses im Kreis herumtreiben. Anstatt dessen geht er sofort dazu über Gangarten und Tempiwechsel einzuleiten. Und tatsächlich der Plan geht auf.

HJN: Fein *ausatmen* gut, fein.

Sprecherin: "Abbsubj" versteht die Sprache von Hans-Jürgen Neuhauser, er reagiert, lässt sich auf die besondere Art der Kommunikation ein.

HJN: *ausatmen**ausatmen* fein.

Sprecherin: Das heißblütige Tier beginnt den gestikulären Kommandos seines Trainers zu folgen. Verblüffung! Noch nie hat das Tier die Anweisungen eines Menschen so genau befolgt.

HJN: *Ausatmen*, good. *ausatmen* *ausatmen**ausatmen*.

Sprecherin: "Abbsubj" legt auf Befehl einen Stopp wie aus dem Bilderbuch hin.

HJN: Thank you.

Sprecherin: Nach knapp zwanzig Minuten ist es soweit, das Eis ist gebrochen. Der Hengst kommt auf Kommando zu Hans-Jürgen Neuhauser. Seine Intuition sagt ihm das dieses Pferd ihm entgegen aller Vorwarnungen nicht mehr verletzten wird. Der zuvor aggressive Hengst bringt Hans-Jürgen Neuhauser nun Freundschaft entgegen.
DVD HJN-Reiten, Gesamttext

Knapp 20 Minuten, wir hören es, so schnell geht es, wenn man sich auf Pferde versteht. Ob das nun Freundschaft ist, sei dahingestellt, aber Vertrauen ist es sicher.

Persönlichkeit  oben 



Neuhauser kommuniziert mit Abbsubj
Könnten Sie das auch? Wenn nicht: Könnten Sie das auch lernen? Ich bin mir nicht sicher – vielleicht, vielleicht auch nicht. Seit ich von Pferdeflüsterern höre, wird mir versichert, dass es weniger um die Ausbildung der Pferde als vielmehr um die Ausbildung der Menschen geht. Manche Pferdetrainer sehen sich eigentlich eher als Therapeuten für Menschen, was ein Problem ist, da sich bei uns nicht jeder Therapeut nennen darf.

Wenn es also nicht nur um die Ausbildung, sondern um die Charakterbildung der Menschen geht, stellt sich die Frage, inwiefern ein Charakter überhaupt verändert werden kann. Manche Leute behaupten ja, dass das gar nicht geht. Die Wikipedia-Link» Herforder Brauerei wirbt damit, dass ein starker Charakter sich angeblich nie ändert. Die meinen damit natürlich ihr Bier. Jedes Mal, wenn ich an einer solchen Plakatwerbung vorbeifahre, wird mir schlecht. Wie kann man nur so dumm werben?

Bei Kindern geht man grundsätzlich davon aus, dass sie bildsam sind, Eltern und Lehrer haben einen Erziehungsauftrag. Und wie ist das mit Erwachsenen? Ändern wir uns nicht auch von Tag zu Tag? Erwarten wir nicht sogar ausdrücklich von Straftätern, dass sie sich ändern und von ihren Straftaten ablassen? Funktioniert nicht das ganze gesellschaftliche Leben als ständige Rückmeldung, was erwartet, erwünscht, erlaubt oder aber auch nicht erlaubt und nicht toleriert wird?

Wenn jemand sich nicht so verhält, wie das wünschenswert wäre, sollte man da nicht fragen, warum das so ist? Und könnte es nicht sein, dass jemand sich nicht korrekt verhält, weil er in Not ist? Dass er froh wäre, wenn er sich anders verhalten könnte, würde nur sein Kernproblem erst einmal gelöst sein?

Im vorigen Abschnitt habe ich die Kommunikationsweise Neuhausers mit der von Pferden verglichen. Vielleicht haben Sie schon mal irgendwo gelesen, welche Qualitäten das Führungspersonal in einer Pferdeherde haben muss – oder sagen wir mal besser: normalerweise hat. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Regel besagt, dass die Leitstute – in menschlichen Begriffen gesprochen – weise und nachgiebig ist, der Leithengst umsichtig und beschützend.

Wir hatten immer nur eine kleine Herde, aber die Herden in freier Wildbahn sind normalerweise auch nicht so groß, wie Westernfilme das gerne glauben machen. Es fehlte uns auch ein Hengst, aber dafür war die Herde ja auch nicht von den Gefahren bedroht, die in der Wildnis auf sie warten. Unsere Leitstute entsprach ganz genau dem Idealbild. Die Herde veränderte sich im Laufe der Zeit, und bei jedem Neuzugang musste die Rangordnung neu austariert werden. Die Leitstute hat am unvermeidlichen Gerangel nie teilgenommen. Sie hielt sich abseits und wartete ab.

Einmal kam eine Stute dazu, die unbedingt die Führungsrolle übernehmen wollte. Sie verbreitete Unruhe, quengelte und schikanierte ständig, aber es nützte ihr nichts. Sie war und blieb unbeliebt, sie machte allen das Leben so unangenehm wie möglich, aber niemand akzeptierte sie. Wie ich höre, soll das bei Hengsten in freier Wildbahn ähnlich sein. Es soll Typen geben, die sich sehr unangenehm aufführen. Sie sind nicht beliebt, sondern gefürchtet. Sie können sich halten, aber nicht, weil die Herdenmitglieder dies wünschen, sondern weil sie Druck ausüben.

Tiere sind, das will ich damit sagen, nicht durchweg gut und unschuldig; jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, seine Launen, seine Persönlichkeit. Es gibt da auch unangenehme Tiere. Man kann sich auch von denen abschauen, wie man es machen kann – das funktioniert dann ebenfalls. Die Frage ist nur, ob man das möchte. Will man so ein Tyrann sein? Ist das ein schönes Leben? Manche glauben das ja.

Oder sie sind von ihrer Persönlichkeit her so festgelegt; das könnte ja auch sein. Vielleicht können die Leute gar nicht anders, genauso wenig wie man von einem Pferd mit einer unangenehmen Persönlichkeit verlangen könnte, sich zu ändern. Oder ist die unangenehme Persönlichkeit nur der Spiegel, der zurückgeworfen wird? Ist beispielsweise dieser Rappe nun ein unangenehmes Pferd oder nicht?

Wenn man den Pferdepfleger fragt, darf man sich nicht wundern, wenn dieser das Pferd als charakterlich verdorben ansieht. Neuhauser hingegen hat gezeigt, dass dieses Pferd genauso zutraulich ist wie der ebenfalls als gefährlich verschrieene Schimmel. Und wer weiß, vielleicht sind die Tyrannen auch tief in ihrem Inneren nur verletzte Kinder, die bitterlich nach ihrer Mama schreien, und ihre Tragik besteht darin, dass keiner sie hört und die Kindertage längst vorbei sind.

Quellen / Verweise  oben 

  1. Wikipedia-Link» Schardscha
  2. » Hans-Jürgen Neuhauser
  3. Wikipedia-Link» Wu-Wei
  4. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  5. Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten
  6. Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig
  7. Magazin EquiVoX-Link Qualität und dualistische Trennung
  8. Wikipedia-Link» Taoismus
  9. DVD HJN-Reiten, Gesamttext
  10. Wikipedia-Link» Herforder Brauerei
  11. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  12. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  13. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  14. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  15. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  16. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  17. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  18. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  19. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  20. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  21. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  22. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  23. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  24. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14
  25. Magazin  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 561 · Teil Teil 15
  26. Magazin  Muss man sich anstrengen?, Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren
    EquiVoX-Link Ausgabe 563 · Teil Teil 16


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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