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![]() Abbsubj, schwerer Problemfall |
![]() Schwierig: Hufpflege |
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![]() Und nach hinten weg steigen |
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Vielleicht ist es angebracht, eine solche Situation zu schildern, damit sie nicht ganz so exotisch wirkt – obwohl die gefilmte Szene ja auch nicht wirklich exotisch ist, sondern eher vertraut wirkt. Da fällt mir beispielsweise eine Szene aus der Anfangszeit der Pferdezeitung ein. Wir hatten ein Seminar mit einem Pferdeflüsterer organisiert. Eines der teilnehmenden Pferde auf dem Hof hatte enorme Schwierigkeiten, seine Box zu betreten oder zu verlassen. Diese Box befand sich in einem typischen niederdeutschen Hallenhaus und war von der Deele aus zu betreten. Der Weg vom Freien durch das Deelentor auf die Deele war unproblematisch. Lediglich der Durchgang durch die Tür in die Box im hinteren Teil löste beim Pferd Panik aus. Dieser Durchgang war nicht besonders breit, vor allem aber etwas niedrig, so dass das Pferd den Kopf etwas senken musste. Vermutlich hatte es sich dabei einmal bös verletzt, als es aus irgendwelchen Gründen, etwa weil es sich erschreckt hatte, den Kopf gehoben und voll gegen den Türsturz geknallt war. Niemand wusste das so genau, aber unwahrscheinlich konnte man dieses Szenario ja nun wirklich nicht nennen. Ich beispielsweise bin relativ groß, nicht übermäßig (190 cm), aber doch so groß, dass ich in meinem Leben schon mehrere Dutzend Male ganz fürchterlich gegen irgend einen Balken geknallt bin (ohne daß ich mich erschreckt hätte), wobei oft nicht nur eine gewaltige Beule entstand, sondern auch eine Platzwunde. Wenn ich eines Tages gar keine Haare mehr haben werde, wird man alle diese Narben sehen und zählen können – ich bin schon gespannt. Immerhin mußte noch keine Wunde genäht werden; so schlimm wie bei dem arabischen Pferdepfleger war es also nie. Dieser Pferdeflüsterer also spuckte große Töne und führte gerade selbstbewusst dieses Teilnehmerpferd herum, als er von der Besitzerin herausgefordert wurde, dieses für sie schreckliche Problem zu lösen. Jedes Mal, wenn sie das Pferd aus der Box holte oder in die Box hineinführte, wurde die Sache für sie gefährlich, möglicherweise sogar lebensgefährlich. Sie hatte inzwischen einfach furchtbare Angst davor, die verständlicherweise die Liebe zum Pferd und die Freude an ihm erheblich beeinträchtigte. Der Pferdeflüsterer nahm die Herausforderung sofort an, marschierte mit dem Pferd zum Bauernhaus, alle Teilnehmer brav hinterher, betrat durch das Deelentor die Deele und lief schnurstracks auf die Box dieses Pferdes zu, in der Erwartung, dass dieses Pferd, das er ja noch gar nicht richtig kennengelernt hatte, ihm lammfromm in die Box folgen werde, so wie es ihm auf dem Platz und auf dem Weg dahin gefolgt war, ganz nach dem Motto: Ich spreche die Sprache des Pferdes, es kann gar nicht anders als mir überallhin folgen, und zwar ohne Zögern und ebenso lammfromm wie bisher. Da hatte er sich aber gewaltig geschnitten. Er fand sich in der Box und das Pferd führte vor der Box ein gewaltiges Theater auf. Anschließend stümperte er dann noch 20 Minuten herum, bis die anderen Teilnehmer ungeduldig wurden. Jeder hatte begriffen, dass dieser Mann mit seinem Latein am Ende und dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Schließlich sah er ein, dass er die anderen nicht länger warten lassen konnte, denn die wollten ja auch noch was von ihm. Freilich waren alle enttäuscht, der Lack war ab, der Zauber gewaltig ramponiert. Natürlich redete er sich damit heraus, dass dieses Problem größer und tiefliegender sei und man mehr Zeit investieren müsse, womit er selbstverständlich recht hatte. Er wollte sich und uns aber nicht eingestehen, dass er die Sache gleich zu Anfang gründlich verdorben hatte. Er hätte begreifen müssen, dass er die problematische Situation nicht einfach mit „Hoppla, hier komm ich!“ bewältigen konnte. Er hätte das Pferd ernst nehmen müssen. Stattdessen wollte er sich in Szene setzen. Das ist ihm gründlich misslungen. Zurück zur DVD Neuhausers: Nach dieser filmischen Einleitung, die in Zeitlupe die Sequenz, in der der Hengst sich losreißt, noch einmal genüsslich wiederholt, ist man natürlich gespannt, wie Hans-Jürgen Neuhauser an dieses Pferd und seine Probleme herangeht. Wird er sich ebenso blamieren wie der Experte auf dem westfälischen Bauernhof? Und wenn nicht, was macht er anders? |
Er hat wie üblich eine lange Gerte in der Hand, die er senkrecht fallen lässt oder als Verlängerung seiner Hand benutzt. In diesem Moment macht der Rappe einen ganz umgänglichen Eindruck. Er begreift schnell, dass er frei ist und düst los. Wegen der Schnitte kann man nun nicht beurteilen, was Neuhauser in den folgenden 20 Minuten alles macht, aber man kann doch so viel sehen, dass man eine Menge Schlüsse ziehen kann. Was würden Sie tun, wenn Sie in der Mitte eines Roundpen stehen und ein temperamentvoller Hengst im Galopp um Sie herumdonnert? Vielleicht würden Sie ihm in den Weg treten – das wäre eine deutliche Körpersprache, auf die das Pferd mit ziemlicher Sicherheit reagieren würde. So stoppt man beispielsweise Pferde, die durchgegangen sind. Das konnte man zuletzt noch im WDR sehen, als in Aachen ein Vierspänner durchging und die Kamera gerade günstig stand. Diese Szene war für das Renommee des Sports nicht ganz optimal, aber durchaus interessant. So sind Pferde: Meist sehr höflich – man kann ihnen zu nahe treten, aber sie zeigen es nicht, dass man ihnen zu nahe gekommen ist. Aber wehe, man bringt das Fass zum überlaufen! Wenn Pferde erst einmal in Panik sind, kann man für nichts garantieren. Und in Panik geraten sie besonders dann leicht, wenn sie nicht fliehen können. Wenn sie in die Enge getrieben sind. Wenn sie nicht mehr anders können. Ein Roundpen ist in dieser Situation nicht besonders optimal; das Pferd kann eigentlich nirgendwohin. Eine ideale Situation, um es unter Druck zu setzen, wie wir spätestens seit Monty Roberts wissen. Dafür ist der Roundpen ausdrücklich gemacht. Neuhauser respektiert die Intimdistanz des Pferdes und beschränkt sich auf einen kleinen Zirkel in der Mitte. Er überlässt dem Pferd den Rest des Platzes, was ja aus Pferdesicht wenig genug ist. Aber immerhin kann das Pferd sich ungehindert bewegen und seine Gefühle über die Bewegung abarbeiten. Gleich auf Anhieb versteht das Pferd, was Neuhauser will, und reagiert auf ihn, wie man an der kleinen Animation sehen kann, die ich aus dem Film herausgezogen habe – wenn man annimmt, dass zwischen dem Freilassen und dieser Szene höchstens ein paar Sekunden vergangen sind. Das wissen wir natürlich nicht. Vielleicht hat Neuhauser dem Pferd erst einmal ein paar Minuten gegönnt, um sich auszutoben und mit dem Platz vertraut zu machen und zu erfahren, dass dieser sich von seinem Platz nicht wegbewegt, dass er dem Pferd den Platz nicht streitig machen will. Auf diesen wichtigen Punkt bin ich früher schon mal eingegangen: Monty Roberts würde das Pferd in die Enge treiben, würde ihm immer wieder deutlich den Weg abschneiden, würde ihm klarmachen und unmissverständlich einhämmern, wer hier das Sagen hat, wer den Druck macht und wer nachzugeben hat, wer der Boss ist und wer klein beigeben muss. Alles das tut Neuhauser nicht. Man muss das ganz deutlich herausarbeiten, damit man den Unterschied auch wirklich begreift. Man versteht ja nicht nur, was einer tut, indem man sich genau anschaut, was er macht, sondern auch dadurch, dass man sich klarmacht, was er nicht macht, was er machen könnte, was andere Leute machen würden, aus dem Kontrast also zur herkömmlichen Vorgehensweise. In der letzten Woche habe ich den Wäre er dem Hengst in den Weg getreten, hätte er mehr als das Notwendige getan, er wäre dem Pferd zu nahe getreten, was diesem wiederum hätte gegen den Strich gehen müssen. Auf diese Weise wäre vielleicht ebenfalls eine Kommunikation in Gang gekommen, aber diese hätte gleich zu Anfang unter großen Störungen gelitten. Sie wissen doch: Pferde kommunizieren untereinander mit minimalen Mitteln, sie verdrehen ein Ohr ein klein bisschen oder verdrehen ein bisschen den Kopf oder bewegen das Hinterteil ein paar Zentimeter – das reicht. Sie müssen sich nicht in den Weg treten oder sonstwie mächtig Druck aufbauen, wenn sie wollen, dass ein anderes Pferd sich bewegt. Das ist Pferdesprache. Schauen Sie sich die Animation ruhig ein paar Mal an, sie stoppt nach acht Durchläufen. Wenn Sie die Seite erneut laden (Shortcut F5), geht das Ganze von vorne los. Ich finde, diese 19 Bilder sagen eine ganze Menge über seine Haltung und seine Vorgehensweise. Kein Druck, keine Gewalt, kein Widerstand, dafür ein Fließen mit der Situation. Wie habe ich anfangs formuliert? Ein Tanz. Wir sehen nicht, wie er den Richtungswechsel zu Beginn der Sequenz einleitet – wir erkennen nur, dass er diesen Richtungswechsel eingeleitet haben muss. Wir sehen außerdem, dass der Rappe mit einem ziemlichen Schwung den Richtungswechsel vollzieht und in starkem Trab gegen den Uhrzeigersinn loslegt. Neuhauser beobachtet erst einmal den vollständigen Richtungswechsel und lässt das Pferd laufen. Dann machte er zwei große Schritte, stoppt abrupt und legt sich dabei auch noch gegen seine Bewegungsrichtung. Dann wartet er wieder ab. Wie ferngesteuert bremst sich der Rappe ab und wechselt erneut die Richtung. Unglaublich! Machen Sie das nach? Trauen Sie das Monty Roberts zu? |
Knapp 20 Minuten, wir hören es, so schnell geht es, wenn man sich auf Pferde versteht. Ob das nun Freundschaft ist, sei dahingestellt, aber Vertrauen ist es sicher. |
Wenn es also nicht nur um die Ausbildung, sondern um die Charakterbildung der Menschen geht, stellt sich die Frage, inwiefern ein Charakter überhaupt verändert werden kann. Manche Leute behaupten ja, dass das gar nicht geht. Die Bei Kindern geht man grundsätzlich davon aus, dass sie bildsam sind, Eltern und Lehrer haben einen Erziehungsauftrag. Und wie ist das mit Erwachsenen? Ändern wir uns nicht auch von Tag zu Tag? Erwarten wir nicht sogar ausdrücklich von Straftätern, dass sie sich ändern und von ihren Straftaten ablassen? Funktioniert nicht das ganze gesellschaftliche Leben als ständige Rückmeldung, was erwartet, erwünscht, erlaubt oder aber auch nicht erlaubt und nicht toleriert wird? Wenn jemand sich nicht so verhält, wie das wünschenswert wäre, sollte man da nicht fragen, warum das so ist? Und könnte es nicht sein, dass jemand sich nicht korrekt verhält, weil er in Not ist? Dass er froh wäre, wenn er sich anders verhalten könnte, würde nur sein Kernproblem erst einmal gelöst sein? Im vorigen Abschnitt habe ich die Kommunikationsweise Neuhausers mit der von Pferden verglichen. Vielleicht haben Sie schon mal irgendwo gelesen, welche Qualitäten das Führungspersonal in einer Pferdeherde haben muss – oder sagen wir mal besser: normalerweise hat. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Regel besagt, dass die Leitstute – in menschlichen Begriffen gesprochen – weise und nachgiebig ist, der Leithengst umsichtig und beschützend. Wir hatten immer nur eine kleine Herde, aber die Herden in freier Wildbahn sind normalerweise auch nicht so groß, wie Westernfilme das gerne glauben machen. Es fehlte uns auch ein Hengst, aber dafür war die Herde ja auch nicht von den Gefahren bedroht, die in der Wildnis auf sie warten. Unsere Leitstute entsprach ganz genau dem Idealbild. Die Herde veränderte sich im Laufe der Zeit, und bei jedem Neuzugang musste die Rangordnung neu austariert werden. Die Leitstute hat am unvermeidlichen Gerangel nie teilgenommen. Sie hielt sich abseits und wartete ab. Einmal kam eine Stute dazu, die unbedingt die Führungsrolle übernehmen wollte. Sie verbreitete Unruhe, quengelte und schikanierte ständig, aber es nützte ihr nichts. Sie war und blieb unbeliebt, sie machte allen das Leben so unangenehm wie möglich, aber niemand akzeptierte sie. Wie ich höre, soll das bei Hengsten in freier Wildbahn ähnlich sein. Es soll Typen geben, die sich sehr unangenehm aufführen. Sie sind nicht beliebt, sondern gefürchtet. Sie können sich halten, aber nicht, weil die Herdenmitglieder dies wünschen, sondern weil sie Druck ausüben. Tiere sind, das will ich damit sagen, nicht durchweg gut und unschuldig; jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, seine Launen, seine Persönlichkeit. Es gibt da auch unangenehme Tiere. Man kann sich auch von denen abschauen, wie man es machen kann – das funktioniert dann ebenfalls. Die Frage ist nur, ob man das möchte. Will man so ein Tyrann sein? Ist das ein schönes Leben? Manche glauben das ja. Oder sie sind von ihrer Persönlichkeit her so festgelegt; das könnte ja auch sein. Vielleicht können die Leute gar nicht anders, genauso wenig wie man von einem Pferd mit einer unangenehmen Persönlichkeit verlangen könnte, sich zu ändern. Oder ist die unangenehme Persönlichkeit nur der Spiegel, der zurückgeworfen wird? Ist beispielsweise dieser Rappe nun ein unangenehmes Pferd oder nicht? Wenn man den Pferdepfleger fragt, darf man sich nicht wundern, wenn dieser das Pferd als charakterlich verdorben ansieht. Neuhauser hingegen hat gezeigt, dass dieses Pferd genauso zutraulich ist wie der ebenfalls als gefährlich verschrieene Schimmel. Und wer weiß, vielleicht sind die Tyrannen auch tief in ihrem Inneren nur verletzte Kinder, die bitterlich nach ihrer Mama schreien, und ihre Tragik besteht darin, dass keiner sie hört und die Kindertage längst vorbei sind. |
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