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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 565, erschienen am 25.01.2010

Magazin  Ausgabe 565

Neuhauser spricht mit dem Körper
Die Gerte als langer Dirigierstab

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Über Dominanz und Vertrauen
  2. Abschnitt  Tricky Dick
  3. Abschnitt  Vertrauen
  4. Abschnitt  Annäherung
  5. Abschnitt  Wasser und Steine
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18
Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Über Dominanz und Vertrauen

Auch Pferdeleute können vom Wasser lernen

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


» Hans-Jürgen Neuhauser, soviel ist inzwischen klar, kann mehr als andere Pferdeexperten. Warum nur? Anhand der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten versuche ich herauszuarbeiten, worin das Geheimnis von Neuhauser besteht. Wie in aller Welt gelingt ihm das Kunststück, in kürzester Zeit mit zwei gefährlichen Hengsten fertig zu werden, an denen sich eine ganze Reihe von Weltklasse-Pferdeleuten, Spezialisten für schwierige Fälle allesamt, die Zähne ausgebissen haben?

Diese Frage hat es schon in sich – haben Sie es gemerkt? Wer mit irgendetwas fertig werden möchte, fängt die Sache schon völlig falsch an – so wie der unglückliche Pferdeflüsterer, den ich in der letzten Ausgabe als Kontrast eingeführt hatte. Wer mit etwas fertig werden will, neigt dazu, die Angelegenheit fertig zu machen, fix und fertig vielleicht. So wie seit Alters her die Tyrannen, die geglaubt hatten, die Welt in den Griff zu bekommen, wenn sie nur alles, was sich ihnen in den Weg stellte, mit Stumpf und Stiel ausrotteten.

In der Pferdewelt ist viel von Dominanz die Rede. Dabei berufen sich die Fachleute auf die Ordnung in einer Herde, in der immer jemand oben und alle anderen unten oder gar ganz unten sind. Selbstverständlich sind Pferde Herdenwesen und fühlen sich nur wohl, wenn sie wissen, wo ihr Platz ist.

Bei uns Menschen ist das nicht ganz klar. Wir verhalten uns manchmal so, als seien wir Herdenwesen, manchmal wiederum, als seien wir Einzelgänger und Individualisten. Diese Beobachtung ist vermutlich nicht ganz unwichtig.

Wenn wir von unserem Verständnis aus zu wissen glauben, was Herdenwesen brauchen und wie wir uns Herdenwesen gegenüber zu verhalten haben, könnten wir gewaltig auf dem Holzweg sein. Die in einer Herde dominante Persönlichkeit ist nicht diejenige, die sich aufspielt – anhand der Beobachtungen in unserer eigenen Herde konnte ich das sehr gut erkennen, wie ich in der letzten Woche beschrieben habe. Die Dominanz kommt aus der Persönlichkeit und kann nicht willkürlich aufgesetzt werden.

Wer also meint, ein Pferd einfach durch Druck beeindrucken zu können, könnte sich schwer irren. Vielleicht hat er ja über gewisse Strecken Erfolg, aber was für einen?

Die bekanntesten Tyrannen des letzten Jahrhunderts waren sicherlich Wikipedia-Link» Stalin und Wikipedia-Link» Hitler, aber auch Wikipedia-Link» Mao hat Abermillionen von Menschenleben auf dem Gewissen, in diesem Fall sogar ausschließlich von Landsleuten. Diese Leute sind buchstäblich über Leichen gegangen, nur um ihre Macht zu gewinnen und zu erhalten. Aber waren die wirklich erfolgreich?

Selbstverständlich sind das nur einige der notorischen Massenmörder, die die Welt hat ertragen müssen; zu diesen Schurken gehören auch viele sogenannte Staatsmänner wie Wikipedia-Link» Napoleon, die bis heute höchstes Ansehen genießen und von ihren Völkern, deren Kinder sie erbarmungslos für ihre eigenen Gelüste geopfert haben, fanatisch verehrt werden. Verstehe das, wer will.

Einige Pferdekenner behaupten, dass man Pferde nicht so leicht täuschen kann wie Menschen. Pferde sollen angeblich tiefer blicken können; wenn ich mir die Geschichte unserer Herde vor Augen führe, würde ich das wohl unterschreiben können. Kein Pferd hat sich von der ambitionierten Stute täuschen lassen. Die wussten alle, was für ein Biest das ist. Und dabei mussten die nicht einmal lesen können.

Als Illustration für diesen ersten Abschnitt habe ich zwei Politiker ausgewählt: Mao und Wikipedia-Link» Nixon, ein Massenmörder und ein Betrüger. Diese Männer schauen Sie an. Schauen Sie sich diese Männer an! Wie wirken die auf Sie? Würden Sie denen trauen?

Tricky Dick  oben 



1946 wurde Nixon für die Republikaner in den Kongress gewählt. Sein Gegner war der liberale Politiker Jerry Voorhis. Nixons Wahlkampagne war aggressiv und viele Beobachter hielten ihn für einen Hetzer. [...]

1951 wurde er Senator für Kalifornien. Während dieses Wahlkampfes setzte er sich gegen die Herausforderin Helen Gahagan Douglas durch, indem er sie als Sympathisantin der Kommunisten diffamierte. Die Zeitung Independent Review gab ihm darauf hin den Spitznamen „Tricky Dick“ , den er nie wieder los wurde.
a.a.O.

Nixon war bekanntlich der erste und einzige amerikanische Präsident, der von seinem Amt zurückgetreten ist, und zwar um einem Amtsenthebungsverfahren, dass es bis dahin noch nie gegeben hatte, zuvorzukommen, weil so gut wie sicher war, dass dieses Verfahren ihn aus dem Amt werfen würde. Bis heute ist die von seinen politischen Gegnern erfundene Kampagne in den USA der Maßstab aller Dinge und hat sich auch hierzulande fast als geflügeltes Wort etablieren können. Man fragt bei allem und jedem: „Würden Sie von diesem Mann ein gebrauchtes Auto kaufen?

Bekanntlich werden die wenigsten Entscheidungen rational gefällt, viele Leute betonen auch ganz bewusst, dass sie mit „dem Bauch“ entscheiden, womit sie vermutlich das Kind mit dem Bade ausschütten. Selbstverständlich müssen wir uns um ein möglichst hohes Maß an Rationalität bemühen, aber da wir die Wirklichkeit mit unseren Sinnen und unserem Verstand nicht vollständig – manche behaupten sogar: höchst unzureichend – erfassen können, müssen wir Qualitäten ins Spiel bringen, die man mit dem Begriff „Intuition“ umschreiben kann.

Also zum Beispiel, wenn man entscheiden muss, ob man jemandem traut oder nicht. Sie haben den beiden Weltpolitikern in die Augen geschaut, die sich im Jahre 1972 gegenseitig in die Augen geschaut haben. Wem trauen Sie? Wem würde ein Pferd trauen? Einem Pferd können Sie mit Worten nichts weismachen, das muss sich auf andere Informationen verlassen. Angeblich können Pferde sofort erkennen, wen sie vor sich haben, Dominanzgehabe hin oder her. Vielleicht entstehen manche Probleme überhaupt erst deshalb, weil der Mensch glaubt, auf seine Dominanz pochen zu können, die ihm das Pferd überhaupt nicht abkauft.

Wir brauchen nicht nur deshalb unsere Intuition, weil wir nicht alle für eine Entscheidung relevanten Informationen rational erfassen können – wenn es sich beispielsweise um ein gebrauchtes Auto geht, wäre es sträflicher Leichtsinn, nicht alles zu untersuchen, was man mit vernünftigem Aufwand untersuchen kann, um sich ein Bild zu verschaffen, aber irgendwann muss man entscheiden und stellt sich die Frage, ob man dem Verkäufer trauen kann -, sondern weil es eine Menge Informationen gibt, die man rational gar nicht erfassen kann. Die Vertrauenswürdigkeit einer Person beispielsweise – wie wollte man die rational erfassen?

In der Politik geht es beispielsweise darum zu beurteilen, wie ein Politiker mit kritischen Situationen umgehen würde. Als Wikipedia-Link» Edward Kennedy einen merkwürdigen Unfall hatte, bei dem seine Sekretärin zu Tode kam, und sich dabei merkwürdig verhielt, war sein politisches Schicksal erledigt; die Leute stellten einfach die Nixon-Frage (» USA / KENNEDY: L oder Y?). Wie würde sich dieser Mann verhalten, wenn er im Amt wäre und es wirklich ernst würde? Konnte man ihm noch trauen? Die Antwort lautete: Nein.

Es bedarf also konkreter Erfahrungen, um zu einem diesbezüglichen Urteil zu gelangen. Auf dem Wahlplakat der Demokraten wurde ein Foto eingesetzt, das natürlich etwas unfair war; auf dem (späteren) Foto aus dem ersten Abschnitt sieht Nixon ja wie ein Staatsmann aus, auf dem zweiten wie ein kleiner Betrüger – damit es auch der letzte und dümmste Wähler merkt, mit wem er es zu tun hat.

Wie sich später herausstellte, war er mitnichten ein kleiner Betrüger, sondern ein großer, auf jeden Fall der größte, den die Amerikaner bis dahin ins Präsidentenamt gewählt hatten. Allerdings glauben viele Bürger, das jeder Politiker ein großer Betrüger ist, insofern habe man keine Wahl – aber das ist ein anderes Thema.

Die Demokratie heute ist wenn man wählen kann wer einen verarscht!
» Alles Schall und Rauch

Vertrauen  oben 



Das sieht noch gar nicht gut aus
Neuhauser schneidet dem Hengst den Weg ab
Mit einem Lächeln!
Unter strenger Beobachtung der Gestütsleitung
Man hat aber immerhin unter allen Umständen die freie Wahl, ob man freiwillig, mit Eifer und Energie mitarbeitet, oder nur soweit mittut, wie man muss, und sich ansonsten in die innere Emigration zurückzieht und womöglich sogar im Stillen sabotiert. Dieser freie Wille, der so köstlich in schon mehrfach erwähnten Aufsatz Wikipedia-Link» Raymond Smullyan von » Is God a Taoist? diskutiert wird, ist mitnichten ein Vorrecht des Menschen, sondern steht auch den Tieren zu. Ich argumentiere hier im Grunde immer zweigleisig, und ich hoffe, Sie können mir folgen. Ich denke auch an die Pferde, die sich gegenüber angeblich dominanten Menschen ebenfalls in die innere Emigration zurückziehen können.

Der Mensch möchte doch, zum Beispiel bei der Dressur, dass das Pferd sich so zur Geltung bringt, dass den Zuschauern das Herz erhoben wird, dass sie vom Anblick der Schönheit überwältigt werden, dass etwas geradezu Göttliches zum Ausdruck kommt. Und was sieht man? Geknechtete Pferde und schwitzende Reiter, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Pferd zu dem zu zwingen, was es freiwillig nicht geben will. Schöne Dominanz! In Wahrheit ist das überhaupt keine Dominanz, sondern nur aufgesetztes Gehabe, ein Terrorregime gewissermaßen, wie es auch jeder beliebige gemeine Diktator inszenieren könnte. Das macht den Mann nur in seinen eigenen Augen überlegen – alle anderen fürchten ihn vermutlich, vor allem aber verachten sie ihn.

Zurück zu Neuhauser. Da haben wir diesen schwarzen Hengst, den alle fürchten, weil er unberechenbar und aggressiv ist, und nun kommt dieser Mann aus Bayern und fürchtet sich nicht vor ihm. Dieses Pferd kennt eigentlich nur schreckliche Menschen, darf man annehmen, und wird auch Neuhauser zunächst als das nehmen, was er ist: Als Mensch, der potentiell gefährlich ist, gegen den man sich zur Wehr setzen, vor dem man auf der Hut sein muss.

Und dann macht er seine ersten Erfahrungen mit diesem Menschen, und diese Erfahrungen sind offenbar anders. Wir haben gesehen, dass Neuhauser von dem Schimmel angestiegen worden ist, dass er sich dieser Situation nicht ohne weiteres wieder aussetzen wollte und deshalb nach einem Ausweg suchte. Dieser Ausweg war eine kleine Tröte, die den Schimmel verblüffte, ihn auf Abstand hielt und dadurch Erfahrungen ermöglichte, aus denen der Schimmel wiederum Schlüsse zog. Dieser Neuhauser war offenbar jemand, der ihm nicht wehtun wollte.

Das war jedenfalls der Schluss, den Neuhauser in Bezug auf den Schimmel gezogen hatte: Dieser Hengst hatte laut Neuhauser die Erfahrung gemacht, dass Menschen in immer wehtun. Welche Probleme der Rappe hatte, erfahren wir nicht. Wir sehen aber, dass Neuhauser die Intimdistanz des Hengstes so weit wie möglich respektiert. In der letzten Woche hatte ich geschrieben, dass Neuhauser sich auf einen ganz kleinen Bereich in der Mitte des Roundpen beschränkt und den Rest der Fläche den Hengst überlässt.

Bei einem erneuten kritischen Betrachten der betreffenden Sequenz sah ich, dass dies nicht ganz stimmt. Nach einigen Minuten ist Neuhauser dem Hengst tatsächlich einmal in den Weg getreten – vermutlich, um sich besser bemerkbar zu machen und mehr Gehör zu verschaffen; übrigens mit einem Lächeln, nicht mit einer Drohgebärde, ganz spielerisch, tänzerisch, mit Leichtigkeit und Heiterkeit.

Neuhauser ist kein Weichei – solche Leute können keinen Respekt erwarten. Er ist auch kein Giftzwerg, der sich aufblähen muss, er hat wirkliche Autorität und kann diese ausspielen. Diese gezielte Aktion hat selbstverständlich die erwünschte Wirkung gehabt: Der Rappe, der bis dahin durchaus schon Reaktionen auf Neuhausers Körpersignale gezeigt hatte, kehrte um. Er nahm damit Neuhauser nicht nur zur Kenntnis, sondern erkannte ihn als überlegene Kraft an, insofern als er ihm aus dem Weg gehen musste.

Nachdem dies gelungen war, hat Neuhauser sich sofort wieder auf einen Bereich zurückgezogen, den man mit drei Schritten abzirkeln kann. Drei Schritte, das sind allenfalls 2 m – mehr Raum hat Neuhauser für sich nicht in Anspruch genommen. Von dieser Basis aus hat er die Kommunikation mit dem Hengst wieder aufgenommen. Nach der anfänglichen Interaktion, nach der der Hengst erfahren hatte, dass er mit Neuhauser zu rechnen hat, war das Band der Kommunikation schon geknüpft. Geringste Aktionen reichten aus, um Reaktionen zu bekommen.

Und immer nur drei Schritte – dann hält Neuhauser ausdrücklich inne und wartet ab. Der Hengst bekommt Zeit zu reagieren. Neuhauser signalisiert damit, dass er ihn respektiert und eine Kommunikation wünscht. Er spielt gewissermaßen Tennis mit dem Pferd, der Ball wird von einer Seite auf die andere geschlagen, mal ist der eine am Ball, mal der andere. Nur ein solches Zusammenspiel kann Kommunikation genannt werden. Du und ich, ich und du. Wir beide.

Annäherung  oben 



Stopp-Signal aus der Mitte des Roundpen
Der Hengst steht auf Kommando
Neuhauser verbeugt sich und segnet ab
Er tritt zurück
Und gibt den Weg frei
Der Hengst setzt sich in Bewegung
Die Frage war, wie sich die Erfahrungen für den Hengst weiterentwickeln würden, welche Schlüsse er daraus ziehen konnte. Zunächst einmal den, dass Neuhauser ihm seinen Raum definitiv nicht streitig machen wollte. Aber das reichte nicht aus.

Die anfänglichen Versuche, mit dem, was die Sprecherin und Neuhauser Körpersprache nennen, also den sichtbaren körperlichen Interaktionen, Einfluss auf die Bewegung des Hengstes zu nehmen, waren nicht gerade von berauschendem Erfolg gekrönt, so dass er sich entschloss, dem Hengst einmal in den Weg zu treten.

Neuhauser wollte aber offensichtlich nicht noch einmal so massiv in den Raum des Hengstes eingreifen, so dass er sich demonstrativ und ganz deutlich entspannt lächelnd wieder auf sein kleines Gebiet zurückzog.

Der Hengst machte nun also fortwährend die Erfahrung, dass er sowohl respektiert als auch als Partner anerkannt wurde. Zwar war es offensichtlich Neuhauser, der den Hengst bewegte, und nicht umgekehrt, aber der Hengst konnte die Erfahrung machen, dass diese Art von Zusammenspiel durchaus angenehm war.

Bewegung tut ja gut, Bewegung fühlt sich gut an, Bewegung macht Spaß, und als Herdentier weiß der Rappe natürlich genau, wie Kommunikation vonstatten geht, wie ein Partner den anderen in einer Kommunikation bewegt. Das ist das Einmaleins der Pferdesprache.

Um das Geschehen besser analysieren zu können, habe ich wieder einmal den Film zerlegt, und zwar in die so genannten Frames. Das entspricht etwa dem Effekt einer Serienschaltung beim Fotografieren. Aus dem Fluss der sich ständig verändernden Realität werden gewissermaßen Schnitte herausgenommen, die in ihrer Abfolge eine genauere Analyse ermöglichen.

Man kann auch sagen, dass die Zeit verdichtet wurde; die winzigen Änderungen, die beim Film festgehalten werden, ergeben in ihrer Reproduktion die Illusion einer kontinuierlichen Bewegung; wenn man nun einen Teil dieses Materials wegwirft, bekommt man größere Änderungen präsentiert, die das Wesentliche schärfer herausarbeiten und wie unter einer Lupe verdeutlichen.

Unter dieser Lupe sehen wir nun etwas sehr Eigenartiges, das mir bisher stets entgangen war, obwohl ich mir doch auch die anderen Szenen sehr sorgfältig angeschaut hatte: Neuhauser verneigt sich, er verneigt sich vor dem Pferd, wenn dieses auf ihn reagiert hat, er macht sogar eine segnende Geste, so als würde er ein Kreuz schlagen, und erst jetzt fällt mir auf, dass er das immer so macht. Und dabei murmelt er so etwas wie: „Good boy, thank you.

The more you look, the more you see.
Je genauer du hinschaust, desto mehr siehst du.
Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig, Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten


Die ganze Sequenz (28 Bilder)


Wasser und Steine  oben 



Freiwillige Annäherung (26 Bilder)
Neuhauser spricht nicht nur körperlich mit dem Pferd in einer Sprache, die es verstehen kann und die man sich selbst mit einiger Mühe vielleicht auch aneignen könnte, er bringt vor allen Dingen eine Haltung mit, die es überhaupt ermöglicht, die Körpersprache zum Klingen zu bringen. Diese Haltung respektiert die Befindlichkeit des Gegenübers. Der Hengst ist nervös, er hat Angst, also unterlässt Neuhauser alles, was diese Angst und Nervosität verstärken könnte.

Zum Vergleich noch einmal die Szenerie, die ich in der letzten Woche geschildert habe: Das Pferd hatte Angst, durch die Tür zu gehen, und der Pferdeflüsterer nahm überhaupt keine Rücksicht auf diese Angst, sondern marschierte, überheblich wie er war, mit dem Pferd im Schlepptau durch die Tür und wunderte sich, dass dieses ihm nicht folgen wollte, sondern vor der Tür seiner Paniktanz aufführte.

Neuhauser unterlässt aber nicht nur alles, was das Pferd bedrängen könnte, er öffnet dem Pferd auch Spielräume, er gibt dem Pferd Sicherheit, er lässt dem Pferd Freiheiten, er reagiert auf das Pferd, so dass das Pferd sich angenommen fühlen konnte und verstanden. Dem Pferd drängte sich die Einsicht auf, dass dieser Partner ihm zuhört und auf seine Bedürfnisse eingeht, dass es respektiert wird.

Durch diese Erfahrung wurde Vertrauen aufgebaut, die dann anschließend auch sichtbar wurde. Der Hengst kam auf Neuhauser zu. Freiwillig. Das ist etwas ganz anderes als die Methode von Monty Roberts, bei der ein Pferd so lange geknechtet wird, bis es angekrochen kommt, um dem pausenlosen Druck endlich entgehen zu können.

Abbsubj kommt aus freien Stücken. Er kommt, weil er neugierig ist: Er will dieses komische Wesen, das ihm ganz neue Erfahrungen verschafft hat, näher in Augenschein nehmen.

Was immer das Problem des Rappen war – Neuhauser hat sich so verhalten, dass er Raum bekam und von sich aus eine Annäherung an Neuhauser wagen konnte. Die weiche Methode siegte wieder einmal.

Nichts auf der Welt ist weicher als Wasser
und dennoch zermürbt es das härteste Gestein
- weil es ausdauernd ist.
Daß Schwaches über Starkes siegt und das Flexible das Starre bezwingt, weiß jeder.
Doch niemand verhält sich entsprechend.

Deshalb sagen die Weisen:

Wer die Probleme des Volkes leichten Herzens auf sich nimmt,
der soll ihm auch vorstehen.
Wer die Schwierigkeiten des ganzen Landes bereitwillig auf sich nimmt,
der soll es regieren.


Die Wahrheit ist oft nicht leicht zu verstehen.
Wikipedia-Link» Tao Te King, » Vom Wasser

Nun komme ich wieder zurück zu den Fragen, die ich am Ende des letzten Artikels gestellt hatte: Kann man all das lernen oder ist es einfach eine Frage der Persönlichkeit, des Charakters? Geht es nur darum, bestimmte Beziehungsmuster zu lernen, wie etwa bei einem Tanz, oder muss die gesamte Persönlichkeit verändert werden, um solche Resultate erzielen zu können? Und wenn ja, wie macht man das? Kann Neuhauser das? Kann er aus einem kalten, herrschsüchtigen, machtbesessenen Menschen eine einfühlsame, mitfühlende, warmherzige Persönlichkeit machen? Geht so etwas überhaupt? Kann man einen Frosch in einen Prinzen verwandeln?

Könnte ein Tyrann, ein Diktator, ein grausamer Machtmensch sich so verhalten? Und wenn er das könnte – würde das Pferd es glauben können, oder würde es dieses Verhalten als Maskerade durchschauen, als Vorspiegelung falscher Tatsachen, als Betrug? Könnte man Pferde genauso leicht täuschen wie Menschen? Oder haben Pferde einen feinen Sinn für solche Dinge, der uns Menschen abgeht? Die arabischen Gestütsexperten haben dazu eine ganz eigene Meinung.

Quellen / Verweise  oben 

  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  3. Wikipedia-Link» Stalin
  4. Wikipedia-Link» Hitler
  5. Wikipedia-Link» Mao
  6. Wikipedia-Link» Napoleon
  7. Wikipedia-Link» Nixon
  8. Wikipedia-Link» Edward Kennedy
  9. » USA / KENNEDY: L oder Y?
  10. » Alles Schall und Rauch
  11. Wikipedia-Link» Raymond Smullyan
  12. » Is God a Taoist?
  13. Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig
  14. Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten
  15. Wikipedia-Link» Tao Te King
  16. » Vom Wasser
  17. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  18. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  19. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  20. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  21. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  22. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  23. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  24. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  25. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  26. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  27. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  28. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  29. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  30. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14
  31. Magazin  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 561 · Teil Teil 15
  32. Magazin  Muss man sich anstrengen?, Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren
    EquiVoX-Link Ausgabe 563 · Teil Teil 16
  33. Magazin  Die Leichtigkeit der Zähmung, Neuhauser und das zweite Problempferd
    EquiVoX-Link Ausgabe 564 · Teil Teil 17


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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