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Nixon war bekanntlich der erste und einzige amerikanische Präsident, der von seinem Amt zurückgetreten ist, und zwar um einem Amtsenthebungsverfahren, dass es bis dahin noch nie gegeben hatte, zuvorzukommen, weil so gut wie sicher war, dass dieses Verfahren ihn aus dem Amt werfen würde. Bis heute ist die von seinen politischen Gegnern erfundene Kampagne in den USA der Maßstab aller Dinge und hat sich auch hierzulande fast als geflügeltes Wort etablieren können. Man fragt bei allem und jedem: „Würden Sie von diesem Mann ein gebrauchtes Auto kaufen?“ Bekanntlich werden die wenigsten Entscheidungen rational gefällt, viele Leute betonen auch ganz bewusst, dass sie mit „dem Bauch“ entscheiden, womit sie vermutlich das Kind mit dem Bade ausschütten. Selbstverständlich müssen wir uns um ein möglichst hohes Maß an Rationalität bemühen, aber da wir die Wirklichkeit mit unseren Sinnen und unserem Verstand nicht vollständig – manche behaupten sogar: höchst unzureichend – erfassen können, müssen wir Qualitäten ins Spiel bringen, die man mit dem Begriff „Intuition“ umschreiben kann. Also zum Beispiel, wenn man entscheiden muss, ob man jemandem traut oder nicht. Sie haben den beiden Weltpolitikern in die Augen geschaut, die sich im Jahre 1972 gegenseitig in die Augen geschaut haben. Wem trauen Sie? Wem würde ein Pferd trauen? Einem Pferd können Sie mit Worten nichts weismachen, das muss sich auf andere Informationen verlassen. Angeblich können Pferde sofort erkennen, wen sie vor sich haben, Dominanzgehabe hin oder her. Vielleicht entstehen manche Probleme überhaupt erst deshalb, weil der Mensch glaubt, auf seine Dominanz pochen zu können, die ihm das Pferd überhaupt nicht abkauft. Wir brauchen nicht nur deshalb unsere Intuition, weil wir nicht alle für eine Entscheidung relevanten Informationen rational erfassen können – wenn es sich beispielsweise um ein gebrauchtes Auto geht, wäre es sträflicher Leichtsinn, nicht alles zu untersuchen, was man mit vernünftigem Aufwand untersuchen kann, um sich ein Bild zu verschaffen, aber irgendwann muss man entscheiden und stellt sich die Frage, ob man dem Verkäufer trauen kann -, sondern weil es eine Menge Informationen gibt, die man rational gar nicht erfassen kann. Die Vertrauenswürdigkeit einer Person beispielsweise – wie wollte man die rational erfassen? In der Politik geht es beispielsweise darum zu beurteilen, wie ein Politiker mit kritischen Situationen umgehen würde. Als Es bedarf also konkreter Erfahrungen, um zu einem diesbezüglichen Urteil zu gelangen. Auf dem Wahlplakat der Demokraten wurde ein Foto eingesetzt, das natürlich etwas unfair war; auf dem (späteren) Foto aus dem ersten Abschnitt sieht Nixon ja wie ein Staatsmann aus, auf dem zweiten wie ein kleiner Betrüger – damit es auch der letzte und dümmste Wähler merkt, mit wem er es zu tun hat. Wie sich später herausstellte, war er mitnichten ein kleiner Betrüger, sondern ein großer, auf jeden Fall der größte, den die Amerikaner bis dahin ins Präsidentenamt gewählt hatten. Allerdings glauben viele Bürger, das jeder Politiker ein großer Betrüger ist, insofern habe man keine Wahl – aber das ist ein anderes Thema.
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Der Mensch möchte doch, zum Beispiel bei der Dressur, dass das Pferd sich so zur Geltung bringt, dass den Zuschauern das Herz erhoben wird, dass sie vom Anblick der Schönheit überwältigt werden, dass etwas geradezu Göttliches zum Ausdruck kommt. Und was sieht man? Geknechtete Pferde und schwitzende Reiter, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Pferd zu dem zu zwingen, was es freiwillig nicht geben will. Schöne Dominanz! In Wahrheit ist das überhaupt keine Dominanz, sondern nur aufgesetztes Gehabe, ein Terrorregime gewissermaßen, wie es auch jeder beliebige gemeine Diktator inszenieren könnte. Das macht den Mann nur in seinen eigenen Augen überlegen – alle anderen fürchten ihn vermutlich, vor allem aber verachten sie ihn. Zurück zu Neuhauser. Da haben wir diesen schwarzen Hengst, den alle fürchten, weil er unberechenbar und aggressiv ist, und nun kommt dieser Mann aus Bayern und fürchtet sich nicht vor ihm. Dieses Pferd kennt eigentlich nur schreckliche Menschen, darf man annehmen, und wird auch Neuhauser zunächst als das nehmen, was er ist: Als Mensch, der potentiell gefährlich ist, gegen den man sich zur Wehr setzen, vor dem man auf der Hut sein muss. Und dann macht er seine ersten Erfahrungen mit diesem Menschen, und diese Erfahrungen sind offenbar anders. Wir haben gesehen, dass Neuhauser von dem Schimmel angestiegen worden ist, dass er sich dieser Situation nicht ohne weiteres wieder aussetzen wollte und deshalb nach einem Ausweg suchte. Dieser Ausweg war eine kleine Tröte, die den Schimmel verblüffte, ihn auf Abstand hielt und dadurch Erfahrungen ermöglichte, aus denen der Schimmel wiederum Schlüsse zog. Dieser Neuhauser war offenbar jemand, der ihm nicht wehtun wollte. Das war jedenfalls der Schluss, den Neuhauser in Bezug auf den Schimmel gezogen hatte: Dieser Hengst hatte laut Neuhauser die Erfahrung gemacht, dass Menschen in immer wehtun. Welche Probleme der Rappe hatte, erfahren wir nicht. Wir sehen aber, dass Neuhauser die Intimdistanz des Hengstes so weit wie möglich respektiert. In der letzten Woche hatte ich geschrieben, dass Neuhauser sich auf einen ganz kleinen Bereich in der Mitte des Roundpen beschränkt und den Rest der Fläche den Hengst überlässt. Bei einem erneuten kritischen Betrachten der betreffenden Sequenz sah ich, dass dies nicht ganz stimmt. Nach einigen Minuten ist Neuhauser dem Hengst tatsächlich einmal in den Weg getreten – vermutlich, um sich besser bemerkbar zu machen und mehr Gehör zu verschaffen; übrigens mit einem Lächeln, nicht mit einer Drohgebärde, ganz spielerisch, tänzerisch, mit Leichtigkeit und Heiterkeit. Neuhauser ist kein Weichei – solche Leute können keinen Respekt erwarten. Er ist auch kein Giftzwerg, der sich aufblähen muss, er hat wirkliche Autorität und kann diese ausspielen. Diese gezielte Aktion hat selbstverständlich die erwünschte Wirkung gehabt: Der Rappe, der bis dahin durchaus schon Reaktionen auf Neuhausers Körpersignale gezeigt hatte, kehrte um. Er nahm damit Neuhauser nicht nur zur Kenntnis, sondern erkannte ihn als überlegene Kraft an, insofern als er ihm aus dem Weg gehen musste. Nachdem dies gelungen war, hat Neuhauser sich sofort wieder auf einen Bereich zurückgezogen, den man mit drei Schritten abzirkeln kann. Drei Schritte, das sind allenfalls 2 m – mehr Raum hat Neuhauser für sich nicht in Anspruch genommen. Von dieser Basis aus hat er die Kommunikation mit dem Hengst wieder aufgenommen. Nach der anfänglichen Interaktion, nach der der Hengst erfahren hatte, dass er mit Neuhauser zu rechnen hat, war das Band der Kommunikation schon geknüpft. Geringste Aktionen reichten aus, um Reaktionen zu bekommen. Und immer nur drei Schritte – dann hält Neuhauser ausdrücklich inne und wartet ab. Der Hengst bekommt Zeit zu reagieren. Neuhauser signalisiert damit, dass er ihn respektiert und eine Kommunikation wünscht. Er spielt gewissermaßen Tennis mit dem Pferd, der Ball wird von einer Seite auf die andere geschlagen, mal ist der eine am Ball, mal der andere. Nur ein solches Zusammenspiel kann Kommunikation genannt werden. Du und ich, ich und du. Wir beide. |
Die anfänglichen Versuche, mit dem, was die Sprecherin und Neuhauser Körpersprache nennen, also den sichtbaren körperlichen Interaktionen, Einfluss auf die Bewegung des Hengstes zu nehmen, waren nicht gerade von berauschendem Erfolg gekrönt, so dass er sich entschloss, dem Hengst einmal in den Weg zu treten. Neuhauser wollte aber offensichtlich nicht noch einmal so massiv in den Raum des Hengstes eingreifen, so dass er sich demonstrativ und ganz deutlich entspannt lächelnd wieder auf sein kleines Gebiet zurückzog. Der Hengst machte nun also fortwährend die Erfahrung, dass er sowohl respektiert als auch als Partner anerkannt wurde. Zwar war es offensichtlich Neuhauser, der den Hengst bewegte, und nicht umgekehrt, aber der Hengst konnte die Erfahrung machen, dass diese Art von Zusammenspiel durchaus angenehm war. Bewegung tut ja gut, Bewegung fühlt sich gut an, Bewegung macht Spaß, und als Herdentier weiß der Rappe natürlich genau, wie Kommunikation vonstatten geht, wie ein Partner den anderen in einer Kommunikation bewegt. Das ist das Einmaleins der Pferdesprache. Um das Geschehen besser analysieren zu können, habe ich wieder einmal den Film zerlegt, und zwar in die so genannten Frames. Das entspricht etwa dem Effekt einer Serienschaltung beim Fotografieren. Aus dem Fluss der sich ständig verändernden Realität werden gewissermaßen Schnitte herausgenommen, die in ihrer Abfolge eine genauere Analyse ermöglichen. Man kann auch sagen, dass die Zeit verdichtet wurde; die winzigen Änderungen, die beim Film festgehalten werden, ergeben in ihrer Reproduktion die Illusion einer kontinuierlichen Bewegung; wenn man nun einen Teil dieses Materials wegwirft, bekommt man größere Änderungen präsentiert, die das Wesentliche schärfer herausarbeiten und wie unter einer Lupe verdeutlichen. Unter dieser Lupe sehen wir nun etwas sehr Eigenartiges, das mir bisher stets entgangen war, obwohl ich mir doch auch die anderen Szenen sehr sorgfältig angeschaut hatte: Neuhauser verneigt sich, er verneigt sich vor dem Pferd, wenn dieses auf ihn reagiert hat, er macht sogar eine segnende Geste, so als würde er ein Kreuz schlagen, und erst jetzt fällt mir auf, dass er das immer so macht. Und dabei murmelt er so etwas wie: „Good boy, thank you.“
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Zum Vergleich noch einmal die Szenerie, die ich in der letzten Woche geschildert habe: Das Pferd hatte Angst, durch die Tür zu gehen, und der Pferdeflüsterer nahm überhaupt keine Rücksicht auf diese Angst, sondern marschierte, überheblich wie er war, mit dem Pferd im Schlepptau durch die Tür und wunderte sich, dass dieses ihm nicht folgen wollte, sondern vor der Tür seiner Paniktanz aufführte. Neuhauser unterlässt aber nicht nur alles, was das Pferd bedrängen könnte, er öffnet dem Pferd auch Spielräume, er gibt dem Pferd Sicherheit, er lässt dem Pferd Freiheiten, er reagiert auf das Pferd, so dass das Pferd sich angenommen fühlen konnte und verstanden. Dem Pferd drängte sich die Einsicht auf, dass dieser Partner ihm zuhört und auf seine Bedürfnisse eingeht, dass es respektiert wird. Durch diese Erfahrung wurde Vertrauen aufgebaut, die dann anschließend auch sichtbar wurde. Der Hengst kam auf Neuhauser zu. Freiwillig. Das ist etwas ganz anderes als die Methode von Monty Roberts, bei der ein Pferd so lange geknechtet wird, bis es angekrochen kommt, um dem pausenlosen Druck endlich entgehen zu können. Abbsubj kommt aus freien Stücken. Er kommt, weil er neugierig ist: Er will dieses komische Wesen, das ihm ganz neue Erfahrungen verschafft hat, näher in Augenschein nehmen. Was immer das Problem des Rappen war – Neuhauser hat sich so verhalten, dass er Raum bekam und von sich aus eine Annäherung an Neuhauser wagen konnte. Die weiche Methode siegte wieder einmal.
Nun komme ich wieder zurück zu den Fragen, die ich am Ende des letzten Artikels gestellt hatte: Kann man all das lernen oder ist es einfach eine Frage der Persönlichkeit, des Charakters? Geht es nur darum, bestimmte Beziehungsmuster zu lernen, wie etwa bei einem Tanz, oder muss die gesamte Persönlichkeit verändert werden, um solche Resultate erzielen zu können? Und wenn ja, wie macht man das? Kann Neuhauser das? Kann er aus einem kalten, herrschsüchtigen, machtbesessenen Menschen eine einfühlsame, mitfühlende, warmherzige Persönlichkeit machen? Geht so etwas überhaupt? Kann man einen Frosch in einen Prinzen verwandeln? Könnte ein Tyrann, ein Diktator, ein grausamer Machtmensch sich so verhalten? Und wenn er das könnte – würde das Pferd es glauben können, oder würde es dieses Verhalten als Maskerade durchschauen, als Vorspiegelung falscher Tatsachen, als Betrug? Könnte man Pferde genauso leicht täuschen wie Menschen? Oder haben Pferde einen feinen Sinn für solche Dinge, der uns Menschen abgeht? Die arabischen Gestütsexperten haben dazu eine ganz eigene Meinung. |
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