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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 566, erschienen am 01.02.2010

Magazin  Ausgabe 566

Nach 20 Minuten lammfromm
Abbsubj folgt HJN auf Fingerzeig

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Denkstile und Denkkollektive
  2. Abschnitt  Paradigmenwechsel
  3. Abschnitt  Ludvik Fleck
  4. Abschnitt  Wahrheit und Wandel
  5. Abschnitt  Herr Keuner
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19
Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 568:
Hauptartikel  Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Der gefährliche Hengst Abbsubj
Kopfschlagen, Gestütspersonal, Kameramann
Freiwillige Annäherung: wie macht er das?
Abbsubj läßt sich nach 20 min berühren
Denkstile und Denkkollektive

Nur in der eigenen Clique geht's einem richtig gut

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Die beiden letzten Ausgaben kreisten um die Frage, inwieweit die auf der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten dargestellten Methoden » Hans-Jürgen Neuhausers erlernbar sind oder ob seine Erfolge auch auf Charaktereigenschaften schließen lassen, die durch ein einfaches Training, intensive Kurse oder umfassende DVDs nicht zu beeinflussen wären.

Wenn dem so wäre, könnten beispielsweise Leute wie der in diesen beiden Artikeln erwähnte Pferdeflüsterer von Neuhauser nichts lernen. Wer Pferde wie ein Tyrann dominieren muss, kann bestimmt bei vielen Pferden viel erreichen, bei manchen aber wird er sich die Zähne ausbeißen, wie bei den beiden Hengsten aus dem arabischen Luxusgestüt in Wikipedia-Link» Schardscha, das in seiner Not schließlich den unbekannten bayerischen Pferdeflüsterer zu Hilfe rufen musste.

Die Frage, inwieweit wir von Neuhauser lernen, wir seine auf der DVD dokumentierten und unbestreitbaren Erfolge also mehr oder weniger genauso gut nachvollziehen können, muss aber vielleicht noch etwas ausgeweitet werden. Denn möglicherweise ist es uns noch aus ganz anderen Gründen unmöglich, ihm zu folgen: Nicht nur, weil unser Charakter ungeeignet ist und wir von von vornherein darauf bestehen müssen, Pferde zu knechten, pardon: zu dominieren – vielleicht können wir seine Methoden auch aus anderen Gründen gar nicht annehmen.

Um das zu erörtern und verständlich zu machen, muss ich leider noch einmal etwas ausholen und die Problematik rund um die Pferdeflüsterer und unser aller Lernmöglichkeiten in einem größeren Zusammenhang darstellen; dann wird uns vermutlich deutlich, dass das Problem größer sein könnte als gedacht.

Neuhauser ist ein Quereinsteiger, ein Neuling in der Pferdeszene, ein Autodidakt. Er hat erst im Erwachsenenalter Kontakt zu Pferden bekommen und will uns nun erzählen, wie man mit Pferden wirklich umzugehen hat. Ist das nicht skandalös? Müssen sich nicht alle diejenigen, die in der Pferdekultur von Kindesbeinen an zuhause sind, die fast eine Million organisierter FN-Mitglieder und erwerbsmäßigen Pferdemenschen vor den Kopf gestoßen fühlen?

Da kommt ein blutiger Amateur daher und will den Profis erzählen, wie es geht. Das ist doch unerhört! Geradezu unverschämt! Man kann die Empörung der Fachleute über all diese neunmalklugen Pferdeflüsterer durchaus nachvollziehen. Da hat man sich sein Leben lang bemüht, die überlieferten Schätze der besten Pferdeexperten, nein: Reitmeister aller Jahrhunderte zu verstehen und sich anzueignen, hat viel Schweiß und Tränen, Energie und Zeit investiert, und nun soll das alles nichts wert sein?

Wenn das richtig wäre, dann könnte ja jeder, der sich ein Pferd anschafft und mit diesem Pferd einigermaßen zurechtkommt, mit demselben Anspruch die Welt belehren wollen, wie man mit Pferden umzugehen habe. Und ist es nicht so, werden wir nicht von selbsternannten Pferdeflüsterern aller Orten überschwemmt?

Weiß nicht jeder von diesen genau, was ein Pferd ist und wie man mit ihm umzugehen hat? Erheben nicht viele von diesen den Vorwurf, alle anderen würden es falsch machen? Werden nicht insbesondere die bewährten Methoden, auf die sich jahrhundertelang die fortschrittlichsten und schlagkräftig Armeen verlassen haben, die seitdem kontinuierlich weiterentwickelt wurden und heute weltweit höchst erfolgreich im Sport eingesetzt werden, ungerechtfertigt, möglicherweise sogar böswillig verunglimpft? Sind die bitteren Klagen der Traditionalisten nicht vollkommen verständlich und sogar uneingeschränkt berechtigt?

Paradigmenwechsel  oben 



Es ist nicht einfach, diesen Anschuldigungen angemessen zu begegnen. Zunächst darf man aber doch wohl fragen, wieso die Verteidiger der sogenannten klassischen Reitkunst und der daraus abgeleiteten modernen Reitlehren so sicher sind, dass ihr Zugang der einzig wahre ist? Schließlich berufen sie sich auf einige wenige Vertreter der westlichen höfischen Reitschulen und militärischen Ausbildungsanstalten, neben denen zumindest eine ganze Reihe von ebenfalls westlichen Schulen der Gebrauchsreiterei existieren, von den gar nicht genannten Schulen der Reiter der restlichen Welt, insbesondere der arabischen und asiatischen Reitervölker, die ja immerhin vor Jahrhunderten Westeuropa mit Hilfe ihrer Reiterei zu überrennen drohten, ganz zu schweigen.

Können die Mitglieder dieser anderen Kulturen etwa nicht reiten? Verderben die ihre Pferde systematisch mangels besseren Wissens, weil sie nicht die Skala der Ausbildung nach FN einsetzen (an der übrigens nicht jeder Pferdeflüsterer, insbesondere Neuhauser gar nicht rütteln will, im Gegenteil)? Spricht aus diesem Urteil nicht vielleicht eine Voreingenommenheit, die einzig und allein dem Dünkel des westlichen Herrenmenschen zuzuschreiben ist?

Ich glaube schon, aber diese Bemerkung dürfte niemand als Einwand gelten lassen. Schließlich dominieren wir mit unserer westlichen Wissenschaft in gleicher Weise die ganze Welt und haben überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Warum sollten wir nicht auch mit dem gleichen Selbstbewusstsein annehmen, wir hätten in Bezug auf die Reiterei die Weisheit mit Löffel gefressen? Immerhin nehmen wir für uns ohne weiteres in Anspruch, besser reiten zu können als die wilden Reiterhorden, und vermutlich stimmt das sogar, wenn man die Wertmaßstäbe unserer Reitkultur zu Grunde legt.

Aber dürfen wir das? Wo steht geschrieben, dass nur diese Maßstäbe gültig sind? Ganz abgesehen davon, dass innerhalb der hier angesprochenen Szene keineswegs Einigkeit darüber herrscht, wie man denn zu reiten habe – selbst innerhalb der extrem kleinen Gruppe der Weltklassereiter in der Disziplin der Dressur findet man genügend unterschiedliche Auffassungen, um endlos diskutieren zu können. Mitunter gibt es sogar erbitterte Auseinandersetzungen, die selbst mithilfe von Expertengremien nicht geschlichtet werden können – man denke nur an das Thema Rollkur.

Aber zurück zu den Pferdeflüsterern, die die Szene beunruhigen. » Klaus Ferdinand Hempfling, einer der bekanntesten und auffälligsten Pferdeflüsterer, der nach wie vor seine begeisterten Anhänger hat, war ebenfalls ein Außenseiter und wurde von den Alteingesessenen der Pferdeszene schwer angegriffen. Als dieser sich dann ins Abseits manövriert hatte, fühlten sich alle bestätigt. Es geht doch nichts über die Tradition. Die Alten wussten alles besser, das Heil liegt nur in der Rückkehr zur Vergangenheit. Dieser Lackel, der im Grunde gar nichts können kann, wollte die Reiterwelt neu erfinden – kein Wunder, dass das schief gehen musste. Recht geschieht ihm!

Und nun also Neuhauser! Diese DVD ist zweifellos in der Welt, es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Bilder gefälscht sind, man hat im Film jede Menge Zeugenaussagen und könnte unter Umständen auch im Nachhinein weitere Zeugenaussagen beibringen. Der Mann hat uns auf dieser DVD gezeigt, wie man es macht und was möglich ist, und jeder, der den Mund voll nimmt, ist aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Freiwillige vor, bitte sehr!

Meines Erachtens wird an dieser Stelle ein Mechanismus deutlich, der sich durch alle Lebenslagen durchzieht. Heutzutage ist den meisten Leuten das Wort Wikipedia-Link» Paradigma geläufig, vor allem in der Zusammensetzung Wikipedia-Link» Paradigmenwechsel. Vor 40 Jahren war mir das Wort unbekannt, als mir ein Mathematikerfreund, der später Philosoph wurde, begeistert von Wikipedia-Link» Thomas S. Kuhn und seinem Werk booklooker-Link» Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, ursprünglich erschienen 1962, erzählte. Darin ging es um die spannende Frage, wie sich neue Einsichten in den Wissenschaften durchsetzen.

Es stellte sich laut Kuhn heraus, dass es keineswegs so ist, dass die bessere Methode sofort als solche anerkannt wird. Vielmehr hält die Gemeinschaft der Wissenschaftler über lange Zeit an einer Theorie fest, selbst wenn sich nicht alle Aspekte der Wirklichkeit mithilfe dieser Theorie beschreiben lassen. Stattdessen versucht man, die Defekte der Theorie mit Hilfskonstruktionen zu retten.

Das bekannteste Beispiel ist das Wikipedia-Link» Die Kopernikanische Wende, wo das Wikipedia-Link» geozentrische Weltbild durch das Wikipedia-Link» heliozentrische Weltbild ersetzt wurde (heute wieder durch das Wikipedia-Link» Relativitätsprinzip ersetzt). Man hatte zu Beginn der Neuzeit durchaus erkannt, dass Ersteres den Tatsachen nicht ganz entsprach und deshalb komplizierte Zusatzannahmen entwickelt, um die Wirklichkeit zu erklären und die Theorie zu retten.

Letzteres erklärte die Realität mit viel einfacheren Mitteln, entsprach aber einen völlig anderen Weltbild, das zunächst völlig unannehmbar zu sein schien. Es dauerte sehr lange, bis es sich durchsetzen konnte. Wikipedia-Link» Galileo Galilei wurde angeblich mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bedroht, weil er sich für das heliozentrische Weltbild ausgesprochen hatte – was aber anscheinend eher eine Legende ist, die die Schwierigkeiten des Übergangs drastisch verdeutlicht.

Die Paradigmenwechsel in der Wissenschaft stellen sich in dieser Lesart weniger als Revolutionen als vielmehr als Generationswechsel dar. Die alten Lehrstuhlinhaber wehren sich mit Händen und Füßen gegen die neuen Einsichten, die revolutionären Jungwissenschaftler können sich letzten Endes nur deshalb durchsetzen, weil die alte Generation ausstirbt. Insbesondere behauptet Kuhn damit, dass die Wissenschaft sich nicht linear entwickelt, nicht ständig einfach fortschreitet, sondern von Zeit zu Zeit ein System mit einem gewaltigen Bruch durch ein anderes ersetzt.

Ludvik Fleck  oben 



Wie auch immer sich Übergänge bei grundlegenden Theoriewechseln im Wissenschaftsbetrieb im einzelnen darstellen – selbstverständlich wurden die Thesen Kuhns von seinen Kollegen angegriffen -, auch im Alltag macht sich die Tendenz bemerkbar, an liebgewonnenen Vorstellungen festzuhalten und lieber die Realität in diesem Sinne umzuinterpretieren als sich neuen Vorstellungen zu öffnen, die schon der Neuheit wegen erst einmal bedrohlich sein müssen.

So ist es beispielsweise für Kinder überlebensnotwendig, die Eltern auch dann in einem besseren Licht dastehen zu lassen, wenn diese sich falsch oder missbräuchlich verhalten – schließlich sind die Kinder von den Eltern unmittelbar abhängig und würden ohne sie sterben müssen.

Die Realität in den Familien sah und sieht oft ziemlich schrecklich aus. In vielen Wikipedia-Link» Grimmschen Märchen wird dieses Thema aufgegriffen. Das Dilemma, in dem die Kinder sich befinden, wird märchenhaft dargestellt und ebenso märchenhaft gelöst (beispielsweise in Wikipedia-Link» Hänsel und Gretel, siehe auch Wikipedia-Link» Die Stiefmutter im Märchen).

Aus Kindern werden Erwachsene, und manche von ihnen erkennen dann, wie übel ihnen die Eltern zuweilen oder gar oft mitgespielt haben. Dabei geht es gar nicht mal um Schuldvorwürfe, sondern nur um die Anerkennung der Realität. Es ist äußerst schmerzhaft, diese zuzulassen und das Leben unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen. Auch dieses kann man als einen Paradigmenwechsel ansehen. Manch einer zieht die Illusion einer heilen Welt vor, weil das Leben leichter zu ertragen ist, wenn man sich selbst belügt.

Die Untersuchungen Kuhns sind weltweit sehr bekannt geworden und werden heute auf viele Gebiete angewendet, auf die Kuhn sie gar nicht angewendet sehen wollte; sie scheinen also etwas Wichtiges auszudrücken. Schon knapp 30 Jahre früher hatte Wikipedia-Link» Ludwik Fleck ähnliche Ideen geäußert (booklooker-Link» Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, 1935). Seine Arbeit wurde erst durch eine Bemerkung im Vorwort Kuhns wiederentdeckt, der kurz vor der Abfassung seines Buches auf Flecks Arbeit gestoßen war. Da war Fleck bereits gestorben.

Dieser war Mediziner von Haus aus, nicht Physiker wie Kuhn. Seine Überlegungen zielen auf allgemeine Lebenssituationen, nicht nur auf harte Wissenschaften. Deshalb sind seine Gedanken für uns viel wichtiger; wir können sie direkt auf das vorliegende Problem anwenden:

Jedes denkende Individuum hat also als Mitglied irgendeiner Gesellschaft seine eigene Wirklichkeit, in der und nach der es lebt. Jeder Mensch besitzt sogar viele, zum Teil widersprechende Wirklichkeiten: die Wirklichkeit des alltäglichen Lebens, eine berufliche, eine religiöse, eine politische und eine kleine wissenschaftliche Wirklichkeit

Erkenntnis ist nach Ansicht Flecks ein soziales Phänomen und daher nicht als eine zweistellige Relation zwischen Subjekt und Objekt zu verstehen. Vielmehr müsse als dritter Faktor im Erkenntnisprozess das Denkkollektiv eingeführt werden, das „als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen“ definiert wird. In diesem Sinne sei das Denkkollektiv der „Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstils.

Wikipedia-Link» Ludwik Fleck

Beispielsweise ist die Art und Weise, wie wir über das Reiten denken, ganz offensichtlich durch die Gemeinschaft der Menschen bestimmt, die sich mit dem Reiten beschäftigen und in der wir uns bewegen; das sind etwa diejenigen, die sich in der FN oder in den verschiedenen anderen Interessenverbänden (Freizeitreiter, Islandreiter, Wanderreiter, Westernreiter etc.) organisiert haben. Wir sind ja gerade dort Mitglied, um uns mit Gleichgesinnten zu treffen und uns dort wohlzufühlen.

Das Denkkollektiv wird durch einen Denkstil zusammengehalten, der von Fleck als „gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechenden gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen“ definiert wird. Der Denkstil lege fest, was innerhalb des Kollektivs als wissenschaftliches Problem, evidentes Urteil oder angemessene Methode gelte. Auch was als Wahrheit gelte, könne nur in der stilgemäßen Auflösung von Problemen bestimmt werden:

a.a.O.

Die richtige Reitweisen, der richtige Umgang mit dem Pferd, die richtige Lösung eines Problems wird also durch die Gruppe festgelegt. Wenn ein Pferd Zicken macht, gibt es bei vielen Pferdeleuten nur eins: Hart rannehmen. Dem Zossen mal endlich zeigen, was Sache ist. Wenn Sie sich in solch einer Gruppe bewegen und andere Vorstellungen haben, dann können Sie einem leid tun. Sie werden Ihres Lebens nicht mehr froh.

Bestimmt haben Sie oft genug am eigenen Leibe erfahren, wie schwer es ist, in einer Gruppe eine abweichende Meinung zu äußern. In Filmen und Romanen wird gern geschildert, wie sich Gruppendruck insbesondere bei Jugendlichen und Heranwachsenden auswirkt. Wer anders denkt, gehört nicht mehr dazu. Das passiert auch in vielen Reitställen: Wer sich anders benimmt, wer andere Vorstellungen hat, wer mit seinem Pferd anders umgeht, den mag man nicht, der wird gemieden, ausgegrenzt, gemobbt. Da gibt es keine Diskussion, da sind sich alle einig.

Wahrheit und Wandel  oben 



Das klingt jetzt schrecklich, aber vermutlich handelt es sich einfach nur um eine Überlebensmaßnahme. Das Leben ist furchtbar kompliziert; um sich zurechtzufinden, muss man vielfältige Konstruktionen schaffen, die einem das Leben erleichtern. Man kann nicht über alles nachdenken und alles mit seinen Mitmenschen diskutieren. Man würde nichts geregelt bekommen. Deshalb brauchen wir Konventionen und Verabredungen, einigen uns auf gemeinsame Vorstellungen, so dass wir ohne große Schwierigkeiten miteinander auskommen können. Wenn ich mir ziemlich sicher sein kann, wie der andere drauf ist, kann ich mich entspannen und einfach nur ich selbst sein.

Die übliche Konversation besteht ja zu großen Teilen aus einer gegenseitigen Vergewisserung und Bestätigung: Du siehst die Dinge so wie ich, wir sind uns einig, ich bin also o.k. Wenn du die Dinge hingegen anders siehst, muss ich mich mit dir auseinandersetzen, und das wird unangenehm und schwierig, das möchte ich eigentlich nicht, also gehe ich dir aus dem Weg und suche mir andere Weggefährten, mit denen ich mich besser verstehe. Wenn ich aber unbedingt zu dir und deiner Gruppe gehören möchte, muss ich mich anpassen und die Dinge genauso sehen wie du. Es sei denn, ich will mich dir und der Gruppe gegenüber durchsetzen; dann muss ich mich dem Kampf der Meinungen und Überzeugungen stellen.

Etwas weniger plump und eingängig formuliert, liest sich der ganze Vorgang so:

Solche stilgemäße Auflösung, nur singular möglich, heißt Wahrheit. Sie ist nicht »relativ« oder gar »subjektiv« im populären Sinne des Wortes. Sie ist immer oder fast immer, innerhalb eines Denkstils, vollständig determiniert. Man kann nie sagen, derselbe Gedanke sei für A wahr und für B falsch. Gehören A und B demselben Denkkollektive an, dann ist der Gedanke für beide entweder wahr oder falsch. Gehören sie aber verschiedenen Denkkollektiven an, so ist es eben nicht derselbe Gedanke, da er für einen von ihnen unklar sein muß oder von ihm anders verstanden wird.

a.a.O.

So erklärt sich, warum jede der Denkrichtungen die Wahrheit für sich gepachtet hat, warum es keine Kompromisse geben kann, warum man überzeugt ist, im Besitz der Wahrheit zu sein und alle anderen zu Feinden erklärt werden müssen.

Dennoch aber ändert sich die Welt ständig – nichts bleibt so, wie es ist. Kuhn hatte erklärt, dass die Angehörigen einer Denkrichtung sich nicht ändern können und eine Wandlung nur durch einen Generationswechsel vollzogen werden kann – das Alte stirbt aus, das Neue wächst heran. Fleck sieht die Dinge anders; zwar gibt er zu, dass das Gruppendenken extrem rigide ist und allerlei Vorkehrungen gegen Veränderungen kennt, ganz ähnlich wie Kuhn das schildert:

Der Denkstil werde zwar im intra- und interkollektiven Gedankenaustausch permanent geringfügig verändert, erzeuge jedoch zugleich einen Denkzwang, der grundlegende Veränderungen ver- oder zumindest behindere. Diese „Beharrungstendenz“ im Denkstil wird nach Fleck durch fünf Strategien gesichert. Erstens scheine ein Widerspruch zum Meinungssystem undenkbar, so dass gar nicht erst nach konträren Evidenzen gesucht werde. Sollten dennoch widersprechende Evidenzen auftauchen, so blieben sie zweitens ungesehen und ignoriert. Wenn ein Forscher dennoch auf einen Widerspruch stoße, so bleibe dieser drittens häufig verschwiegen und nicht diskutiert. Sollte der Widerspruch dennoch offensichtlich werden, so werde er viertens mittels großer Kraftanstrengung in das Meinungssystem integriert. Insbesondere dieses Merkmal hat in der neueren Wissenschaftsgeschichte und -theorie große Beachtung gefunden. Ein klassisches Beispiel ist die Konstruktion von Epizyklen zur Verteidigung des geozentrischen Weltbildes. Schließlich argumentiert Fleck, dass ein Denkstil sogar Beobachtungen „erdichte“ , die der herrschenden Anschauung entsprechen. So wurde etwa die Analogie maskuliner und femininer Geschlechtsteile in zahlreichen anatomischen Lehrbüchern gezeichnet, auch wenn sie dem heutigen Beobachter als pure Fiktion erscheint.

a.a.O.

Nach seiner Vorstellung findet ein Wandel ganz allmählich statt; nicht nur das, altes und neues Denken kann sogar parallel nebeneinander existieren; auf jeden Fall beeinflusst das neue Denken das alte und das alte schimmert unter dem neuen weiterhin hindurch.

Wenn es trotz derartiger Mechanismen zu einer grundlegenden Veränderung des Denkstils kommt, so verschwinden nach Fleck die alten Meinungssysteme nicht vollständig. Zum einen gebe es Minderheiten, die an einem alten Denkstil festhalten, wie etwa an der Astrologie, Alchemie und Magie. Zudem sei jeder Denkstil wesentlich durch seine Vorgänger geprägt. „Wahrscheinlich bilden sich nur sehr wenige vollkommen neue Begriffe ohne irgendeine Beziehung zu früheren Denkstilen. Nur ihre Färbung ändert sich zumeist, wie der wissenschaftliche Begriff der Kraft dem alltäglichen Kraftbegriff oder der neue Syphilisbegriff dem mystischen entstammt.

a.a.O.

Herr Keuner  oben 



Wer bist du denn?
Kurze Berührung, Rückzug, segnende Verbeugung
Folge mir, aber komm nicht zu nah
Diese Vorstellung gefällt mir viel besser als die von Kuhn vorgetragene. Ich wäre doch sehr bestürzt, wenn ich heute noch dasselbe denken würde wie vor 10, 20 oder 40 Jahren.

Dem Herrn Keuner begegnete um 1930 ein Mann, der ihn lange nicht gesehen hatte und nun mit den Worten ", Sie haben sich gar nicht verändert' begrüßte. , Oh!', sagte Herr Keuner und erbleichte."

» Na, immer noch unverändert?

Dabei bin ich mir dessen bewusst, dass alle diese Veränderungen nur etwas schärfer herausgearbeitet haben, wer ich eigentlich bin und was ich denke. Oder besser gesagt: Im Laufe meines Lebens habe ich viele Gelegenheiten gehabt, mich selbst zu erfahren und auch denkerisch zu erproben. Ich habe mich immer wieder entscheiden müssen und mich auch dabei immer wieder neu erlebt. So bin ich herangereift und fühle mich keineswegs ausgereift. Nach wie vor bin ich neugierig auf neue Ideen und neue Erfahrungen. Ob ich damit die Wahrheit erfasse, ist freilich eine andere Frage.

Obwohl jeder Denkstil somit auf den Schultern vergangener Meinungssysteme stehe, können die Veränderungen so grundlegend sein, dass Denkstile eine vollkommen fremde Gedankenwelt konstituieren. Als Illustration verweist Fleck etwa auf einen Text aus dem 18. Jahrhundert, der behauptet, dass man nach dem Essen leichter als vor dem Essen sei, so wie auch Lebende leichter als Tote und fröhliche Menschen leichter als traurige Menschen seien. Aus der Perspektive des modernen Begriffs der Schwere scheinen diese Behauptungen absurd, allerdings beruhten sie auf einer in sich kohärenten Verknüpfung von Schwere, Schwerfälligkeit und Schwermut: „Diese Menschen haben beobachtet, nachgedacht, Ähnlichkeiten gefunden und verbunden, allgemeine Prinzipien aufgestellt – und doch ein ganz anderes Wissen aufgebaut als wir.

a.a.O.

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich ein Kind meiner Zeit bin und manche Zeitströmungen mich sehr beeindruckt und beeinflusst haben, andere wiederum weniger, manche haben mich sogar abgestoßen. Mein Verhältnis zu Pferden, meine Erfahrung mit Pferden, meine Geschichte mit Pferden wäre ohne die Bewegung der Pferdeflüsterer nicht recht verständlich. In der FN würde ich mich überhaupt nicht zuhause fühlen. Und umgekehrt wird es genauso sein.

Jemand, der in der Tradition der FN aufgewachsen ist, also in der Tradition der Militärs, der Härte und des Drucks, des Materialverschleißes und des Mitteleinsatzes, der kann vermutlich gar keinen Zugang zur Welt des Hans-Jürgen Neuhauser bekommen. Es handelt sich da gar nicht um mangelnden guten Willen, sondern um verschiedene Denkstile, wie Fleck sagen würde.

Die offensichtlichen Probleme des Luxusgestüts, die es in diesem Lande sicherlich ebenfalls zuhauf gibt, werden in einem solchen Denkkollektiv einfach ausgeblendet. Man ist überhaupt nicht daran interessiert zu erfahren, ob und wie man diese Probleme lösen kann, wenn die Lösung außerhalb des eigenen Rahmens liegt. So einfach ist das.

Und wenn man solchen Leuten dann zeigt, wie die Lösung aussieht, werden sie es nicht wahrhaben wollen.

Quellen / Verweise  oben 

  1. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  2. » Hans-Jürgen Neuhauser
  3. Wikipedia-Link» Schardscha
  4. » Klaus Ferdinand Hempfling
  5. Wikipedia-Link» Paradigma
  6. Wikipedia-Link» Paradigmenwechsel
  7. Wikipedia-Link» Thomas S. Kuhn
  8. booklooker-Link» Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1962, ISBN 3-518-27625-5)
  9. Wikipedia-Link» Die Kopernikanische Wende
  10. Wikipedia-Link» Geozentrisches Weltbild
  11. Wikipedia-Link» Heliozentrisches Weltbild
  12. Wikipedia-Link» Relativitätsprinzip
  13. Wikipedia-Link» Galileo Galilei
  14. Wikipedia-Link» Grimms Märchen
  15. Wikipedia-Link» Hänsel und Gretel
  16. Wikipedia-Link» Die Stiefmutter im Märchen
  17. Wikipedia-Link» Ludwik Fleck
  18. booklooker-Link» Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1980/1935, ISBN 9783518279120)
  19. » Na, immer noch unverändert?
  20. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  21. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  22. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  23. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  24. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  25. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  26. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  27. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  28. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  29. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  30. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  31. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  32. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  33. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14
  34. Magazin  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 561 · Teil Teil 15
  35. Magazin  Muss man sich anstrengen?, Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren
    EquiVoX-Link Ausgabe 563 · Teil Teil 16
  36. Magazin  Die Leichtigkeit der Zähmung, Neuhauser und das zweite Problempferd
    EquiVoX-Link Ausgabe 564 · Teil Teil 17
  37. Magazin  Über Dominanz und Vertrauen, Auch Pferdeleute können vom Wasser lernen
    EquiVoX-Link Ausgabe 565 · Teil Teil 18


Abbildungen

Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

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