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Können die Mitglieder dieser anderen Kulturen etwa nicht reiten? Verderben die ihre Pferde systematisch mangels besseren Wissens, weil sie nicht die Skala der Ausbildung nach FN einsetzen (an der übrigens nicht jeder Pferdeflüsterer, insbesondere Neuhauser gar nicht rütteln will, im Gegenteil)? Spricht aus diesem Urteil nicht vielleicht eine Voreingenommenheit, die einzig und allein dem Dünkel des westlichen Herrenmenschen zuzuschreiben ist? Ich glaube schon, aber diese Bemerkung dürfte niemand als Einwand gelten lassen. Schließlich dominieren wir mit unserer westlichen Wissenschaft in gleicher Weise die ganze Welt und haben überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Warum sollten wir nicht auch mit dem gleichen Selbstbewusstsein annehmen, wir hätten in Bezug auf die Reiterei die Weisheit mit Löffel gefressen? Immerhin nehmen wir für uns ohne weiteres in Anspruch, besser reiten zu können als die wilden Reiterhorden, und vermutlich stimmt das sogar, wenn man die Wertmaßstäbe unserer Reitkultur zu Grunde legt. Aber dürfen wir das? Wo steht geschrieben, dass nur diese Maßstäbe gültig sind? Ganz abgesehen davon, dass innerhalb der hier angesprochenen Szene keineswegs Einigkeit darüber herrscht, wie man denn zu reiten habe – selbst innerhalb der extrem kleinen Gruppe der Weltklassereiter in der Disziplin der Dressur findet man genügend unterschiedliche Auffassungen, um endlos diskutieren zu können. Mitunter gibt es sogar erbitterte Auseinandersetzungen, die selbst mithilfe von Expertengremien nicht geschlichtet werden können – man denke nur an das Thema Rollkur. Aber zurück zu den Pferdeflüsterern, die die Szene beunruhigen. » Klaus Ferdinand Hempfling, einer der bekanntesten und auffälligsten Pferdeflüsterer, der nach wie vor seine begeisterten Anhänger hat, war ebenfalls ein Außenseiter und wurde von den Alteingesessenen der Pferdeszene schwer angegriffen. Als dieser sich dann ins Abseits manövriert hatte, fühlten sich alle bestätigt. Es geht doch nichts über die Tradition. Die Alten wussten alles besser, das Heil liegt nur in der Rückkehr zur Vergangenheit. Dieser Lackel, der im Grunde gar nichts können kann, wollte die Reiterwelt neu erfinden – kein Wunder, dass das schief gehen musste. Recht geschieht ihm! Und nun also Neuhauser! Diese DVD ist zweifellos in der Welt, es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Bilder gefälscht sind, man hat im Film jede Menge Zeugenaussagen und könnte unter Umständen auch im Nachhinein weitere Zeugenaussagen beibringen. Der Mann hat uns auf dieser DVD gezeigt, wie man es macht und was möglich ist, und jeder, der den Mund voll nimmt, ist aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Freiwillige vor, bitte sehr! Meines Erachtens wird an dieser Stelle ein Mechanismus deutlich, der sich durch alle Lebenslagen durchzieht. Heutzutage ist den meisten Leuten das Wort Es stellte sich laut Kuhn heraus, dass es keineswegs so ist, dass die bessere Methode sofort als solche anerkannt wird. Vielmehr hält die Gemeinschaft der Wissenschaftler über lange Zeit an einer Theorie fest, selbst wenn sich nicht alle Aspekte der Wirklichkeit mithilfe dieser Theorie beschreiben lassen. Stattdessen versucht man, die Defekte der Theorie mit Hilfskonstruktionen zu retten. Das bekannteste Beispiel ist das Letzteres erklärte die Realität mit viel einfacheren Mitteln, entsprach aber einen völlig anderen Weltbild, das zunächst völlig unannehmbar zu sein schien. Es dauerte sehr lange, bis es sich durchsetzen konnte. Die Paradigmenwechsel in der Wissenschaft stellen sich in dieser Lesart weniger als Revolutionen als vielmehr als Generationswechsel dar. Die alten Lehrstuhlinhaber wehren sich mit Händen und Füßen gegen die neuen Einsichten, die revolutionären Jungwissenschaftler können sich letzten Endes nur deshalb durchsetzen, weil die alte Generation ausstirbt. Insbesondere behauptet Kuhn damit, dass die Wissenschaft sich nicht linear entwickelt, nicht ständig einfach fortschreitet, sondern von Zeit zu Zeit ein System mit einem gewaltigen Bruch durch ein anderes ersetzt. |
So ist es beispielsweise für Kinder überlebensnotwendig, die Eltern auch dann in einem besseren Licht dastehen zu lassen, wenn diese sich falsch oder missbräuchlich verhalten – schließlich sind die Kinder von den Eltern unmittelbar abhängig und würden ohne sie sterben müssen. Die Realität in den Familien sah und sieht oft ziemlich schrecklich aus. In vielen Aus Kindern werden Erwachsene, und manche von ihnen erkennen dann, wie übel ihnen die Eltern zuweilen oder gar oft mitgespielt haben. Dabei geht es gar nicht mal um Schuldvorwürfe, sondern nur um die Anerkennung der Realität. Es ist äußerst schmerzhaft, diese zuzulassen und das Leben unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen. Auch dieses kann man als einen Paradigmenwechsel ansehen. Manch einer zieht die Illusion einer heilen Welt vor, weil das Leben leichter zu ertragen ist, wenn man sich selbst belügt. Die Untersuchungen Kuhns sind weltweit sehr bekannt geworden und werden heute auf viele Gebiete angewendet, auf die Kuhn sie gar nicht angewendet sehen wollte; sie scheinen also etwas Wichtiges auszudrücken. Schon knapp 30 Jahre früher hatte Dieser war Mediziner von Haus aus, nicht Physiker wie Kuhn. Seine Überlegungen zielen auf allgemeine Lebenssituationen, nicht nur auf harte Wissenschaften. Deshalb sind seine Gedanken für uns viel wichtiger; wir können sie direkt auf das vorliegende Problem anwenden:
Beispielsweise ist die Art und Weise, wie wir über das Reiten denken, ganz offensichtlich durch die Gemeinschaft der Menschen bestimmt, die sich mit dem Reiten beschäftigen und in der wir uns bewegen; das sind etwa diejenigen, die sich in der FN oder in den verschiedenen anderen Interessenverbänden (Freizeitreiter, Islandreiter, Wanderreiter, Westernreiter etc.) organisiert haben. Wir sind ja gerade dort Mitglied, um uns mit Gleichgesinnten zu treffen und uns dort wohlzufühlen.
Die richtige Reitweisen, der richtige Umgang mit dem Pferd, die richtige Lösung eines Problems wird also durch die Gruppe festgelegt. Wenn ein Pferd Zicken macht, gibt es bei vielen Pferdeleuten nur eins: Hart rannehmen. Dem Zossen mal endlich zeigen, was Sache ist. Wenn Sie sich in solch einer Gruppe bewegen und andere Vorstellungen haben, dann können Sie einem leid tun. Sie werden Ihres Lebens nicht mehr froh. Bestimmt haben Sie oft genug am eigenen Leibe erfahren, wie schwer es ist, in einer Gruppe eine abweichende Meinung zu äußern. In Filmen und Romanen wird gern geschildert, wie sich Gruppendruck insbesondere bei Jugendlichen und Heranwachsenden auswirkt. Wer anders denkt, gehört nicht mehr dazu. Das passiert auch in vielen Reitställen: Wer sich anders benimmt, wer andere Vorstellungen hat, wer mit seinem Pferd anders umgeht, den mag man nicht, der wird gemieden, ausgegrenzt, gemobbt. Da gibt es keine Diskussion, da sind sich alle einig. |
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Das klingt jetzt schrecklich, aber vermutlich handelt es sich einfach nur um eine Überlebensmaßnahme. Das Leben ist furchtbar kompliziert; um sich zurechtzufinden, muss man vielfältige Konstruktionen schaffen, die einem das Leben erleichtern. Man kann nicht über alles nachdenken und alles mit seinen Mitmenschen diskutieren. Man würde nichts geregelt bekommen. Deshalb brauchen wir Konventionen und Verabredungen, einigen uns auf gemeinsame Vorstellungen, so dass wir ohne große Schwierigkeiten miteinander auskommen können. Wenn ich mir ziemlich sicher sein kann, wie der andere drauf ist, kann ich mich entspannen und einfach nur ich selbst sein. Die übliche Konversation besteht ja zu großen Teilen aus einer gegenseitigen Vergewisserung und Bestätigung: Du siehst die Dinge so wie ich, wir sind uns einig, ich bin also o.k. Wenn du die Dinge hingegen anders siehst, muss ich mich mit dir auseinandersetzen, und das wird unangenehm und schwierig, das möchte ich eigentlich nicht, also gehe ich dir aus dem Weg und suche mir andere Weggefährten, mit denen ich mich besser verstehe. Wenn ich aber unbedingt zu dir und deiner Gruppe gehören möchte, muss ich mich anpassen und die Dinge genauso sehen wie du. Es sei denn, ich will mich dir und der Gruppe gegenüber durchsetzen; dann muss ich mich dem Kampf der Meinungen und Überzeugungen stellen. Etwas weniger plump und eingängig formuliert, liest sich der ganze Vorgang so:
So erklärt sich, warum jede der Denkrichtungen die Wahrheit für sich gepachtet hat, warum es keine Kompromisse geben kann, warum man überzeugt ist, im Besitz der Wahrheit zu sein und alle anderen zu Feinden erklärt werden müssen. Dennoch aber ändert sich die Welt ständig – nichts bleibt so, wie es ist. Kuhn hatte erklärt, dass die Angehörigen einer Denkrichtung sich nicht ändern können und eine Wandlung nur durch einen Generationswechsel vollzogen werden kann – das Alte stirbt aus, das Neue wächst heran. Fleck sieht die Dinge anders; zwar gibt er zu, dass das Gruppendenken extrem rigide ist und allerlei Vorkehrungen gegen Veränderungen kennt, ganz ähnlich wie Kuhn das schildert:
Nach seiner Vorstellung findet ein Wandel ganz allmählich statt; nicht nur das, altes und neues Denken kann sogar parallel nebeneinander existieren; auf jeden Fall beeinflusst das neue Denken das alte und das alte schimmert unter dem neuen weiterhin hindurch.
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Dabei bin ich mir dessen bewusst, dass alle diese Veränderungen nur etwas schärfer herausgearbeitet haben, wer ich eigentlich bin und was ich denke. Oder besser gesagt: Im Laufe meines Lebens habe ich viele Gelegenheiten gehabt, mich selbst zu erfahren und auch denkerisch zu erproben. Ich habe mich immer wieder entscheiden müssen und mich auch dabei immer wieder neu erlebt. So bin ich herangereift und fühle mich keineswegs ausgereift. Nach wie vor bin ich neugierig auf neue Ideen und neue Erfahrungen. Ob ich damit die Wahrheit erfasse, ist freilich eine andere Frage.
Ich bin mir sehr bewusst, dass ich ein Kind meiner Zeit bin und manche Zeitströmungen mich sehr beeindruckt und beeinflusst haben, andere wiederum weniger, manche haben mich sogar abgestoßen. Mein Verhältnis zu Pferden, meine Erfahrung mit Pferden, meine Geschichte mit Pferden wäre ohne die Bewegung der Pferdeflüsterer nicht recht verständlich. In der FN würde ich mich überhaupt nicht zuhause fühlen. Und umgekehrt wird es genauso sein. Jemand, der in der Tradition der FN aufgewachsen ist, also in der Tradition der Militärs, der Härte und des Drucks, des Materialverschleißes und des Mitteleinsatzes, der kann vermutlich gar keinen Zugang zur Welt des Hans-Jürgen Neuhauser bekommen. Es handelt sich da gar nicht um mangelnden guten Willen, sondern um verschiedene Denkstile, wie Fleck sagen würde. Die offensichtlichen Probleme des Luxusgestüts, die es in diesem Lande sicherlich ebenfalls zuhauf gibt, werden in einem solchen Denkkollektiv einfach ausgeblendet. Man ist überhaupt nicht daran interessiert zu erfahren, ob und wie man diese Probleme lösen kann, wenn die Lösung außerhalb des eigenen Rahmens liegt. So einfach ist das. Und wenn man solchen Leuten dann zeigt, wie die Lösung aussieht, werden sie es nicht wahrhaben wollen. |
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