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Kolumne   Magazin Magazin, Ausgabe 567, erschienen am 08.02.2010

Magazin  Ausgabe 567
Gudrun Schultz-Mehl
Kolumnen  Diskussion

Steinbrecht, Gymnasium des Pferdes


Ist die Balance nicht gegeben, dann ist auch der Sitz falsch.
Teil 1
von Autorenhinweise m_red  » Gudrun Schultz-Mehl

In dieser Serie werden einige Zitate anerkannter Autoren zum Thema vorgestellt. Es ist sicher interessant, die verschiedenen Aussagen verschiedener Reitpäpste aus verschiedenen Jahrhunderten zu vergleichen; wie sich herausstellt, unterscheiden sie sich in ihren eigentlichen Aussagen nicht.


booklooker-Link» Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes (1886)

booklooker-Link» Waldemar Seunig: Von der Koppel bis zur Kapriole (1943)

booklooker-Link» K. Albrecht: Dogmen der Reitkunst (1981)

booklooker-Link» Müseler, Reitlehre (1933)

booklooker-Link» Richard Wätjen (1929)

Heute: G. Steinbrecht: DER SITZ


Einen 'normalen' Sitz gibt es gar nicht, denn der Reiter sitzt nur dann richtig zu Pferde, wenn der Schwerpunkt, oder vielmehr die Schwerpunktslinie seines Körpers, mit der des Pferdes zusammenfällt. Nur dann ist er mit seinem Pferd in vollkommener Harmonie und gleichsam eins mit ihm geworden [...]

Selbst auf die Gefahr hin, den Leser zu ermüden, komme ich daher immer wieder darauf zurück, in der Haltung des Reiters alles Steife und Gezwungene zu vermeiden und sich recht klar zu machen, was eigentlich für dieselbe nötig ist und weshalb. Ein zu stark angezogener Rücken krümmt die Wirbelsäule nach vorn (Hohlkreuz, G. Sch.) wie ein zu sehr nachgelassener dies nach hinten tut, und hat daher auch die selben Nachteile, nur in umgekehrter Richtung.

Es hält bei manchen Schülern sehr schwer, die richtige Mitte zwischen diesen beiden Extremen inne zu halten, und doch hängt hiervon fast alles ab. Die Wirbelsäule ist gleichsam der Stamm, von dem alle Glieder ausgehen und an dem alle Organe ihren Befestigungspunkt finden [...]

Das Zurückrichten der Schultern ist nötig, teils, um das Brustgewölbe frei zu halten, damit die Organe der Brusthöhle nicht beengt werden, teils, um die Arme dadurch gleichzeitig zurückzubringen, damit die Unterarme die für eine sichere Führung notwendige Anlehnung an den Körper finden. Man vermeide dabei aber das Hochziehen der Schultern, da dies nicht nur die Freiheit der Arme beeinträchtigt, sondern auch dem ganzen Oberkörper etwas Gezwungenes geben würde [...]

Nächst der richtigen Haltung der Wirbelsäule ist die  f l a c h e  Lage des Oberschenkels das Hauptmoment der ganzen Lehre vom Sitz. Die richtige Lage dieses Teiles bedingt nicht nur die Stetigkeit der Hüften, sondern erweitert auch die Gesäßfläche [...]

Der Unterschenkel dagegen ist zwar für den Sitz weniger wesentlich, um so mehr jedoch als Hauptorgan für die vortreibenden Hilfen [...]

Sobald die Haltung des Schülers durch Balance und Oberschenkelschluß gesichert ist, mag er seinen Unterschenkel ganz weich und natürlich hängen lassen [...]

Um den starken Einwirkungen, die durch die Bewegungen des Pferdes auf den Sitz ausgeübt werden, widerstehen oder vielmehr sie aufheben zu können, muß der Reiter biegsam in den Hüften sein und ganz aus denselben den Oberkörper leicht und gewandt drehen und wenden können [...]

Die schönen Künste erzeugen wahrhaft Schönes nur, wenn sie sich in den Grenzen des Natürlichen halten [...] Betrachten wir die Reitergruppen der alten Griechen aus ihren Olympischen Spielen, so werden wir hingerissen von der Grazie und Anmut, die sich in jeder Stellung des Reiters wie des Pferdes ausdrückt. Würde es den alten Meistern der Skulptur möglich gewesen sein, derartiges zu gestalten, wenn sie nicht die Modelle verkörpert vor Augen gehabt hätten?

booklooker-Link» Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes





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