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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 568, erschienen am 15.02.2010

Magazin  Ausgabe 568

Jeder hat eine besondere Gabe,
aber seine sind die Pferde

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Jeder hat eine besondere Gabe
  2. Abschnitt  Nürnberger Trichter
  3. Abschnitt  Höhere Weihen
  4. Abschnitt  Der Untergebene
  5. Abschnitt  Schauspieler
  6. Abschnitt  Gefühle
  7. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 547:
Hauptartikel  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 548:
Hauptartikel  Die Empfindlichkeit der Pferde

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 549:
Hauptartikel  Tanz – neu interpretiert

Teil Teil 4, Ausgabe Magazin 550:
Hauptartikel  Ohne Zügel und Führstrick hilflos

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 551:
Hauptartikel  Wie der Mensch das Pferd verwirrt

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 552:
Hauptartikel  Sei spontan! Komm raus!

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 553:
Hauptartikel  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 554:
Hauptartikel  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 555:
Hauptartikel  Es muss jetzt irgendwas passieren

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 556:
Hauptartikel  Der richtige Sitz

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 557:
Hauptartikel  Gefährliche Hengste in Arabien

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 558:
Hauptartikel  Der Trick mit der Tröte

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 559:
Hauptartikel  Experten und Könner

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 560:
Hauptartikel  Über den Umgang mit der Kreatur

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 561:
Hauptartikel  Qualität und dualistische Trennung

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 563:
Hauptartikel  Muss man sich anstrengen?

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 564:
Hauptartikel  Die Leichtigkeit der Zähmung

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 565:
Hauptartikel  Über Dominanz und Vertrauen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 566:
Hauptartikel  Denkstile und Denkkollektive

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 567:
Hauptartikel  Die Nagelprobe

Teil Teil 21
Jeder hat eine besondere Gabe
http://equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Exotische Aufmachung, exotische Kulisse
Szenen wie aus Hollywood
Folklore, wie man sie sich vorstellt
Gleich sitzen sie alle ab und lassen dabei die malerischen bodenlangen Hemden fallen
Jeder hat eine besondere Gabe

Das Gefühl kommt von Gott, die Übung kommt vom Menschen

Zu den Themen
Thema  Ausbildung  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


» Hans-Jürgen Neuhauser weiß anscheinend, wie man mit den schwierigsten und gefährlichsten Pferden umgehen kann – aber nein, was sage ich da: Es geht ja gar nicht darum, diese Pferde einfach nur irgendwie zu beherrschen – er zeigt uns allen auf der EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten, dass er mit solchen Pferden harmonischer, spielerischer und sinnvoller arbeiten kann, als das normalen Pferdemenschen gegeben ist.

Das ist wunderbar! Und er hat sich das alles selber beigebracht – ist das nicht noch wunderbarer? Gibt uns das nicht die Hoffnung, dass wir selber ebenso gut werden können wie er?

Zu diesem Zweck ist Neuhauser angetreten. Er will sein Wissen und Können ausdrücklich nicht für sich behalten, sondern weitergeben an alle, die von ihm lernen wollen, freiwillig oder notgedrungen. Dazu soll neben den Kursen, die er überall dort gibt, wo man ihn ruft, auch die vorliegende DVD dienen. Wir haben gesehen, dass man durch diese DVD einen sehr guten Eindruck von seinen Fähigkeiten bekommen kann; als Lehr-Video taugt sie zwar nicht ganz so viel und soll deshalb durch neue Produktionen ergänzt werden.

Ist es ihm nun in Wikipedia-Link» Schardscha gelungen, seine Fähigkeiten weiterzugeben? Hat er den Gestütsmitarbeitern alles beibringen können, was er selber kann? Das kann man aus der DVD selbst nicht herauslesen. Diese dokumentiert vor allem, dass Neuhauser mit den schwierigen Hengsten hervorragend arbeiten kann, dass diese Pferde sich bei ihm vorbildlich verhalten. Das ist natürlich an sich schon eine unglaubliche Leistung, die von der Gestütsleitung auch uneingeschränkt anerkannt wird.

Seine Arbeit mit den Gestütsmitarbeitern hingegen wird vergleichsweise kurz abgehandelt. Man bekommt mit, dass da etwas war – junge Männer mit exotischer Kleidung auf arabischen Pferden in einer Halle – viel mehr wird nicht deutlich. Hoffentlich konnte er ihnen viel beibringen, denn sie werden ohne ihn klarkommen müssen.

Aus dem ersten Teil des Films, der Mitschnitte eines Kurses in Bayern zeigt, konnten wir entnehmen, dass es ihm gelingt, sowohl das Führen auf Fingerzeig als auch den unabhängigen Sitz und das Reiten ohne Zügel auf einem sehr schwierigen Pferd zu vermitteln.

Wieviel Zeit dazu nötig war, bleibt offen; ob diese Zeit in Arabien zur Verfügung stand, ebenfalls. Wir dürfen immerhin nicht vergessen, dass er nicht allein dort war, sondern von einem kompletten Kamerateam begleitet wurde. Über die Kosten der ganzen Aktion kann man nur spekulieren. Auf jeden Fall wird jeder Tag Aufenthalt dort zusätzlich eine Menge Geld gekostet haben.

Aber ganz grundsätzlich ergeben sich bei der Wikipedia-Link» Lehre, also der Weitergabe von Kenntnissen und Fertigkeiten, eine Menge Probleme, über die man normalerweise gar nicht nachdenkt. Für ein Kind ist die Situation noch einigermaßen natürlich: Erwachsene wissen und können selbstverständlich mehr, das Kind ist von sich aus begierig zu lernen, es lernt seine ganze Kindheit hindurch ununterbrochen, natürlich auch dann, wenn es nicht in der Schule ist.

Nürnberger Trichter  oben 



Gestütsleiterin Julie Day und Hans Jürgen Neuhauser begutachten ein Video
Dank moderner Technik kein Problem
Neuhauser segnet ab
In der Schule ist der Lehrer eine Autoritätsperson, die auch Macht ausübt und ausüben soll. Genauso wie die Eltern haben auch die Lehrer einen Erziehungsauftrag. Und je älter und selbstständiger die Kinder werden, desto stärker zweifeln sie auch die Autorität der Lehrer und Eltern an, desto mehr müssen diese sich rechtfertigen, desto besser können die Schüler erkennen und beurteilen, inwieweit die Inhalte und Maßnahmen sinnvoll und berechtigt sind.

Gute Lehrer zeichnen sich oft auch dadurch aus, dass sie geradezu die Kritikfähigkeit ihrer Schüler ausbilden und ermutigen, damit diese überhaupt in die Lage versetzt werden, die gewünschten Lernziele zu erreichen. Eine mechanistische Ausbildung, wie sie der Vorstellung des Wikipedia-Link» Nürnberger Trichters zugrunde liegt, wird heute als unzureichend abgelehnt. Der Schüler soll in die Lage versetzt werden, spontan und kreativ auf alle zukünftigen Herausforderungen, auch neue und unbekannte, reagieren zu können.

Eben das wünscht sich auch der geplagte Pferdebesitzer – er will ja nicht nur mit den Schwierigkeiten fertig werden, die sich ihm gerade jetzt und gerade mit diesem Pferd stellen, sondern auch in Zukunft und für alle Eventualitäten gerüstet sein. Die Demonstrationen der DVD dienen ebenfalls dazu nachzuweisen, dass Neuhauser mit jedem beliebigen Pferd Erfolg hat, egal ob es in oberbayerischen Ställen aufgewachsen ist, in der amerikanischen Wildnis oder in einem arabischen Luxusgestüt.

Das Bild des Nürnberger Trichters illustriert die Vorstellung, dass Können und Wissen direkt vom Lehrer zum Schüler geleitet werden können, dass genauer gesagt erstens die Schüler alles mühelos erfassen und zweitens der Lehrer jenen alles und jedes ohne weiteres eintrichtern könne, auch wenn der Schüler noch so dumm oder renitent ist. Zugleich wird an diesem Bild deutlich, dass zwei Parteien am Lernprozess beteiligt sind und beide dazu beitragen müssen: Lehrer und Schüler.

Es wird mit der Ironisierung des Trichter-Konzepts auch verdeutlicht, dass der Lernerfolg im allgemeinen keineswegs garantiert werden kann, weil bei beiden Seiten Schwierigkeiten zu berücksichtigen sind. Der Lehrer kann unfähig sein, sein Wissen ganz allgemein oder an diesen speziellen Schüler weiterzugeben, der Schüler kann unfähig sein, diese Art Wissen ganz allgemein oder von diesem Lehrer speziell aufzunehmen.

Heute ist man sich einig, dass jeder Lehrer möglichst individuell auf seine Schüler eingehen sollte, und dass Schüler unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen besitzen, die den Lernerfolg entweder begünstigen oder hintertreiben. Es kann sich auch nicht jeder spontan hinstellen und zum Lehrer erklären; im Gegenteil muss der angehende Lehrer ein akademisches Studium absolvieren, das mit zwei Prüfungen abgeschlossen wird.

Auf dem freien Markt sieht das freilich ganz anders aus. Da erklären sich insbesondere die Pferdeflüsterer selbst zum Lehrer, unter anderem weil es keine Aufsichtsbehörden gibt. Aber selbst dort, wo Standards definiert worden sind, wie bei den autorisierten Trainern der FN und anderen Reitverbänden, kann von einer Trichterautomatik keine Rede sein. Auch ein zertifizierter Lehrer ist nicht automatisch ein guter Lehrer und kann allen alles beibringen, genauso wenig wie ein bestandenes Lehrerexamen eine Garantie dafür ist, dass der Lehrer erfolgreich jeden einzelnen seiner Schüler unterrichten wird.

Im Grunde ist das alles nicht wirklich überraschend, wie man leicht sehen kann; unsere Sprache kennt beispielsweise das schöne Wort „unmusikalisch“ . Was ist damit gemeint? Doch offenbar die unveränderliche Eigenschaft eines Menschen, sich der Musik nicht öffnen, Musik nicht verstehen, sie insbesondere nicht genießen zu können. Wenn man sich als unmusikalisch bezeichnet, will man damit sagen, dass einem die ganze Welt der Musik verschlossen ist und nichts sagt, mehr noch: Dass sich an diesem Zustand auch nichts ändern lässt.

Das ist bemerkenswert, finden Sie nicht? Niemand würde behaupten, dass er keinen Sinn für die Sprache habe, nicht einmal keinen Sinn für Mathematik, obwohl viele Leute meinen, dass sie nichts von Mathematik verstehen und gewissermaßen unmathematisch sind. Rudimentäre Kenntnisse in Mathematik hat heute aber jeder, der im Vollbesitz seiner bürgerlichen Rechte und nicht stark behindert ist. In diesem Sinne gibt es eigentlich auch keine unmusikalisch Menschen, denn jeder kann einfache Lieder singen und wird von irgendeiner Art von Musik mehr oder weniger stark bewegt.

Höhere Weihen  oben 



Neuhauser lehrt
Alle können zuschauen
Die Frage ist allerdings, wie weit man interessiert und befähigt ist, sich mehr oder weniger höhere Weihen in einem beliebigen Fach zu erarbeiten – hier tun sich offenbar Welten auf. Wohin man auch immer schaut, überall gibt es Dilettanten und Könner, Stümper und Künstler, Amateure und Profis, und oft ist es so, das die Amateure weit mehr können als die Profis. In diesem Sinne klassifiziere ich Neuhauser also ausdrücklich als Amateur, der es den Profis gezeigt hat.

Wobei sich dann auch noch die Frage stellt, wer denn überhaupt definiert, was höhere Weihen sind. Nehmen wir wieder die Musik: Bekanntlich gibt es viele Musiker, die Weltstars geworden sind, aber Noten weder lesen noch schreiben konnten (von Musikern anderer Kulturen, die nicht in unserer auf Notenschrift basierenden Musikkultur stehen, ganz zu schweigen). Ist deren Musik deshalb minderwertig? Außerdem: Wollten die einfach nicht oder war es denen objektiv, beim besten Willen nicht möglich, diese Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben?

Zurück zum Reiten: Können nur diejenigen reiten, die nach den Regeln der FN antreten, oder auch die, die sich unter allen Umständen auf dem Pferd halten? Reicht es, wenn der Mensch Spaß daran hat, oder muss auch das Pferd Lust haben, den Menschen reiten zu lassen? Haben denn die FN-Reiter überhaupt mehr Spaß und deren Pferde mehr Lust? Müssen alle anderen Reiter ihre Pferde notwenigerweise zugrunde richten, weil sie angeblich keine Ahnung haben und nur ihren Spaß wollen?

Oder könnte es so sein, dass Leute wie Neuhauser, die der FN zwar Kompetenz zusprechen und deren Regeln nicht nur nicht ablehnen, sondern diese sogar für vorbildlich halten, besser reiten und deren Pferde mehr Spaß haben, weil sie zu allererst auf die Pferde eingehen? Immerhin war das Problempferd aus dem ersten Teil der DVD streng nach den Regeln der FN ausgebildet und gerade dadurch zugrunde gerichtet worden, um vom Spaß einmal gar nicht zu reden, weder für das Pferd noch für die Reiterin.

Wenn also nun jemand wie Neuhauser seine Kompetenz als Experte und Lehrer hinreichend unter Beweis gestellt hat, erhebt sich die Frage, ob er seine Kenntnisse und Fertigkeiten erstens überhaupt weitergeben kann und zweitens an wen, ob also jeder alles von ihm lernen kann oder nur manche einiges. Die Nürnberger Trichter würde sicherstellen, dass Neuhauser Klone wie am Fließband herstellen kann. Aber der Trichter ist ja eine Fiktion. Wie sieht es also mit der Vermittlung aus?

Soweit man das aus der DVD beurteilen kann, macht Neuhauser seinen Job als Lehrer nicht schlecht. Nehmen wir einmal an, seine Kompetenz sei optimal und seine Fähigkeiten als Lehrer könnten nicht verbessert werden: Sind wir dann auf der sicheren Seite, wenn wir einen Kurs bei ihm buchen? Können wir damit rechnen, alles von ihm zu lernen, ihm alles abzuschauen?

Wenn Sie die vorherigen Artikel dieser Reihe gelesen haben, wird Ihnen nicht entgangen sein, dass ich immer wieder herausgestellt habe, welchen großen Anteil gewisse Einstellungen, Haltungen und Charaktereigenschaften Neuhausers meines Erachtens an seinen Erfolgen haben. Seine Bescheidenheit beispielsweise, seine Offenheit, seine Bereitschaft, zu lernen, sein Mut, Ratlosigkeit zuzugeben, sein Respekt vor dem Pferd, sein Einfühlungsvermögen in die Erlebniswelt des Tieres. Welchen Anteil haben alle diese Eigenschaften an seinem Erfolg? Und welche Chancen und Möglichkeiten haben wir, das bei ihm zu lernen?

Wer das Pferd als ein Objekt ansieht, als Mittel zum Zweck, als Sportgerät, als Bespaßungsmittel, als Prestigmaximierer, der wird seine Einstellungen gewaltig ändern müssen, wenn er etwas von Neuhauser lernen will. Wer mit dem Pferd nur seinen Lebensunterhalt verdienen will, wie das vielleicht auf viele Gestütsangestellte zutrifft, hat vielleicht ebenfalls große Probleme.

Hier ergibt sich noch ein zusätzlicher Konflikt: Neuhauser führt gewissermaßen durch seinen Erfolg den Nachweis, dass die eigentlich zuständigen Leute keine Ahnung haben, dass sie inkompetent sind. Kann man von diesen Leuten nun Dankbarkeit und Anerkennung erwarten? Eigentlich nicht. In einer solchen Situation ist aber eigentlich jeder Kursteilnehmer. Indem ich mich bei einem Kurs einschreibe, bekenne ich gewissermaßen meine Defizite. Das tut weh. Das verletzt das Ego.

Damit befinde ich mich in einer misslichen Lage dem Lehrenden gegenüber, den ich gleichzeitig als überlegen anerkenne. Manche Leute würden darauf mit Hassgefühlen gegenüber dem Lehrer reagieren; die Kehrseite ist eine übertriebene Beweihräucherung des Lehrers, die, auf die Spitze getrieben, den Lehrer zum Guru macht. Und wenn ich von meinen Vorgesetzten dazu verdonnert werde, einen solchen Kurs zu besuchen, muss ich dem Lehrer noch mehr grollen, da meine Inkompetenz jetzt sogar aktenkundig geworden ist.


Der Untergebene  oben 



Teestunde
Begrüßung
Nasenkuß
Teetrinken
Und unter solchen Umständen wird von mir erwartet, dass ich all das lerne, was der Lehrer meinen Vorgesetzten so überaus überzeugend präsentiert hat. Kann man von mir verlangen, dass ich in Jubel ausbreche? Die Gestütsangestellten wirken denn auch eher zurückhaltend; etwas ungläubig beobachten sie, was Neuhauser da so tut. Was in seinen Kursen abgeht, erfahren wir nicht; aber zum Schluss des Films sitzen eine Menge Araber mit Neuhauser zusammen und trinken Tee.

Und einer bringt seine Einschätzung vor laufender Kamera auf Englisch zum Ausdruck:

Deutsche Übersetzung, des Untergebenen des Scheichs: Es war eine großartige Zeit, nicht nur wegen der Pferde. Als er mit den Pferden sprach waren ihre Augen auf seine Finger gerichtet. Die Pferde waren ganz mit ihren Sinnen bei Hans. Sie verstehen was er meint, ohne da er spricht. Wenn er möchte das sie stehen bleiben, bleiben sie auch stehen. Nur mit seinen Händen und seinem Körper. Ich glaube fest daran das Hans von Gott eine besondere Gabe bekommen hat. Nämlich die Gabe diesen Kontakt mit den Pferden zu haben. Da bin ich mir ganz sicher.

Übersetzung der Sprecherin: Sie sind sicher das Gott ihm eine spezielle Gabe gegeben hat?

Deutsche Übersetzung, des Untergebenen des Scheichs: Ja, tatsächlich gibt Gott jedem eine besondere Gabe. Jeder hat eine besondere Gabe, aber seine sind die Pferde. Durch Übung kann man es vielleicht lernen, aber niemals komplett. Dazu braucht man Gefühl. Das Gefühl kommt von Gott, die Übung kommt vom Menschen. Hans hat Gefühl und Übung. Er hat die Meisterschaft erreicht.

DVD HJN-Reiten, Gesamttext

Er glaubt also nicht, dass er von Neuhauser lernen kann, wie dieser zu arbeiten, weil ihm das Gefühl fehlt. Und dieses Gefühl fehlt ihm, weil Gott es ihm nicht gegeben hat, im Gegensatz zur Neuhauser. Die Übungen kann er lernen, da ist er sich sicher. Das Gefühl wird er nie erlangen, da Gott ihm eben eine andere besondere Gabe gegeben hat und er die hierfür notwendige nicht erwerben kann, da sie von Gott verliehen wird und auch mit größter Anstrengung nicht erworben werden kann.

Diese mit größtem Ernst vorgetragenen Aussagen fand ich hochinteressant. Damit entlastet er sich selbst natürlich in erster Linie, aber andererseits hat er auch recht. Wenn Gott ihm die notwendige Gabe vorenthalten hat, trägt er selbst keine Verantwortung und kann dafür auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Man kann von ihm einfach nicht verlangen, so wie Neuhauser zu sein.

Im Grunde meine ich etwas ähnliches; man muss gewisse Charaktereigenschaften haben, um so erfolgreich zu werden wie Neuhauser. Er mag in seinen Kursen viel vermitteln können, den Charakter eines Menschen wird er nicht ändern, jedenfalls nicht kurzfristig und vielleicht nie. Wenn die Pferde aber, so wie die Menschen auch, nicht nur auf Äußerlichkeiten, also Bewegungen von Körpern im Raum, reagieren, sondern auch auf Charaktereigenschaften, die man mehr gefühlsmäßig wahrnimmt, dann wird die reine Körpersprache, die man vielleicht mit einiger Anstrengung lernen und sogar durch eine Prüfung nachweisen kann, nur eine sehr begrenzte Wirkung haben können.

Was meine ich in diesem Zusammenhang mit Gefühl, wie sollen Pferde Charaktereigenschaften fühlen können? Esoteriker sprechen gerne von Schwingungen (was immer das sein soll), andere Leute benutzen die Vokabel Wikipedia-Link» Bauchgefühl, die aber auch nichts erklärt. Es geht in jedem Fall um Gefühle (was ist das?), die wir angesichts anderer Menschen und die offenbar auch Pferde haben.

Die ganze Kunst arbeitet überwiegend mit Gefühlen, insbesondere der Film. Eine der wichtigsten Aufgaben beim Film ist es, für jede Rolle den passenden Schauspieler zu finden, der diese Rolle glaubhaft verkörpern kann. Dabei geht es gar nicht um die schauspielerischen Fähigkeiten, die gute Schauspieler ohnehin mitbringen, sondern um das, was der reine Anblick der Person und insbesondere des Gesichts beim Zuschauer auslöst.

Schauspieler  oben 



Ausritt in der Sandwüste
Dünenkämme abreiten
Wer hier verlorengeht...
Aber alles sehr malerisch...
Viele Schauspieler leiden darunter, auf eine bestimmte Rolle festgelegt zu sein, entweder auf den Bösewicht oder den Liebhaber oder das dumme Mädchen usw. Manchen gelingt es, sich aus einer solchen Zuschreibung zu lösen, aber bei den meisten kann man sich das gar nicht vorstellen. Wer aussieht wie ein Bösewicht, der kann nicht den Guten spielen.

Natürlich wissen wir alle, dass es im Leben nicht ganz so einfach ist wie im Film; die Guten sehen eben leider nicht wie die Guten und die Bösen nicht wie die Bösen aus – sonst würde man sich im Leben viel leichter zurechtfinden. Ich will damit nur deutlich machen, dass wir weit mehr kommunizieren, als man mit reiner Wikipedia-Link» Körpersprache allein beschreiben könnte.

Wie kommt diese Gefühlswirkung beim Schauspieler zustande? Da fällt mir zum Beispiel Wikipedia-Link» Robin Williams ein, der mir in einigen Rollen sehr gut gefallen hat. Alle diese Rollen haben gemeinsam, dass die verkörperte Person im Leben viel mitgemacht hat, sehr gebeutelt wurde und viel leiden musste. Im Film Wikipedia-Link» Good Will Hunting beispielsweise stellt er einen Therapeuten dar, der eben genau deshalb seinem Klienten helfen kann, weil er ein ganz ähnliches Schicksal durchlebt hatte und deshalb leicht nachfühlen konnte, wie es dem anderen ging, wodurch er ihm dann eine Brücke bauen konnte, die der Klient beschreiten konnte. Wundert es einen, dass er diese Rolle deshalb so gut darstellen konnte, weil sein eigenes Leben tatsächlich so schwierig ist und er ähnliche Situationen selbst durchlebt hatte?

Umgekehrt können schauspielerische Leistungen vollkommen unglaubwürdig sein. So habe ich als Lehrer einmal mit Schülern in einem Landschulheim eine Fernsehserie improvisiert und war ganz erschüttert über die emotionale Wirkung, die die Jugendlichen spontan erzeugen konnten. Ich stellte mir die Frage, ob diese nicht zu belastend ist, ob die Schüler nachts überhaupt ruhig schlafen können, wenn wir solche Dinge aufführen. Da antworteten die mir überzeugend, dass sie natürlich wissen, dass das alles gespielt ist; bei herkömmlichen Fernsehproduktionen hingegen spüre man schon auf 5 Meilen, dass alles künstlich ist, unecht, gar nicht überzeugend. Das hat mich sehr verblüfft. Denen konnte man offenbar nicht so leicht etwas vormachen – reichlicher Fernsehkonsum hatte sie, ihre Sinne und ihr Gefühl geschult und geschärft.

Nun arbeiten die Menschen sehr viel mit Sprache und Pferde können unsere Sprache nicht so verstehen wie wir. Was können die Pferde dann über uns wissen? Dazu wieder ein Beispiel: Im Film Wikipedia-Link» Night on Earth von Wikipedia-Link» Jim Jarmusch spielt die dritte Episode in Paris:

Nach Mitternacht wirft der aus der Elfenbeinküste stammende Taxifahrer zwei Schwarz-Afrikaner, die sich über ihn lustig gemacht haben, aus seinem Auto. Kurze Zeit später nimmt er eine blinde Frau mit, die ihm harmloser erscheint als seine vorherigen Kunden. Doch die Frau überrascht trotz ihrer Behinderung mit zusätzlichen Fähigkeiten, erkennt im Gegensatz zu den beiden Afrikanern seine Herkunft präzise an der Stimme, und kontert auf seine Fragen über ihr Leben als Blinde äußerst scharfsinnig. Als die Frau das Taxi verlässt, verursacht der sehende Taxifahrer einen Unfall. Als sie die Unfallgeräusche und wütende Stimmen hört, die sich gegenseitig der Blindheit bezichtigen, lächelt sie nur und entfernt sich zu Fuß langsam vom Unfallort.

a.a.O.

Der Fahrer fragt die Frau aus, weil er annimmt, dass ihr Leben entsetzlich eingeschränkt ist, weil sie nicht sehen kann. Sie ist total genervt – vermutlich unterstellt das jeder Nichtblinde – und versucht ihm deutlich zu machen, dass ihre Welt sehr reich ist, dass sie unglaublich viel wahrnimmt, was Sehende gar nicht wahrnehmen können. Er fragt sie nach ihren Liebhabern, und sie behauptet, diese schon auf 100 m riechen zu können. Sie macht einen letzten Versuch, ihm deutlich zu machen, dass es auf die reine Sehfähigkeit als solche gar nicht ankommt, indem sie behauptet, sie gehe sogar ins Kino. Und natürlich geht es letzten Endes um Gefühle.

Gefühle  oben 



Als er mit den Pferden sprach, waren ihre Augen auf seine Finger gerichtet
Die Pferde waren ganz mit ihren Sinnen bei Hans
Sie verstehen, was er meint, ohne dass er spricht
Ich glaube fest daran, das Hans von Gott eine besondere Gabe bekommen hat
Könnte es mit Pferden ebenso sein? Könnten Pferde Wahrnehmungen über uns empfangen, die uns selbst verborgen sind? Wenn wir nun Pferden ebenfalls nichts vormachen könnten, wenn sie genau spürten, wer wir wirklich sind, dann wären sie tatsächlich ein fantastischer Spiegel für uns, weil sie uns das sagten, was selbst für den besten Freund schwierig wird. In dem erwähnten Film Good Will Hunting ist eine der Kernaussagen, dass der beste Freund dem Helden schließlich klar und deutlich sagt, was er denkt, selbst um den Preis ihrer Freundschaft. Wer sollte es sonst sagen?

Und nun versuche ich es auf den Punkt zu bringen, was ich die ganze Zeit sagen will. Dazu benutze ich das Stichwort vertrauenswürdig: Sind Sie vertrauenswürdig? Wenn nicht, stellen sich einpaar Fragen: Könnte Neuhauser Sie vertrauenswürdig machen? Würden Sie ein Pferd täuschen können?

Was könnte ein Lehrer tun, um Sie vertrauenswürdig zu machen? Wenn es ihm nicht gelingt: Müsste man sein Versagen ihm anlasten oder wären Sie dafür verantwortlich? Könnte die Arbeit mit Ihrem Pferd Sie ändern? Was passiert mit Ihnen, wenn Ihr Pferd Ihnen ständig sagt, dass Sie nicht vertrauenswürdig sind?

Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte mit dem Motorrad (Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig: Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten). Das Motorrad wurde als Mittel zur Persönlichkeitsveränderung vorgestellt, die Reparatur des Motorrads als Übung zur Perfektionierung des eigenen Lebens.

Ein Motorrad ist eine Maschine, wie ein Computer. Wenn Sie einen Fehler machen, gibt der Computer den Fehler zurück. Er ist gnadenlos. Er wird sich nicht ändern, Sie müssen sich ändern.

Das ist bei einem Pferd nicht der Fall. Ein Pferd ist ein Lebewesen, das nachgibt, das sich missbrauchen lässt, das zulässt, dass Sie falsche Schlüsse ziehen. Pferde ermöglichen also, dass Sie sich selbst belügen. Pferde sind kein Allheilmittel. Sie können uns aber viel zeigen, wenn wir aufmerksam sind.

Lassen Sie es mich noch einmal wiederholen, was der Gestütsmitarbeiter, der Untergebene des Scheichs, gesagt hat: „Gott gibt jedem eine besondere Gabe.“ Auch Ihnen und mir. Darauf können wir stolz sein. Darauf können wir bauen. Das nimmt unser Pferd uns ab, weil es echt ist. Sie spüren es, wenn Sie ganz Sie selbst sind.

Für viele Menschen ist das eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Sie hat natürlich mit der Frage zu tun: Wer bin ich? Um diese Frage zu beantworten, braucht man eigentlich ein ganzes Leben. Also werden Sie bitte nicht ungeduldig. Die Gabe haben Sie schon. Sie müssen nur etwas daraus machen. Dafür haben Sie viel Zeit, genauer gesagt den Rest Ihres Lebens, aber am besten fangen Sie sofort damit an, denn es könnte bald zu spät sein.

Müssen wir alle so reiten wie Neuhauser? Natürlich nicht, das geht vielleicht auch gar nicht. Wir müssen so reiten, wie es uns gemäß ist. Da fällt mir Wikipedia-Link» Picasso ein. „Ich wollte ein Maler werden, und bin Picasso geworden.“ Genau. Als Maler wäre er eine schwache Kopie gewesen, aber als Picasso war er unvergleichlich.

Finden Sie heraus, wer Sie sind, wer Ihr Pferd ist, wie Sie reiten, wie Ihr Pferd Sie reiten lassen möchte. Das ist Kommunikation. Das macht Sie und Ihr Pferd glücklich.

Achten Sie auf Ihre Gefühle. Und lassen Sie sich nicht entmutigen! „Heilige sind Sünder, die nie aufgegeben haben.“ (Diese Weisheit ist natürlich nicht von mir.)

In der letzten sehr kurzen Videosequenz (0:06 min, 0, 4 MB) sehen wir Neuhausers typische Geste des Segnens und sein deutliches Ausatmen.

Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern Wikipedia-Link» JavaScript nicht abgeschaltet und der Flash-Player installiert ist.



Quellen / Verweise  oben 

  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2. Magazin EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten
  3. Wikipedia-Link» Schardscha
  4. Wikipedia-Link» Lehren
  5. Wikipedia-Link» Nürnberger Trichter
  6. DVD HJN-Reiten, Gesamttext
  7. Wikipedia-Link» Intuition
  8. Wikipedia-Link» Körpersprache
  9. Wikipedia-Link» Robin Williams
  10. Wikipedia-Link» Good Will Hunting
  11. Wikipedia-Link» Night on Earth
  12. Wikipedia-Link» Jim Jarmusch
  13. Wikipedia-Link» Robert M. Pirsig
  14. Wikipedia-Link» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten
  15. Wikipedia-Link» Picasso
  16. Magazin  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
    EquiVoX-Link Ausgabe 547 · Teil Teil 1
  17. Magazin  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
    EquiVoX-Link Ausgabe 548 · Teil Teil 2
  18. Magazin  Tanz – neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
    EquiVoX-Link Ausgabe 549 · Teil Teil 3
  19. Magazin  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
    EquiVoX-Link Ausgabe 550 · Teil Teil 4
  20. Magazin  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
    EquiVoX-Link Ausgabe 551 · Teil Teil 5
  21. Magazin  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
    EquiVoX-Link Ausgabe 552 · Teil Teil 6
  22. Magazin  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
    EquiVoX-Link Ausgabe 553 · Teil Teil 7
  23. Magazin  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung – zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
    EquiVoX-Link Ausgabe 554 · Teil Teil 8
  24. Magazin  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
    EquiVoX-Link Ausgabe 555 · Teil Teil 9
  25. Magazin  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
    EquiVoX-Link Ausgabe 556 · Teil Teil 10
  26. Magazin  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
    EquiVoX-Link Ausgabe 557 · Teil Teil 11
  27. Magazin  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 558 · Teil Teil 12
  28. Magazin  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 559 · Teil Teil 13
  29. Magazin  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
    EquiVoX-Link Ausgabe 560 · Teil Teil 14
  30. Magazin  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
    EquiVoX-Link Ausgabe 561 · Teil Teil 15
  31. Magazin  Muss man sich anstrengen?, Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren
    EquiVoX-Link Ausgabe 563 · Teil Teil 16
  32. Magazin  Die Leichtigkeit der Zähmung, Neuhauser und das zweite Problempferd
    EquiVoX-Link Ausgabe 564 · Teil Teil 17
  33. Magazin  Über Dominanz und Vertrauen, Auch Pferdeleute können vom Wasser lernen
    EquiVoX-Link Ausgabe 565 · Teil Teil 18
  34. Magazin  Denkstile und Denkkollektive, Nur in der eigenen Clique geht's einem richtig gut
    EquiVoX-Link Ausgabe 566 · Teil Teil 19
  35. Magazin  Die Nagelprobe, Neuhauser begibt sich auf dünnes Eis
    EquiVoX-Link Ausgabe 567 · Teil Teil 20


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Autorenhinweise m_red  » Werner Popken, EquiVoX-Link DVD HJN-Reiten

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