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![]() Exotische Aufmachung, exotische Kulisse |
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Gute Lehrer zeichnen sich oft auch dadurch aus, dass sie geradezu die Kritikfähigkeit ihrer Schüler ausbilden und ermutigen, damit diese überhaupt in die Lage versetzt werden, die gewünschten Lernziele zu erreichen. Eine mechanistische Ausbildung, wie sie der Vorstellung des Eben das wünscht sich auch der geplagte Pferdebesitzer – er will ja nicht nur mit den Schwierigkeiten fertig werden, die sich ihm gerade jetzt und gerade mit diesem Pferd stellen, sondern auch in Zukunft und für alle Eventualitäten gerüstet sein. Die Demonstrationen der DVD dienen ebenfalls dazu nachzuweisen, dass Neuhauser mit jedem beliebigen Pferd Erfolg hat, egal ob es in oberbayerischen Ställen aufgewachsen ist, in der amerikanischen Wildnis oder in einem arabischen Luxusgestüt. Das Bild des Nürnberger Trichters illustriert die Vorstellung, dass Können und Wissen direkt vom Lehrer zum Schüler geleitet werden können, dass genauer gesagt erstens die Schüler alles mühelos erfassen und zweitens der Lehrer jenen alles und jedes ohne weiteres eintrichtern könne, auch wenn der Schüler noch so dumm oder renitent ist. Zugleich wird an diesem Bild deutlich, dass zwei Parteien am Lernprozess beteiligt sind und beide dazu beitragen müssen: Lehrer und Schüler. Es wird mit der Ironisierung des Trichter-Konzepts auch verdeutlicht, dass der Lernerfolg im allgemeinen keineswegs garantiert werden kann, weil bei beiden Seiten Schwierigkeiten zu berücksichtigen sind. Der Lehrer kann unfähig sein, sein Wissen ganz allgemein oder an diesen speziellen Schüler weiterzugeben, der Schüler kann unfähig sein, diese Art Wissen ganz allgemein oder von diesem Lehrer speziell aufzunehmen. Heute ist man sich einig, dass jeder Lehrer möglichst individuell auf seine Schüler eingehen sollte, und dass Schüler unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen besitzen, die den Lernerfolg entweder begünstigen oder hintertreiben. Es kann sich auch nicht jeder spontan hinstellen und zum Lehrer erklären; im Gegenteil muss der angehende Lehrer ein akademisches Studium absolvieren, das mit zwei Prüfungen abgeschlossen wird. Auf dem freien Markt sieht das freilich ganz anders aus. Da erklären sich insbesondere die Pferdeflüsterer selbst zum Lehrer, unter anderem weil es keine Aufsichtsbehörden gibt. Aber selbst dort, wo Standards definiert worden sind, wie bei den autorisierten Trainern der FN und anderen Reitverbänden, kann von einer Trichterautomatik keine Rede sein. Auch ein zertifizierter Lehrer ist nicht automatisch ein guter Lehrer und kann allen alles beibringen, genauso wenig wie ein bestandenes Lehrerexamen eine Garantie dafür ist, dass der Lehrer erfolgreich jeden einzelnen seiner Schüler unterrichten wird. Im Grunde ist das alles nicht wirklich überraschend, wie man leicht sehen kann; unsere Sprache kennt beispielsweise das schöne Wort „unmusikalisch“ . Was ist damit gemeint? Doch offenbar die unveränderliche Eigenschaft eines Menschen, sich der Musik nicht öffnen, Musik nicht verstehen, sie insbesondere nicht genießen zu können. Wenn man sich als unmusikalisch bezeichnet, will man damit sagen, dass einem die ganze Welt der Musik verschlossen ist und nichts sagt, mehr noch: Dass sich an diesem Zustand auch nichts ändern lässt. Das ist bemerkenswert, finden Sie nicht? Niemand würde behaupten, dass er keinen Sinn für die Sprache habe, nicht einmal keinen Sinn für Mathematik, obwohl viele Leute meinen, dass sie nichts von Mathematik verstehen und gewissermaßen unmathematisch sind. Rudimentäre Kenntnisse in Mathematik hat heute aber jeder, der im Vollbesitz seiner bürgerlichen Rechte und nicht stark behindert ist. In diesem Sinne gibt es eigentlich auch keine unmusikalisch Menschen, denn jeder kann einfache Lieder singen und wird von irgendeiner Art von Musik mehr oder weniger stark bewegt. |
Wobei sich dann auch noch die Frage stellt, wer denn überhaupt definiert, was höhere Weihen sind. Nehmen wir wieder die Musik: Bekanntlich gibt es viele Musiker, die Weltstars geworden sind, aber Noten weder lesen noch schreiben konnten (von Musikern anderer Kulturen, die nicht in unserer auf Notenschrift basierenden Musikkultur stehen, ganz zu schweigen). Ist deren Musik deshalb minderwertig? Außerdem: Wollten die einfach nicht oder war es denen objektiv, beim besten Willen nicht möglich, diese Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben? Zurück zum Reiten: Können nur diejenigen reiten, die nach den Regeln der FN antreten, oder auch die, die sich unter allen Umständen auf dem Pferd halten? Reicht es, wenn der Mensch Spaß daran hat, oder muss auch das Pferd Lust haben, den Menschen reiten zu lassen? Haben denn die FN-Reiter überhaupt mehr Spaß und deren Pferde mehr Lust? Müssen alle anderen Reiter ihre Pferde notwenigerweise zugrunde richten, weil sie angeblich keine Ahnung haben und nur ihren Spaß wollen? Oder könnte es so sein, dass Leute wie Neuhauser, die der FN zwar Kompetenz zusprechen und deren Regeln nicht nur nicht ablehnen, sondern diese sogar für vorbildlich halten, besser reiten und deren Pferde mehr Spaß haben, weil sie zu allererst auf die Pferde eingehen? Immerhin war das Problempferd aus dem ersten Teil der DVD streng nach den Regeln der FN ausgebildet und gerade dadurch zugrunde gerichtet worden, um vom Spaß einmal gar nicht zu reden, weder für das Pferd noch für die Reiterin. Wenn also nun jemand wie Neuhauser seine Kompetenz als Experte und Lehrer hinreichend unter Beweis gestellt hat, erhebt sich die Frage, ob er seine Kenntnisse und Fertigkeiten erstens überhaupt weitergeben kann und zweitens an wen, ob also jeder alles von ihm lernen kann oder nur manche einiges. Die Nürnberger Trichter würde sicherstellen, dass Neuhauser Klone wie am Fließband herstellen kann. Aber der Trichter ist ja eine Fiktion. Wie sieht es also mit der Vermittlung aus? Soweit man das aus der DVD beurteilen kann, macht Neuhauser seinen Job als Lehrer nicht schlecht. Nehmen wir einmal an, seine Kompetenz sei optimal und seine Fähigkeiten als Lehrer könnten nicht verbessert werden: Sind wir dann auf der sicheren Seite, wenn wir einen Kurs bei ihm buchen? Können wir damit rechnen, alles von ihm zu lernen, ihm alles abzuschauen? Wenn Sie die vorherigen Artikel dieser Reihe gelesen haben, wird Ihnen nicht entgangen sein, dass ich immer wieder herausgestellt habe, welchen großen Anteil gewisse Einstellungen, Haltungen und Charaktereigenschaften Neuhausers meines Erachtens an seinen Erfolgen haben. Seine Bescheidenheit beispielsweise, seine Offenheit, seine Bereitschaft, zu lernen, sein Mut, Ratlosigkeit zuzugeben, sein Respekt vor dem Pferd, sein Einfühlungsvermögen in die Erlebniswelt des Tieres. Welchen Anteil haben alle diese Eigenschaften an seinem Erfolg? Und welche Chancen und Möglichkeiten haben wir, das bei ihm zu lernen? Wer das Pferd als ein Objekt ansieht, als Mittel zum Zweck, als Sportgerät, als Bespaßungsmittel, als Prestigmaximierer, der wird seine Einstellungen gewaltig ändern müssen, wenn er etwas von Neuhauser lernen will. Wer mit dem Pferd nur seinen Lebensunterhalt verdienen will, wie das vielleicht auf viele Gestütsangestellte zutrifft, hat vielleicht ebenfalls große Probleme. Hier ergibt sich noch ein zusätzlicher Konflikt: Neuhauser führt gewissermaßen durch seinen Erfolg den Nachweis, dass die eigentlich zuständigen Leute keine Ahnung haben, dass sie inkompetent sind. Kann man von diesen Leuten nun Dankbarkeit und Anerkennung erwarten? Eigentlich nicht. In einer solchen Situation ist aber eigentlich jeder Kursteilnehmer. Indem ich mich bei einem Kurs einschreibe, bekenne ich gewissermaßen meine Defizite. Das tut weh. Das verletzt das Ego. Damit befinde ich mich in einer misslichen Lage dem Lehrenden gegenüber, den ich gleichzeitig als überlegen anerkenne. Manche Leute würden darauf mit Hassgefühlen gegenüber dem Lehrer reagieren; die Kehrseite ist eine übertriebene Beweihräucherung des Lehrers, die, auf die Spitze getrieben, den Lehrer zum Guru macht. Und wenn ich von meinen Vorgesetzten dazu verdonnert werde, einen solchen Kurs zu besuchen, muss ich dem Lehrer noch mehr grollen, da meine Inkompetenz jetzt sogar aktenkundig geworden ist. |
Und einer bringt seine Einschätzung vor laufender Kamera auf Englisch zum Ausdruck:
Er glaubt also nicht, dass er von Neuhauser lernen kann, wie dieser zu arbeiten, weil ihm das Gefühl fehlt. Und dieses Gefühl fehlt ihm, weil Gott es ihm nicht gegeben hat, im Gegensatz zur Neuhauser. Die Übungen kann er lernen, da ist er sich sicher. Das Gefühl wird er nie erlangen, da Gott ihm eben eine andere besondere Gabe gegeben hat und er die hierfür notwendige nicht erwerben kann, da sie von Gott verliehen wird und auch mit größter Anstrengung nicht erworben werden kann. Diese mit größtem Ernst vorgetragenen Aussagen fand ich hochinteressant. Damit entlastet er sich selbst natürlich in erster Linie, aber andererseits hat er auch recht. Wenn Gott ihm die notwendige Gabe vorenthalten hat, trägt er selbst keine Verantwortung und kann dafür auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Man kann von ihm einfach nicht verlangen, so wie Neuhauser zu sein. Im Grunde meine ich etwas ähnliches; man muss gewisse Charaktereigenschaften haben, um so erfolgreich zu werden wie Neuhauser. Er mag in seinen Kursen viel vermitteln können, den Charakter eines Menschen wird er nicht ändern, jedenfalls nicht kurzfristig und vielleicht nie. Wenn die Pferde aber, so wie die Menschen auch, nicht nur auf Äußerlichkeiten, also Bewegungen von Körpern im Raum, reagieren, sondern auch auf Charaktereigenschaften, die man mehr gefühlsmäßig wahrnimmt, dann wird die reine Körpersprache, die man vielleicht mit einiger Anstrengung lernen und sogar durch eine Prüfung nachweisen kann, nur eine sehr begrenzte Wirkung haben können. Was meine ich in diesem Zusammenhang mit Gefühl, wie sollen Pferde Charaktereigenschaften fühlen können? Esoteriker sprechen gerne von Schwingungen (was immer das sein soll), andere Leute benutzen die Vokabel Die ganze Kunst arbeitet überwiegend mit Gefühlen, insbesondere der Film. Eine der wichtigsten Aufgaben beim Film ist es, für jede Rolle den passenden Schauspieler zu finden, der diese Rolle glaubhaft verkörpern kann. Dabei geht es gar nicht um die schauspielerischen Fähigkeiten, die gute Schauspieler ohnehin mitbringen, sondern um das, was der reine Anblick der Person und insbesondere des Gesichts beim Zuschauer auslöst. |
Natürlich wissen wir alle, dass es im Leben nicht ganz so einfach ist wie im Film; die Guten sehen eben leider nicht wie die Guten und die Bösen nicht wie die Bösen aus – sonst würde man sich im Leben viel leichter zurechtfinden. Ich will damit nur deutlich machen, dass wir weit mehr kommunizieren, als man mit reiner Wie kommt diese Gefühlswirkung beim Schauspieler zustande? Da fällt mir zum Beispiel Umgekehrt können schauspielerische Leistungen vollkommen unglaubwürdig sein. So habe ich als Lehrer einmal mit Schülern in einem Landschulheim eine Fernsehserie improvisiert und war ganz erschüttert über die emotionale Wirkung, die die Jugendlichen spontan erzeugen konnten. Ich stellte mir die Frage, ob diese nicht zu belastend ist, ob die Schüler nachts überhaupt ruhig schlafen können, wenn wir solche Dinge aufführen. Da antworteten die mir überzeugend, dass sie natürlich wissen, dass das alles gespielt ist; bei herkömmlichen Fernsehproduktionen hingegen spüre man schon auf 5 Meilen, dass alles künstlich ist, unecht, gar nicht überzeugend. Das hat mich sehr verblüfft. Denen konnte man offenbar nicht so leicht etwas vormachen – reichlicher Fernsehkonsum hatte sie, ihre Sinne und ihr Gefühl geschult und geschärft. Nun arbeiten die Menschen sehr viel mit Sprache und Pferde können unsere Sprache nicht so verstehen wie wir. Was können die Pferde dann über uns wissen? Dazu wieder ein Beispiel: Im Film
Der Fahrer fragt die Frau aus, weil er annimmt, dass ihr Leben entsetzlich eingeschränkt ist, weil sie nicht sehen kann. Sie ist total genervt – vermutlich unterstellt das jeder Nichtblinde – und versucht ihm deutlich zu machen, dass ihre Welt sehr reich ist, dass sie unglaublich viel wahrnimmt, was Sehende gar nicht wahrnehmen können. Er fragt sie nach ihren Liebhabern, und sie behauptet, diese schon auf 100 m riechen zu können. Sie macht einen letzten Versuch, ihm deutlich zu machen, dass es auf die reine Sehfähigkeit als solche gar nicht ankommt, indem sie behauptet, sie gehe sogar ins Kino. Und natürlich geht es letzten Endes um Gefühle. |
Und nun versuche ich es auf den Punkt zu bringen, was ich die ganze Zeit sagen will. Dazu benutze ich das Stichwort vertrauenswürdig: Sind Sie vertrauenswürdig? Wenn nicht, stellen sich einpaar Fragen: Könnte Neuhauser Sie vertrauenswürdig machen? Würden Sie ein Pferd täuschen können? Was könnte ein Lehrer tun, um Sie vertrauenswürdig zu machen? Wenn es ihm nicht gelingt: Müsste man sein Versagen ihm anlasten oder wären Sie dafür verantwortlich? Könnte die Arbeit mit Ihrem Pferd Sie ändern? Was passiert mit Ihnen, wenn Ihr Pferd Ihnen ständig sagt, dass Sie nicht vertrauenswürdig sind? Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte mit dem Motorrad ( Ein Motorrad ist eine Maschine, wie ein Computer. Wenn Sie einen Fehler machen, gibt der Computer den Fehler zurück. Er ist gnadenlos. Er wird sich nicht ändern, Sie müssen sich ändern. Das ist bei einem Pferd nicht der Fall. Ein Pferd ist ein Lebewesen, das nachgibt, das sich missbrauchen lässt, das zulässt, dass Sie falsche Schlüsse ziehen. Pferde ermöglichen also, dass Sie sich selbst belügen. Pferde sind kein Allheilmittel. Sie können uns aber viel zeigen, wenn wir aufmerksam sind. Lassen Sie es mich noch einmal wiederholen, was der Gestütsmitarbeiter, der Untergebene des Scheichs, gesagt hat: „Gott gibt jedem eine besondere Gabe.“ Auch Ihnen und mir. Darauf können wir stolz sein. Darauf können wir bauen. Das nimmt unser Pferd uns ab, weil es echt ist. Sie spüren es, wenn Sie ganz Sie selbst sind. Für viele Menschen ist das eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Sie hat natürlich mit der Frage zu tun: Wer bin ich? Um diese Frage zu beantworten, braucht man eigentlich ein ganzes Leben. Also werden Sie bitte nicht ungeduldig. Die Gabe haben Sie schon. Sie müssen nur etwas daraus machen. Dafür haben Sie viel Zeit, genauer gesagt den Rest Ihres Lebens, aber am besten fangen Sie sofort damit an, denn es könnte bald zu spät sein. Müssen wir alle so reiten wie Neuhauser? Natürlich nicht, das geht vielleicht auch gar nicht. Wir müssen so reiten, wie es uns gemäß ist. Da fällt mir Finden Sie heraus, wer Sie sind, wer Ihr Pferd ist, wie Sie reiten, wie Ihr Pferd Sie reiten lassen möchte. Das ist Kommunikation. Das macht Sie und Ihr Pferd glücklich. Achten Sie auf Ihre Gefühle. Und lassen Sie sich nicht entmutigen! „Heilige sind Sünder, die nie aufgegeben haben.“ (Diese Weisheit ist natürlich nicht von mir.)
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