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Editorial   Magazin Magazin, Ausgabe 664, erschienen am 18.12.2011

Magazin  Ausgabe 664
Werner Popken
Editorials  Editorial

Liebe



Im  Tipp dieser Woche hat  Heidi Keppel aus gegebenem Anlass an das bevorstehende Weihnachtsfest und den Anlass dafür erinnert, nämlich die sagenhafte Geburt des Christuskindes, die das Kirchenjahr eröffnet und mit dessen schmählichen Ende nach kurzer Wirkungszeit, der Kreuzigung (Karfreitag) und Auferstehung (Ostern und Pfingsten), dieses endet.

Aber nicht nur das, sondern sie hat ausdrücklich auf die bedingungslose Liebe hingewiesen, die er vorgelebt und gepredigt hat. Das ist in der Tat nötig, denn die Wurzeln dieses Festes verschwinden immer mehr, was natürlich mit der immer geringeren Religiosität der heutigen Menschen zu tun hat.

Doch das ist nicht ganz richtig: Vermutlich sind die Menschen heute genauso religiös wie früher, sie sind nur nicht in gleichem Maße kirchlich geprägt und gebunden. Das ist das neue Phänomen: Die Menschen glauben nicht mehr an die Präsenz Gottes und seines Sohnes, schon gar nicht in der Form, wie die Kirchen dies nahebringen wollen.

Die Liebe hingegen ist nicht verschwunden, nicht die Liebe zwischen Mutter und Kind, die Liebe zwischen Jüngling und jungem Mädchen, die Liebe zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter, Großvater und Großmutter, Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln – aber das ist nicht der Kern der Liebeslehre Jesu, die verlangt, dass wir pauschal unseren Nächsten so lieben wie uns selbst. Jeden! Nicht nur die engeren Angehörigen, nicht nur die liebenswerten Zeitgenossen, sondern jeden, wirklich jeden.


Zweierlei Maß

Das ist starker Toback. Und auch die Kirchen leben nicht danach, sondern grenzen ab, unterscheiden zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Rechtgläubigen und Ketzern, Freund und Feind. Die Kirchen haben nie gezögert, die Waffen der Freunde zu segnen, auf dass der Feind mit der Hilfe Gottes zerschmettert werde. Sie legen mindestens so viel Wert auf den rechten Glauben wie auf die Unterscheidung zu all den Irrlehren der unzähligen anderen Kirchen, der unliebsamen Konkurrenz.

Das ist ein Problem. Die Kirchen sind unglaubwürdig. Sie waren es schon immer, seit sie als Institution auftraten und Machtpositionen übernahmen. Und das haben sie getan, seit sie existieren. Kirche ist Institution und kann daher eine solche Lehre nicht glaubwürdig vertreten. Warum fällt das erst den Menschen unserer Zeit auf? Warum laufen die Menschen erst jetzt den Kirchen davon? Warum werden sie von den Worten der Prediger heute nicht mehr satt? Schließlich verkündigen die nach wie vor Gottes Wort, wie es aus dem Alten und Neuen Testament spricht, und berufen sich ausdrücklich auf Jesus, soweit sie sich christlich nennen.

Auch in früheren Zeitaltern haben die Männer von der Kanzel von der Liebe gesprochen und es nicht so gemeint, wie Jesus es gemeint hatte. Natürlich haben die Menschen immer Angst gehabt, vor dem Tode, vor der Strafe, und die Kirchenleute haben oft nicht gezögert, diese Angst noch zu schüren, mit Vorstellungen, die sich durch die Heilige Schrift nicht rechtfertigen lassen: Fegefeuer, Teufel, Sünde. Und die Kirche konnte den Menschen diese Angst nehmen – durch Vergebung, die man erkaufen konnte.

Bei den Katholiken ist das heute noch so, und deshalb haben viele Katholiken ein viel unbeschwerteres Verhältnis zur Sünde, weil sie ja jederzeit beichten können und die Sünde gegen eine kleine Buße erlassen wird. Sehr bequem. Noch Luther forderte, doch recht kräftig zu sündigen, aber aus einem ganz anderen Grunde, weil er nämlich überzeugt war von der Gnade Gottes, der allein den Menschen retten konnte und versprochen hatte, dies zu tun. Dieses persönliche Verhältnis zu Gott, das keinerlei Vermittlung durch die Kirche bedarf, ist für die Institution Kirche bedrohlich.


Religiösität

Laufen die Menschen also der Kirche weg, weil sie ein persönliches Verhältnis zu Gott und Jesus haben? Ich fürchte, dass dem nicht so ist. Diejenigen, die ihr Auto mit einem Fischaufkleber schmücken oder dem Spruch „Jesus lebt!“ , sind vermutlich fest in der Kirche verankert. Sie sind nicht typisch für die Kirchenverdrossenheit der Mehrheit. Dass die Menschen nicht gleichgültig geworden sind, zeigt sich unter anderem an der enormen Konjunktur einer unglaublich vielfältigen esoterischen Szene. Die Menschen laufen zwar den Kirchen weg, aber sie begeben sich auf die Suche. Sie vermissen etwas, sie glauben nicht, es bei den Kirchen oder bei Jesus zu finden, aber sie brauchen es. Und so greifen sie dann zu Alternativen, auf die sie all ihre Hoffnung setzen.

Vor ein paar Tagen sah ich einen jungen Mann auf der Straße mit einem auffälligen Spruch auf seinem schwarzen Sweatshirt: „Jesus ist tot, Odin lebt.“ Der versucht es also mit dem Glauben der Vorväter, von dem wir so gut wie nichts wissen. Ich fürchte, da ist nichts zu holen. Die Sache mit der Liebe ist schon unglaublich, da kann der alte Odin einfach nicht mithalten. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass dieser junge Mann Jesus, dessen Geburt wir Weihnachten gedenken, in den wenigen Jahren seines Wirkens hier auf der Erde eine Bewegung losgetreten hat, die nach 2000 Jahren keineswegs tot ist, auch wenn das einem jungen Mann von heute so scheinen mag.

Nietzsche hat vom Idioten Jesus gesprochen, aber ich fürchte, er hat sich da etwas verhoben. War nicht vielmehr Nietzsche der Idiot? Der Wille zur Macht führt, wie wir wissen, über kurz oder lang in den Abgrund. Der Weg der Liebe ist unüberwindbar und trägt seinen Lohn in sich. Wer sich Machtfantasien hingibt, leidet vermutlich an Minderwertigkeitskomplexen, und zwar höchstwahrscheinlich durchaus zu Recht. Wer glaubt, sich Frauen nur mit der Peitsche nähern zu können, hat einfach Angst vor ihnen, das liegt doch auf der Hand. Was wusste Nietzsche denn schon von Frauen? Aber auch er war natürlich von den Kirchen enttäuscht.

Dennoch gibt es auch innerhalb der Kirchen immer wieder einzelne Menschen, die den Weg der Liebe gehen können, die versuchen, Jesus nachzueifern und jeden Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Kluge Leute haben darauf hingewiesen, dass die letzten drei Worte dieser Satzes eine Vorraussetzung darstellen: Man muss sich erst einmal selbst lieben, bevor man damit anfangen kann, seinen Nächsten zu lieben. Vielleicht sollte man sich zu Weihnachten also fragen, ob überhaupt und wieweit man sich selbst liebt.

Religiösität handelt von der Überzeugung, dass Gott einen liebt, so wie man ist. Mit allen Fehlern und Schrullen. Bedingungslos. Der kann das. Jesus hat es uns gezeigt. Er war davon überzeugt. Können Sie das auch? Lieben Sie sich so, wie Sie sind? Wenn nicht, wie können Sie dann andere lieben, Ihr Pferd beispielsweise?


Spam

Der Spam der Woche: Wer möchte nicht mal lachen?






Haiku

  1. Das Fest der Liebe.
    Entspannte Feiertage.
    Geht's noch um Jesus?

  2. Gar nichts zu lachen?
    Cartoon zur Lebensfreude.
    Muss man nur klicken.




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