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Tipp   Magazin Magazin, Ausgabe 669, erschienen am 22.01.2012

Magazin  Ausgabe 669
Heidi Keppel
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Tipps für eine erfolgreiche Pferdebeobachtung und -beurteilung
Teil 51
Von Autorenhinweise m_red  » Heidi Keppel


Vorige Woche habe ich bereits damit begonnen, den Typ des in einer Herde den zweiten Rang belegenden Pferdes genauer zu beschreiben, und habe dabei auch mögliche Auswirkungen auf die reiterliche Zusammenarbeit angesprochen sowie Vergleiche mit Leittieren angestellt, denen sie zwar in vielerlei Hinsicht ähnlich, von denen sie allerdings in einigen Punkten sehr deutlich unterschieden werden können. Einem aufmerksamen Reiter können vor allem die charakterlichen Besonderheiten eigentlich nicht entgehen.

Wie bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausführlich beschrieben, lässt sich eine Leitstute kurz gesagt am einfachsten und besten von gefühl- und rücksichtsvollen Menschen reiten, während sie sich gegen die Anwendung jeglicher Gewalt und Unterdrückung mit all ihrer Kraft und ihrem unbeugsamen Willen auflehnt. Gegenüber physisch oder psychisch schwachen Reitern verhält sie sich wie eine Beschützerin und übt ihre dabei eingenommene Führungsrolle auf kluge und für den Menschen sehr brauchbare und angenehme Weise aus.

Das in der Herdenhierarchie an zweiter Stelle stehende Tier besitzt diesbezüglich hingegen ein ganz anderes Naturell. Es ist daran gewöhnt, schwächere Artgenossen zu schikanieren und zur sichtbaren Unterwerfung zu zwingen, wobei ihm jedes Mittel, auch brutalste Bisse und Tritte, recht ist, um sein Ziel zu erreichen, von allen anderen gefürchtet zu werden. Nur von der Leitstute duldet es Anweisungen, die es auch prompt und widerspruchslos befolgt. Ebenso sucht es Körperkontakt hauptsächlich bei der Leitstute, während es von den anderen Pferden respektvolle Distanz erwartet.

Wenn man diese Verhaltensprinzipien auf die Mensch-Pferd-Beziehung überträgt, so wird schnell klar, dass so ein zweitrangiges Tier weder die positiven Beschützereigenschaften eines Leitpferdes noch die freiwillige Unterwürfigkeit eines rangniedrigen Tieres besitzt, sondern vielmehr ein starkes, kämpferisches Naturell aufweist, das allem Schwachen mit hoher Aggressivität begegnet und sich nur einer eindeutig körperlich und/oder geistig überlegenen Persönlichkeit unterwirft.

Solche Pferde können zwar durchaus gute, verlässliche Reitpartner sein und sie sind von ihrem körperlichen und geistigen Potenzial auch zu hohen Leistungen fähig, aber sie benötigen als Reiter eine dominante Person mit genügend Kraft und Durchsetzungsvermögen sowie schnelle, möglichst vorausschauende Reaktionsfähigkeit. Nur derart begabte Reiter können verhindern, dass sie von diesen durchaus klugen ‘Powerpferden’ ausgetrickst bzw. erfolgreich bekämpft werden.

Pferde dieses Typs testen nämlich binnen kürzester Zeit die Fähigkeiten ihrer Besitzer bzw. Reiter aus, um dann deren Schwachstellen skrupellos für den eigenen Vorteil auszunützen, und wenn sie erst einmal mehrere ‘Runden’ gewonnen haben, lassen sie sich nur noch schwer vom selben Menschen in ihre Schranken verweisen. Da hilft dann meist nicht einmal professionelle Unterstützung, da solche Tiere schnell durchschauen, wer sein Handwerk versteht und wer die empfohlenen Taktiken dann nur halbherzig nachzuahmen versucht.

Aus diesem Grund sind Pferde dieses Naturells auch denkbar schlechte Schulpferde. Sie tanzen Anfängern und ganz besonders körperlich schwachen sowie ängstlichen bzw. zaudernden Reitschülern sozusagen nur auf der Nase herum und können damit jegliche anfängliche Lernbegeisterung in noch mehr Unsicherheit und hoffnungslose Verzweiflung verwandeln.

Freizeitreiter mit eher zaghaftem Wesen sollten ebenso besser die Finger von solchen Tieren lassen, denn sie würden wohl immer Schwierigkeiten damit haben, ihren eigenen Willen durchzusetzen, was unweigerlich nicht nur bei grundlegenden Übungen auf dem Reitplatz, sondern auch im Gelände zu problematischen Machtkämpfen führen würde, die für Reiter und Pferd beträchtliche Gefahren in sich bergen könnten.

Dagegen besteht für Sportreiter, die über genügend Autorität und Erfahrung verfügen, durchaus die Möglichkeit, mit solchen leistungsstarken Energiebündeln glücklich zu werden, sofern die jeweiligen Talente gezielt gefördert werden und die Haltungsbedingungen den speziellen Bedürfnissen dieser Tiere angepasst werden. Worauf hier im Detail geachtet werden sollte, erfahren Sie dann in meinem nächsten Tipp.


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