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Editorial   Magazin Magazin, Ausgabe 670, erschienen am 29.01.2012

Magazin  Ausgabe 670
Werner Popken
Editorials  Editorial

Chemie



Vor nicht allzu langer Zeit machte der englische Biologe Wikipedia-Link» Richard Dawkins mit seinem weltweiten Auftreten gegen die Religionen Schlagzeilen (Wikipedia-Link» Der Gotteswahn, 2006). Nun wundert es mich immer wieder, wie viel Energie Wissenschaftler in die Bekämpfung der Religionen investieren. Natürlich ist es ungeheuerlich, welchen Schaden Religionen weltweit anrichten. Aber muss man sie deshalb bekämpfen? Und was haben Religionen mit Gott zu tun?

Wenn ich etwas bekämpfe, mache ich es nur stark. Aktion ruft Reaktion hervor. Wenn ich stattdessen Nichtbeachtung einsetze, vermeide ich eine Reaktion und überlasse die Sache sich selbst. Religionen muss man nicht bekämpfen, die sterben von alleine aus. Der Kirche laufen die Mitglieder davon, auch ohne dass man sie bekämpfen muss. Jedenfalls dort, wo die Kirchen ihre Funktion nicht mehr erfüllen können: Das Leben mit Sinn auszustatten.

Die Naturwissenschaften, als deren Exponent Dawkins auftritt, haben zweifellos in kürzester Zeit unsere Welt verändert, irreversibel noch dazu, wie es scheint. Zwar ist die Welt viel komplizierter und wunderbarer als die Wissenschaftler sich das vorstellen können, und es bleibt offen, ob die Wissenschaft jemals in irgendeinem ihrer Teilgebiete zu dem Schluss kommen kann, nun endlich alles verstanden zu haben, aber ganz wesentliche Fragen wird die Wissenschaft nie beantworten können, weil sie eben nicht in der materiellen Struktur der Welt zu finden sind. Chemie, Biologie und Medizin haben enorme Erkenntnisse über die Funktionsweise lebender Organismen zutage gefördert, aber sie haben uns nicht verraten können, wozu das alles gut ist. Die Wissenschaft verrät uns nicht, wie wir leben sollen.


Sinn

Glücklicherweise gibt es auch Wissenschaftler, die dies klar erkannt haben und offen eingestehen. Der Biochemiker Wikipedia-Link» Gottfried Schatz hat in einem Interview sogar vermutet, dass die Naturwissenschaften diese Frage nie beantworten werden können:

"Die Naturwissenschaften konnten unserem Leben keinen Sinn geben, weil sie keine zielgerichtete Evolution des Universums oder des Lebens fanden – und wohl auch nie finden werden."

- Interview mit Gottfried Schatz – NZZ am Sonntag, 17. August 2008, S. 63
» Gottfried Schatz

Die Frage nach dem Sinn ist aber zentral. Dawkins ist auch durch seine Unterstützung der Wikipedia-Link» Atheist Bus Campaign bekannt geworden, die ihrerseits wiederum eine Reaktion auf einen militanten christlichen Vorstoß war, der mit den Qualen der Hölle drohte, was natürlich vollkommener Unfug ist. Die Slogans dieser Kampagne variieren in den verschiedenen Ländern, aber die Quintessenz ist immer: Es gibt keinen Gott, also genieße das Leben.

Als wenn das so einfach wäre. Ob mein Leben einen Sinn hat oder nicht, hängt gar nicht von der Existenz Gottes ab, aber ob ich mein Leben genießen kann, könnte sehr wohl davon abhängen – wobei die Existenz Gottes auch noch unerheblich ist, lediglich die Realität Gottes für mich persönlich spielt eine Rolle. Bin ich ein Schleimklumpen irgendwo am Rande des unendlichen Weltalls, oder bin ich ein Ebenbild des höchsten Begriffs vom Menschen, den ich mir vorstellen kann? Zweifellos ist der Gott der Ameisen eine Ameise, und der Gott der Schwarzen ist schwarz – das aber hat mit der Existenz und Realität Gottes nichts zu tun. Gott ist viel mehr als das, was Geschöpfe sich vorstellen können. Die Vorstellung ist nur eine Vermittlung, eine Veranschaulichung des Unvorstellbaren, dessen Existenz und Realität aber völlig unabhängig von meiner Vorstellung ist.

Die Hölle stelle ich mir wie die Realität derjenigen vor, die ihr Leben nur genießen wollen und keine Befriedigung dabei finden können. Eine verzweifelte Bemühung, etwas zu spüren, wie das etwa Wikipedia-Link» de Sade exemplarisch vorgelebt hat, wie es denen geht, die in Depressionen hineinrutschen und sich womöglich das Leben nehmen. Ein indischer Heiliger wurde einmal gefragt, ob es die Hölle gibt. Die Hölle ist ja eine christliche Vorstellung, also würde man erwarten, dass er eine entsprechende Antwort gibt und die Existenz der Hölle bestreitet. Stattdessen sagte er: „Natürlich! Was glauben Sie denn, wo Sie hier sind?“ Dabei wollen doch alle nur das Leben genießen, oder? Die Hölle ist hier, und sie ist dort am heißesten, und jemand verzweifelt versucht, sein Leben zu genießen, ohne es zu schaffen.


Erfahrung

Das Vertrackte an jeglicher Art von Äußerung ist, dass diese nur aufgrund persönlicher Erfahrung möglich ist. Dazu zitiere ich einfach nur Wikipedia-Link» Hannah Arendt:

Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist.

» Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt. Sendung vom 28.10.1964

Das gesamte Interview ist auf YouTube veröffentlicht, man kann sich dieses Zitat also im Original zu Gemüte führen. So stellt sich also stets die Frage: Über welche Erfahrungen verfügt derjenige, der gerade spricht? Und wie begründet er seine Autorität? Üblicherweise behauptet jeder, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, ganz gleich, über welche Schulbildung oder Lebenserfahrung er verfügt, und das mit gutem Recht, denn niemand kann über seinen eigenen Tellerrand schauen, also über mehr Einsicht verfügen als seine Lebenserfahrung bereitstellt, und üblicherweise zieht jeder daraus den Schluss, dass dies alles sein müsse, dass es außerhalb des eigenen Tellerrands nichts geben könne. Dabei liegt doch auf der Hand, dass nichts falscher ist als gerade dieses. Es geht nichts über Erfahrungen. Und die muss man zulassen, die können sich ergeben oder auch nicht.

Der eben zitierte Biochemiker scheint um dieses Phänomen zu wissen und ist wesentlich bescheidener:

"Das Wunderbare an uns Menschen ist, dass wir zwei Vererbungssysteme besitzen – ein chemisches und ein kulturelles. … Unser chemisches System erhebt uns kaum über andere Tiere, doch unser kulturelles System ist in der Natur ohne Beispiel. Seine formende Kraft schenkt uns Sprache, Kunst, Wissenschaft und sittliche Verantwortung."

- Jenseits der Gene: Essays über unser Wesen, unsere Welt und unsere Träume von Gottfried Schatz. – NZZ Libro – Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2008 – ISBN 978-3-03823-453-1 – Kapitel "Bedrohliche Gäste", S. 9
» Gottfried Schatz

Es ist eben nicht die Chemie, die uns definiert und bestimmt, sondern alles das, was darüber hinausgeht, worüber Naturwissenschaftler naturgemäß nichts sagen können. Und selbstbewusste Vorstöße herausragender Naturwissenschaftler in fremde Sachgebiete wie die von Dawkins, der den Begriff des Wikipedia-Link» egoistischen Gens erfunden hat und dieses Konzept mit der Einführung des Begriffs Wikipedia-Link» Mem auf die Kultur erweiterte, einem Gebiet, von dem er viel weniger verstand, konnten zwar seit jeher unter Laien große Erfolge verbuchen, sich aber innerhalb der Wissenschaften selbst kaum halten. Außerdem: Je weniger einer über ein bestimmtes Gebiet weiß, desto selbstbewusster kann er seine Thesen über dieses Gebiet natürlich auch vortragen. Auch das ist eine Binsenweisheit. Was also weiß Dawkins über Gott? Vermutlich nichts. Welche Erfahrungen hat er mit ihm? Vermutlich keine. Kann er dann darüber sprechen?

Da lobe ich mir doch den Philosophen und Logiker Wikipedia-Link» Raymond Smullyan, der in seinem Aufsatz » Is God a Taoist? (enthalten in dem Buch » Das Tao ist Stille), die logischen Schwierigkeiten eines Urteils über Gott humoristisch am Rande streift und ansonsten die Realität Gottes einfach voraussetzt und untersucht, welche Konsequenzen sich für die wesentlichen Grundfragen des Lebens schon aus logischen Gründen ergeben, ganz unabhängig von der Frage, ob Gott existiert oder nicht.


Spam

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Haiku

  1. Es gibt keinen Gott.
    Persönliche Erfahrung?
    Oder Projektion?

  2. Gehen Sie sicher.
    Profitieren von Wetten.
    Limited Offer.




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