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Kunstgalerie   Magazin Magazin, Ausgabe 95, erschienen am 20.01.2001

Magazin  Ausgabe 95
Werner Popken


Abschnitte:
  1. Abschnitt  Cowboy
  2. Abschnitt  Das Sehen
  3. Abschnitt  Marlboro
  4. Abschnitt  Pop Art
  5. Abschnitt  Urheberrecht
  6. Abschnitt  Rechts-Nachhilfe
Kunstgalerie  Kunstbetrachtung

Cowboy


William John Welch
Partner

1997

Bei diesem Bild denkt man fast automatisch an das Werbeklischee des 20. Jahrhunderts, an den 'Marlboro-Mann' auf seinem Pferd. Doch wie der Titel vermuten läßt, bezieht sich dieses Gemälde auch auf eine viel ältere Tradition - die des einsamen Cowboys und seines Pferdes.

aus dem Buch Pferde
mit freundlicher Genehmigung
des  Taschen-Verlags
siehe auch  Rezension




Kommentar
Von  Werner Stürenburg

Nachdem wir in den letzten Beiträgen gewaltig in die Tiefe gegangen sind, wollte ich in dieser Woche etwas Leichteres bringen. Da kam mir dieses Blatt gerade recht.

Wie schon der Kommentar bemerkt, wirkt das Blatt klischeehaft. Was soll das heißen? Aus meinem Wörterbuch entnehme ich, daß das Wort Klischee aus dem Französischen kommt und zunächst einmal einen Druckstock für den Hochdruck bedeutet. Außerdem bezeichnet es eine Redensart, die durch zu häufigen Gebrauch ihren Sinn verloren hat, schließlich eine von Vorurteilen geprägte Vorstellung.

Nun kann man nachvollziehen, wie das Wort seine Bedeutung verändert hat. Ein Druckstock zeichnet sich dadurch aus, daß man von dieser einen Vorlage beliebig viele Abzüge ziehen kann, ohne wesentliche Verschlechterung des Resultats. Ein Abzug ist also wie der andere, keiner von ihnen besitzt Originalität. Dieser Mangel wird schließlich auf das Klischee selbst übertragen.

Es handelt sich hier aber natürlich nicht um den Nachvollzug intellektueller Konstruktionen, sondern um den unmittelbaren Eindruck. Man sieht sofort, daß das so nicht stimmt. Es ist ähnlich wie mit dem  chinesischen Propagandabild, kommt aber aus einer anderen Ecke. Hier ist es die Welt der billigen Illusionen, des Films, der Werbung.

Das Sehen  oben 



Cowboys sind keine Schönlinge, sondern raue Burschen, die schwere Arbeit leisten. Auf dem  Bildschirmschoner Fiesta kann man wunderbare Exemplare ausgesprochen unklischeehafter Männer bewundern - zwar sind dort auch Schönlinge dabei, denen man aber den Beruf des Cowboys oder Gauchos nicht abnehmen muß und auch nicht abnimmt.

Es ist schwer, in Worten zu beschreiben, was man unmittelbar sehen kann, wenn man das gelernt hat: zu sehen und zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist lebenswichtig. Wir nehmen einen Großteil der Informationen über die Augen wahr. Das ist nicht erst ein Phänomen unserer Tage mit der visuellen Überflutung. Schon immer haben sich Menschen erst einmal beäugt und über die Augen versucht herauszubekommen, mit wem man es zu tun hat, bevor Sprache eingesetzt wurde.

Außerdem kann man mit Sprache wunderbare lügen. Mit dem Körper zu lügen ist wesentlich schwerer. Wer das gut kann, ist ein Schauspieler. Und jeder weiß doch, wie schlecht die Schauspieler im allgemeinen sind, was einfach nur heißt: sie können nicht gut genug lügen - mit dem Körper natürlich.

Ein Schauspieler kann sagen was er will: er wirkt unglaubwürdig, wenn die Augen den Inhalt der Worte nicht nachvollziehen können. In dieser Technik sind schon kleine Kinder ganz perfekt. Man weiß nicht, wie sie es lernen, es gibt auch keinen Unterricht in dieser Fertigkeit, man spricht noch nicht einmal darüber, wie wichtig das ist - wer es hat, kommt besser durchs Leben.

Das ist auch ein Grund, warum Kinder mit dem Fernsehen weniger Schwierigkeiten haben als angenommen. Sie sehen einfach unmittelbar, daß das einfach nur Quatsch mit Soße ist, was ihnen da vorgesetzt wird. Und genauso sieht man bei diesem Bild sofort, daß das einfach nur - vornehm ausgedrückt - ein Klischee ist.

Marlboro  oben 



Wie der Zufall so will, hat Sylvia mich heute Nachmittag in ein Café eingeladen, versteckt in irgend einem Tal in Lippe. Die Gänse liefen auf der Straße herum, das Café war gemütlich, der Kuchen und der Kakao schmeckten gut. Es lagen auch ein paar Bücher herum, eigentlich sogar ziemlich viele, und ich nutzte die Gelegenheit und durchblätterte zunächst ein Buch über das alte Rom.

Dann schaute ich in ein Buch über die Werbung der Jahre 1950 bis 1965. Ich war sehr erstaunt, auf eine Marlboro-Werbung zu stoßen, die zwei Pärchen beim Doppelkopf zeigte, wie sie sich die Bude vollqualmen. Dieses Beispiel zeigte im Verein mit anderen, wie man damals das Thema Geselligkeit für das Marketing ausnutzte.

Das leuchtet zum Thema Rauchen durchaus ein. Wieso die Marlboro-Leute später auf den Cowboy gestoßen sind und warum sie mit diesem Bild ausgerechnet bei den Rauchern Erfolg hatten und immer noch haben, wurde natürlich nicht erläutert, weil es das damals noch nicht gab.

Bis hierher habe ich nun viele Worte gemacht, aber auf das Bild selbst keinerlei Energien verschwendet, denn alles verstand sich auf den ersten Blick, und auf den zweiten Blick ergab sich immer noch nichts Neues.

Nun wollte ich es genauer wissen und bemühte das Internet, genauer gesagt  Google. Als Suchbegriff habe ich den Vornamen und Nachnamen unseres Künstlers verwendet. Wie zu erwarten, wurden auch andere William Welch gefunden: zunächst die Abteilung einer universitären Medizin-Bibliothek, die offenbar die Stiftung oder den Nachlaß eines William Welch besitzt, dann ein Mediziner, der ebenfalls an einer Universität tätig ist, und als drittes dann unseren gesuchten Künstler! Wer hätte das gedacht - so einfach ist das.

Unser Künstler hat mehrere Web-Seiten, offenbar zunächst als Unterseiten angelegt - schließlich hat er sich seinen eigenen Domain geholt:  www.williamwelchgallery.com, denn er betreibt in seiner Heimatstadt auch eine Galerie, in der er seine Werke anbietet.

Natürlich zeigt er auch im Internet seine Arbeiten, die sämtlich sehr ähnlich sind, fast ausschließlich Außenansichten von Häusern und Straßen, natürlich immer im Sommer bei Sonnenschein um die Mittagszeit, mit vielen Blumen drumherum, in zarten Pastelltönen, alles leicht angegammelt, mit anderen Worten: der ganz große Kitsch verkauft sich wohl am besten.

Das Bild am Anfang unseres Abschnittes ist natürlich auch von ihm und nicht etwa eine Ansicht des Cafes.

Kein einziges Bild, was sich auch nur entfernt mit unserem Cowboy vergleichen ließe. Es bleibt rätselhaft, wie die Herausgeberin des Buches auf dieses Bild gestoßen ist und aus welchem Anlaß und mit welchem Zweck unser Künstler das Bild gefertigt hat. Vermutlich brauchen wir auch gar keine Antwort auf diese Fragen, denn Welch arbeitet anscheinend nur des Geldes wegen und hat ansonsten nichts zu sagen.

Pop Art  oben 



Deshalb ist es eigentlich korrekter, statt von Kunst von Illustration zu sprechen. Unser Cowboy ist mit einer handwerklichen Fertigkeit gearbeitet, wie sie Plakatmaler benötigen, z. B. für die Großplakate, die Filme ankündigen. In meiner Jugend entstand eine Kunstrichtung aus dieser Geisteshaltung: die Pop Art - die Bildung kommt von Popular Art, also populäre Kunst, womit schon sehr viel gesagt ist. Die bekanntesten Vertreter sind Roy Lichtenstein und Andy Warhol.

Lichtenstein hat sich die Comics zum Vorbild genommen, Warhol die Werbung. Übrigens habe ich nachträglich noch den Beitrag über die chinesischen Jagd ergänzt. Ich suchte eigentlich eine Abbildung der Mao-Bibel, fand aber keine.

Dann suchte ich eine Abbildung von Mao selbst und fand ein 'Porträt' von Andy Warhol. Die Porträts von Goethe und Marilyn Monroe sind ähnlich gemacht und sehr berühmt, ähemm - populär.

Hier fange ich nun an, mich unwohl zu fühlen, denn es tun sich rechtliche und finanzielle Probleme auf. Bekanntlich war die Schaffung des Urheberrechtes ein großer Fortschritt. Goethe ist noch ungeniert geraubdruckt worden und selbst heute gibt es viele Länder der Welt, die das Urheberrecht nicht anerkennen.

Wenn ich nun ungefragt Abbildungen aus dem Internet nehme, verstoße ich unter Umständen gegen das Urheberrecht. Die Sache ist nicht ganz einfach und ich weiß auch nicht, ob ich es richtig verstanden habe, aber mir stellt sich das so dar, daß die Abbildung eines Kunstwerkes selbst nicht urheberrechtsgeschützt ist, weil dem eine unkreative, rein reproduktive Tätigkeit zugrundeliegt. Das Kunstwerk selber aber ist bei neueren Werken geschützt, und zwar bis 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers.

William Welch lebt, und Andy Warhol ist erst ein paar Jahre tot. In beiden Fällen ist es also strenggenommen eine eklatante Verletzung des Urheberrechtes, wenn ich diese Abbildungen verwende.

Im Falle des Warhol habe ich die Galerie, die diesen Siebdruck verkauft, informiert, aber im Sinne des Gesetzes hätte ich mir das sparen können, denn die Galerie ist mit Sicherheit nicht im Besitz der Urheberrechte.

William Welch könnte ich direkt ansprechen, aber wenn er sich den Text übersetzen läßt, wird er nicht amüsiert sein. Ich vertraue also darauf, daß niemand etwas merkt, denn wo kein Kläger ist, da ist auch im Falle des Urheberrechtes kein Richter.

Ich habe übrigens den Taschen Verlag um die Erlaubnis gebeten, die Bilder aus dem Buch zu verwenden. Auch der Taschen Verlag wird nicht im Besitz des Urheberrechtes sein, kann mir also diese Erlaubnis gar nicht geben - ich habe sie aber bekommen! Nanu?

Urheberrecht  oben 



Nun wird es Zeit, daß ich die Sache noch etwas verkompliziere: das Urheberrecht liegt immer beim Urheber und kann überhaupt gar nicht veräußert werden. Wir reden deshalb eigentlich nicht über das Urheberrecht, sondern über das Nutzungsrecht. Dieses Nutzungsrecht kann veräußert werden; dies ist sogar die Regel.

Welch hat vermutlich den Cowboy als Auftrag gemacht. Das Urheberrecht bleibt selbstverständlich bei ihm, weil er es gar nicht veräußern kann (ich unterstelle, daß das amerikanische Urheberrecht da mit dem deutschen konform geht).

Das Nutzungsrecht geht an den Auftraggeber über, denn sonst macht der Auftrag für diesen keinen Sinn. Hier stellt sich nun die Frage, welches Nutzungsrecht an den Auftraggeber verkauft wird.

Das Nutzungsrecht muß in jedem Einzelfall geklärt werden. Zum Beispiel könnte der Künstler sämtliche Nutzungsrechte an den Auftraggeber veräußern. Dann könnte er mir gar keine Erlaubnis geben, weil er überhaupt nicht mehr im Besitz der Nutzungsrechte ist.

Tut er das trotzdem (was offenbar häufig vorkommt, weil Künstler keine Experten im Urheberrecht sind), kann ich mich nicht in Sicherheit wiegen: denn, jetzt kommt's: im Urheberrecht gibt es keinen Treu und Glauben.

Das bedeutet: wenn der Künstler mir die Erlaubnis gibt und ich mich darauf verlasse, der Inhaber später jedoch seine Rechte verletzt sieht, dann kann der Inhaber der Rechte mich sofort zur Rechenschaft ziehen und ich kann mich erst später im Rückgriff beim Künstler wiederum versuchen, schadlos zu halten. Das muß man sich mal genüßlich auf der Zunge zergehen lassen.

Er könnte auch ein einmaliges Nutzungsrecht verkaufen und sich die weitere Nutzung vorbehalten. Dann könnte er mir die Nutzung gestatten. Eigentlich müßte ich also vollständige Einsicht in die Vertragsunterlagen des Künstlers haben, um beurteilen zu können, ob er mir überhaupt die Rechte geben kann, die ich haben möchte.

Nehmen wir also an, Marlboro hätte diesen Cowboy in Auftrag gegeben. Das ist ja eine große Firma mit einer starken Rechtsabteilung, die mit Sicherheit saftige Schadensersatzforderungen einklagen kann. Der Künstler wiederum ist vielleicht ein armer Schlucker, bei dem gar nichts zu holen ist. Dann würde ich ganz schön in der Patsche sitzen. Ich kann mich nicht auf Treu und Glauben berufen und muß sofort an Marlboro zahlen, kann mir aber den Schaden vom Künstler nicht zurückholen.

Woher ich das weiß? Na ja, natürlich aus Erfahrung. Wir sind bereits mit erheblichen Schadensersatzforderungen konfrontiert worden. Der Rechtsanwalt des Verlags kannte sich in der Materie selber nicht aus und sprach von Urheberrecht statt von Nutzungsrecht.

Das Urheberrecht liegt natürlich beim Fotografen und nicht beim Verlag, das ist auf jeden Fall klar. Welche Nutzungsrechte hat der Fotograf nun an den Verlag verkauft? Einmalige Nutzungsrechte oder sämtliche Nutzungsrechte? In diesem Falle haben wir darauf verzichtet, die unausgesprochene Behauptung des fordernden Verlages, im Besitze der vollständigen Nutzungsrechte zu sein, anzuzweifeln.

Rechts-Nachhilfe  oben 



Was sollten wir tun? Ganz einfach: wir haben kurz im Internet nach einem Rechtsanwalt gesucht, der sich in dieser Thematik auskennt. Und der hat dann die Angelegenheit mit den geringsten Aufwand aus der Welt geschafft. Bei dieser Gelegenheit habe ich dann die Nachhilfe im Urheberrecht bekommen und bin deshalb etwas vorsichtig geworden.

Die Nutzungsrechte oder wie man populär sagt: die Urheberrechte sind übrigens durch das Internet wieder ins Gerede gekommen. Es hat sich sogar schon eine neue Wortbildung etabliert: man napstert sich einfach, was man haben will. Die Musikverlage haben die Gefahr natürlich erkannt, und Bertelsmann hat die Flucht nach vorn angetreten: die haben Napster einfach gekauft.

Der Rest der Musikbranche sieht das aber nicht so locker und hat die Klagen gegen Napster (und damit jetzt auch gegen Bertelsmann) nicht zurückgezogen. Mal sehen, was daraus wird.

Es gibt inzwischen viele Leute, die der Meinung sind, daß man aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten, die das Raubkopieren zu einem Kinderspiel werden lassen, das Urheberrecht neu überdenken muß. Wir werden es noch erleben.

Werfen wir noch ein Blick auf das Bild. Ist das ein Bild für Pferdefreunde? Oder ist es eher ein Bild für romantische junge Mädchen?

Oder sagen wir genauer: für romantische weibliche Pferdefreunde? Das Pferd jedenfalls spielt keine Rolle, dafür desto mehr die Männlichkeit des Reiters.

Der Titel "Partner" scheint daher etwas weit hergeholt und irreführend. Eigentlich geht es nach meinem Eindruck ausschließlich um, wie man früher sagte, Sex-Appeal. Der Ausdruck ist etwas aus der Mode gekommen, die Sache selbst natürlich nicht.

Und weil diese Sache so wichtig ist und absolut einwandfrei funktioniert, kann man darüber auch alles Mögliche verkaufen. Selbst Zigaretten. An Männer und an Frauen.

Wenn man nun genau hinschaut, sieht man es: so peilt der doch kein Kalb an! Eher schon eine Schöne, die er sich als echter Mann gleich mit dem Lasso fangen wird. Wetten, daß sie sich gerne fangen läßt? Von so einem Kerl, der weiß, was er will? Einem Reiter mit breiten Schultern und starken Muskeln? O lala!

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