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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 96, erschienen am 27.01.2001

Magazin  Ausgabe 96


Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Gewohnheitstäter im Wald
  2. Abschnitt  Zuchtpolitik
  3. Abschnitt  PferdeStark
  4. Abschnitt  Waldwirtschaft
  5. Abschnitt  Pferde und Maschine
  6. Abschnitt  Politik
  7. Abschnitt  Maschinensegen
  8. Abschnitt  Der Bestand
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Gewohnheitstäter im Wald

Sicherheit durch Wiederholung

Zum Thema
Thema  Kaltblut



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Schon lange hatte ich vor, Erhard Schroll zu besuchen. Nun hat es geklappt. Erhard Schroll hatte Zeit für mich und am selben Abend noch fand der Stammtisch der IGZ in Lemgo statt.

Erhard Schroll spielt eine nicht unbedeutende Rolle innerhalb der IGZ, der Interessengemeinschaft Zugpferde in Deutschland e. V.

Insbesondere gibt er die Zeitschrift Starke Pferde mit dem Untertitel 'Internationales Magazin zur Förderung der Arbeit mit Pferden und anderen Zugtieren' heraus, die zugleich Verbandszeitschrift der Interessengemeinschaft ist.

Unser Artikel über das Belgische Kaltblut Dancer (Bericht) ist in dieser Zeitschrift nachgedruckt worden. Wir hatten über den Auftritt Dancers auf der PferdeStark 99 in Detmold berichtet. Die nächste PferdeStark in diesem Jahr war eines der heiß diskutierten Themen abends beim Stammtisch.

Kaltblutpferde schienen dem Untergang geweiht und erleben wider alles Erwarten ein Comeback. So etwas kann man nicht verordnen und inszenieren, so etwas kann nur wachsen und erscheint wie ein Wunder.

Zuchtpolitik  oben 



Meine beiden Nachbarn beim Stammtisch haben seit einigen Jahren jeweils 2 Kaltblüter-Wallache. Sie hatten zuvor keine Pferde, Kaltblüter waren seit langem ihr Traum. Im Gegensatz zu Erhard Schroll sind Pferde für sie ein reines Hobby.

Sie sind glücklich mit ihren Pferden. Diese Begeisterung der Menschen, von der schon Schleswiger Kaltblut-Züchter Zutz berichtete (Bericht), die die Pferde so lieben, wie sie sind, ist die Rettung der Kaltblüter.

Wie bei allen gefährdeten Rassen, reicht es aber nicht, Begeisterung zu wecken, man muß auch etwas mit diesen Tieren machen können. Was macht man mit Kaltblütern? Mehr noch: wie kann man die Begeisterung verbreiten und anfachen?

Bekanntlich spielt der Sport ganz allgemein eine sehr große Rolle. Davon profitieren jedoch nur wenige Rassen. Selbst Spitzenfahrer wie Leo Kraaijenbrink (Bericht) können die Friesen (Rasseportrait) nicht im Spitzensport etablieren. Wer die Vierspänner-Weltmeisterschaft gewinnen will, muß andere Pferde einsetzen.

Der Spitzensport ist auch nicht unbedingt rassefreundlich. Genaugenommen werden durch den Leistungszwang alle Rassen nach reinem Zweckdenken durcheinandergewürfelt.

Wenn nur die Leistung zählt, steht zu befürchten, daß am Ende einer solchen Entwicklung von eigentlichen rassetypischen Erkennungsmerkmalen gar keine Rede mehr sein kann, wie z. B. das von Anfang an beim Vollblut oder bei den Trabern (Rasseportrait) der Fall war, die bekanntlich reine Leistungszuchten sind.

Es handelt sich leider nicht um eine akademische Diskussion, sondern um eine Kernfrage jeder Rasse. Denn eine Rasse ist nichts Stabiles, sondern verändert sich ständig, wie übrigens alles im Leben. In diesem Falle liegt die Verantwortung in den Händen von Zuchtleitern und Züchtern.

Wie 'bildsam' eine Rasse ist, haben wir in den letzten Jahren erlebt, als die Haflinger, die ursprünglich vom Typus her eher den Kaltblütern zugerechnet werden mußten, innerhalb weniger Jahre zu modernen, leichten, eleganten Reitpferden umgezüchtet worden sind (Rasseportrait).

Markus Schröpfer hat die Sache auf den Punkt gebracht, als er dem Haflingerverband vorwarf, die Rasse geradezu auszurotten – man denke! Mittlerweile sind den Entscheidungsträgern selber Bedenken gekommen. Im letzten Jahr wurde es sogar verboten, weiterhin Araberblut in die Rasse einzuzüchten.

Die Zuchterfolge speziell auch deutscher Pferdezüchter sind unbestritten. Ob diese aber dem Rasseerhalt dienen oder der Rassezerstörung, ist vielleicht eine andere Frage. Dieser Gedanke kam mir spontan, als Erhard Schroll den Sieger der bedeutendsten deutschen Zuchtschau, der Bundeskaltblutschau, vorstellte, die gerade in Berlin stattgefunden hat. Es ist eine Kreuzung aus einer Süddeutschen Kaltblutstute und einem Vollbluthengst.

Schroll kommentierte diese Entscheidung nicht, auch sonst kam keine Reaktion von den anwesenden Teilnehmern, unter denen auch Züchter des Rheinisch-Deutschen Kaltbluts saßen, die ebenfalls herausragende Erfolge in Berlin erzielen konnten.

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Starke Pferde hat zufälligerweise das Schwerpunktthema 'Kaltblutzucht – wohin?' Ich hatte gerade in einigen Beiträgen geschmökert. Verschiedene Zuchtleiter machen sich Gedanken über die zukünftige Verwendung bzw. 'Gestaltung' des Kaltbluts.

Darunter ist auch ein sehr kritischer Beitrag eines bedeutenden Ardenner-Züchters (Pit Schlechter), der insbesondere die Zauberformel vom "modernen Freizeit- und Familienpferd" in Frage stellt.

Er sieht die Gefahr, daß in ein paar Jahren ein Kaltblut nur noch so aussieht wie ein Kaltblut, aber keines mehr ist. Das wundert mich: ein Kaltblut, ein paarmal mit Vollblut gemixt, dürfte nicht einmal mehr wie ein Kaltblut aussehen.

Mein Nachbar zur Linken brachte ein sehr schönes Beispiel für die Abhängigkeit der Zuchtrichtung von der Verwendung. Er hat längere Zeit nach seinen Pferden gesucht und ist schließlich bei einem Züchter in der Nähe von Hamburg fündig geworden. Dieser Züchter verfolgt 2 Linien: eine etwas leichtere mit ausreichender Rittigkeit, eine schwerere im alten Typ.

Aus jeder Linie hat er ein Pferd gekauft: beide haben denselben Vater, sind aber sehr unterschiedlich. Seine Frau möchte gerne reiten, er fährt lieber. Zum Fahren sind beide geeignet, es wird zweispännig gefahren. Sein Pferd läßt sich natürlich auch reiten, ist aber nicht so bequem zu sitzen.

Mein Nachbar zur Rechten fährt ausschließlich, aber auch er ist sich dessen bewußt, daß die Rasse in Bewegung ist. Kaltblutpferde waren früher reine Schrittpferde. Heute ist Trab gefragt, und zwar über längere Strecken. Wer braucht heute noch große Zugleistungen?

PferdeStark  oben 



Soweit kann man die Argumentation vielleicht nachvollziehen. Für andere Verwendungen braucht man andere Pferde. Oder ist das zu kurz gegriffen, geht es gar nicht darum?

Schließlich gibt es genug gute Reitpferde – muß man nun aus den Dicken auch noch Reitpferde machen? Auch an Pferden mit ausdauernden Trableistungen herrscht wirklich kein Mangel.

Könnte es sein, daß die Pferde, so wie sie sind, bereits eine Fülle von Angeboten machen können, die wir Menschen lediglich aufzugreifen brauchen? Ist es vielleicht so, daß die Renaissance des Kaltbluts bei den Liebhabern dieser Rassen genau denjenigen Eigenschaften zu verdanken ist, die möglicherweise bald weggezüchtet sein werden?

Ich war absolut überrascht, wie viele Leute zu diesem Stammtisch gekommen waren. Als ich 60 Teilnehmer, darunter 10 Frauen, gezählt hatte, habe ich aufgehört mit dem Zählen. Ich schätze, daß etwa 80 Personen anwesend waren. Und das in Lemgo, im Lipperland! Alle diese Leute suchen nach weiteren Möglichkeiten, mit ihren Pferden etwas zu tun, und zwar genau das, was diese gut und gerne tun.

Und siehe da: auch bei den Kaltblutpferden spielt der "Sport" eine große Rolle. Das liegt wohl in der Natur der Menschen. Überall werden Wettbewerbe veranstaltet. Die Zeitschrift Starke Pferde berichtet ausführlich davon, und auch der Stammtisch erhitzte sich an diesem Thema. Worum ging es dabei?

Im letzten Jahr gab es bei der PferdeStark organisatorische Probleme mit dem Leistungspflügen, und als Erhard Schroll ankündigte, daß in diesem Jahr das Leistungspflügen ausfallen soll, regte sich erhebliche Widerstand, die Diskussion wurde sogar leicht leidenschaftlich. Ich fand das ungeheuer spannend.

Diese Menschen wissen ganz genau, was sie mit ihren Pferden machen wollen. Sie suchen Öffentlichkeit und Wettbewerb: das macht Spaß! Man zeigt gerne, was man hat und was man kann. Früher gehörte das Pflügen zum Handwerk. Jeder Bauer mußte selbstredend jedes Jahr seine Äcker pflügen.

Heute ist das natürlich nur Hobby und soll vielleicht Sport werden, aber das Wesentliche scheint mir der Bezug zur Vergangenheit. Die Pferde und die Arbeit mit den Pferden verankern uns in der Realität, oder weniger prätentiös ausgedrückt: wir fühlen uns gut damit.

Eines der Argumente von Schroll gegen die Durchführung des Leistungspflügens in diesem Jahr war: es gab nur 6 Meldungen in 1999, und damit sah er nicht die Qualität gewährleistet, die er meinte voraussetzen zu müssen. Schon am Nachmittag hatte er mir erläutert, daß es viele Handwerker gibt, aber nur wenige Künstler.

An sich selber stellt er ebenfalls hohe Ansprüche. So würde er niemals einen Lehrgang im Pflügen durchführen, weil er sich selbst für nicht gut genug hält. Ein Workshop ist etwas anderes, das traut er sich schon zu.

Aber die Meister fallen nicht vom Himmel, und ich fand das Argument eines Teilnehmers sehr schlüssig: aus 6 Teilnehmern werden 12, aus Handwerkern werden Künstler, wenn nur der Wettbewerb überhaupt stattfindet.

Das ist tatsächlich allenthalben zu beobachten. Man muß erst etwas auf die Beine stellen, dann entwickelt es sich fast von alleine, wenn die Sache einem echten Bedürfnis entspricht.

Die Organisation freilich ist mit sehr viel Arbeit und auch finanziellen Anstrengungen verbunden. Im Falle der PferdeStark organisiert das Freilichtmuseum Detmold mit Hilfe der IGZ.

Die Veranstaltung im letzten Jahr war ein Riesenerfolg. Am Sonntag soll es zu einem absoluten Verkehrschaos in Detmold gekommen sein. In diesem Jahr soll ein Zugleistungswettbewerb dazukommen – wunderbar: dafür sind diese Pferde geschaffen!

Außerdem soll ein Preis ausgelobt werden für neue Maschinen, die man mit Pferden verwenden kann. Anscheinend gibt es reichlich Kandidaten auch für diesen Wettbewerb, man rechnet mit einer regen Beteiligung.

Waldwirtschaft  oben 



Das wiedererwachte Interesse am Kaltblut ist im Grunde wesentlich privater Natur. Das wurde auch aus dem Bericht über die Forstmesse in Celle (KWF) und das Engagement der IGZ dort im letzten Heft von Starke Pferde deutlich.

Schroll zeigte das Video, das im Auftrag der IGZ dort gedreht worden ist, von Diana Pagendarm, die auch ein Video über die PferdeStark gedreht hat.

Natürlich hat man versucht, die wirtschaftliche Bedeutung des Pferdes für die Waldwirtschaft aufzuzeigen. Der Film brachte für mich einige Ergänzungen zu den Ausführungen am Nachmittag. Erhard Schroll hatte betont, daß Maschinen nicht durch Pferde ersetzt werden können, der Vorteil vielmehr in der Ergänzung liegt.

Wer macht sich schon Gedanken darüber, wie Waldwirtschaft funktioniert? Erst aus dem Film wurden mir die Probleme deutlich. Es gibt in Deutschland kaum noch Urwald. In der Regel werden die Bäume angepflanzt in Hinblick auf eine spätere Ernte. Das bedeutet zum Beispiel im Falle des Stadtforstes von Köln, daß jeder Waldabschnitt im Abstand von 5 Jahren gelichtet wird.

Es werden also mit einer Motorsäge einzelnen Stämme gefällt. Diese Stämme müssen nun aus dem Wald herausgezogen werden bis zu einem Waldwirtschaftsweg, wo sie dann auf Lastwagen geladen und abtransportiert werden können. Das wird normalerweise vom Lastwagen aus mit einer Seilwinde gemacht. Man kann sich vorstellen, daß das nicht ganz einfach ist. Dieses Seil beschädigt andere Bäume, was man in Kauf nimmt.

Wenn diese Stämme mit Pferden herausgezogen werden, geht es nicht nur schneller, die Schäden sind auch erheblich geringer. Aber was für die Wirtschaftlichkeit noch wesentlich wichtiger ist: die Pferde können die Stämme wesentlich weiter ziehen, als dies mit Maschinen möglich ist.

Beim herkömmlichen Verfahren werden deshalb alle 20 Meter Gassen angelegt, beim Pferderücken braucht man lediglich alle 40 – 60 Meter eine Gasse, d. h. es werden 20 – 25% Fläche gewonnen, die sonst dem "Straßenbau" anheimfallen.

Aufhorchen ließ mich auch die Nachricht, daß bei Maschinen mit einem Ölverlust von 0, 5 l pro Stunde gerechnet wird, wobei dieses Öl im Erdboden versickert und erhebliche Schäden anrichtet. Noch eine Zahl: der Einsatz eines Pferdes kann bis zu 70.000 Litern Dieselöl pro Pferdeleben einsparen!

Diese Zahl bekommt Brisanz, wenn man weiß (und ich habe es von Erhard Schroll erfahren), daß der Verbrauch von Dieselöl in landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Betrieben staatlicherseits gefördert wird, die Haltung von Pferden dagegen nicht.

Pferde und Maschine  oben 



Aus dem Artikel in Starke Pferde über die Messe entnehme ich, daß die offiziellen Stellungnahmen zum Einsatz des Pferdes im Wald extrem zurückhaltend sind, um nicht zu sagen: entmutigend. Auch der Vorsitzende IGZ wagt in seiner Prognose nicht, auf einen vermehrten Einsatz des Pferdes im Wald zu hoffen.

Woran liegt das und weshalb kann Erhard Schroll von der Pferdearbeit im Wald leben?

Schroll hat ursprünglich Sozialwissenschaften studiert und Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Forstarbeit begonnen. Das war die Zeit, als man erstmals vom Waldsterben sprach. Es war bei ihm nicht so, daß er pferdebegeistert war und sich dann eine Arbeit für die Pferde gesucht hat.

Umgekehrt wurde ihm klar, daß die Waldarbeit mit Pferden möglicherweise besser zu bewältigen war. Er ging daraufhin zu einem Bekannten im Nachbarort und bat sozusagen um eine Praktikantenstelle: er wollte eine Weile mitarbeiten und lernen: "Praxis ist wichtig". Dort hat er dann sein erstes Pferd gekauft, mit dem er und an dem er gelernt hat, ein Süddeutsches Kaltblut.

Diese Stute ist mittlerweile 23 Jahre alt und für anstrengende Arbeiten nicht mehr fit genug. Das heißt aber nicht, daß sie nun nichts mehr tun will. Selbstverständlich hat sie ihre Rente verdient, aber "sie freut sich, wenn sie mitdarf". Für das schwere Holz hat sie nicht mehr die Kondition, aber für das leichte Holz reicht es noch.

Später hat sich Schroll zusammen mit seinen Partnern für das Rheinisch-Deutsche Kaltblut entschieden, weil dieses Pferd zu dieser Landschaft gehört. Er stammt aus Hohenlohe (Baden-Württemberg), und wenn er dort geblieben wäre, hätte er weiter mit den Süddeutschen gearbeitet. Aber wie das Schicksal so will, er suchte zusammen mit seiner Lebensgefährtin Karla Ebert einen anderen Hof und fand schließlich etwas in Lippe.

Das war dann auch nicht von Dauer, der Pachtvertrag wurde nicht verlängert, und so suchte er zusammen mit seinem Partner Richard Lunderstädt einen neuen Hof. Es stellte sich heraus, daß ein Kauf von der Belastung her sogar günstiger war. Und weil sie inzwischen unter den Lipper Bauern mit ihrer Pferdearbeit nicht nur bekannt waren, sondern eine hohe Reputation genossen, sind sie an den Hof gekommen, den sie jetzt besitzen.

Der Forstbetrieb Hasenbrede GbR hat das Kunststück geschafft, auf Dauer von der Waldarbeit und verschiedenen anderen Angeboten zu leben. "Es gibt Holz ohne Ende" sagt Erhard Schroll: das ist also nicht das Problem. Als er anfing, wurde die Arbeit mit Pferden im Wald regelrecht propagiert.

Viele Leute hatten idyllisch verklärte Bilder: "es gibt viele Geschichten vom Scheitern". Wenn man mit Pferden arbeiten will, muß das Routine sein, tägliche Arbeit. Und dazu muß man entsprechende Aufträge haben. Da man nicht alles mit Pferden machen kann ("das wäre sonst Tierquälerei"), braucht man zusätzlich Maschinen.

Und jetzt ist es einfach ein Rechenexempel, wie Erhard Schroll mir schnell beweist: eine Maschine, die für Waldarbeit geeignet ist, kostet 200 – 300.000 DM. Dafür nimmt man normalerweise einen Kredit auf, der nur dann bedient werden kann, wenn die Maschine im Jahr mindestens 1000 Stunden im Einsatz ist. Im Zweifel bleibt also das Pferd im Stall. Und wenn es dann sporadisch einmal eingesetzt wird, funktioniert es nicht. Ende des Experiments.

Denn: "Pferde sind Gewohnheitstäter. Sie brauchen die Wiederholung, die Regelmäßigkeit, und das gibt Sicherheit." In den landwirtschaftlichen Betrieben war das früher kein Problem: man hat jeden Tag von früh bis spät mit dem Pferden gearbeitet.

Schroll kann seine Pferde auslasten, weil er einen Partner hat, der den Maschinenpart übernimmt. Kurz nachdem Schroll und Ebert in nördliche Gefilde abgewandert sind, kam Lunderstädt nach. Man kannte sich von früher. Schroll, Ebert und Lunderstädt bieten also sämtliche Arbeiten "aus einer Hand".

Das ist für den Waldbesitzer und Forstmeister wichtig. Sonst muß er mit zwei Unternehmern verhandeln, dem Pferdemann und dem Maschinenmann. Die Kosten sind für ihn nicht so leicht zu kalkulieren. Schließlich geht es nicht um Nostalgie, sondern schlicht und einfach um wirtschaftliche Existenzen, bei den Holzbetrieben und bei den Waldbetrieben.

Erhard Schroll betont: es wird professionelle Arbeit geleistet. Und das heißt in Bezug auf die Pferde: die Arbeit steht im Vordergrund, nicht die Pferde. "Um die Pferde muß ich mich nicht kümmern. Die arbeiten mit."

Von all den Leuten, die damals mit dem Holzrücken angefangen haben, sind heute nur noch wenige übrig. Es sind noch 2 neue dazugekommen, überlegt Schroll, insgesamt sind es aber nur 4 oder 5.

Politik  oben 



Was kann man tun? Die Argumente für den gemischten Einsatz leuchten mir ein, obwohl die offiziellen Stellen bestreiten, daß die Arbeit mit Pferden, dort wo sie angebracht ist, wirtschaftlicher ist, wie die IGZ und auch Erhard Schroll behauptet.

Eine Kostenkalkulation kann ja nicht allzu schwierig sein. Kosten sind letzten Endes aber nicht alles, denn viele Kosten können gar nicht berechnet werden, z. B. die Schäden oder die Langzeitwirkung. Es liegt also auf der Hand, daß hier auch politische Entscheidungen gefragt sind.

Das ist eine der Fronten, an denen Erhard Schroll kämpft. Man hatte wichtige Leute, unter anderem Landtagsabgeordnete, in das Kalletal eingeladen, um die Waldarbeit mit Pferden zu demonstrieren, Argumente vorzutragen und politische Entscheidungen einzufordern – man nennt so etwas wohl Lobbyarbeit, obwohl von einer Lobby im Falle der Holzrücker wohl kaum gesprochen werden kann.

Es ist auch kaum etwas dabei herausgekommen. Zwar gibt es Zuschüsse für den Einsatz von Pferden im Wald, aber der wird an die Waldbesitzer gezahlt, nicht an die Holzrücker. Kurz und gut -oder schlecht: die Forstmesse in Celle war offenbar eine Orgie in Technik: immer größere Maschinen, die natürlich immer teurer werden und damit nur noch von großen und größten Firmen wirtschaftlich eingesetzt werden können – es ist überall dasselbe.

Trotzdem: es besteht kein Grund, die Flügel hängen zu lassen. Anfang der fünfziger Jahre redete man sich an der Atomenergie besoffen, heute wünschen alle, man hätte dieses Thema niemals angefaßt. Und wer hat die Sache ins Rollen gebracht? Bürgerbewegungen, die Atomkraftwerke verhindert haben, woraus schließlich eine Partei entstanden ist, die heute in der Regierung sitzt. Die Tage der Atomkraftwerke sind gezählt. Wer hätte das gedacht?

In dem Film über den Auftritt der IGZ auf der Forstmesse wurden 3 Modelle vorgestellt: das Kölner Modell, das Wittgensteiner Modell, das Berliner Modell. In Berlin ist man aufgrund des öffentlichen Drucks von den großen Maschinen im Wald abgekommen. Die gezeigte Lösung war allerdings absurd genug:

Zwei gutmütige Dicke ziehen einen Wagen mit mehreren Achsen und dicken Gummireifen durch den Wald. Auf dem Wagen ein Dieselmotor, der einen ordentlichen Lärm produziert. Der Gespannführer hat seinen Sicherheitshelm auf und Mickey-Mäuse, also einen Lärmschutz, den die Pferde entbehren müssen.

Sobald die Pferde den Wagen an die richtige Stelle gezogen haben, spielt der Gespannführer virtuos an den Hebeln und bedient damit einen Kran, der die Stämme auf den Wagen lädt. Wenn der Wagen voll ist, fährt er zur Wirtschaftsstraße und lädt ab, mitten zwischen den Spaziergängern. Die Pferde, wie man das von Kaltblütern gewohnt ist, absolut cool.

Die Berliner Forstverwaltung ist von ihrem Ansatz überzeugt. Vielleicht kann man den Kran in Zukunft auch lärmreduziert bekommen. Zwar steht auch in Berlin die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund und dort ist man überzeugt, daß die Lösung mit dem Pferden wirtschaftlich ist, aber die öffentliche Meinung ist ein zusätzlicher und wesentlicher Faktor. Und was der Kran kann, möchte man von Hand nicht leisten. Insofern leuchtet das Modell ein.

Wenn nun öffentliche Meinung und Politik an einem Strang ziehen, was kann dann verhindern, daß Arbeitspferde wieder einen Platz im Wirtschaftsgefüge bekommen?

Maschinensegen  oben 



Die Landwirtschaft steht im Moment ohnehin im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Manch einem wird klar, daß der bisher eingeschlagene Weg einer Industrialisierung und reinen Profitorientierung letzten Endes in eine Sackgasse führt und Kosten und Nebeneffekte produziert, die unübersehbar sind. Wenn ministerseits bereits gefordert wird, der Bauer solle nicht mehr Rinder halten als seinem Grund und Boden entspricht, besteht doch Grund zur Hoffnung auch in der Waldwirtschaft.

Erhard Schroll sieht aber keinen Anlaß, die Maschinen an sich zu verdammen. "Für die Pferde sind die Maschinen ein Segen", denn der Transport des schweren Holzes über mehrere Kilometer verbietet sich schon aus Tierschutzgedanken. "Das Arbeiten mit Pferden auf den Wegen wäre Dummheit."

Wenn man aber von der Waldarbeit alleine leben will, kann einen das Schicksal leicht treffen. Im vergangenen Jahr gab es viele Stürme in Süddeutschland mit entsprechenden Schäden, die dazu führen, daß bei uns bzw. anderswo der Holzeinschlag um 60% gesenkt wurde.

Der Forstbetrieb Hasenbrede bietet deshalb viele verschiedene Arbeiten an. Man muß sich nach der Landschaft richten und schauen, wo man sinnvoll etwas tun kann.

Ein Beispiel: es gibt hier in der Nähe die Sennelandschaft, sandiger Boden mit einer wasserführenden Mineralschicht und einer besonderen Grassorte, der Drahtschmiele (siehe Bericht Senner). Es bildet sich ein starker Bewuchs, eine Matte aus Wurzeln und Gras.

Wenn es regnet, kann das Wasser nicht in die wasserführende Schicht einsickern. Eine Anpflanzung würde leicht vertrocknen. Die Pflanzung selbst wäre mühsam und müßte mit dem Spaten vorgenommen werden. Hier wird nun mit dem Pferd ein 30 cm breiter Streifen freigelegt, die Streifen selbst in einem Abstand von etwa zwei Metern, je nach Gelände. Dieser Streifen kann nun genug Wasser sammeln, die Pflanzung selbst ist einfach. Das überzeugt.

Auch Baumschulen können auf die Arbeit des Forstbetriebs zurückgreifen. Statt die Fräse einzusetzen, wird das Unkraut wie früher mit der Hacke oder dem Pflug beseitigt – ich muß mich korrigieren: es heißt jetzt nicht mehr Unkraut, sondern Beikraut, und die Tätigkeit des Unkrautjätens heißt heute Beikräuterregulierung.

Andere Arbeiten im Wald betreffen zum Beispiel die Einarbeitung von Bucheckern in den Waldboden mittels Grubber und fällt in den Jahren an, in denen eine gute Bucheckern-Ernte vorliegt. Dies ist übrigens eine Arbeit, die zweispännig gemacht wird, ausnahmsweise, denn 95% wird einspännig erledigt: ein Mann, ein Pferd oder eine Frau, ein Pferd.

Als ich mich verabschieden will, kommt Karla Ebert vom Einsatz im Wald zurück. Im Hänger das Prachtstück im Stall, eine 14 jährige Staatsprämienstute, mit der man eigentlich mehr züchten müßte, gibt Erhard Schroll etwas wehmütig zu. Er hat aus ihr bereits einen sehr guten Hengst gezogen, der vom Landgestüt in Warendorf angekauft worden ist. Aber die Zucht ist ein mühsames Geschäft und lohnt sich nicht für den Betrieb.

Der Bestand  oben 



Im Moment hat er noch eine dreijährige Tochter aus dieser Stute, die ich zufällig später beobachtete. Sie mußte zurückstehen, als es zurück in den Stall ging.

Zuerst kam die Oma dran, und das konnte das Kind gar nicht aushalten und galoppierte hin und her. Ich hatte nicht den Eindruck, daß es hier an Temperament fehlt. Von wegen Schrittpferd! Auch die Rentnerin war sehr vital, der Praktikant hatte seine Mühe.

Außerdem standen noch 3 Wallache im Alter von 3, 5 und 13 Jahren draußen. Zum Hof gehören 20 Hektar Land. Dort werden die Pferde ebenfalls eingesetzt, allerdings nach Lustprinzip und hobbymäßig.

Es ist ein Grünlandbetrieb, insofern fallen ohnehin nicht allzuviele Arbeiten für Pferde an. Hier trifft sich Erhard Schroll aber wieder mit meinem Nachbarn am Stammtisch. Er möchte mit seinen beiden Schleswigern demnächst auch im Frühjahr die Weide abziehen, kalken und möglicherweise sogar Heu machen. Ganz wie früher.

Vielleicht doch nicht ganz wie früher: denn in die Landwirtschaft sind Geräte eingezogen, die über die Hydraulik des Traktors gesteuert werden. Und auf diese Techniken möchte man auch mit Pferden nicht verzichten.

Findige Leute haben daher einen "Vorderwagen " entwickelt, der über die Zugkraft der Pferde die nötige Energie entwickelt und über eine Zapfwelle die Hydraulik bereitstellt, die dann herkömmliche Geräte antreiben kann – daher der Name Vorderwagen: das Gerät wird einfach dazwischengeschaltet und bietet natürlich auch dem Gespannführer einen passablen Sitz.

Der Bildschirmschoner zu dieser Ausgabe zeigt auch Schafe, Ziegen und Schweine. Über die Schweine und Ziegen haben wir nicht gesprochen. Die Schafe sind schon so lange im Betrieb wie die Pferde, also von Anfang an.

Darum kümmert sich aber Karla Ebert allein. Sie betreibt eine Herdbuchzucht, und zwar mit Bentheimer Landschafen und Ostfriesischen Milchschafen. Ein Foto zeigt sie beim Melken. Schafe werden von hinten gemolken, das wußte ich auch noch nicht.

Aus der Milch wird Käse gemacht, Frischkäse und Weichkäse. Der Hofladen des Bioland-Hofes ist zweimal in der Woche geöffnet und ansonsten immer, wenn jemand da ist. Die Schafe werden auch verkauft und geschlachtet, allerdings nicht im Hause, sondern bei einem Schlachter im Kalletal.

Während meines Besuches rief jemand an und wollte eine Keule haben, hatte aber Pech: die waren bereits ausverkauft. Es gab Alternativen, kurz darauf war der Kunde da und holte sein leckeres Lammfleisch ab.

Man kann im Forstbetrieb Hasenbrede auch Praktika ablegen. Die Dauer wird individuell vereinbart, sollte aber mindestens 6 Wochen betragen. Man wohnt im Haus und hat freie Kost. Je nach Eignung ist auch ein Taschengeld drin.

Der Hof ist anerkannt für das Ökologische Jahr. Im Moment ist eine Stelle eingerichtet, möglicherweise kommt noch eine dazu. Das Interesse ist jedenfalls vorhanden und die Erfahrungen sind durchaus gut.

Seit einem Jahr ist Erhard Schroll nun auch noch Herausgeber, Verleger, Chefredakteur usw. geworden. Die IGZ hat jetzt 700 Mitglieder, Starke Pferde ist Mitgliederzeitschrift. Daneben gibt es aber sehr viele Abonnenten. Die Auflage beträgt inzwischen 4000. Er bringt vier Ausgaben im Jahr heraus. Damit ist seine Arbeitsbelastung erheblich gestiegen. Eine Ausgabe erfordert etwa einen Monat Arbeit.

Der Erfolg beflügelt natürlich, aber die Arbeit im Wald will Erhard Schroll auf keinen Fall aufgeben. Und wie es aussieht, betreibt er mit seinem Engagement für die Kaltblüter eine Sache, die wächst und gedeiht. Vermutlich wird man von diesem Mann auch in Zukunft noch öfters hören.

Adressen
Forstbetrieb Hasenbrede GbR
Weißer Weg 109
32657 Lemgo
Tel. 05261-10695
Fax 05261-927925
E-Mail ESchroll@t-online.de
Internet www.Starke-Pferde.de

IGZ-Bundesgeschäftsstelle
Lohernockenstr. 49a
58256 Ennepetal
Tel. 02333-80144
Fax 02333-977035
E-Mail B.IGZ@gmx.de
Internet www.ig-zugpferde.de

Landesverbände
Baden-Württemberg Tel. 07471-72151
Hessen Tel. 05657-1584
Niedersachsen Tel. 05027-8349
Nordrhein-Westfalen Tel. 05242-42768
Sachsen Telefon 037325-92204


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Erhard Schroll


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