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Kunstgalerie   Magazin Magazin, Ausgabe 97, erschienen am 03.02.2001

Magazin  Ausgabe 97
Werner Popken


Abschnitte:
  1. Abschnitt  Oglala Krieger
  2. Abschnitt  Wer war Curtis?
  3. Abschnitt  Scharliech
  4. Abschnitt  Feldforschung
Kunstgalerie  Kunstbetrachtung

Oglala Krieger


Edward Sheriff Curtis
Oglala Krieger

20. Jahrhundert

Die dokumentarischen Fotografien, die Curtis von nordamerikanischen Indianern aufgenommen hat, lassen uns verstehen, welche Wirkung ein solcher Trupp berittener Krieger auf die weißen Siedler gehabt haben muß. Auf diesem Bild sind die Pferde genauso prächtig geschmückt wie die Reiter.

Edward Sheriff Curtis, 1869-1955



aus dem Buch Pferde
mit freundlicher Genehmigung
des  Taschen-Verlags
siehe auch  Rezension



Kommentar
Von  Werner Stürenburg

Zunächst: diese Abbildung hat durch das Scannen etwas an Farbe gewonnen - im Buch ist die Fotografie in Brauntönen gehalten, was man auch Sepia nennt, was wiederum vom Tintenfisch herkommt, der eine braune Tusche liefert. Rembrandt hat viel mit einer Rohrfeder und Sepia gezeichnet.

In der Fotografie war Sepia eine zeitlang sehr modern, vermutlich weil es dann malerischer anmutete. Schließlich hat sich dann, noch zu Leb- und besten Schaffenszeiten von Curtis das harte Schwarz durchgesetzt. Einer der berühmten Vorväter der Fotografie, Edward Steichen, hat um die Jahrhundertwende, als Curtis schon an seinem Indianerprojekt arbeitete, noch eifrig mit dem Pinsel auf dem Foto herumgearbeitet und das Foto auch wie ein Gemälde signiert.

Die Bildlegende machte mich stutzig. Inwiefern soll ich bei diesem ungeordneten Aufmarsch an einen Angriff auf weiße Siedler denken? Und daß die Pferde genauso prächtig geschmückt sind wie die Reiter ist schlichtweg gelogen, wie man sich unschwer überzeugen kann, wenn man das Buch vor sich hat (die Abbildung hier ist etwas zu klein für diese Details).

Wer war Curtis?  oben 



Auf der gegenüberliegenden Seite im Buch ist ein Häuptling allein mit seinem Pferde abgebildet. Dieses Pferd ist tatsächlich geschmückt. Es hat eine Art Schlabberlätzchen um den Hals hängen, dazu eine Art Topflappen auf dem Nasenrücken und einen breiten Stirnriemen, von dem seitlich bis zum Maul ein Dekorstreifen herunterhängt - alles natürlich reich bestickt. Man kann diesen Schmuck vielleicht auch prächtig nennen, aber würdevoll scheint es mir nicht zu sein.

Ansonsten konnte ich mit den Bildern nichts anfangen. Also habe ich wieder einmal  Google bemüht und zunächst eingegeben: Edward Sheriff Curtis. Sofort wurde ich mit einschlägigen Ergebnissen bombardiert. Einige habe ich mir angeschaut und merkte bald, daß die Sache doch interessant wird.

Daraufhin habe ich die 3 Suchbegriffe noch um das Wort Oglala erweitert und mir weitere Fundstellen angeschaut. Natürlich war wieder die "Homepage" von  Curtis dabei, und da ich dort reichliches Fotomaterial erwartete, habe ich meinen  Offline Explorer gestartet und mir die ganze Site heruntergezogen. Da es dort aber sehr viel Material gibt und ich nach 30 Minuten genug hatte, habe ich dann den Download gestoppt.

Die Sache ist sehr aufregend! Dieser Curtis hat als Lebenswerk Indianer fotografiert, sehr viele Porträts, aber auch Landschaften (mit Indianern drin), Zeremonien, Behausungen, Gegenstände. Soweit ich sehen konnte, hat er auch seine Beobachtungen niedergeschrieben und in einem Werk von 20 Bänden veröffentlicht. Die Abbildungen im Internet sind alle sehr klein und, wie zu erwarten, in Sepia.

Eine Abbildung wie die unsrige zählt zu den Seltenheiten - ich kann mich erst einmal gar nicht erinnern, so etwas gesehen zu haben. Die Porträts sind alle außerordentlich beeindruckend. Diese Indianer schauen sehr ernst, sind sehr versammelt, sehr fremd. Die Indianer sind sozusagen das genaue Gegenteil eines Amerikaners.

Und langsam geht mir auf, daß ich schon Bilder von Curtis gesehen hatte. Vor mehr als 30 Jahren habe ich einmal zum Geburtstag ein dickes Buch mit fotografischen Porträts geschenkt bekommen. Da waren auch Bilder von Curtis dabei, und damals schon ist mir aufgefallen, wie verschlossen diese Indianer sind.

Ich habe im Internet auch Abzüge gefunden, die von einem  Händler angeboten wurden, der alle möglichen kulturhistorischen Gegenstände aus der ganzen Welt anbietet, vor allem Figuren aus Afrika, aber auch Asien, und dann, ganz am Schluß einer sehr langen Seite ein paar Abzüge von Curtis, freilich nicht von ihm selbst, sondern 20 Jahre nach seinem Tode hergestellt, zum Stückpreis von 1200 US-Dollar.

Scharliech  oben 



Und dann habe ich eine amerikanische Seite überflogen mit sehr viel Text, und mittendrin ein komischer Kerl mit großem Hut, und da denke ich: den kenne ich doch! Ist das Buffalo Bill?

Aber nein, das ist Karl May! Und ich werfe einen Blick auf den Text: in der Tat, eine Abhandlung über Karl May und Winnetou!

Natürlich sind auch die deutschen Karl May-Fans online und haben einen sehr interessanten Bookshop mit  Indianerliteratur. Eins der Bücher ist von Curtis, beim renommierten Beck Verlag erschienen und wird jetzt erheblich billiger angeboten:


Titel:  Die Indianer, meine Freunde
Untertitel: Erinnerungen an ein verlorenes Volk
Autor: Edward S. Curtis
Inhalt: Dieses Buch erzählt Geschichte und Mythen der nordamerikanischen Indianer mit den Worten des berühmten Indianerfotografen Edward S. Curtis: ein klassisches Werk, ergänzt durch mehr als 240 Curtis-Fotos, darunter 93 neuentdeckte, vollkommen unbekannte Aufnahmen. Texte und Bilder Curtis´ sind ein literarisches und persönliches Dokument der Menschlichkeit, voller Bewunderung für die faszinierende Vielfalt der unterschiedlichen Indianerkulturen.
Anmerkung: Sonderpreis, früher 58,--.
Verlag: Verlag C. H. Beck
Herausgeber: Gerald Hausman, Bob Kapoun
Titelbild: Edward S. Curtis
Format: 22,5 x 25,5 cm
Ausstattung: Pappband
Seiten: 272
Bestellnr: 6144
Preis: DM 19,80


Und ein weiteres habe ich angeklickt, weil mich der Titel und der Autor neugierig machten:

Titel:  Leben mit der Kraft
Untertitel: Ein Selbsthilfebuch für das Leben in der Wildnis
Autor: Sun Bear
Inhalt: Sun Bear lehrt den weißen Mann, wie man durch eine Rückkehr zum indianischen freundschaftlichen Verhältnis zur Natur sein Leben reinigen und erfüllen kann. Sein Ziel ist es, den Weißen zum indianischen Selbstverständnis zu führen. Sun Bears neues Buch zeigt, wie wir durch die Erfahrung des Lebens in der Wildnis die alte Natur- und Erdverbundenheit des Indianers neu erlernen können. Es ist zugleich ein anschaulicher Führer für den rücksichtsvollen Umgang mit der Natur.
Verlag: Goldmann
Titelbild: Linda Legman
Format: 11,5 x 18 cm
Ausstattung: Paperback
Seiten: 240
Preis: DM 12,90


Dann habe ich eine Übersicht über die Oglala gefunden:  www.tahtonka.com/links.html. Die Seite  www.tahtonka.com bietet indianische Kunst und Kunstgewerbe an. Allein von dieser Linkliste ausgehend kann man sich wahrscheinlich wochenlang mit den Oglala beschäftigen, die hier als die Ärmsten der Armen bezeichnet werden.

Schließlich habe ich mir die Seite mit  Karl May noch einmal vorgenommen.

Die Autorin  Diane Camurat umreißt darin ganz summarisch die Rolle, die Indianer in der europäischen Kultur gespielt haben, und kommt in diesem Zusammenhang dann auf Karl May zu sprechen. Dieser Abschnitt ist ziemlich ausführlich. Sie schildert die Herkunft des Autors und die Entstehungsgeschichte und die Rezeptionsgeschichte des Werkes, kurz, knapp und interessant.

Überrascht war ich durch die Mitteilung, daß selbst Albert Einstein sein Leben lang von Karl May beeindruckt war: "My whole adolescence stood under his sign. Indeed, even today he had been dear to me in many a desperate hour." Es gibt auch ein winziges Foto mit zwei alten Frauen in vielleicht akademischer Festkleidung, dazwischen Einstein mit einem indianischen Federputz.

Diese Seite ist offenbar ein Abschnitt aus einem längeren Werk. Links befindet sich ein Menü mit so merkwürdigen Namen wie  Scharliech und  Dschermanistan. Das läßt mir keine Ruhe, ich schmeiße die Leitung wieder an und schaue nach, und was finde ich? Lauter Seiten in fremdländisch.

Auf Dschermanistan:

Adegan dari Teater Terbuka di Bad Segeberg, Jerman Utara.


Alles klar? Scharliech ist natürlich unser guter Karl, wie die angebildete Postkarte zeigt.

Über dem Ganzporträt in Westernkluft steht: Dr. Karl May - das war mir auch neu, aber er hat sogar unterschrieben, deutlich mit Dr., es wird also seine Richtigkeit haben - sonst würde er sich ja strafbar gemacht haben. Und das hatte Karl May später nicht mehr nötig.

Die Homepage klärt mich auf: "Lieber Leser, Pembaca yang budiman," ähemm, - wie bitte? jetzt reden die statt Englisch Deutsch und was? - ach ja, die Laufschrift sagt's:

The first and only Karl May site in Indonesian.


Mit einem großen Plakat von den Karl May Festspielen in Bad Segeberg: "Old Shatterhand dan Winnetou", diambil dari poster Teater Terbuka di Bad Segeberg. Donnerwetter! Kann man sogar verstehen, wenn man sich Mühe gibt.

Feldforschung  oben 



Schließlich habe ich noch ein bißchen in der  Biographie von Curtis gelesen. Die Publikation seines umfangreichen Werkes war offenbar sehr schwierig. Zwar sind alle Bände erschienen, danach aber war die Gesellschaft, die er gegründet hatte, bankrott und das Eigentum an seine Arbeit und insbesondere den Fotografien an die Hersteller übergegangen.

In den letzten Jahren seines Lebens war er von einer ähnlich großen Idee besessen, und zwar dem Goldrausch. Daraus ist aber nichts geworden. Er hat sein Geld ab 1920 in der Filmindustrie verdient, sein Tod 1955 war der New York Times immerhin 76 Worte wert. Man hielt ihn für eine Autorität auf dem Gebiet der Geschichte des nordamerikanischen Indianers.

1977 sind ein Teil der Kupferplatten wieder aufgetaucht, 1982 hat die Curtis Gesellschaft die Platten gekauft. Eine seiner Töchter publiziert eine umfangreiche Geschichte ihres Vaters, die aber noch nicht erschienen ist. Hier stellt sich mir die Frage, woher die Abzüge stammen, die der Händler anbietet und auf ca. 1975 datiert.

Ich kann gar nicht aufhören, die Sache ist ungeheuer spannend. 30 Jahre nach einer bedeutenden Schlacht zwischen Indianern und Weißen (The Little Bighorn, 1876: das ist wieder ein Thema für sich, großer Betrug der Weißen an den Sioux wegen - na? Gold- und Geldgier, siehe Schlachtbeschreibung


befragt Curtis überlebende Indianer von Stämmen, die gegeneinander gekämpft oder als Scouts bei der Kavallerie gedient haben: Crow, Cheyenne, Sioux.

Curtis hat mit seinen indianischen Freunden sogar Schlachten wieder nachgestellt. Möglicherweise, ja höchstwahrscheinlich ist das vorliegende Bild in diesem Zusammenhang zu verstehen: der Angriff der 1000 Oglala unter Crazy Horse auf General Custer, bei dem alle 225 Weißen den Tod fanden. Ein kurzer Triumph. Wenig später brach der Aufstand zusammen.

Crazy Horse wurde im Jahr danach im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Chief Joseph und seine Nez Percé (siehe Rasseportrait  Appaloosa) gefragt, ob er eine Gruppe von Scouts anführen wolle, zu einem Gespräch mit General Crook geführt, von indianischen Wachposten festgehalten und vom diensthabenden Offizier ermordet. Die Indianer haben sich offenbar gut selbst reingelegt. Alles ganz schrecklich.

Der finanzielle Mißerfolg hängt vermutlich auch mit dem Schwarzen Freitag zusammen: während der Depression war es nicht gut möglich, ein solches Unternehmen zum Erfolg zu bringen - man konnte nicht genug der teuren Bücher verkaufen. Das ganze Projekt hat damals 1,5 Millionen Dollar gekostet. Einer der ganz reichen Amerikaner, J.P. Morgan, und sein Sohn Jack haben über einen Zeitraum von 10 Jahren mindestens die Hälfte davon beigetragen.

Soweit ich sehe, benutzen die Indianer keine Steigbügel und natürlich auch keinen Sattel. Angeblich soll doch der Steigbügel für den Kampf entscheidend gewesen sein. Die Rüstung der Indianer scheint mir auch nicht gerade optimal zu sein - sie schützt nicht und wird wahrscheinlich sogar ziemlich behindern. Rätselhaft.

Und nochmal: jetzt habe ich einige Biografien der Krieger gelesen, und ich muß sagen, es ist ein Elend. Ich hatte es mir so schlimm nicht vorgestellt, obwohl ich eine Ahnung hatte.

Die suchten nach einem Totem, notfalls mit Fasten und Selbstverstümmelung, und dann ging es ab auf den Kriegspfad, immer kleine Scharmützel, den anderen was abjagen und Ehre einheimsen. Es konnte auch passieren, daß mal einer getötet wurde - aber das war wohl nicht durchgängig Absicht.

Es ging offenbar eher darum, Gewehre und Pferde zu stehlen, genauer: Hengste, und sich damit zu brüsten. Ein ziemlich verqueres System, was mich sehr an die alten Germanen erinnert mit ihren ... jetzt wollte ich doch schreiben: ewigen Jagdgründen - aber das gehört ja in die Neue Welt.

In diesem Licht sehen die alten (und jungen) Indianer gar nicht würdig aus, sondern eher beschränkt.

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